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BLONDEL ÜBERSETZT

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Le petit film que voici donnera une première idée du style de Jacques-François Blondel :
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Jacques-François Blondel (1705 - 1774) veröffentlichte 1737 und 1738 die beiden Bände seines Standard-Werks über den Bau der »Maisons de plaisance«. Das Filmchen oben gibt einen flüchtigen Eindruck von den rund 150 Tafeln, aber auch von der Buchkunst des 18. Jahrhunderts. Zugleich zeigt es, dass die Baumeister dieser Zeit alle Gewerke beherrschten, vom Grundriss bis zur Innenausstattung: Täfelung, Balkon- und Treppengeländer, Fenster und deren Verriegelung, für alles finden sich Beispiele in diesem Buch. Sogar eine Toilette mit Wasserspülung, wie sie in Versailles eingebaut wurde, ist abgebildet und erläutert.

Die Übersetzung kam zustande auf Anregung von Gabriele Uerscheln, Museumsdirektorin in Schloss Benrath, das von einem Schüler Blondels errichtet wurde.
«De la distribution des Maisons de Plaisance et de la Décoration des édifices en général»

Le texte français des deux tomes est téléchargeable à la bibliothèque universitaire de Heidelberg (au format PDF).

Jacques-François Blondel a construit le château de Vendeuvre en Normandie, la mairie de la ville de Metz ou bien l'Aubette à Strasbourg. Ses projets  d'urbanisation  du centre  de Strasbourg n'ont pas été  réalisés, faute  d'argent.

Théoricien de l'architecture «moderne» du 18e siècle, il a créé un style sobre, simple et harmonieux qui évite tous les excès. Un classique !
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buchtitel fenster Décoration

Was bedeutet «décoration» ? Tatsächlich heißt der Begriff mehr, als ich zuerst angenommen und mit "Ausschmückung" übersetzt habe. Für Blondel ist «décoration» die einheitliche Gestaltung von der Anlage des Baukörpers, dessen Einpassung in die Landschaft bis zum letzten Detail der Innenausstattung (hier links das Führungsstück eines Fensterriegels). Alles soll zu einander passen und "angemessen" sein - auch die «bienséance» ist ein Schlüsselbegriff dieser Architektur.

Die Übersetzung erscheint im Grupello-Verlag, Düsseldorf.
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Si vous avez envie de voir quelques images du château de Benrath, construit par Nicolas de Pigage, cliquez sur l'image à gauche.


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Das Privilège du Roi in deutscher Übersetzung :

Genehmigung

Auf Befehl des Herrn Siegelbewahrers habe ich ein Manuskript gelesen, betitelt mit Abhandlung über die Architektur im modernen Geschmack, und darin nichts gefunden, das dem Druck hinderlich sein könnte. Ich glaube, dass dieses Werk der Öffentlichkeit nützlich sein wird.

