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ACAJOU UND ZIRPHILE

Charles Duclos (1704 - 1772)

Für Wolf, zum 60.

 

Geistreich sein ist nicht so viel wert, wie man glaubt; die Liebe ist ein guter Lehrmeister, und die Vorhersehung weiß, was sie tut; das ist die Lehre dieser Erzählung: Es ist gut, den Leser darauf aufmerksam zu machen, bevor er sich vertut. Beschränkte Menschen ahnen nie, was der Autor vorhat, zu Lebhafte übertreiben seine Absichten; und weder die einen noch die anderen mögen längere Reflexionen. Deshalb fang ich gleich an.

Es gab einmal, in einem Land, gelegen zwischen dem Königreich der Acajous und dem von Minutie, eine Rasse von bösartigen Geistern, die den anderen nur Schande eintrugen und der Menschheit Unglück. Der Himmel erhörte die flehentlichen Gebete gegen diese verfluchte Rasse, und so kamen die meisten eines tragischen Tods um, und es blieben nur der Geist Podagrambo und die Fee Harpagine. Aber es schien, als hätten diese beiden die ganze Bösartigkeit ihrer Ahnen geerbt. Beide hatten wenig Geist, denn Geist sein oder Fee, das gibt nur Macht, und Bosheit findet sich noch eher bei der Dummheit als beim Verstand. Podagrambo, obwohl von hohem Adel, ein hoher und mächtiger Herr, war zugleich ein Trottel; Harpagine galt für geistreicher, weil sie boshafter war. Diese beiden Eigenschaften verwechselt man ja noch heute. Das beweist, daß sie wenig Verstand hatte, daß sie ein Langweiler war, obwohl hinterhältig. Was den Geist betrifft, so war er bösartig genug, um nur das Böse herbeizuwünschen, und dämlich genug, das Gute geschehen zu lassen, ohne es zu bemerken. Er war so groß wie ein Riese und dementsprechend ein Trampel. Harpagine war noch scheußlicher, groß, vertrocknet, schwarz; ihre Haare glichen Schlangen, und wenn sie sich verwandelte, dann gewöhnlich in Spinnen, Fledermäuse oder Insekten. Die beiden Monster waren trotzdem überaus eitel. Harpagine war stolz auf ihre Schönheit, Podagrambo auf sein Glück. Sie besaßen ein verschwiegenes Häuslein, wo man Silber aus China sah, lackierte Möbel aus Martin, Sofas und Kissen; dort gingen sie hin, um sich miteinander zu langweilen, und endlich drohten sie gar zu heiraten, um ihren Namen für die Ewigkeit zu erhalten. Die Nachkommenitis ist der gemeinsame Tic der Großen; sie lieben ihre Nachkommen und kümmern sich nicht um ihre Kinder.

Das Vorhaben des Geists und der Fee wurde als Kriegserklärung betrachtet. Der Großrat des Feenreiches hielt die Sache für bedeutend genug, um eine Generalversammlung einzuberufen. Die Sache wurde verkündet, hin- und hergewendet, diskutiert; man redete, beratschlagte und kam nichtsdestoweniger zu einem Beschluß. Man entschied, daß Podagrambo und Harpagine einander niemals heiraten dürften, es sei denn, sie würden geliebt. Diese Anordnung schien beide zur Ehelosigkeit zu verdammen: sie müßten liebenswürdig werden oder ihren Charakter ändern; und das war alles, was man wünschte. Beide, im Liebeswahn, begaben sich umgehend auf die Suche nach Familien, die sie mit ihrer Wahl beglücken könnten; aber es genügte nicht, eine Partie zu machen, sie mußten geliebt werden, und sie verstanden bald, daß sie es nicht ohne große List fertigbringen würden. So blind die Selbstliebe auch ist, wenn das Interesse im Spiel ist, kennt man auch seine Schwächen. Harpagine, einfallsreicher als der Geist, hielt ihm den folgenden Vortrag:

"Meine Absicht ist, so junge Kinder zu nehmen, daß sie noch keine Vorstellungen haben. Wir werden sie selbst erziehen, sie werden nie jemand anderen sehen als uns; wir werden ihr Herz nach unserem Willen formen. Was man als Kind gelernt hat, ist unauslöschlich. Mein Entschluß ist gefaßt, fügte sie hinzu, der König der Acajous hat einen einzigen Sohn von ungefähr zwei Jahren. Ich werde ihn auffordern, ihn mir zur Erziehung zu überlassen; er wird es nicht wagen, mir die Bitte abzuschlagen, da er meine Rache fürchtet. Man tut schließlich mehr für die, die man fürchtet, als für die, die man schätzt. Ich werde für Euch dasselbe tun bei der ersten Prinzessin, die geboren wird.

Podagrambo stimmte einem so klugen Plan zu, die Fee bestieg ihren großen schnurbärtigen Drachen, gelangte zum König der Acajous, trug ihre Bitte vor, die der Fürst nicht abzulehnen wagte. Harpagine war entzückt, den kleinen Prinz Acajou in ihrer Hand zu wissen, reiste ab und dachte an nichts anderes als an die Ausführung ihres Plans. Mit der Bewegung ihres Zauberstabs schuf sie für ihn einen verzauberten Palast, und ich bitte den Leser, ihn sich nach seinem Geschmack vorzustellen, denn ich will ihn nicht langweilen; aber was ich ihm sagen muß, denn er braucht es nicht zu raten, ist, daß Harpagine einen Talisman mit dem Garten verband, den sie für die Spaziergänge des kleinen Prinzen bestimmt hatte; der Zauber hinderte daran, den Garten zu verlassen, es sei denn, der Prinz habe sich verliebt. Da sie die einzige Frau war, die er zu Gesicht bekam, zweifelte sie nicht, daß ihr Geschlecht an die Stelle der Schönheit treten werde und daß die Triebe des jungen Menschen die Liebe im Herzen Acajous entflammen ließen.

Ein Zufall, den Harpagine nicht hatte vorhersehen können, lief ihrer Absicht zuwider und zwang sie, ihren Plan zu ändern. Acajou hatte bei der Geburt die Gabe der Schönheit empfangen und sollte der am besten aussehende Prinz seiner Zeit werden; das schmeichelte wunderbar den Hoffnungen der Fee, die im übrigen wußte, daß die ersten Liebesbezeugungen der liebenswürdigsten jungen Leute rechtmäßig einer Alten zustehen. Aber, was sie besorgt machte, war zu erfahren, daß der Knabe auch noch mit allen Geistesgaben beschenkt worden war. Auf der Stelle beschloß sie, durch Kunst zu korrigieren, was die Natur ihm verliehen hatte, und den Geist zu verderben, den sie ihm nicht wegnehmen konnte. Sie betrat das Laboratorium, in dem sie ihre Drogen anfertigte. Die wirkungsvollsten Sprüche, die mächtigsten Zauber wurden benützt, und sie schuf zwei Bonbons aus magischem Zucker; in dem einen waren Pastillen, deren Kraft den Geschmack verdarb und den Geist verwirrte; das andere enthielt Dragees, die Eitelkeit und Halsstarrigkeit erzeugten. Wer davon aß, urteilte stets falsch und dachte verquer, behielt jedoch seine Meinung starr bei und wurde gänzlich zum Gelächter, so daß die bösartige Fee alle Hoffnung hatte, daß der Prinz, wenn er davon äße, für sie eine umso stärkere Leidenschaft empfinden würde, je lächerlicher sie wäre. Sofort reichte sie dem Kind die Bonbons. Aber da sie es durch Zärtlichkeiten verlocken und ein lachendes Gesicht zeigen wollte, brachte sie eine so scheußliche Grimasse hervor, daß das Kind Angst bekam und ihr die Bonbons ins Gesicht warf. Ein vernünftiger Mann wäre leichter zu verführen gewesen, aber die aufgeklärte Natur verleiht den Wesen, die sie noch nicht mit Vernunft begabt hat, einen sicheren Instinkt, der sie vor Schaden bewahrt. Die Eitelkeit-Dragees waren die, welche die Fee am wenigsten bedauerte; sie zweifelte nicht daran, daß die hohe Geburt Acajous ihm noch genug davon anschaffen werde; aber sie konnte ihn nicht bewegen, von nur einem der Bonbons zu kosten. Sie gab sie einem Reisenden und versichterte, es handele sich um eine seltene Köstlichkeit, die auch noch die Kraft habe, sich zu vermehren. Der Empfänger brachte sie nach Europa, wo sie einen brillianten Erfolg hatten. Es waren die ersten Dragees, die man dort sah. Alle Welt wollte sie haben, man schickte sie sich als Geschenk, jeder trug sie bei sich in kleinen Schächtelchen; man bot sie galanterweise an, und dieser Brauch hat sich bis heute erhalten. Die Nachahmerprodukte haben nicht alle mehr die gleichen Wirkungen, aber die ursprünglichen haben sich nicht ganz verloren. Inzwischen dachte sich Harpagine für den Prinzen eine so miserable Erziehung aus, daß diese alle Dragees der Welt übertreffen würde.

