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Pannen-Pädagogik

 

Ein Deutschlehrer im fernen Troisdorf hatte es bemerkt: Im Abitur 2007 wurde den Schülern des Leistungskurses ein fehlerhafter Text zur Interpretation untergejubelt.

 

Nach einer Zeitungs-Meldung vom 2. April behauptet das Schulministerium, die den Schülern vorgelegte Version des „Barock-Gedichts“ – es handelt sich um das Sonett „Vergänglichkeit der Schönheit“ von Hofmann von Hofmannswaldau – diese Version also, sei von „führenden Germanisten“ empfohlen worden. Das muss ein Aprilscherz sein. Schlagen wir die richtige Fassung nach! In der Anthologie Herrn Hofmannswaldau und anderer Deutschen auserlesener und bißher ungedruckter Gedichte erster theil. Leipzig 1697 (es handelt sich um die Sammlung von Benjamin Neukirch), Seite 47 haben die inkriminierten Verse folgenden Wortlaut:

 

Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen /

   Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band.

 

Bei Albrecht Schöne (Hrsg.), Das Zeitalter des Barock. Texte und Zeugnisse. München 1963, Seite 446 findet sich buchstabengetreu derselbe Text; verständlich, weil auch der Barockforscher Schöne auf die wichtige Ausgabe von Neukirch zurückgeht. Auch Hederer übernimmt in seiner modernisierenden Deutschen Dichtung des Barock (Müchen: Hanser o.J.), Seite 210 die Zeile gleichlautend: „Tilgt endlich Tag und Jahr als ein gemeines Band“. „Gemeinsam Band“, wie es das Schulministerium will, macht auch keinen Sinn, worauf man allein durch genaue Lektüre, ganz ohne Textkritik hätte kommen können. Allenfalls können bei der ministeriellen Vorlage todesmutige Interpreten raten, dass im 17. Jahrhundert die Ehe auf Zeit in Mode gewesen sei, was barer Unsinn ist. Der Dichter stellt vielmehr dar, dass die Zeit das Haar grau werden oder ausfallen lässt, „tilgt“ wie die Farbe eines gewöhnlichen Bandes, welches ein Kleid schmückt. Der Gedanke wird auch in anderen Versen des Sonetts variiert:

 

Der liebliche corall der lippen wird verbleichen ;

    Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand /

 

denn die Pointe („concetto“, für Kenner) besteht gerade darin, dass nur das Herz den Tod überdauert:

 

Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen /

    Dieweil es die natur aus diamant gemacht.

 

Das Gedicht endet mit einer galanten Zweideutigkeit: Hat die angesprochene Dame ein steinernes Herz oder strahlt in ihr die unvergängliche Liebe?

 

Glücklicherweise ist das Hofmannswaldau-Gedicht ein derartiger Schulklassiker, dass jeder es eigentlich kennen müsste und bloß zu wiederholen braucht, was im Unterricht dazu gesagt wurde. Er muss den falschen Text überhaupt nicht lesen. Hatte man damit gerechnet?


Ein Professor der Germanistik, Universität Roskilde, urteilt: „Das Ministerium hat sich ‘gedummt’, wie man auf Dänisch sagt. Wenn ‘führende Germanisten’ die ministerielle Version empfohlen haben, ist dies, falls es keine Notlüge ist, ein Zeichen für den Niedergang der Germanistik.“

 

Inzwischen (4. April 2007) ist es heraus: Es war eine Notlüge. Und ein Druckfehler. Die „führenden Germanisten“ waren ein zerstreuter Setzer und eine inkompetente Aufgabenkommission, die den Unsinn nicht bemerkte, den sie den Abiturienten zumutete. Die Ministerin beeilte sich mit der Versicherung, dass kein Schüler eine schlechtere Note befürchten müsse. Hier irrt die Ministerin: Sie müsste jedem Schüler das Abitur ehrenhalber verleihen, der die Aufgaben aus Düsseldorf einer sorgfältigen Kritik unterzieht, bevor er sie löst (oder der sich mit Gründen weigert, sie zu lösen).