Gegeben zu Paris, 15. September 1736. PITOT

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Königliches Patent

Ludwig, durch Gottes Gnade König von Frankreich und Navarra : An unsere geliebten und treuen Räte, die Vorsitzenden der Gerichte, Berichterstatter unseres Hauses, Großrat, Profoss von Paris, Vögte, Seneschalls, ihre Zivilleutnante und anderen betroffenen Gerichtspersonen zum Gruß. Unser geschätzter Charles-Antoine Jombert, ordentlicher Buchhändler für Artillerie- und Ingenieurwesen und Buchhändler in Paris hat Uns angezeigt, dass er die Neue Abhandlung über die Architektur im modernen Geschmack des Herrn Blondel und den Folgeband dazu drucken und veröffentlichen möchte, wenn es Uns gefiele, ihm die dazu erforderlichen Patente zu gewähren, und hat angeboten, das Buch auf gutem Papier und mit schönen Lettern zu drucken gemäß dem beiliegenden und gesiegelten Beispielblatt. In dieser Angelegenheit haben Wir, in der Absicht, seinen Antrag günstig zu bescheiden, ihm gestattet und gestatten fernerhin durch diesen Erlass, die oben bezeichneten Werke in einem oder mehreren Bänden drucken zu lassen, zusammen oder einzeln, mit einer ihm gut dünkenden Auflage, sie zu verkaufen oder verkaufen zu lassen und sie während eines Zeitraums von sechs aufeinander folgenden Jahren, beginnend mit dem Datum des gegenwärtigen Erlasses, in Unserem ganzen Königreich zu vertreiben. Wir verbieten jedermann, welchen Stands und Berufs er auch sei, einen Fremddruck des Buches in irgendeinen Ort einzuführen, der unserer Gerichtsbarkeit unterliegt, sowie weiterhin unseren Buchhändlern, Druckern und anderen, die oben spezifizierten Bücher ganz oder teilweise zu drucken, drucken zu lassen, zu verkaufen, verkaufen zu lassen, zu vertreiben oder nachzuahmen noch unter welchem Vorwand auch immer irgendwelche Auszüge daraus zu erstellen, das Werk zu vermehren, zu verbessern, seine Titel zu ändern ohne die ausdrückliche und schriftliche Erlaubnis des genannten Antragstellers oder derer, die von ihm Rechte erworben haben, bei Strafe des Einzugs der nachgemachten Exemplare sowie sechstausend Livres Strafe gegen jeden der Zuwiderhandelnden, von dem ein Drittel Uns, ein Drittel dem Hôtel-Dieu von Paris und ein Drittel dem genannten Antragsteller zukommen soll, bei Strafe aller Auslagen und Schadensersatz ; unter der Auflage, dass dieser Erlass innerhalb dreier Monate von heute an in ganzer Länge in das Register der Buchhändler und Drucker von Paris eingetragen wird, dass der Druck dieses Werks in Unserem Königreich erfolgt und nicht andernorts, dass der Antragsteller sich in allem gemäß den Verordnungen für den Buchhandel verhält, besonders denen vom 10. April 1725. Weiterhin müssen die Manuskripte und Druckvorlagen, die zur Herstellung dieser Bücher gedient haben, vor Verkaufsbeginn in demselben Zustand wie bei der Erteilung der Genehmigung zu Händen unseres lieben und getreuen Ritters, des Herrn Daguesseau, Kanzler von Frankreich und Kommandeur Unseres Ordens überliefert werden sowie zwei Exemplare für unsere öffentliche Bibliothek, eines für die Bibliothek unseres Louvre-Schlosses, das zweite für diejenige unseres lieben und getreuen Ritters Herrn Daguessau, Kanzler von Frankreich, Kommandeur unseres Ordens ; das Ganze unter Androhung der Nichtigkeit gegenwärtigen Patents, dessen Inhalt wir Ihnen ans Herz legen und einschärfen, den genannten Antragsteller oder seine Vertreter voll und friedlich in seinen Genuss kommen zu lassen, ohne zu dulden, dass ihnen irgendein Hindernis oder Hemmnis in den Weg gelegt werde : Wir wünschen, dass die Kopie dieses Erlasses, der in voller Länge am Beginn oder Ende des genannten Werks abgedruckt werden muss, als vollgültig anerkannt, dass die Kopien, die durch unsere lieben und getreuen Räte und Sekretäre erstellt werden, wie das Original beglaubigt seien : Wir befehlen Unserem ersten Gerichtsdiener und Sergeanten, alles Nützliche und Erforderliche für die Durchführung des Erlasses zu veranlassen, ohne nach einer weiteren Erlaubnis zu fragen und ohne Berücksichtigung von Einsprüchen nach der Charta der Normandie oder anderen gegenteiligen Schreiben, denn dies ist Unser Wille.

Gegeben zu Versailles am neunten Tag des September im Jahr Tausendsiebenhundertsieben-unddreißig und in Unserem dreiundzwanzigsten Regierungsjahr.

Für den König und seinen Rat

Sainson

Eingetragen in das Register IX der Königlichen Kammer der Buchhändler und Drucker zu Paris, N° 528, Blatt 494, gemäß den alten Richtlinien, bestätigt durch diejenigen vom 28. Februar 1723.

