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le déasastre de lisbonne
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Mephistos Testament



Da ich demnächst vor Langeweile sterben werde, habe ich beschlossen, mein Testament zu schreiben.
    Gott hat mich irgendwann geschaffen, als die Menschen der europäisch-kleinasiatischen Welt die göttliche Ambivalenz loswerden wollten. Die einen wollten nichts Dionysisches mehr, Lebensfülle und Mordlust verbunden in einem weiblichen Prinzip, vergleichbar der tanzenden Kali, sondern einen moralischen Gott. Platon und Euripides machten sich zu Fürsprechern des neuen Gottes, der zur Not irgendwann aus der Theatermaschinerie herauskommen musste. Die anderen wollten keinen unberechenbar zürnenden Gott, sondern einen, der sich an Gesetze hielt und schließlich sogar liebevoll sein sollte. Wie dem auch sei, als es nicht mehr ambivalent sein durfte, schuf das göttliche Prinzip mich, den Teufel, durch Abspaltung, man könnte sagen: aus einer göttlichen Rippe.
    Durch irgendeine List der Vernunft kam zusammen mit mir aber auch meine Schwester Theodizee auf die Welt. Denn nun war man gezwungen, auf die Frage zu antworten, wie der Schöpfer zugleich allmächtig und barmherzig sein könne. Darin erwies sich, dass er sich, indem er mich schuf, von den Menschen abhängig gemacht hatte, denn was sie einander antaten, fiel nun auf ihn zurück. Die Theodizee wurde sozusagen abhängig von der Anthropodizee. Und hinterm Rücken der Theologen war die Ambivalenz wieder da, denn wenn Gott allmächtig ist und alles, also auch mich geschaffen hat, kann er nicht nur gut, dann muss er auch böse sein.
    In den folgenden Jahrhunderten hatten wir beide, Gott und ich, ein frohes, wirksames Leben auf Erden. Ich ließ die Menschen all das tun, was sie gerne wollten, aber nicht durften, und Theodizee beschäftigte die Theologen. Sie gab ihnen zum Beispiel die Idee der Willensfreiheit ein, welche die Verantwortung fürs Böse wieder den Menschen aufhalste, allerdings nur scheinbar, denn damit ist nicht gerechtfertigt, dass die Opfer der Bösen leiden müssen, weil diese von ihrer gottgegebenen Willensfreiheit Gebrauch machen. Unterdes lebten die Menschen in der Hoffnung auf eine gerechte und bessere Welt, entweder hienieden oder im Jenseits.
    Freilich nützte die Hoffnung sich nach knapp zweitausend Jahren Verheißung doch so ziemlich ab, vor allem, weil die Menschen immer machtvollere Herren über die Natur wurden und mit ihrer Willensfreiheit immer größeres Unheil anrichten konnten. Da ließen sich viele vom Nichts verführen, diesem asiatischen Fremdling, den die Theologen wie alles Verführerische sogleich mir zusprachen. Jetzt, wo die Menschen fähig und tatsächlich auf dem Wege sind, die ganze Erde zu zerstören, unterschieben mir die Dichter, diese altbekannten Lügner, so manches, was ich als Sprecher des Nichts gesagt haben soll.
    Ziemlich gleichgültig lässt es mich, wenn einer schreibt:

Alle Kunst, so sprach Mephisto, antwortet auf die Erfahrung des Nichts. Entweder will sie es vergessen und verleugnen, oder sie will rächen und vernichten, oder sie ist Klage und zugleich Sehnsucht nach dem ganz Anderen, oder sie bejaht das Nichts, indem sie sich humoristisch darüber erhebt.

Im Grunde wird mir damit unterstellt, ich böte anstelle des Trostes der Religion den Trost der Kunst an. Aber was soll’s? Geärgert hat es mich schon eher, als ein Frechling, Dichter und Alkoholiker, mir unterstellte, ich läse mich mit Klopstocks „Messias“ in den Schlaf. Ich muss mich nicht in den Schlaf lesen, ich gähne eh schon unablässig, wenn ich das langweilige Menschenspiel von Hoffnung und Enttäuschung betrachte.
Am schlimmsten aber war, dass einer, der sich für ironisch hält, mir folgende Rede gegenüber Gott unterlegt hat (dazu noch in Alexandrinern als redete ich wie ein christlicher Dichter des 17. Jahrhunderts):

Ich seh' Dein Werk, gepriesen wird’s in allen Zungen.
Ich muss es sehn, denn anderes, der Engel Reich
zu sehn, ist mir verwehrt. Dies war die Strafe, sagst Du,
weil ich dem Bösen und dem Nichts mich zugesellt.
Wahrhaftig, eine Strafe ist's, Dein Werk zu schauen ....
Ich sei der Geist, der stets verneint, sagst Du, o Herr;
doch sollt' ich nicht verneinen, was ich sehen muss,
Der Menschen Leiden und das Elend ihrer Welt?
Die Schöpfung, sie ist Deines Geistes, nicht des meinen.
Da scheint das Nichts mir doch die weitaus bessere Wahl.