 

Die Textpanne reiht sich ein in eine ganze Reihe von unsinnigen Aufgaben, die den Schülern schon während der Probeklausuren im vorigen Jahr das Leben vergällten:

 

1. Im Fach Englisch wurde den Schülern ein Spiegel-Artikel vorgelegt, der von einem Übersetzungsbüro in Hamburg ins Englische übertragen wurde, also nicht einmal ein authentischer Text.

 

2. Im Fach Französisch wurde von den Schülern verlangt, einen inneren Monolog unter Verwendung des discours indirect libre zu verfassen, was ein Ding der Unmöglichkeit ist, da der innere Monolog in der ersten, der discours indirect libre jedoch in der dritten Person geschrieben wird und beide Formen auch gänzlich unterschiedliche Funktionen haben. Darüber hinaus sollten die Schüler ausgerechnet der Romanperson Sprache verleihen, die angesichts der fremden Umwelt sprachlos geworden ist, im Sinne des Autors sprachlos werden musste -- eine Aufgaben-Absurdität, die einem erst bewusst wird, wenn man es einmal versucht. Es geht nicht.  Nach dieser Katastrophe hat man im Abitur 2007 dann auch lieber ganz auf kreative Aufgaben verzichtet.


Niedergang auch der Romanistik, zumindest bei den Aufgabenstellern.

 

3. In der Deutsch-Klausur über Fontanes Effi Briest wurde eine Aufgabe gestellt, deren Antwort sich in einer Schulausgabe des Textes befand. Wer die hatte, war ein Glückspilz, wer nicht, ein Pechvogel.

 

Dennoch sind diese Pannen nicht das wirklich Kritikwürdige. Ins Schwarze getroffen hat eine Abiturientin im Rückblick auf die Klausur der letzten Märzwoche: „Für die Englisch-Aufgabe habe ich überhaupt kein Vorwissen gebraucht!“ So sieht es auch eine Englisch-Lehrerin: „Ich habe jedenfalls gelernt, dass ich nicht meine Schüler zwei Jahre hätte trimmen müssen; zu jedem Sachthema ein Wikipedia-Artikel hätte mehr als gereicht. Ich habe übrigens zwei relativ anspruchsvolle Foren durchgelesen, und extrem viele Schüler waren – nach der ersten Erleichterung über die Bewältigbarkeit der Aufgaben – deutlich sauer, dass man so wenig konkretes Wissen und Vorbereitung brauchte.“

 

In Wahrheit sitzt die Öffentlichkeit einer treuherzigen Werbekampagne auf. Das Zentralabitur dient keineswegs der Qualitätssicherung, sondern garantiert den Erfolg der Mittelmäßigkeit. Nach den Erfahrungen mit diesem Abitur wird es den Lehrern schwerer denn je fallen, ihre Schüler zu wirklichen Anstrengungen zu motivieren und sie zur Studienreife zu führen: Das Abitur kriegt doch jeder, der nicht ganz dämlich ist.

 

Viel schlimmer ist, dass die Aufgabenstellungen in den sprachlichen Fächern samt den dazu gehörenden Korrekturvorgaben wissenschaftlich unhaltbar sind, ein irreparabler Konstruktionsfehler, noch bevor man bei den einzelnen Aufgaben etwas falsch machen kann. Man frage doch einmal bei Psychologen, Neurologen nach, was Verstehen heißt und wie es funktioniert. Oder werfe einen Blick auf die Wissenschaftsgeschichte der Philologien. Vielleicht hilft aber auch der schlichte Menschenverstand. Er raunt uns zu, dass wir keine Abiturienten brauchen, die erraten können, was ein Beamter sich bei einem Text gedacht hat -- nicht viel, wie das Beispiel zeigt -- sondern junge Menschen, die sich selber Probleme stellen und sie lösen können. Die Vorgaben zwingen den Aufgabenformulierer entweder zur Willkür oder zur Banalität. Im Zweifel wird er die Banalität wählen – das gibt weniger Proteste.


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