Paris, 18. September 1737

Langlois, Syndicus



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Vgl. Wolf Lepenies, Melancholie und Gesell-schaft. Frankfurt a.M. 1969 - Die rekurrent auf-
tretende Melancholie Ludwig des Fünfzehnten
hatte individualgeschichtliche Gründe und wurde
durch die Überforderung des Königs immer wieder motiviert : Auch er war ein Darsteller von Herr-
schaft.
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Vgl. Robert Darnton, Glänzende Geschäfte. Die Verbreitung von Diderots Encyclopédie oder : Wie verkauft man Wissen mit Gewinn ? Berlin : Wagenbach 1993
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Vgl. Edgar Mass, Literatur und Zensur in der frühen Aufklärung : Distribution und Rezeption der Lettres Persanes. Frankfurt a.M. : Klostermann 1981
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Vgl. Frédéric Rideau (2008), «Commentaire sur le Code de la Librairie et de l’Imprimerie» in: L.Bently / M. Kretschmer (Hg), Primary Sources on Copyright (1450-1900). www.copyrighthistory.org ‒ Die Folge der Benachteiligung der Drucker in der Provinz war eine verstärkte Tätigkeit im Bereich des illegalen Nachdrucks oder des Imports verbotener Bücher.


Anlässlich des Privilège du Roi in Blondels Abhandlung :

Wie die Zensur im Ancien Régime funktionierte
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Armin Volkmar Wernsing
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Zensur ist die Unterdrückung der für die Öffentlichkeit bestimmten Information eines Dritten. Wer eigene Informationen zurückhält oder verfälscht, handelt unter Umständen unredlich, ist aber kein Zensor. Die amerikanische Regierung, die ihr vorliegende Informationen über Kriegsverbrechen der eigenen Truppe zurückgehalten hat, wünscht die öffentliche Meinung zu ihrem Gunsten zu beeinflussen ‒ wie auch nach deren Veröffentlichung durch Wikileaks (Oktober 2010) durch die Behauptung, diese Veröffentlichung bringe die eigene Sicherheit in Gefahr, hat aber keine Zensur ausgeübt. Überhaupt ist die Gefahrenabwehr die Standardbegründung für das Zurückhalten, Verfälschen oder Verbieten von Informationen. Erforderlich ist aber in jedem dieser Fälle das Vorhandensein einer Öffentlichkeit, deren Informationsstand oder Meinung in irgendeiner Weise bedeutsam ist.

In den meisten Fällen ist Zensur ein Zeichen von Schwäche. Das ist nicht immer so: Es kann durchaus die übereinstimmende Meinung eines Großteils der Öffentlichkeit sein, dass Symbole des Nationalsozialismus nicht gezeigt werden dürfen, dass Kinderpornographie strafbar ist. Hier kann sich der Staat, der solches Treiben verbietet, auf die Zustimmung seiner Bürger berufen. Damit findet Artikel 5.1 des Grundgesetzes keine Anwendung. In anderen Fällen dient die Zensur der Sicherung der Herrschaft, wozu der Nationalsozialismus selber ein gutes Beispiel lieferte, als er, als eine der ersten Maßnahmen, zu öffentlichen Bücherverbrennungen aufrief. Auch die katholische Kirche zeigt mit ihren freilich nicht durchweg erfolgreichen Zensurbemühungen ein solches Verhaltensmuster. Sie hat sich freilich nicht damit begnügt, einen Katalog librorum prohibitorum aufzustellen und den Index durch die Jahrhunderte fleißig zu ergänzen, sondern, sehr charakteristisches Zeichen des Misstrauens in die eigene Überzeugungskraft, deren Autoren eingesperren oder ‒ der Fall Giordano Bruno ‒ verbrennen lassen.