Da erfuhr man aus erster Hand, daß die Königin von Minutie in den Wehen lag und daß alle Feen einbestellt waren, bei der Niederkunft zu assistieren; Harpagine fuhr hin wie die Kolleginnen auch. Die Königin brachte ein Mädchen zur Welt, das, wie zu vermuten ist, ein Wunder an Schönheit war; es wurde Zirphile genannt. Harpagine hatte vor, die Königin zu bitten, ihr die Erziehung des Mädchens anzuvertrauen, aber die Fee Ninette hatte das schon vorhergesehen und wurde mit der Erziehung beauftragt. Ninette war die erklärte Schutzpatronin des Königreichs. Sie war nicht mehr als zweieinhalb Fuß groß, aber ihr kleines Gesicht vereinte alle Grazien und Annehmlichkeiten, die man sich vorstellen konnte. Man konnte ihr nur eine große Lebhaftigkeit vorwerfen, es schien, als sei ihr Geist in dem zu kleinen Körper eingezwängt. Immer mit Plänen beschäftigt, immer in Bewegung, ließ ihr Denken sie über das Ziel hinausschießen und hinderte sie daran, die wichtigen Dinge genauer wahrzunehmen als die, welche es nicht gefangen nahmen. Ihr scharfer Blick und ihre lebhaften Bewegungen waren Abbild ihres Geistes. Um dem Übermaß an Lebendigkeit abzuhelfen, die Dummköpfe nachzuahmen bemüht sind und Leichtsinn nennen, wenn ihnen die Nachahmung mißlingt, hatte der Rat der Feen Ninette eine verzauberte Brille und eine magische Krücke zum Geschenk gemacht. Die Kraft der Brille bestand darin, daß sie die Sicht schwächte und wegen der Einheit von Körper und Geist dessen Lebhaftigkeit herabsetzte. Das ist die ursprüngliche Bestimmung dieser Brille, man hat sie später zu ganz anderen Zwecken benützt. So wird eben alles mißbraucht. Wie sehr Brillen dem Verstand schaden, geht daraus hervor, daß mißtrauische Alte von jungen und unerfahrenen Liebenden alle Tage hintergangen werden, was man allerdings nicht nur der Brille zuschreiben kann. Was die Krücke betrifft, so diente sie dazu, den Gang sicherer zu machen, indem sie ihn verlangsamte. Ninette bediente sich des Geschenks der Feen nur, wenn es um ganz delikate Angelegenheiten ging. Sonst war sie das liebenswürdigste Geschöpf der Welt, ihre offene Seele, ihr zärtliches Herz und ihr behender Verstand machten sie zu einer anbetungswürdigen Frau.

Die Feen, die der Geburt der Prinzessin beiwohnten, dachten nun daran, sie zu beschenken, und, gemäß dem Brauch und auch als wahre Frauen begannen sie mit der Schönheit, der Anziehung, allen verführerischen Äußerlichkeiten, als Harpagine, deren Bosheit gewiefter war als das Wohlwollen der anderen, zwischen den Zähnen murmelte: "Ja, ihr müht euch vergeblich, ihr werdet aus ihr nur einen schönen Trottel machen, dafür stehe ich, denn ich begabe sie mit ausgefeilter Dummheit. Sagt’s und fährt ab.

Es dauerte nicht lange, bis die Feen ihre Nachlässigkeit bemerkten, aber Ninette, die ihre Brille aufgesetzt hatte, versprach, durch Erziehung das auszugleichen, was dem Geist fehlte. Die anderen Feen fügten eine Gabe hinzu, um wenigstens teilweise das Übel zu beheben, das sie nicht verhindern konnten: Die Dummheit der Prinzessin würde in dem Augenblick enden, in dem sie zum ersten Mal Liebe empfände. Eine Frau, die nur dieses Mittel braucht, ist nicht gänzlich hilflos. Ninette nahm Zirphile in die Arme, brachte sie in ihren Palast, trotz aller Fallen, welche die böse Harpagine gestellt hatte. Andererseits beschäftigte Harpagine sich nur mehr damit, ihrem Zögling die schlechtest denkbare Erziehung zu geben, um den Geist durch Unkultur zu ersticken. Da sie hoffte, daß die Dummheit ohnedies alle Bemühungen um Zirphile zunichte machen würde, gab sie den Lehrern des Prinzen den Auftrag, nur von Gespenstern, von Untoten, vom bösen großen Wolf zu reden und ihm Märchen vorzulesen, damit sein Kopf mit lauter Unsinn erfüllt werde. Heutztage hat man aus Gewohnheit beibehalten, was die Fee aus Bosheit erdacht hatte. Als der Prinz schon etwas älter war, bestellte sie Hauslehrer von überall her. Weil sie aber bei der Bösartigkeit nicht der Mittelmäßigkeit huldigte, änderte sie deren Fächer. Sie ließ einen berühmten Philosophen kommen, den Descartes oder Newton seiner Zeit, um dem Prinzen zu zeigen, wie man reitet und mit der Waffe umgeht. Einen Musiker, einen Tanzmeister und einen lyrischen Dichter beauftragte sie, dem Prinzen die Logik beizubringen; und auch die anderen wurden diesem Plan gemäß eingeteilt. Und sie machten auch keine Schwierigkeiten, denn alle waren besonders stolz auf das, was sie nicht konnten. Es gibt Leute, von denen man annehmen muß, daß man bei ihrer Erziehung dieselben Maßnahmen getroffen hat. Bei soviel Umsicht zweifelte Harpagine nicht am Erfolg ihres Plans. Jedoch, trotz der Lehren aller seiner Meister, glänzte Acajou bei allen Übungen. Zwar lernte er nichts Nützliches, das ist wahr, aber die Irrtümer beeinflußten seinen Verstand nicht. Ein glücklicher Umstand, denn nach der guten Lehre ist das Lehrreichste die lächerliche, und die er von seinen Lehrern bekam, warnte ihn vor allen Voreingenommenheiten. Er wurde schön wie der Liebesgott, er war wie gemalt, alle seine Vorzüge entwickelten sich. Harpagine bildete sich ein, das wachse für sie heran; lassen wir ihr den Irrtum und sehen, was geschah.

Während Harpagine mit Gewalt daran arbeitete, aus Acajou einen Esel zu machen, verlor Ninette ihren Verstand bei dem Versuch, Zirphile welchen zu geben. Der Hof der kleinen Prinzessin versammelte alle liebenswürdigen Menschen des Königreichs von Minutie. An den Audienztagen war nichts so brilliant wie die Konversation dortselbst. Es waren keine Gespräche, in denen nur der gemeine Verstand waltet, es war ein Sturzbach von idiotischen Einfällen. Alle stellten Fragen, niemand antwortete darauf, und man verstand sich wunderbar oder man verstand sich nicht, was für geistreichelnde Köpfe dasselbe ist. Die Übertreibung war modisch, ohne lebhafte Empfindung, ohne mit Wichtigem beschäftigt zu sein, tat man doch ungeheuer bedeutend. Man war erbost über einen Wetterumschlag, ein Band oder Pompom war das einzige auf der Welt, das man liebte, zwischen den Nuancen einer Farbe gab es eine Welt von Unterschieden. Es gab nichts, von dem man nicht begeistert oder niedergeschmettert gewesen wäre. Schließlich waren alle die starken Bezeichnungen nichtiger Sachen erschöpft, so daß, wollte man wirklich ein heftiges Empfinden ausdrücken, man zum Schweigen verurteilt war, was zu dem Sprichwort führte: die großen Leidenschaften sind stumm. Ninette zweifelte nicht daran, daß die Erziehung, die Zirphile an ihrem Hof genoß, endlich über ihre Dummheit triumphieren werde; aber der Zauber war doch mächtig. Zirphile wurde täglich schöner und dümmer. Sie träumte, statt zu denken, und öffnete ihren Mund nur, um Unsinn zu sagen. Obwohl die Männer nicht sehr anspruchsvoll bei den Gedanken einer schönen Frau sind und stets finden, daß sie wie ein Engel redet, hier konnte man eine nur wegen ihrer Schönheit preisen, und das arme Kind nahm ihre Lobeshymnen dankbar entgegen und antwortete, daß man ihr viel Ehre erweise. Das war es freilich nicht, was sie wollten; sie lachten über ihre Naivität und versuchten, ihre Unschuld zu verführen. Man muß das Laster ein wenig kennen, um seinen Fallen zu ahnen. Zirphile aber war die Treuherzigkeit selbst, und die Treuherzigkeit ist keineswegs der Wächter der Tugend. Ninette wachte jedoch aufmerksam auf ihre liebe Schülerin. Sie brachte sie bei ihren Ehrenjungfrauen unter, bei denen es häufig freie Plätze gab. Die meisten nämlich verabschiedeten sich vor der Zeit, und am ganzen Hof gab es keine Truppe, die schwerer zu besetzen war. Zirphile wurde von dem Beispiel nicht verdorben, und vergeblich mühten sich die Höflinge um sie: die zu große Anstrengung, liebenswürdig zu scheinen, hindert häufig daran, es zu sein. Zirphile war wenig beeindruckt von ihren Komplimenten, ihre Rede erschien ihr fad und eitel. Übrigens werden die Männer von ihren Sinnen beherrscht, bevor ihr Herz spricht; die meisten Frauen jedoch wollen lieben und werden durch das Vergnügen selten verführt, wenn sie kein schlechtes Beispiel haben. Wie es auch sei, Zirphile erlitt keinen Unfall, weil Ninette zur größeren Sicherheit ihrer Ehre keinen Mann, und der Unschuld halber keine Frau mit zweifelhaftem Ruf an sie heranließ.

Während sie so am Hof der Ninette lebte, langweilte Acajou sich bei Harpagine. Er war bereits in seinem fünfzehnten Jahr; und sein Verstand sagte ihm nur, daß er für das Leben in dieser Umgebung nicht gemacht sei. Er begann, die keimenden Wünsche der Natur zu empfinden, die, wenn sie kein Ziel haben, überall eines suchen; er bemerkte, daß er ein Herz hatte, für das die Sinne nur Dolmetsch sind. Er litt unter jener Melancholie, die man unter die Vergnügungen einreihen könnte, wenn sie nicht stärkere begehrte. Er seufzte nach einem Wesen, das diese Verwirrung löste, und suchte doch die Einsamkeit. In die entferntesten Ecken des Parks zog er sich zurück und machte dort, indem er seine Gedanken zu ordnen suchte, manchmal ein ziemlich dummes Gesicht. Harpagine, die Acajous Weh kannte, schmeichelte sich, bald das Heilmittel dafür zu sein; aber mit Sorge nahm sie wahr, daß alle Zärtlichkeiten, die sie für ihn hatte, ihn nur widerwillig und unmutig machten. Angebotene Zärtlichkeiten haben selten Erfolg, und es ist noch seltener, daß man sie anbietet, wenn es sich lohnt, danach zu streben. Harpagine war verzweifelt. Der Rat der Feen hatte beschlossen, daß der Prinz nur bis zu seinem siebzehnten Jahr in ihrer Hand bleiben solle, danach hätte sie keine Macht mehr über ihn. Der König von Acajou und der von Minutie warteten ungeduldig auf diesen glücklichen Augenblick, um ihre Staaten durch die Heirat der Kinder zu vereinigen.