Sieh' nur, was drunten sie Geschichte heißen, ach,
ein langer Zug der Menschen durch die fremde Zeit,
Ein Totentanz zum Klang von Trug und Mord und Folter.
Von Glaube gar und Liebe, Hoffnung angeleitet:
Sie glauben an den Fortschritt oder hoffen doch
auf Frieden und Gerechtigkeit in dieser oder
in einer andren bessren Welt. Und lieben Kinder,
noch nicht gezeugte, nur damit ihr Trauerzug
nicht vor dem Ziel sich ende, nicht vor ihrem Grab,
das sie, indem sie wandern, selber sich bereiten.

Jawohl, ich sage es als letzter Humanist:
Die Menschen dauern mich in ihren Jammertagen,
Du lässt sie leiden, warum sollte ich sie plagen?

Wenn die Menschen das von mir glauben, wie kann ich dann noch nach Herzenslust böse sein? Alles wird Gott zugeschrieben, und ich soll ebenso widersprüchlich sein wie er, zwar böse im Grunde aber irgendwie auch gut und mitleidig. Die fundamentalistischen Evangelikalen, die mit Büchern in Millionenauflagen das Denken der amerikanischen Bevölkerung zu bestimmen sich anschicken, begrüßen das bevorstehende Ende als Erfüllung der Offenbarung Johannis; je schlimmer alles wird, desto besser, sagen sie. Wie soll man da noch die Menschen zu einem Ehebruch oder einem Diebstahl verführen und hie und da zu einem kleinen Mord, wenn sie einen für einen Humanisten halten und das allerschlimmste Gemetzel der Menschheitsgeschichte für Gottes Endkampf? Nein, es macht kein Spaß mehr, Teufel zu sein.
    Darum habe ich beschlossen, mich dem Nichts tatsächlich und wortwörtlich zu verbinden und einfach nicht mehr zu sein. Ich hinterlasse Euch: das Nichts, das Alpha und Omega, aus dem aller Trost erwächst. Mein Grabspruch, in den Wind geschrieben, sei:
     
Rose, oh reiner Widerspruch, Lust
Niemandes Schlaf zu sein unter soviel
Lidern


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Zur Erinnerung hier ein paar Zeilen aus Voltaires Gedicht über das Erdbeben in Lissabon, das 1755 die Stadt verwüstet hatte :
O malheureux mortels! ô terre déplorable!
O de tous les mortels assemblage effroyable!
D'inutiles douleurs éternel entretien !
Philosophes trompés qui criez: « Tout est bien »
Accourez, contemplez ces ruines affreuses
Ces débris, ces lambeaux, ces cendres malheureuses,
Ces femmes, ces enfants l'un sur l'autre entassés,
Sous ces marbres rompus ces membres dispersés ;
Cent mille infortunés que la terre dévore,
Qui, sanglants, déchirés, et palpitants encore,
Enterrés sous leurs toits, terminent sans secours
Dans l'horreur des tourments leurs lamentables jours !
Aux cris demi-formés de leurs voix expirantes,
Au spectacle effrayant de leurs cendres fumantes,
Direz-vous: « C'est l'effet des éternelles lois
Qui d'un Dieu libre et bon nécessitent le choix »?
Direz-vous, en voyant cet amas de victimes :
« Dieu s'est vengé, leur mort est le prix de leurs crimes »?
Quel crime, quelle faute ont commis ces enfants
Sur le sein maternel écrasés et sanglants?

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Vorkehrungen gegen den
                  Weltuntergang

Nicht mehr zu verhindern

Die neulich mit dem Exzellenzpreis der Ministerin für Kultus und Wissenschaften ausgezeichnete Universität Bayroden ließ mitteilen, dass der Weltuntergang definitiv auf den 21. Dezember 2012 terminiert worden sei. Während einer Pressekonferenz in der Villa Dämmerruh präsentierte der Ehrensenator der juristischen Fakultät, Friedel von Etzelberg, das voraussichtliche Szenario des Ereignisses und zeigte das erste, allerdings noch recht unscharfe Foto des Weltuntergangs.