Kurz, mediale Produktion ist immer herrschaftsrelevant. Enzensberger hat darauf hingewiesen, dass heutzutage bei Revolten oder Revolutionen als erstes die Radio- und Fernsehstationen besetzt werden : In Zeiten, in denen Herrschaft sich auf Volkes Meinung beruft, ein unentbehrlicher Schritt der Manipulation.

Wie steht es aber bei Herrschaftssystemen, die allem Anschein nach stabil sind ? Der Absolutismus ist, des Namens wegen, ein solcher Fall scheinbar unangefochtener Ausübung von Herrschaft. Allerdings ist dies ein Irrtum. Der Absolutismus, die alleinige Herrschaft einer Person, die alle Entscheidungen treffen darf, war von seiner Staatskonstruktion her ein überaus instabiles Gebilde, von Anfang an. Das merkt man natürlich nicht, wenn man sich von Symbolen wie „Sonnenkönig“ blenden lässt. Der Absolutismus konnte nur funktionieren, seitdem es ein ökonomisch mächtiges Bürgertum gab, das mit seinen Ansprüchen die Ansprüche von Adel und Klerus ausbalancierte. Etwas verkürzt : Der Absolutismus ist das Produkt von Manufaktur und Handel. Zunächst war der landwirtschaftlich orientierte Adel der große Verlierer des neuen Systems ; seine Entmachtung als Ergebnis der Fronde-Aufstände rief, wie man weiß, eine Welle psychischer Erkrankungen hervor, die als Melancholie überliefert sind. (Deren ausführliche Darstellung ist aber älter und stammt aus England: Robert Burtons Anatomy of Melancholy (1621). ) Eine große Zahl von Adligen unter Ludwig dem Vierzehnten litt unter dieser Krankheit, aber man kann als Beispiel aus der Literatur auch den Misanthrope anführen, der sich nicht anpassen will und zum Rückzug in die Provinz gezwungen wird. Dort kann Alceste er selbst und aufrichtig sein und in begrenztem Maße herrschen, in Versailles hatte er hauptsächlich eine Statisten-Funktion, was eine gefährliche Lage ist : Herrschaft darstellen, sie jedoch nicht wirklich besitzen. Eben dies produziert die oben genannte Melancholie, von der Alceste nicht frei ist.

Auf der anderen Seite darf das Bürgertum trotz des inzwischen angehäuften Reichtums auch nicht zu mächtig werden. Es wird durch das protektionistische System Colberts ökonomisch geschützt und finanziert andererseits die Ausgaben des Staats, darf aber keine politische Macht ausüben. Der Fall Fouquet ist dafür ein gutes Beispiel : Sobald der Souverän seine Herrschaft wegen der ökonomischen Macht gefährdet sieht, schlägt er zu. Wir werden auf Fouquet zurückkommen.

Tatsächlich also ist das absolutistische System am besten mit dem Bild der Waage zu vergleichen ; solange sie im Gleichgewicht ist, kann sich der Alleinherrscher im Drehpunkt der beiden Arme behaupten, gerät dieses Gleichgewicht in Gefahr, muss der König repressiv eingreifen. Er ist also schon innenpolitisch nicht wirklich frei in seinen Entscheidungen, sondern hat den Ausgleich unterschiedlicher, ja gegenläufiger Interessen zu berücksichtigen. Das „Volk“ im heutigen Sinn spielt dabei allerdings keine Rolle: Der vierte Stand der Tagelöhner, Arbeiter und Bauern wird bis zur Mitte des 18. Jahrhunderts als politischer Akteur kaum wahrgenommen, vielleicht mit Ausnahme der Stadtbevölkerung von Paris, die als bewegliche Masse von Kleingewerbetreibenden ein, übrigens des Lesens fähiges Gefahrenpotential darstellt. Zu Zeiten Ludwigs des Vierzehnten reichte die Polizei, um hier die Ordnung durchzusetzen.