Der Geist hatte kaum von diesem Vorhaben erfahren, da er auch schon schwor, daß dies nie geschehen werde. Er ließ sich eine wunderbare Kutsche bauen und begab sich an den Hof der Ninette. Er wurde dort mit dem Respekt empfangen, den man für die Großen bereithält und der nicht dazu verpflichtet, sie zu schätzen. Um keine Zeit mit überflüssigen Komplimenten zu verlieren, erklärte er Zirphile zuerst seine Gefühle, das heißt, die Wünsche, die sie in ihm weckte. Die kleine Prinzessin, die nicht gelernt hatte, sich zu verstellen, hielt ihn nicht lange hin, sondern erklärte ihm ganz naiv den ganzen Widerwillen, den er ihr einflößte. Er war darob sehr erstaunt, aber anstatt aufzugeben, unternahm er es, ihr Herz zu rühren, um ihre Hand zu erhalten. Er quälte sich sehr, Mittel zu finden, um ihr zu gefallen; aber je mehr man sucht, desto weniger findet man sie. Er wollte die Lieblinge des Hofes nachahmen; aber alles, was sie lächerlich machte, ließ ihn nur noch häßlicher aussehen. Es gibt Arten von Lächerlichkeit, die nicht zu jedem Gesicht passen, es gibt sogar welche, die mit Charme zusammengehen. Aber Podagrambo glänzte nicht damit, ja mehr er den Geck spielen wollte, desto mehr bewies er, daß er nur ein Einfaltspinsel war. Nun gut, ich mag keine langen Geschichten, nachdem er den Hof sehr mit seinen Dummheiten gelangweilt hatte und Zirphile mit seiner Geistlosigkeit ermüdet, war er nicht weiter als am ersten Tag. Man fand, er sei der platteste Mensch, den man je gesehen; das war die Meinung in Gemächern und Höflingswohnungen. Podagrambo ahnte, daß er das Gespött des ganzen Hofes war, nicht aus Klugheit, sondern weil es ein gewöhnlicher Tic von Dummköpfen ist, von sich selbst viel zu halten, aber zu glauben, daß die anderen schlecht über einen reden. In seiner Wut fuhr er nach Hause zurück, um auf eine glänzende Rache zu sinnen und mit Harpagine darüber nachzudenken, wie man die Prinzessin entführen könne.

Ninette, welche die möglichen Unternehmungen gegen ihre liebe Zirphile vorhergesehen hatte, gab ihr einen Schal, dessen Zauber darin bestand, daß der Träger vor keiner Gewalthandlung Angst zu haben brauchte. Inzwischen wurde der unschuldige Acajou die Melancholie nicht los, in die er gefallen, und Zirphile wurde von dem gleichen Übel heimgesucht. Sie gingen häufig allein spazieren, und als der Zufall sie, jeden auf seiner Seite, in die Nähe der Palisade führte, welche die Gärten der Ninette und der Harpagine trennte, (ich habe doch gesagt oder ich hätte sagen sollen, daß sie Nachbarinnen waren), da fühlten sie sich von einer unbekannten Kraft angezogen und von einem geheimen Zauber gebannt. Jeder dachte für sich nach über das Vergnügen, das dieser Ort verursachte, der vernachlässigste im Park; und sie kamen jeden Tag wieder, ja selbst die Nacht konnte sie kaum von dort entfernen.

Eines Tages, da der Prinz an der Palisade in Träumereien versunken war, entfuhr ihm ein Seufzer: die Prinzessin auf der anderen Seite vernahm ihn und war bewegt; sie wurde ganz aufmerksam und lauschte. Acajou seufzt wieder. Zirphile, die noch nie irgendetwas von dem verstanden hatte, was man ihr sagte, vernahm diesen Seufzer mit bewunderungswürdigem Verständnis und antwortete sogleich mit ebenso einem Seufzer. Die beiden Liebenden, denn das waren sie auf der Stelle, verstanden sich gegenseitig. Die Sprache der Liebe ist gernzenlos, man braucht nur Empfindsamkeit, um sie zu deuten und um sie zu sprechen. Die Liebe trug augenblicklich einen Funken in ihre Herzen und einen Lichtstrahl in ihren Verstand. Die jungen Verliebten hatten einander gehört; jetzt wollten sie einander sehen, um sich noch besser zu verstehen. Neugier ist die Frucht erster Kenntnis. Sie wagen sich weiter, sie suchen sich, sie ziehen die Zweige auseinander, sie erblicken sich. Welch ein Entzücken! Man müßte so jung sein wie sie, die Lebhaftigkeit ihres Begehrens, die Verwirrung der Gedanken, das Feuer ihrer Sinne haben, vielleicht gar ihre Unwissenheit, um ihre Lage zu begreifen. Einen Augenblick lang bleiben sie unbeweglich stehen, ein Zittern ergreift sie wegen des neuartigen Entzückens ihrer Sinne. Sie berühren sich schweigend, sie stoßen unartikulierte Laute aus. Bald sprechen sie lebhaft, fragen nach tausend Dingen, antworten nichts Gescheites, aber sie sind zufrieden mit dem Gesagten, alle Zweifel sind beseitigt. Wenigstens verstehen sie, daß sie einander begehrten, ohne sich zu kennen, daß sie gefunden hatten, was sie suchten, daß sie einander genug sind.

Acajou, der nie eine andere Frau als Harpagine gesehen hatte, fand sich in eine neue Welt versetzt; Zirphile, die sich um die Männer am Hofe nie gekümmert hatte, glaubte, ein neues Wesen zu sehen. Acajou küßte die Hand Zirphiles. Das liebe Mädchen dachte nicht, daß sie ihm eine Gunst bewährte, noch weniger daran, etwas Falsches zu tun, und überließ sie ihm. Acajou, der die besten Absichten hatte und sich nicht vorstellen konnte, seine Zärtlichkeiten könnten jemanden verletzen, verdoppelte die seinen, und Zirphile erwiderte sie ganz naiv. Da sie nichts vom Laster wußte, kannte sie auch keine Scham. Sie setzen sich ins Gras und küssen sich. Sie halten sich eng umschlungen. Zirphile läßt sich streicheln, umarmt ihn. Acajou führt die Hand zu dem schwellenden Busen seiner geliebten Zirphile, er drückt ihren Mund auf den ihren; ihre Seele schwingt auf ihren Lippen, die verschmelzen, die in göttliche Trunkenheit tauchen, in Wonne ertrinken, von Strömen der Lust fortgeschwemmt werden; ihre Begierde entflammt, sie verstehen nicht, warum sie so glücklich sind und warum sie noch mehr wünschen. Sie erfreuten sich an dem, was sie sahen, und wußten nicht, daß noch verborgene Herrlichkeiten gibt, die für die letzten Wonnen bestimmt sind. Es scheint jedoch, als hätten sie diese erste Lektion recht gut genützt.

Die liebenswerten Kinder waren so trunken von ihrer Seligkeit, daß sie die ganze Natur vergaßen und nicht daran dachten, auseinander zu gehen. Aber da sie nun ungewöhnlich lange ausblieben, gingen Harpagine und Ninette sie suchen und riefen nach ihnen, jede auf ihrer Seite. Unsere Liebenden waren erschreckt durch die Stimmen und fürchteten, daß man ihr Zusammensein stören werde, wenn man davon erführe. Liebe ist zutraulich in ihren Wünschen und schüchtern im Vergnügen. Zirphiles Bild, in Acajous Herzen eingegraben, ließ Harpagine umso scheußlicher erscheinen. Und was Zirphile betrifft, so mußte sie wohl das Vergnügen, Acajou zu sehen, etwas unterbrechen, aber das gehabte verlieh ihrer Schönheit neuen Glanz und breitete Befriedigung über ihr ganzes Gesicht. Das Vergnügen macht schön, die Liebe erleuchtet.

Nichts glich der Verblüffung, den Zirphiles plötzlicher Verstand beim ganzen Hof hervorrief. An diesem Abend war großer Empfang bei Ninette, und einige wollten schlechte Scherze machen, wie sie bei Mittelmäßigen beliebt sind, die glauben, anderen, die ein wenig dümmer sind, überlegen zu sein. Die arme Zirphile war häufig das Opfer gewesen; an diesem Abend antwortete sie so gescheit, so fein, so wenig verletzend, daß die Spötterinnen (denn es handelte sich um Frauen, versteht sich) über die treffenden Bemerkungen erstaunt waren und gedemütigt von Zirphiles Freundlichkeit. Die Männer waren entzückt und klatschten, wovon Ninette zu Tränen gerührt war; die Frauen erröteten vor Verdruß. Bislang hatten sie große Mühe gehabt, Zirphile ihre Schönheit um ihrer Dummheit willen zu verzeihen; aber jetzt war es nicht mehr zum Aushalten, man konnte nur noch bösartig werden. Durch diese Eigenschaft wird man hassenswert, aber auch respektabel; jedoch die kleine Prinzessin war zu wohl geboren, um sich dieses Mittels zu bedienen.

Inzwischen hatten unsere jungen Liebenden die erste Lektion in Sachen Liebe zu angenehm gefunden, als daß sie nicht schleunigst in die Schule zurückgekehrt wären. Welch ein Glück, sich durch Vergnügen zu bilden!

Liebende treffen wie Diebe zuerst überflüssige Vorsichtsmaßnahmen, nach und nach vernachlässigen sie sie, vergessen die notwendigen und werden erwischt. Genau dies geschah unseren kleinen Leichtsinnigen; und es war der Geist, der sie überraschte. Dummköpfe leben von den Fehlern der Klugen. Er bemerkte eines Abends, wie die jungen Verliebten sich versteckten, und erglühte vor Zorn. Da er jedoch die Lebensregel hatte, nichts zu tun, ohne vorher um Rat zu fragen, obwohl er anschließend machte, was ihm so einfiel, beschloß er, Harpagine zu konsultieren. Die böse Fee geriet in äußerste Wut, als sie die Neuigkeit vernahm. Der Geist meinte, es gebe kein anderes Mittel der Rache als die Prinzessin zu entführen. Obwohl die Fee genauso erzürnt war wie er, wünschte sie ihre Rivalin eher weit weg, als sie an einem Ort mit ihrem geliebten Prinzen zu wissen. Sie verbarg also ihre Sorge und erwiderte, daß er sich schon selber um dieses Unternehmen kümmern müsse, und beredete sich, daß er ohnehin nicht genug Verstand für einen Erfolg habe.