Weltuntergang

Während der Pressekonferenz ließ sich Gott per Videotelefon zuschalten und versicherte, dass er für den Weltuntergang nicht verantwortlich sei. Die anwesende Ministerin erklärte daraufhin, dass dieses Statement sie vollkommen befriedigt habe.

Unruhen in Westafrika

Aus informierten Kreisen der Nato wird berichtet, dass in der Stadt Bokumba eine aufge-
brachte Menschenmenge gegen Anhänger eines obskuren Propheten vorgegangen sei, der gepredigt habe, der Weltuntergang sei auf das Jahr 2015 verlegt worden. Die Auseinandersetzungen hatten mehr als fünfzig Tote und hunderte von Verletzten zur Folge, aber es waren ja nur Ungläubige, sagte der Sprecher.


Rauchverbot

Die Fraktion der Grünen im Bundestag hat einen Gesetzesentwurf eingebracht, demzufolge in allen Regionen des Alls das Rauchen verboten sein soll. "Wir können so effizient dem kommenden Weltuntergang entgegenwirken", sagte die Vorsitzende, "und außerdem schmeckt das Pfeifchen im Weltraum sowieso nicht."


"Haben uns nichts vorzuwerfen"

In einer päpstlichen Encyclica machte der Vatikan die Menschheit insgesamt für den Weltuntergang verantwortlich und betonte, dass er selbst sich nichts vozuwerfen habe: Er habe schon immer vor den sündhaften Ausschweifungen der Jahrhunderte seit der Aufklärung gewarnt; die wenigen Missbrauchsfälle in Einrichtungen der Kirche seien ja nun wirklich nicht der Rede wert, obwohl etwas peinlich.


Übergangsgeld gefordert

Der Ex-Justiz-Senator Dunkel stellte fest, er habe Anspruch auf ein Übergangsgeld in Höhe von 50.000 Euro, da er angesichts des bevorstehenden Weltuntergangs auf sein Amt verzichtet habe, das er zu seiner vollsten Zufriedenheit zwölf Tage lang ausgeübt habe. Die Mehrheit im Abgeordnetenhaus unterstützte seinen Antrag und beschloss zugleich, die Ruhegehaltsregelungen für Mitglieder des Hauses zu verbessern.
Der Regierende Bürgermeister erklärte, dass damit eine schon lange notwendige Maßnahme gegen die grassierende Altersarmut der Abgeordneten getroffen worden sei. Es mache doch wohl keinen Sinn, wenn ein abgewählter Volksvertreter beim Sozialamt anklopfen müsse.



"Habe vorgesorgt"

Der ♥♥♥♥♥♥♥♥♥ ließ von seinen Anwälten mitteilen, dass ein befreundeter Fabrikant die Finanzierung eines besonders stabilen Sicherheitsraums unter Schloss ♥♥♥♥♥♥♥♥♥ übernommen habe. Damit sei erreicht, dass auch nach dem Weltuntergang eine würdige Repräsentation gewährleistet sei. Und in der Tat ist die unterirdische Festung standesgemäß ausgestattet, wobei im ovalen Wohnraum besonders das Tischfußballspiel aus Ebenholz mit Elfenbein-Intarsien auffällt. Und im Vorratsraum stapeln sich viele tausend Marmeladengläser mit feinster Konfitüre, ein Geschenk einer befreundeten und überaus trinkgeldfreudigen Marmeladenfabrik, wie der Sprecher versicherte. Mit einer Vorteilnahme im Amt habe zu das nichts zu tun, es handle sich vielmehr um eine Vorsorge-Maßnahme in Ausübung der übernommenen Verantwortung. Die Regierung beeilte sich zu erklären, dass der ♥♥♥♥♥♥♥♥♥ nach wie vor das vollste Vertrauen genieße, und hob die private Finanzierung des Bauwerks lobend hervor.




Warnung vor Chinesen-Kit

Die Stiftung Warenbest warnt vor dem Weltuntergangs-Spielzeug einer chinesischen Firma. Das Spielzeug enthalte gar keinen Weltuntergang, sondern bloß krebserregende Zusatzstoffe. Außerdem könnten Kinder es in den Mund nehmen, wobei in Einzelfällen gravierende Verhaltensänderungen festgestellt worden seien: Da sprächen Kinder merkwürdige Wahrheiten aus.

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