Eine Reihe von Entscheidungen des Königs wird man daher nicht nur unter dem Gesichtspunkt absolutistischer Vereinheitlichung betrachten dürfen, sondern auch unter dem der Berücksichtigung relevanter Kräfte wie der der Kirche : Die Révocation de l’édit de Nantes zum Beispiel, welche die Huguenotten aus Frankreich vertrieb, oder das Verbot des Jansenismus. Hugenotten wie Jansenisten waren Vertreter systemgefährdender Ideologien und störten die Machtbalance. Der König kann diese ausgleichende Rolle nämlich nur dann spielen, wenn er selbst eine unbeschädigte Autorität hat. Daher die Macht der Kirche, die das legitimierende Gottesgnadentum garantierte. Von ihr konkurrierende Glaubensrichtungen fernzuhalten, ist darum auch das Interesse des Königs.

Die Régence-Zeit nach dem Tod Ludwigs des Vierzehnten brachte nun eine ganze Reihe von Ereignissen, welche dieses Gleichgewicht der Kräfte immer wieder in Gefahr brachten.

Es fing damit an, dass die Legitimität des Régent selber etwas zweifelhaft war. Ludwig der Vierzehnte hatte in seinem Testament vom 2. August 1714 den Duc du Maine zum Vormund des vierjährigen Thronfolgers bestimmt und den eigentlich zuständigen Duc d’Orléans, seinen Neffen Philippe, ausgeschlossen. Philippe focht das Testament vor dem Parlement de Paris mit Erfolg an: Allerdings bezahlte er seinen Sieg mit der Wiederherstellung des seit sechzig Jahren abgeschafften droit de remontrances, was dem Parlement, einer Art Verfassungsgericht, eine neue Autorität gab. Eine erste Bresche in das Herrschaftssystem war geschlagen. Die Entwicklung in den kommenden Jahren zeigte, dass diese bevorzugte Behandlung des Gerichts - und der Provinzparlamente - aus Sicht der absoluten Monarchie ein Fehler gewesen war.

Ungeschickte Entscheidungen zugunsten des hohen Adels, zum Beispiel die Einrichtung einer hundertköpfigen Regierung mit mehreren Kammern, die „Polysynodie“, trugen nicht zur Stabilisierung des Ansehens des Regenten bei, der das Pech hatte, mit Spanien einen teuren (allerdings siegreichen) Krieg führen zu müssen (1719). Ganz nebenbei war der Régent auch noch persönlich angreifbar. So beschuldigte man ihn eines inzestuösen Verhältnisses mit seiner eigenen Tochter, Marie Louise Élisabeth d’Orléans (1695 - 1719) : Der junge Voltaire, protegiert vom Duc du Maine, machte darüber perfide Verse, was ihn im Jahre 1717 durch eine Lettre de cachet in die Bastille führte, wo er elf Monate blieb.