Am frühen Morgen versteckte Podagrambo sich hinter einem Baum in der Nähe der Palisade, wo unsere Verliebten einander trafen. Die Lehrer Acajous hatten die Anweisung, ihren Unterricht zu verlängern, damit der Prinz nicht vor seinem Mädchen eintreffe. Acajou, gewöhnlich von geduldigem Charakter, zeigte zum ersten Mal Laune. Gleichmut geht mit Leidenschaft nicht zusammen. Während er also ungeduldig wartete, daß die Lektion ein Ende nähme, kam die zarte Zirphile zu der Palisade. Sie war beunruhigt, ihren Geliebten nicht zu sehen, da er doch die Gewohnheit hatte, vor ihr da zu sein. Sie sieht nach allen Seiten, wagt es endlich, Harpagines Park zu betreten, und kommt in die Nähe des Geists. Bei seinem Anblick wurde sie von Furcht ergriffen, sie wollte fliehen, aber sie war dabei so unvorsichtig, daß ihr Schal an einem Ast hängen blieb. In dem Augenblick ergriff der Geist sie bei ihrem Kleid: "Ha!, sagte er, schöner Unschuldsengel, Ihr sucht hier also einen Knaben und seinetwegen verachtet Ihr mich?

Die arme Zirphile, die das Opfer ihres Schreckens geworden war, der sie den Schal hatte verlieren lassen, griff zum Mittel der Verstellung. Bevor sie sich verliebt hatte, wäre sie nicht so geschickt gewesen. Ein erstes Abenteuer, das einen jungen Mann eitel macht, nötigt Frauen die Falschheit auf: Man hat ein Geschlecht gezwungen, darüber zu erröten, worauf das andere stolz ist. Obwohl Zirphile die Aufrichtigkeit selbst war, wagte sie es, den Geist zu täuschen.

"Ich bin erstaunt, sagte sie, daß Ihr der Liebe zuschreibet, was nur Neugierde ist. Aus Neugier bin ich hergekommen und bin sehr erstaunt, daß Ihr Gewalt anwendet, wo Ihr doch soviel von Eurer Geburt und mehr noch von Eurer Liebe erwarten könnt.

Der Geist besänftigte sich etwas bei dieser schmeichelnden Rede; aber obwohl die Prinzessin ihm riet, alles von seinen Verdiensten abhängig zu machen, und obwohl er fest von ihnen überzeugt war, wollte er sie doch nicht loslassen. "Wenn Euer Herz, sagte er, so sehr für mich empfindet, werdet Ihr keine Schwierigkeiten machen, in meinen Palast mitzukommen. All die Zärtlichkeiten eines vulgären Liebhabers sind doch bloß frivole Formalitäten, welche das Vergnügen aufschieben, ohne es lebhafter zu machen.

"Gut, antwortete Zirphile, ich bin bereit, Euch zu folgen. Und um Euch meinen guten Willen zu beweisen, gebt mir doch den Schal zurück, damit hier kein Zeuge meiner Flucht und Eurer Gewalttätigkeit bleibt.

Der Geist sonnte sich in Wonne und Bewunderung für die Geistesgegenwart Zirphiles. "Oh! Diesmal muß ich gestehen, daß die Liebe Frauen geistreich macht, denn das wäre mir nie eingefallen und ich wäre wie ein Esel fortgegangen.

Sofort löste er den Schal von dem Ast und gab ihn der Prinzessin, indem er ihre Hand küßte. Aber sie, da sie nichts mehr zu befürchten hatte, stieß ihn zurück. "Verschwinde, Schändlicher, rief sie, oder fürchte den Zorn der Feen! Dieser Schal ist für mich Beweis ihres Schutzes. Sagt’s und entfernt sich. Den Geist ließ sie bestürzt zurück und angehalten von einer Kraft, vor der er, wie er wußte, zurückweichen mußte. Er brauchte nur noch mehr Zirphiles Klugheit bewundern, als er es schon getan hatte.

Diese Überlegung war zweifellos nicht die einzige, die ihm durch den Kopf ging. Eine Zeitlang blieb er unschlüssig, dann kehrte er um, suchte Harpagine auf und erzählte ihr, an welchem Zauber seine Macht zuschanden geworden war. Wenn die Fee mit Ärger von der Zauberkraft des Schals erfuhr, dann war sie doch ein wenig getröstet durch den Misserfolg des Geists. Sie verbarg ihm jedoch, daß sie ganz andere Absichten hatte, und da die Tröster nie beredsamer sind, als wenn sie nicht betroffen sind, gelang es ihr, ihn zu beruhigen, indem sie versprach, den Zauber des Schals zu zerstören und ihn zum Herrn über die Prinzessin zu machen.

Die Fee wußte nicht, welches Unglück ihr selber drohte. Während sie noch mit dem Geist beratschlagte, auf welche Weise sie ihre Macht wiederherstellen könnten, lief Acajou zu der Palisade. Nachdem er einige Zeit auf Zirphile gewartet hatte, trieb ihn die Ungeduld dazu, Ninettes Park zu betreten, und, schwankend zwischen Furcht und Sehnsucht, gelangte er unmerklich bis zum Palast. Die Neuigkeit von seiner Ankunft verbreitete sich sofort. Ninette kam ihm entgegen, gefolgt von ihrem Hofstaat. Acajou näherte sich respektvoll der kleine Fee und küßte den Saum ihres Kleides. Augenblicklich erblickten sich die Liebenden, liefen aufeinander zu, und die Gegenwart des Hofs hinderte sie nicht, einander die lebhaftesten Bezeugungen der Freude zu geben, die sie beim Wiedersehen empfanden. Zirphile erzählte offen von der Gefahr, in die sie geraten, der Prinz war ihr dadurch noch teurer geworden. Je mehr Frauen wagen, desto mehr sind sie bereit, noch zu opfern. Ninette, die von Natur wohlwollend war, hielt sich nicht lange mit der Untersuchung auf, ob an dem Verhalten der jungen Liebenden etwas Ungehöriges sei; es genügte ihr, daß das Schicksal alles zum Guten gewendet hatte.

Kaum hatte Harpagine von der Flucht Acajous erfahren, geriet sie in schreckliche Wut. Sie kam, um ihn zurückzuverlangen, aber glücklicherweise war er gerade an diesem Tag siebzehn Jahre alt geworden, und der Spruch der Feen befreite ihn aus Harpagines Macht. Sie wurde darob so zornig, daß sie ihre Liebe zu ihm einbüßte; ohnedies war die nur ein fremdes Gefühl in ihrem Herzen. Sie schmiedete nur noch Rachepläne und wollte die Neid-Fee dazu bewegen, sich mit ihr zu verbünden. Die Festlichkeiten, die Acajous Ankunft auslöste, erlaubten freilich nicht, sich mit Harpagines Ärger zu beschäftigen. Diejenigen, die mit Zirphile zu flirten versucht hatten, gaben angesichts des Prinzen alle Hoffnung auf. Die Damen konnten nicht genug von seiner Schönheit schwärmen und wurden heimlich Rivalinnen seiner Geliebten. Acajou war so von Liebe erfüllt, daß er häufig die Avancen nicht bemerkte, die man ihm machte, obwohl die zahlreich und vielfältig waren. Als nun klar war, daß ihre Herzen nur für einander schlugen und kein anderes Gefühl darin Platz fand, war es allgemeine Meinung, daß Zirphile, seitdem sie in ihn verliebt war, noch dümmer als vorher geworden war, und daß die Schönheit Acajous ausdruckslos sei und nichts Reizendes habe, daß ihre Liebe ebenso lächerlich wie für den Hof eigenartig und unpassend war. Man beachtete ihn deswegen nicht weiter; die beiden waren ohnehin so miteinander beschäftigt, daß sie die Mißachtung so wenig bemerkten wie vorher die Aufmerksamkeit. Ninette, die zuvor mit soviel Vorsicht das Benehmen Zirphiles gegenüber den Platzhirschen des Hofs beobachtet hatte, ließ sie nun ohne Besorgnis mit Acajou allein; sie glaubte, wahre Liebe sei immer voller Rücksicht, und je mehr ein Liebender begehre, desto weniger wage er. Diese Maxime ist zartbeseelt, aber ich bin nicht sicher, ob sie immer zutrifft. Von den Ereignissen jedenfalls wurde sie nicht Lüge gestraft.

Man erwartete nur noch die Könige von Acajou und Minutie, um die Hochzeit zu feiern; die Botschafter waren eingetroffen und hatten alles geregelt, die Livreen waren fertig, die Kleider beinahe, und daran fehlte kein Pompom. Man hatte die letzte Mode aus Paris kommen lassen, bei Du Chapt auf Puppen in der Größe Ninettes angefertigt. Mit einem Wort, alles Wesentliche war bereit, man mußte nur noch ein paar Kleinigkeiten besprechen wie die Gesetze beider Länder und die Angelegenheiten der Völker. Die beiden Liebenden ließen sich nicht aus den Augen und häufig, um dem Lärm des Hofes zu entgehen, zogen sie sich in die hintersten Wäldchen des Parks zurück und verbrachten dort den Tag. Sie streichelten sich in aller Unschuld, sie sagten einander tausend Nichtigkeiten, die für Liebende wichtig sind, Dinge, die man ständig wiederholt, nie erschöpft, die immer wieder neu sind.

Eines Tages, da sie wieder einer solchen entzückenden Unterhaltung pflogen, nötigte die Hitze Zirphile, ihren Schal abzulegen, um freier sprechen zu können. Harpagine, die sich unsichtbar gemacht hatte, um sie zu überraschen, erschien plötzlich, begleitet von der Neid-Fee, auf einem von Schlangen gezogenen Wagen und umgeben von einer Unzahl durchbohrter Herzen; das waren Talismane, welche diejenigen vorstellten, die dem Neid huldigen, und die Pfeile stellten die Verdienste vor, die grausamste Qual der Neidhammel. Harpagine berührte augenblicklich Zirphile mit ihrem Zauberstab und entführte sie in einer Wolke, gerade als Acajou ihre Hand küßte. Der unglückliche Prinz warf sich vor der Fee nieder und flehte sie an, die Prinzessin zu verschonen und sich nur an ihm zu rächen, vergeblich sagte er alles, was Liebe und Großmut eingeben. Die erzürnte Fee sah ihn mit entflammten Augen an: "Wagst du, sprach sie, von mir Gnade zu erhoffen? Mein Herz ist nur noch dem Haß geweiht. Ich will mit einem Streich mich an dir und an ihr rächen. Sie wird deinem Rivalen zugeführt, den sie verabscheut.

Bei diesen Worten entflog der Wagen und hinterließ Acajou in völliger Verzweiflung. Ninette wurde durch ihre Zauberkunst alsbald von den Ereignissen unterrichtet; das Pech der Allwissenden ist jedoch, daß sie nichts vorhersehen können. Sie holte den Prinzen ab, der gerade den Schal Zirphiles mit Tränen benetzte. Die kleine Fee unterließ nichts, was ihn trösten konnte, er hörte aber überhaupt nicht zu. Nachdem sie ihn fast gegen seinen Willen aufs Schloß zurückgebracht hatte, schloß sie sich in ihrem Kabinett ein, setzte ihre Brille auf und studierte ihre dicken Bücher, um Rat für dieses Unglück zu finden. Der ganze Hof diskutierte, die einen redeten viel und unbekümmert, die anderen schwiegen und waren besorgt. Besonders die Damen waren nicht sehr betroffen vom Verlust Zirphiles, einige hofften, den Prinzen trösten zu können. Man war noch in der ersten Erregung, da jeder spricht ohne etwas zu wissen, wo man die Umstände erörtert in Erwartung der Tatsachen, wo man viel Worte um wenig macht.

Als Ninette erschien und lebhaft verkündete, daß Zirphile leicht aus den Händen des Geists befreit werden könne, drängte ein jeder, um das Mittel zu erfahren. "Hören Sie zu, sagte die kleine Fee, ich habe gerade herausbekommen, daß die ganze Macht Podagrambos und Harpagines auf einem verzauberten Topf beruht, den sie an einem geheimen Ort ihres Schlosses verborgen haben; er wird von einem untergeordneten Geist bewacht, der in eine Kartäuserkatze verwandelt wurde. Man braucht sich gar keine große Mühe zu machen, um sich des Topfs zu bemächtigen; es genügt, daß das Unternehmen von einer absolut tugendhaften Frau ausgeführt werde, welche an diesem Hof zu finden nicht schwer sein sollte. Für sie wird es kein Hindernis geben, aber jede andere würde an dem Abenteuer scheitern.

"Eine glückliche Entdeckung!, sagte ein Höfling, ich werde sofort Acajou davon Mitteilung machen.

"Schweigen Sie, erwiderte die Fee, Sie sind unbesonnen. Wenn wir einen vernünftigen Menschen suchten, würde man an Sie nicht denken.

"Ich scherze nicht, sagte der eingebildete Mensch in ironischem Ton, ich befürchte wirklich, daß es hier bald einen Tugendwettstreit geben wird, der zum Bürgerkrieg ausarten könnte.

"Das habe ich vorausgesehen, sagte Ninette, deshalb will ich, daß wir das Los ziehen, um jeden Neid zu vermeiden.

Die Zettel wurden augenblicklich vorbereitet, und der Name, der gezogen wurde, war der von Amine. Sie war eine junge Person, eher hübsch als schön, lebhaft, leichtsinnig, äußerst kokett, freizügig im Reden, aber vorsichtig im Verhalten, anzüglich und ständig umlagert von einer Truppe junger Leute. Amine hörte, wie ihr Name aufgerufen wurde, und war weder stolzer noch verlegener als sonst; es erhob sich jedoch ein Murren, das nicht gerade nach entschlossenem Beifall klang. Ninette legte das als schlechtes Vorzeichen für den Erfolg der Expedition aus, deshalb ernannte sie Zobeide zur Beigleiterin Amines; zwei sind besser als eine. Zobeide war übrigens ein Wunder an Tugendhaftigkeit und böser Nachrede; man behauptete sogar, daß sie nur deshalb so sittenstreng war, um das Recht zu haben, alle anderen Frauen unerbittlich zu zerreißen. Ein schönes Vorrecht der Tugend. Wie dem auch sei, sie zogen zu zweit los und begaben sich gemäß ihren Anweisungen zu einem kleinen Gebäude etwas abseits vom Palast Harpagines. Amine, immer wagemutig, ging voran. Sie begegneten keinem Hindernis und schritten durch mehrere Türen, die sich von selbst öffneten. Endlich kamen sie in ein Zimmer, in dem sie auf einem Marmortisch einen Topf entdeckten, dessen Äußeres nicht empfehlenswert war; er ähnelte sehr einem Nachttopf. Es tut mir leid, ich habe keinen vornehmeren Ausdruck dafür. Nie wären sie auf den Gedanken gekommen, daß der Schatz, den sie suchten, dort verborgen sei, wenn Ninette es ihnen nicht so angegeben hätte. Wenn das Äußere des Topfs gemein war, war seine Kraft doch bewundernswürdig: er gab Orakel von sich und räsonierte wie ein Philosoph. Es war ein großes Kompliment, wenn man mit ihm an Geisteskraft verglichen wurde. Amine und Zobeide fanden auch die Katze, von der man gesprochen hatte; sie wollten sie streicheln, aber sie kratzte Zobeide und anstatt sich umschmeicheln zu lassen und Samtpfötchen zu geben, machte sie einen Buckel und bekam auf die galanteste Art einen dicken Schwanz. Amine, von diesem glücklichen Auftakt angetan, nahm den Topf, und Zobeide wollte ihr helfen. Da entquoll ihm auf einmal ein dichter Qualm, der das ganze Zimmer erfüllte, ein schrecklicher Lärm erscholl. Vor Schrecken ließ Amine den Topf auf den Tisch fallen, von dem sie ihn genommen; und auf der Stelle erschien der Geist und mit ihm Harpagine. Sie packten Amine und Zobeide und ließen sie nur am Leben, um sie in einen finsteren Turm zu werfen.

Ninette war natürlich sofort über den unglücklichen Ausgang des Unternehmens informiert; sie suchte nach den Ursachen. So mußte sie dem Hof mitteilen, daß Amine ebenso tugendhaft wie kokett war und Zobeide leider das Vergnügen eines geheimen Verhältnisses mit einem unbekannten Liebhaber genoß, während sie jedermann mit ihrer angeblichen Tugend anödete. Ninette teilte auch mit, daß der Topf beim Herunterfallen zwar nicht gänzlich zerstört worden war, aber einen Sprung bekommen hatte, durch welchen Unfall seine Macht wenigstens geschwächt worden war.

Acajou hörte nur mehr die Stimme der Verzweiflung und schwor, alle Nachttöpfe zu zerschlagen, die er im Palast fände; augenblicklich verwirklichte er seinen Entschluß, was eine schreckliche Unordnung hervorrief. Der Skandal war so beträchtlich, daß Ninette ihn wegen der unschuldigen Töpfe zur Rede stellen wollte; aber sie konnte ihn nicht beruhigen. In dieser Verlegenheit suchte sie den Rat der Feen. Die Angelegenheit schien sehr wichtig, und man beschloß, daß der Geist, da seine Macht geschwächt war, nicht die ganze Zirphile behalten dürfe. Ihr Kopf solle sich vom Körper trennen, ohne daß sie dabei stürbe, und das Haupt solle ins Reich der Ideen verpflanzt werden, bis daß jemand die Teile wieder aneinanderfüge und sie entzaubere. Ninette wandte zwar ein, daß es umsichtiger sei, den Kopf als den Körper Zirphiles in der Gewalt des Geists zu lassen, aus Angst, er könne sie verführen und stracks heiraten, während sie den Kopf verloren hatte. Die Feen schenkten diesem Problem ihre Aufmerksamkeit und ordneten an, daß der Körper stets von einem Flammenkranz umgeben sein sollte, der nur denjenigen heranließ, der auch Herr des Kopfes war. Der Beschluß der Feen wurde sofort verwirklicht. Der Geist wollte es riskieren, aber er konnte das Land der Ideen nie erreichen. Verrückte kommen leicht dahin, aber für Trottel ist es unmöglich. Für Acajou, verrückt vor Liebe, war es ein Leichtes, das Land zu finden.

Das Land der Ideen ist sehr eigenartig, und seine Regierung gleicht keiner anderen. Es gibt keine Untertanen, jeder ist hier König und regiert souverän über das ganze Land, ohne den anderen etwas wegzunehmen, die genauso absolute Macht haben. Bei soviel Königen gibt es keine Eifersucht, sie tragen nur ihre Krone ein bißchen anders. Ihr ganzer Ehrgeiz besteht darin, sie an jedermann zu verschenken und die Macht mit allen zu teilen: so machen sie Eroberungen. Die Grenzen von so vielen Königreichen in einem sind nicht festgelegt, jeder erweitert sie oder verengt sie, wie es ihm gefällt.

Acajou erkannte an der Vielzahl der Köpfe, die er auf dem Weg antraf, daß er im Land der Ideen war; sie drängten sich an ihn und sprachen alle gleichzeitig in den verschiedensten Sprachen und mit unterschiedlichen Ausdrücken. Er suchte Zirphiles Kopf und fand ihn nicht. Bald fand er Köpfe, die dem Unglück widerstanden und im Glück Schiffbruch erlitten hatten, die einen durch Reichtum, die anderen durch Ämter; bald Köpfe von Verschwendern, einer Vielzahl von Geizhälsen, viele im Krieg verlorene; Köpfe von Autoren, denen der Erfolg zu Kopf gestiegen oder Mißerfolg einen Streich gespielt hatte, mehrere, deren Erfolg nur scheinbar gewesen war, und eine Menge, denen die neidischen Rivalen ein Bein gestellt hatten. Acajou fand eine große Anzahl von Incognito-Köpfen, die er nie hat nennen wollen und ich nicht erraten will. Wie viele Köpfe von Philosophen, Mystikern, Rednern, Alchimisten! Wieviel aus Laune verlorene, durch das Aussehen, durch Indiskretion und wiederum durch Freigeistertum und Aberglauben! Die einen dauerten ihn, die anderen fand er lästig und trat mit Füßen, die aus Neid verloren worden waren.