Denn schlimmer noch als diese Missgeschicke war die finanzielle Lage des Staates. Frankreich war bankrott. Beim Tode Ludwigs des Vierzehnten betrug die Staatsschuld etwa drei Milliarden Livres, hauptsächlich durch die fortwährenden Kriege verursacht. Diese Summe stellte etwa ein Drittel des Bruttoinlandsprodukts dar und kostete jährlich 86 Millionen Livres Zinsen bei Staatseinnahmen von 74 Millionen und Staatsausgaben von 140 Millionen Livres. Die seit 1710 eingeführte Einkommenssteuer, le dixième, konnte wegen des unterentwickelten Rechnungswesens nicht genügend Einnahmen produzieren; es waren Verhältnisse wie in Griechenland vor dem Beinahe-Staatsbankrott 2010 : Millionäre konnten ungestraft behaupten, sie hätten keinerlei Einkünfte, denn kontrollieren ließ sich das nicht. Bei der Unterschicht war auch nichts zu holen : Wegen des kalten Winters 1709 gab es Missernten, und die Bauern empfingen die Steuereintreiber mit Mistgabeln. Gleichzeitig stiegen die Lebensmittelpreise ins Unbezahlbare. 1714 erlag ein Großteil des Viehs einer Epidemie. Viele Manufakturen gaben den Betrieb auf, da sie ihre Produkte im Inland nicht absetzen konnten (im Ausland erst recht nicht, denn der merkantilistische Protektionismus war auch dort verbreitet), die Arbeitslosigkeit stieg,. Allerdings waren die Arbeiter, auch qualifizierte wie die Buchdrucker, an zeitweilige Arbeitslosigkeit und weite Reisen zum nächsten Arbeitsplatz gewöhnt, weil sie häufig nur für ein bestimmtes Projekt eingestellt und danach wieder entlassen wurden, ein Zustand, der sich seit Ende der neunziger Jahre des vorigen Jahrhunderts wieder abzeichnet. Das ist der Fortschritt. Die grassierende Korruption tat ein Übriges. So war die Lage zu Beginn der Régence. Sie verschlimmerte sich in den folgenden Jahren. Auch die ersten Maßnahmen, die 1716 auf Ratschlag der beiden Bankiers Pâris durchgeführt wurden, änderten nicht viel an dem finanziellen Desaster. Philippe d’Orléans verfügte eine Umschuldungsaktion, bei der 600 Millionen Schuldtitel um zwei Drittel abgewertet wurden, zweitens eine Art Währungsreform unter Neubewertung des Goldwerts, was nichts anderes war als eine inländische Abwertung und Geldentwertung; und schließlich noch eine gerichtliche Verfolgung der schlimmsten Finanzhaie und Kriegsgewinnler, was natürlich sehr populär war, aber die Lage nicht wirklich besserte.

In diesem Augenblick erlebt Frankreich das erste Mal in diesem Jahrhundert ‒ ein zweites Mal wird in der Revolution folgen ‒ ein finanzielles Desaster, das nicht nur Goethe in Faust II inspiriert hat, sondern auch stark an die Bankenkrise des Jahres 2008 erinnert. Der Mechanismus ist eigentlich immer derselbe. Die Ware Geld verdankt ihren Wert ja nur dem Vertrauen darauf, dass sie einen hat. Bei Aktien oder den modernen Finanzprodukten, den berüchtigten Derivaten der amerikanischen Banken etwa, ist das nicht anders. Auch die Assignaten der Revolution basierten auf einem solchen vermeintlichen Fixwert : den konfiszierten Gütern des Adels und der Kirche, waren also eine Form der Immobilienspekulation.

Andererseits ist Geld oder dessen Substitute, wenn man einmal das Stadium des Tauschhandels verlassen hat, ein unentbehrliches Mittel, um eine Volkswirtschaft in Gang zu halten, oder wie John Law ‒ um den es hier gehen wird ‒ in seinen Considérations sur le numéraraire et le commerce (1705) es sehr viel poetischer ausgedrückt hat:

La monnaie est dans un État ce que le sang est au corps humain; sans l’un, on ne saurait vivre, sans l’autre, on ne saurait agir.

Law, nach Joseph Schumpeter der erste Geldtheoretiker, entwickelt für das Geld nicht nur den Vergleich mit dem Blutkreislauf (der erst 1628 von William Harvey für Europa zutreffend beschrieben worden war, eine arabische Lehre dazu gab es schon vorher), sondern vor allem die Konsequenz, dass es mehr davon geben müsse. Dafür reicht eine Metallwährung nicht aus ; es gibt nicht genügend Gold, und man kann die Menge auch nicht beliebig vermehren. Das Papiergeld hat Law zwar nicht erfunden, aber (zeitweilig) erfolgreich durchgesetzt.

Vielleicht sollte man hinzufügen, dass diese monetaristische Sicht der Dinge nicht ganz falsch war und dass die in einem Land zirkulierende Menge an Geld als fasslichen Gegenwert ja keineswegs nur eine bestimmte Menge an Edelmetall zu haben braucht. Die landwirtschaftliche oder manufaktorielle Produktion eines Landes sowie dessen Produktionsmittel stellen ja auch einen Wert dar, der aber nur mit Hilfe von Geld in entsprechender Höhe realisiert werden kann. Die Schwierigkeit entsteht dadurch, dass dieser Gegenwert mit Angebot und Nachfrage schwankt, was eine Feinsteuerung der Geldmenge erfordert hätte, die aus vielerlei Gründen nicht funktionieren konnte.