Um Zirphiles Kopf zu finden, suchte er nach denjenigen, die man aus Liebe verliert, aber als er sie genauer anschaute, fand er nur Köpfe von Koketten oder lieblosen Eifersüchtigen. Ermattet von so vielen Nachforschungen, verzweifelt durch den Mißerfolg, betäubt von dem Unsinn, den er anhören mußte, zog sich der Prinz in ein Wäldchen zurück, um von den vielen verrückten Köpfen in Ruhe gelassen zu werden. Er streckte sich auf dem Rasen aus und begann, über sein Unglück nachzudenken. Als er um sich schaute, bemerkte er einige Obstbäume. Er war so erschöpft, daß er Lust hatte, eine Birne zu essen; er pflückte sie, aber kaum hatte er sein Messer angesetzt, als auch schon ein Kopf aus der Birne herauskam, und er sah, daß es der seiner geliebten Zirphile war. Nichts kann das Erstaunen und die Freude des Prinzen beschreiben. Er erhob sich eifrig, um den lieben Kopf zu küssen, aber der zog sich einige Schritte zurück und ließ sich auf einem Rosenstrauch nieder, um eine Art Körper zu haben. "Haltet ein, Prinz!, sagte sie, bleibt ruhig und hört mir zu! Alle Eure Mühen, mich zu fassen, sind vergeblich. Ich würde mich selbst in Eure Arme werfen, wenn das Schicksal es erlaubte. Aber weil ich verzaubert bin, kann ich nur von Händen erfaßt werden, die es auch sind. Ach! Ich seufze wegen meines Körpers, ich weiß nicht, ob er meiner noch würdig ist. Er ist in den Händen des Geists geblieben, und ich wage nur mit Furcht daran zu denken, der Kopf schwirrt mir davon.

"Seid unbesorgt, antwortete Acajou, die Feen, gerührt von unserem Unglück, haben Euren Körper in Schutz genommen.

"Wie Ihr mich beruhigt!, erwiderte Zirphile. Jedenfalls wißt Ihr, lieber Prinz, daß meine ganze Zärtlichkeit Euch gilt, und Ihr wäret zu großmütig, mir ein Unglück anzurechnen, an dem ich schuldlos bin.

"Das ist gut gesagt, antwortete der zartfühlende Acajou; aber unterrichtet mich schnell, wie ich die verzauberten Hände finden kann, von denen Ihr sprecht.

"Ihr findet sie im Park, wo sie umherfliegen, es sind die der Fee Nonchalante, die sie verloren hat, weil sie nichts damit anfangen konnte. Ich werde Euch die Geschichte erzählen. Es war einmal...

"Verflixt, unterbrach Acajou, ich habe keine Zeit für Eure Erzählung, Hauptsache, ich habe die Hände, was kümmert mich ihre Geschichte! Ich werde sie augenblicklich holen.

"Ja, geht, sagte die Prinzessin, und befreit mich von diesem grausamen Zauber, der mich leiden läßt! Ihr habt sicher bemerkt, daß alle verlorenen Köpfe hier nur eines wollen: sich zeigen, ohne daß sie über ihren Zustand erröteten. Nur ich muß mich in einer Frucht verbergen. Weil ich der einzige durch Liebe verlorene Kopf bin, verachten mich alle anderen.

Der Kopf redete noch weiter, doch der Prinz war schon weg. Es war ihm aufgefallen, daß die Prinzessin, seit sie nur noch Kopf war, das Reden liebte. Kaum hatte er hundert Schritte im Park getan, da traf er die verzauberten Hände, die in der Luft herumflatterten. Er wollte näher, um sie zu ergreifen, aber sobald er sie fassen wollte, bekam er von ihnen Ohrfeigen, was ihm zunächst sehr ungehörig erschien. Aber weil sein ganzes Glück davon abhing, versuchte er mit aller Geschicklichkeit, die verflixten Hände zu fangen. Er glaubte schon, sie zu halten, als sie wieder entwischten und ihn ohrfeigten oder seinen Hut zu Boden rissen. Je mehr er sie verfolgte, desto eifriger flohen sie. Diese Jagd dauerte so lange, daß Acajou ganz außer Atem war. Er hielt einen Moment inne und nahm, da er sich an einem Weinspalier befand, eine Traube, um sich zu erfrischen. Aber kaum hatte er davon gekostet, spürte er sich schon ganz und gar aufgewühlt; sein Geist nahm an Lebhaftigkeit zu, sein Herz wurde ruhiger. Seine Einbildungskraft entflammte immer mehr, alle Gegenstände spiegelten sich darin wie entflammt, zogen rasch hindurch, entschwanden wieder so schnell, daß er sie nicht die Zeit hatte, sie zu vergleichen, und außerstande war, sie zu beurteilen. Mit einem Wort, er wurde verrückt. Die Früchte des Gartens, durch geheime Verbindung mit den Köpfen, die in ihm wohnten, hatten die Kraft, um den Verstand zu bringen, aber leider bewirkten sie nichts für den Geist. Acajou wurde daher auf der Stelle der geistreichste und der verrückteste aller Prinzen.

Der erste Effekt dieser plötzlichen Verwandlung war ein Ersterben des Herzens. Acajou verlor alle Liebesfähigkeit. Denn die wahre existiert nur zusammen mit dem Verstand. An der Stelle jenes zärtlichen und rücksichtsvollen Drangs, den er zuvor für Zirphile empfunden, war da jetzt kaum noch eine Erinnerung. Er spürte nicht einmal Mitleid mit dem Unglück der Prinzessin. Daß sie den Kopf verloren hatte, schien ihm nun recht lustig. Häufig erblickt ein Geist ohne Urteil so das Unglück anderer. Dünkel ersetzte die Bescheidenheit in Acajous Geist und löschte gänzlich alle seine Vorzüge aus. "Ich muss, rief er, verrückt sein, hinter einem Kopf herzulaufen, wo ich doch die Köpfe aller Frauen des Hofs von Minutie verdrehen könnte! Auf denn! Ich will von allen bewundert und geliebt werden, ohne meine Freiheit aufs Spiel zu setzen.

Sprach’s und ging davon. Ninette, die ihn zurückkommen sah, lief ihm entgegen und fragte nach Zirphiles Schicksal. Der Prinz sagte ihr, daß das doch nur ein Kopf sei, den man nicht festhalten könne, daß all seine Mühe vergeblich gewesen sei und daß er sich zu etwas anderem entschlossen habe; schließlich sei Treue ohne Belohnung die Tugend eines Dummkopfs. Er brachte noch mehr solcher schönen Maximen vor, und Ninette sah daraus, daß Acajou sich sehr verändert hatte; er war jedoch sehr geistreich. Zuerst war sie erzürnt, daß er die Prinzessin nicht mitgebracht hatte, da jedoch bei lebhaften Leuten ein Augenblick den vorigen verdrängt, tröstete sie sich rasch über den Verlust Zirphiles mit dem Vergnügen, Acajou wiederzusehen.

Der ganze Hof drängte sich um ihn, aus Neugier mehr als aus Anteilnahme. Man erwartete einen braven und schüchternen Prinzen, über den man sich wie gewohnt lustig machen würde, bald jedoch hatte man von ihm eine bessere Meinung. Die Unterhaltung wurde lebhaft und glänzte. Der aufmerksame Leser wird sich erinnern, daß die Brille Ninettes kurzsichtig machte, sie hatte sie abgelegt, um den Prinzen von weitem kommen zu sehen, und da sie sie nicht wieder aufgesetzt hatte, schwärmte sie ohne Grenzen. Acajou schwieg nicht dazu, sondern sprach in einem Augenblick tausend Überschwenglichkeiten aus, die den Hof in Entzücken versetzten und alle Frauen verrückt machten. Sie hörten mit offenem Mund zu, jauchzten: Ach! Wie geistreich er ist! Man lobte ihn endlich so, daß er zu erröten genötigt war, in aller Aufgeblasenheit. Es schien, als sei es das größte Glück für einen Prinzen, den Verstand zu verlieren, da alle, denen er begegnete, ihn dazu beglückwünschten, und die anderen ließen es sich schreiben. Acajou, der die Liebe verloren, wurde der erklärte Liebling aller Frauen, das Schicksal begünstigt oft die Verrücktheit. Er begann mit einer recht hübschen Frau, deren Geist frei, auch von Vorurteilen war und die zum Ruf aller jungen Leute beitrug, nachdem sie den ihren verloren hatte. Weil es eigentlich nicht notwendig war, sie zu besitzen, um sie zu verachten, und es genügte, sie besessen zu haben, um sie widerlich zu finden, trennte er sich zwei Tage später von ihr. Er nahm eine andere, mit charmantem Gesicht, zärtlichem Herzen, sanftem Gemüt, die nur deshalb der Liebe nicht wert war, weil sie zu viele Liebhaber hatte. Acajou würdigte sie daher auch keiner dauerhaften Verbindung, sondern gab ihr bald mehrere Rivalinnen. Er war sehr damit beschäftigt, die Liste zu verlängern, alle wollten darin stehen und fanden ihn erst liebenswert, seitdem er zu lieben unfähig war. Nachdem er eine ziemlich große Zahl von berühmten Frauen im Bett gehabt hatte, um seinerseits berühmt zu werden, beschloß er, ein paar andere zu verführen, bloß damit sie den Ruf der Tugendhaftigkeit verlören. Wenn er erfuhr, daß eine Frau von ihrem Gatten zärtlich geliebt wurde, so wandte er ihr augenblicklich seine Aufmerksamkeit zu. Der Titel eines coolen Zeitgenossen führte dazu, daß ihm alles gelang, was ihn hätte scheitern lassen müssen.

Die Affären am Hof hinderten ihn nicht, welche auch in der Bourgeoisie zu suchen, wo seine Erfolge umso rascher waren, als die gefallenen Frauen glaubten, den adligen gleich zu werden, weil sie deren Dummheiten nachmachten. Die Männer sogar, anstatt ihn zu hassen, beneideten ihn und suchten seine Nähe; sie bewunderten ihn, ohne ihn zu mögen. Obwohl diejenigen, die ihre Zeit schlecht nutzen, am wenigsten davon haben, hatte der Prinz doch viel leere Weile, wegen der Leichtfertigkeit, mit der er seine Erfolge behandelte. Übrigens: Glück ist, wenn man davon gelangweilt scheint.

Er suchte sich also eine neue Unterhaltung bei schöngeistigem Zeitvertreib, was gerade in Mode war. Es stimmt allerdings, daß man den Anschein der Pedanterie, die das Studium oft zur Folge hat, vermeiden wollte, und hatte das Problem dadurch gelöst, daß man gelehrt war, ohne zu studieren. Jede Frau hatte ihren Geometer oder Schöngeist, wie sie früher ein Schoßhündchen hatten. Acajou widemete sich gemäß diesem Plan voll und ganz den Wissenschaften und der Literatur, redete von Physik und Geometrie, fertigte metaphysische Aufsätze an, Verse, Erzählungen, Komödien und Opern. Dieser Prinz forderte die allgemeine Bewunderung heraus. Man behauptete, daß die Profis unter den Autoren ihm nicht das Wasser reichen könnten. Man wußte ja, daß nur die Leute mit dem gewissen Etwas über guten Geschmack verfügen, der allem Genie überlegen ist, und das ohne Aufdringlichkeit. So war Acajous Karriere unvergleichlich; man vereinte seine Bonmots in einem Sammelband, und jeder machte den zu seiner Lieblingslektüre; Titel: Der perfekte Spötter. Ein am Hof sehr nützliches Werk und geeignet, einen jungen Menschen erfolgreich und unerträglich zu machen.

Am Ende fand Acajou seine Erfolge ermüdend. Anstelle von Liebe hatte er Vergnügungen gehabt, der bloße Schein war auf das Vergnügen gefolgt, der Ekel sah beinahe wie Vernunft aus und machte ihm das Leben unerträglich. Ein Ehrenmann wäre unglücklich, zu diesem Glück verurteilt zu sein. Ohne daß er deshalb verständiger geworden wäre, fiel er in Traurigkeit. Übrigens ist es dem Geist eigentümlich, zuerst die Bewunderung zu wecken, um die Bewunderer anschließend zu ermüden. Die meisten Frauen, die den Ehrgeiz gehabt hatten, ihm zu gefallen, wurden schamrot, sich auf einer allzu langen Liste zu finden, und wandten sich von ihm ab. Darüber hinaus beschuldigten man ihn, einen schlechten Charakter zu haben, unter dem Vorwand, er fertige Spottlieder auf seine besten Freunde an und höhne über jedermann. Dabei hatte er gar keine bösen Absichten, er wollte sich nur unterhalten und andere amüsieren; aber es gibt keine Gerechtigkeit. Ninette verstand nicht, wieso Acajou aus der Mode gekommen war. Sie nahm ihre Brille, um darüber vorurteilsfrei nachzudenken, und nachdem sie die Sache gründlich untersucht hatte, sah sie ein, daß er zwar sehr geistreich, nichtsdestoweniger aber verrückt war. sie forderte ihn auf, ihr alles zu erzählen, was er im Reich der Ideen gemacht hatte. Acajou, der ihre Absicht nicht durchschaute, lieferte ihr einen sehr detaillierten Bericht, weil er gerne von sich sprach.

Als er bei der Weintraube war, die er gegessen hatte, rief Ninette: "Ah! Ich wundere mich nicht mehr, daß Ihr so geistreich seid!

"Warum denn?, fragte Acajou.

"Weil Ihr, erwiderte die Fee, keinen gesunden Menschenverstand habt.

"Tolle Schlußfolgerung!, meinte Acajou.

"Ich weiß, erwiderte Ninette, Ihr habt zuviel Geist, daß man Euch leicht überzeugen könnte, besonders, wenn man mit Verstand redet. Erfahrt: Das ist so, weil Ihr ihn verloren habt. Die Früchte im Ideenreich haben ein tödliches Gift für ihn. Glücklicherweise gibt es ein Gegenmittel. Ich habe ein Spalier, dessen Kraft darin besteht, den Geist verlieren zu machen, und nur ich kenne die Wirkung. Ich lasse von Zeit zu Zeit Hofleute davon essen, die eine zu lebhafte Vorstellung haben; ich werde Euch davon geben.

"Hier sehe ich Leute, antwortete Acajou, die offensichtlich überreichlich davon genossen haben. Ehrlich, ich habe keine Lust, davon zu kosten. Außerdem: welch ein tolles Rezept, vernünftig zu werden, indem man den Geist verliert!

"Es gibt kein besseres, unterbrach die Fee, und Ihr seid nicht mehr in der Lage, auch nur irgendeinen zu verspotten.

Anschließend sagte Ninette dem Prinzen noch viel Schmeichelhaftes. Sie wußte ja, daß der Geist sich leichter von Eigenliebe verführen als von vernünftigen Gründen überzeugen läßt. Trotzdem war Acajou, trotz der Beredsamkeit der Ninette, verrückt genug, den Geist nicht verlieren zu wollen. Die Liebe mußte das Werk vollbringen.

Der junge Prinz hatte die Wonnen der Liebe nie gekannt, weil alle seine Wünsche erfüllt worden waren. Seine Männerphantasien waren nur auf Neues aus, und das Leben nützt sie so rasch ab. Er war in Langeweile verfallen, aus der ihn ab und zu ein plötzliches Verlangen befreite, um ihn danach wieder hineinzustoßen. Die Liebe, deren erste Spuren ihm Zirphile gezeigt hatte, erwachte von neuem, sobald der Rausch der Sinne verflogen war und die Eitelkeit keine Nahrung mehr fand. Er spürte in seinem Herzen eine Leere, die nur die Liebe füllen konnte. Das Unglück derer, die geliebt haben, besteht darin, daß sie nichts finden, das die Liebe ersetzen könnte. Acajou sagte es Ninette und bat sie, dafür zu sorgen, daß er Zirphile wiedersehen könnre, denn er werde den Geist verlieren, wenn er sie nicht wiedersehe. Die Fee nahm daraufhin ihre Krücke und führte Acajou in einen Garten, den nur sie kannte. Da waren Bäume mit den schönsten Früchten der Welt, die alle eine besondere Eigenschaft hatten. Die einen ließen die Spielsucht verlieren, die so verderblich ist, die anderen den Widerspruchsgeist, der in der Gesellschaft schadet, diese die Herrschsucht, die so unerträglich ist, jene den Geschäftssinn, der für diejenigen vorteilhat ist, die ihn haben, und so lästig für die anderen, einige Sorten schließlich das Talent zu spotten, das ebenso amüsant wie verhaßt ist, oder sein noch gefährlicheres Gegenteil, die willige Schmeichelei. So vortreffliche Früchte sieht man leider nicht auf unseren Desserttellern. Schade, daß dieser Garten nicht für alle Ungeister offen steht, sie kämen als liebenswürdigere Menschen zurück, ohne dümmer zu sein, als sie es sind. Ich würde zuerst dahin entsenden...

Hier fehlt ein Heft, dicker als der ganze Rest dieses Werks. Der Leser, der das bedauert, kann Abhilfe schaffen, indem er bei sich selbst anfängt.

Ninette ließ Acajou an das Spalier mit den Früchten herantreten, welche von der Eitelkeit befreiten, von Aufgeblasenheit und Selbstgefälligkeit, und befahl ihm, eine Traube zu pflücken. Dann setzte sie ihre Brille auf, nahm Zirphiles Schal in die Hand und sagte: "Prinz, nehmt diesen Schal; wenn Ihr im Reich der Ideen seid, braucht Ihr ihn nur an einem Ende festzuhalten und durch die Luft zu wirbeln. Die verzauberten Hände, noch denen Ihr vergeblich gegriffen, werden herbeikommen, um den Schal zu fangen, so könnt Ihr sie ergreifen. Danach bemächtigt Ihr Euch des Kopfes der Prinzessin. Wenn Ihr durstig oder hungrig seid, braucht Ihr nur einen paar Trauben zu essen, sie werden Euch genügen. Gebt auch Zirphile davon, um die Dämpfe, die in ihrem Kopf wabern müssen, etwas zu beruhigen; ohne diese Vorsichtsmaßnahme würdet Ihr sie nicht wiedererkennen. Aus Verrücktheit seid Ihr untreu geworden, Ihr könntet es durch Verstand werden. Wenn Ihr den Kopf habt, haben wir auch bald den Körper dazu, einfach wegen der Anziehungskraft, die bewirkt, daß bei Frauen der Kopf den Körper mit sich reißt. Vor Eurer Abreise solltet Ihr schon von den Trauben essen.

Acajou zögerte ein wenig, aber von dem Verlangen beseelt, Zirphile wiederzusehen, und vielleicht in dem Glauben, sein Geist besitze genügend Widerstandskraft, nahm er ein paar Trauben in den Mund. Die Wirkung trat sofort ein, es war, als wenn ein Nebelschleier um ihn herum zerrissen würde und seine Augen auf einmal zu sehen begännen. Die Gegenstände schienen ihm ganz anders; er errötete vor Scham und wagte nicht, der Fee zu danken. Zurück im Palast fand er auf dem Tisch seine gesammelten Werke, er wollte sie durchblättern, um seinen Zustand zu prüfen. Er konnte sich nicht vorstellen, daß er so dumm gewesen, dergleichen zu schreiben, er gähnte beim Lesen seiner Romane und Komödien und am selben Abend noch pfiff er eine seiner Opern aus.