Jedenfalls erlaubte Philippe d’Orléans Law im Mai 1716 in der Rue Quincampoix eine Privatbank zu eröffnen, deren Betriebskapital von sechs Millionen Livres aus Aktien bestand, die nur zu einem geringen Teil durch Metallgeld gedeckt waren. Die Aktienkäufer spekulierten also auf den Erfolg der Bank, womit sie zunächst auch nicht Unrecht hatten ; da die Aktien frei verkäuflich waren und man mit ihnen auch Steuerschulden begleichen konnte, waren sie so gut wie Bargeld, da sie de facto vom Staat garantiert wurden. Für alle erkennbar wurde diese Verbindung zum Staat zwei Jahre später, am Tag der Umwandlung der Privatbank in eine Banque royale. In diesem Augenblick wurde die Notenpresse angeworfen : Innerhalb von drei Monaten produzierte man 71 Millionen Livres an Papiergeld.

Da der Staat allein nicht genügend an Vertrauenskapital bereitstellen konnte, gab es ein zweites Standbein : die Compagnie de l’Occident et du Mississipi. Diese funktionierte nach dem gleichen Modell. Aktien dieser Gesellschaft erwarb man im Vertrauen darauf, dass in Französisch-Louisiana glänzende Geschäfte zu machen waren, weil dort angeblich große Goldvorräte der Erschließung harrten. Allerdings befanden sich zu dieser Zeit gerade einmal 500 französische colons in Louisiana, und Gold gab es dort keines. Law ließ daher verschlossene Wagen durch Paris zirkulieren, in denen, so das gestreute Gerücht, Gold transportiert wurde; kurz, der Wert der Aktie ‒ er stieg in kurzer Zeit von 500 auf 18.000 Livres, und keineswegs nur Reiche spekulierten mit ihr, sondern jedermann ‒ basierte auf Bluff, was nicht hinderte, dass die Compagnie eine zeitlang glänzende Zahlen produzierte und konkurrierende Entwicklungsgesellschaften schluckte. Law ließ sich das Tabakmonopol übertragen und wurde auch mit der Steuereinnahme betraut. Die private-public-partnership, wie man heute sagen würde, funktionierte ausgezeichnet : Die gegenseitige Stützung des Vertrauens entsprach der Devise des unsoliden Handwerkers : „Das hält in sich“. Einige Volkswirtschaftler zeigen sich noch heute davon überzeugt, dass dieses Verfahren hätte funktionieren können, was vielleicht weniger für Law, für rein monetaristisch orientierte Volkswirtschaftslehren jedoch sehr erhellend ist.

Einer der wenigen Persönlichkeiten der Régence, die sich den Spekulationen Laws entgegenstellten, war der Kanzler und Siegelbewahrer Henri François d’Aguesseau (1668 - 1751) ‒ wir werden ihn im Privilège von Blondels Buch wiederfinden. Wegen dieser Opposition fiel er 1718 in Ungnade, wurde aber nach dem Zusammenbruch der Bank wieder eingestellt, ein Wechselspiel, das ihm später noch einmal geschah.

Das durch und durch moderne System Laws brach in dem Augenblick zusammen, als die Luftgeschäfte nicht mehr zu verheimlichen waren. Inzwischen hatte das Papiergeld einen nominellen Wert, der den des Metallgelds sechsmal überstieg. Die ersten Geschäftsleute, besser informiert, so der Prince de Conti und der Duc de Bourbon ließen sich in Metall auszahlen und fuhren zu diesem Zweck mit Lastwagen bei der Bank vor, was nicht unbemerkt blieb. Der Bankrott der Bank im Dezember 1720 war unvermeidlich. Law floh mittellos ins Ausland.