Er hatte den Hof durch seine Extravaganzen angeödet; jetzt langweilte er sich, da der Verstand zurückgekehrt war, und reiste am nächsten Morgen ab, um sich ins Land der Ideen zu begeben, so gut geleitet von Liebe wie vordem von Verrücktheit. Er fand alles wie vorher und befolgte Ninettes Ratschläge. Mit Hilfe des Schals bemächtigte er sich der verzauberten Hände, suchte Zirphiles Kopf und öffnete zu diesem Zweck eine enorme Anzahl Birnen, ohne ihn zu finden. Dann ging er zu Pfirsichen über, zu Melonen und richtete ein Massaker unter den Früchten an, als er ein schallendes Gelächter vernahm. Er drehte sich danach um und erblickte den Kopf der Prinzessin, der nicht zu ihm kommen wollte, sondern über seine eifrige Suche nur lachte. Weil Liebe durch Abwesenheit schwach wird und Verrücktheit ansteckend ist, hatte Zirphiles Kopf viel von der ehemaligen Leidenschaft verloren und sich dem Land angepaßt, in der er sich aufhielt. Acajou seufzte tief, aber er erinnerte sich rechtzeitig an die Kraft der wunderbaren Trauben, die er bei sich hatte, und warf einige der Prinzessin an den Kopf, die sie im Scherz herunterschluckte. Ihre Verblendung ließ augenblicklich nach. Sie flog zu den verzauberten Händen, mit den der Prinz sie umfaßte. Nichts kann das Entzücken beschreiben, das er dabei empfand. Er ließ die Hände schweifen, wohin sie wollten; nichts kümmerte ihn als Zirphiles kostbarer Kopf. Er bedeckte ihn mit Küssen, denen sie nicht ausweichen konnte, weshalb sie schamrot wurde, obwohl in ihrem Zustand die Streicheleinheiten des Geliebten kaum gefährliche Folgen haben konnten. Übrigens muß man nicht immer auf die Klagen der Scham hören: Die der Liebe entstammt, verzeiht leicht Wallungen, die sie sich selbst verbietet. Acajou packte den Kopf der Prinzessin in den Schal ein und kehrte zum Schloß zurück. Bei Einbruch der Nacht überraschte ihn ein schreckliches Gewitter, und der Prinz war gezwungen, ein Obdach zu suchen. Man bemerkt, daß es nicht für ihn war. Verliebte kennen keine Furcht, aber er wollte Zirphile schützen und außerdem fürchtete er, mit Zirphiles oder seinem Kopf gegen einen Baum zu stoßen.

In dieser unangenehmen Lage sah er von fern ein Licht und lenkte seine Schritte dahin. Immer in Gefahr, den liebsten Kopf anzustoßen, nämlich den seiner Zirphile, irrte er durch die Dunkelheit und kam zu einem Pavillon, der am Ende eines Gartens stand; er klopft an die Tür. Einen Augenblick später erschien eine Alte mit einer Kerze in der Hand, und sie fragte ihn brummend, wer er sei und was er wolle. Acajou wollte in seiner gegenwärtigen, so unwürdigen Lage sich nicht erkennen zu geben und zögerte einen Moment, welchen Standes er denn nun sein wollte. Und weil er den Kopf voll mit seinem Unglück hatte und sich an all die Töpfe erinnerte, die er vorher zerschlagen hatte, antwortete er, ohne lang nachzudenken, daß er ein armer Junge sei, der zerbrochenes Porzellan reparierte, daß er für diese Nacht um Unterkunft bitte. Bei diesen Worten wurde das Gesicht der Alten milder. "Willkommen, sagte sie, Ihr könnt mir helfen. Ich habe hier einen Nachttopf mit einem Sprung darin, den Ihr mir reparieren könnt.

Die Alte holte sofort den kostbaren Topf und legte ihn in die Hände Acajous, damit er sich ans Werk mache. Der Prinz schämte sich des gewählten Berufs und seiner ersten Arbeit; er nahm den Topf der Alten und dabei erinnerte er sich des Schwurs, den er getan, keinen Nachttopf zu verschonen, bis er die Prinzessin erlöst hätte. Eine zeitlang war er unschlüssig und schwankte zwischen der Furcht vor einem Meineid und der Angst, gegen die Gastfreundschaft zu handeln. Die erste trug endlich den Sieg davon, er warf den Topf gegen die Wand und schlug ihn in tausend Stücke. Ich weiß nicht, ob der Leser über die Unhöflichkeit Acajous empört ist, auf jeden Fall wird das Ergebnis ihn überraschen oder er hat es aus besonderer Voraussicht schon geahnt. Diejenigen, die über eine solche Weitsicht nicht verfügen, werden erleichtert sein: Der Nachttopf war genau das fatale Gefäß, an dem die Macht der Fee und des bösen Geistes hing und den sie der alten Hexe zur Aufbewahrung gegeben hatten. Kaum war er zersprungen, hörte man einen Donnerschlag und fürchterliches Geschrei. Das Schloß wurde zerstört, der Palast umgestürzt. Die Fee und der Geist, ihrer hilflosen Rage ausgeliefert, flohen in die Wüste, wo sie elendig umkamen.

Acajou, von diesem Umsturz kaum bewegt, ging zu dem schrecklichen Ort, an den der Körper der Prinzessin gebannt war. Die Flammen, die den Zutritt verwehrten, teilten sich vor ihm, und als er den Kopf hinhielt, kam der Körper ihm entgegen und vereinigte sich mit ihm. Im gleichen Augenblick erschien Ninette samt Hofstaat; zuerst dachte sie an die Unglücklichen, die sie befreite. Die verzauberten Hände wurden entzaubert und der Fee Nonchalante zurückgegeben, unter der Bedingung, daß sie endlich etwas arbeite. Das tat sie und erfand die Kunst, Knoten zu machen. Amine und Zobeide wurden aus dem Gefängnis befreit; seitdem hatte Amine das Recht, alles zu tun, was ihr beliebte, ohne daß man sie schalt; es scheint, daß sie von dieser Erlaubnis vernünftigen Gebrauch machte. Was Zobeide betrifft, setzte sie ihr bisheriges Leben fort, hörte aber auf zu lästern. Ninette, die den Unglücklichen erste Hilfe angedeihen hatte lassen, beschäftigte sich fortan nur mit der Hochzeit der beiden Verliebten. Sie wurde mit allem Pomp gefeiert. Sie lebten glücklich, hatten viele Kinder, die alle äußerst vernünftig waren, denn sie wurden geboren mit einer wunderbaren Neigung zur Liebe.
 
 

 
Charles Pinot-Duclos
 
ist am 12. Februar 1704 in Dinan (Bretagne) geboren und stammt aus einer wohlhabenden Kaufmannsfamilie. Sein Vater stirbt zwei Jahre später und hinterlässt ein beträchtliches Vermögen. Charles wird 1713 nach Paris geschickt, um die Schule abzuschließen.

Der Bankrott des Spekulanten Law ruiniert auch die Familie Duclos. Charles kehrt nach Dinan zurück, weil man dort über sein weiteres Schicksal entscheiden will. Duclos möchte gerne in Paris bleiben und schreibt sich zum Jurastudium ein, betreibt dieses aber sehr nachlässig; drei Jahre lang, zwischen 1721 und 1724 verbringt er diese meiste Zeit mit Waffenmeistern und willigen Damen. Seine Mutter ruft ihn zur Ordnung, und er verspricht, das Studium wieder aufzunehmen. Aber man sieht ihn meistens im Theater und im Café Procope. Wegen seiner geistreichen Konversation macht er die Bekanntschaft literarischer Kreise.

Eine erste Tragödie, la Mort de Mardi-Gras, misslingt. Aber 1739 wird er Mitglied der Académie des Inscriptions et des Belles Lettres. Im Jahre 1740 erscheint die Histoire de Madame de Luz und hat einen Achtungserfolg. Ein Jahr später legt er ein Werk über Ursprung und Wandlungen der französischen Sprache vor und wird beauftragt, eine Geschichte Ludwigs des Elften zu verfassen. Ebenfalls 1741 erscheinen die Confessions du comte de ***, die einen Skandalerfolg provozieren. Wissenschaftliche und schöngeistige Werke wechseln nun ab.

Im Juli 1744 wird Duclos zum Bürgermeister von Dinan ernannt, im Herbst zum Abgeordneten des Tiers Etat gewählt, ein Amt, das er zehn Jahre lang wahrnimmt. Seine Geschichte Ludwigs des Elften wird allerdings verboten und auf den Index gesetzt. Nichtsdestoweniger wird Duclos 1746 Mitglied der Académie française. Dank der Protektion durch Madame de Pompadour erhält er einen schönen Posten, der wenig Arbeit macht: In der königlichen Bibliothek soll er die französischen und lateinischen Manuskripte ordnen. Tausend Livres jährlich sind ein nettes Zubrot. Als Nachfolger Voltaires, der nach Preußen geht, wird Duclos darüber hinaus zum offiziellen Geschichtsschreiber Frankreichs ernannt und erhält 1751 eine Dienstwohnung in den Grands Communs. 1752 erfolgt die Ernennung zum Mitglied der Akademie in Berlin. Er arbeitet an Themen der Grammatik (Remarques sur la grammaire de Port-Royal) und am Wörterbuch der Académie und wird 1755 deren ständiger Sekretär.

Es folgen zwei größere Reisen: nach England (1763) und Italien (1766-67). Duclos stirbt am 26 März 1772 in Paris an den Folgen einer Lungenentzündung.

Ein außerordentlich erfolgreiches Literaten- und Gelehrtenleben!
 
 
 
 

Acajou und Zirphile
 

Diese Erzählung entsteht 1744 aufgrund einer Wette. François Boucher hatte für den schwedischen Grafen Tessin eine Serie von Stichen angefertigt, die Duclos als Vorlage des conte verwenden wollte. Der Charakter eines literarischen Spiels ist dem Werkchen deutlich anzumerken, angefangen bei den Namen der Protagonisten, die Anfang und Ende des Alphabets bezeichnen und, im Falle des prinzlichen Knabens, eine Holzsorte benennen: Holzkopf oder aus feinem Holz geschnitzt? Sprechende Namen tragen auch die Feen und Geister: Harpagine erinnert natürlich an die Harpie, aber auch an harper (klammern, greifen), was schon dem Helden des Avare zu seinem Namen verholfen hat; Podagrambo verdankt seinen Namen der Podagra (Gicht), der im 18. Jahrhundert verbreiteten Alterskrankheit. Die "Bösen" im Text sind also ganz klassische Negativfiguren.

Auch sonst schöpft der Autor aus der Tradition des satirischen conte und folgt vertrauten Spuren. Mit nebenbei hingeworfenen Bemerkungen distanziert er sich augenzwinkernd vom Genre. Durch diese Zweigleisigkeit wird die Illusion immer wieder zerstört; der Autor nimmt seine Figuren und die Geschehnisse nicht ernst. Große Literatur ist das Werkchen nicht, aber doch ein liebenswertes Stück Aufklärung.

Textvorlage: Bibliothèque Nationale, Gallica: textes numérisés. Titelvignette: François Boucher, Le Printemps (1755), Ausschnitt. Übersetzung, auch mit gelegentlichem Augenzwinkern: Armin Volkmar Wernsing.

November 2001

avw


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