Dieser erste Börsenkrach hatte aber nicht nur den Ruin vieler Anleger zur Folge ‒ wie gesagt, es waren nicht nur Reiche ‒ sondern eben eine Vertrauenskrise, die auch den Staat betraf, der ja mitgespielt hatte. Spätestens ab diesem Zeitpunkt musste der Staat damit rechnen, dass seine Repräsentanten und seine Maßnahmen kritisch beäugt wurden. Und selbst einem absolutistischen System kann der Vertrauensschwund der Untertanen nicht gleichgültig sein. Freilich wird man die Affäre Law aus heutiger Sicht nicht überbewerten wollen : In einer Zeit, in der Banken Staaten und Staatengemeinschaften mit ihrem eigenen angedrohten Bankrott zu erpressen vermögen, wird man die Pleite der Law-Bank nur als Unfall ansehen, allerdings als einen für den absolutistischen Staat recht peinlichen.

Nicht dass die Episode, von der ich hier erzählt habe, nun die Ursache für das Aufblühen der aufklärerischen Kritik gewesen wäre, die heftete sich ja längst auch an anderen Autoritäten und Sachverhalte, aber ein Moment in der Geschichte der Aufklärung ist sie gewiss, denn Ideen setzen sich dann am leichtesten durch, wenn sie auch eine handfeste Alltagserfahrung zur Seite haben. Die Autoren selbst können mit ihren Lebensgeschichten davon berichten.

Ihr Status hatte sich im Laufe des 17. Jahrhunderts, besonders aber im 18. Jahrhundert sehr geändert. Eigentlich konnte man ja nie vom Schreiben leben. Berufsschriftsteller gibt es kaum, mit Ausnahme von Theater-Autoren wie Molière. Entweder man hatte ein Amt, das zum Schreiben berechtigte beziehungsweise veranlasste, oder man schrieb nebenher. Als nicht mönchisches Beispiel möge der Rechtsgelehrte Jean Bodin (1530 - 1596) dienen, der den Absolutismus theoretisch vorbereitete, als erster die Inflation beschrieb, aber auch ein Buch über Hexen veröffentlichte, und seinen Lebensunterhalt hauptsächlich als Anwalt und Staatsanwalt verdiente. Als Gegenbeispiel erwähne ich den als Fabel-Autor bekannten La Fontaine (1621 - 1695), dessen Biographie erhebliche Höhen und Tiefen hatte. Er stammte im Unterschied zu Bodin aus dem niederen Amtsadel (Bodin war Sohn eines Schneiders), hatte aber keine Beziehung zu der charge seines Vaters, der Jagd- und Fischerei-Aufseher war, eine charge, die er erbte und später verkaufte, ohne sie je wirklich ausgeübt zu haben. Man muss sich den jungen La Fontaine als eine Art Bohémien und Spätentwickler vorstellen, der alles anfasst und nichts beendet. Er studiert mal Theologie, mal Jura und wird um 1659 auch - wie Bodin - als Anwalt beim Parlement erwähnt. Einer beruflichen Tätigkeit ist er aber wohl nicht regelmäßig nachgegangen. Immerhin, er ließ sich mit einer Vierzehnjährigen verheiraten, über deren Onkel er Kontakt zum Kreis um den Finanzminister Nicolas Fouquet bekam, dessen Protektion er nunmehr genoss. Aus dieser Zeit stammen seine ersten literarischen Werke, ein Epos „Adonis“, das er Fouquet widmete und das Gedicht „Le Songe de Vaux“ (um 1659), aus dem diese Zeilen stammen, in denen er die Schönheiten des Schlosses Vaux-le-Vicomte lobpreist. Das überaus luxuriöse Anwesen hatte Fouquet von Louis Le Vau erbauen und mit einem Garten von Le Nôtre ausstatten lassen. La Fontaine rühmt beide Schönheiten :

Il me fit voir en songe un palais magnifique,
Des grottes, des canaux, un superbe portique,
Des lieux que pour leurs beautés
J'aurais pu croire enchantés,
Si Vaux n’était point au monde:
Ils étaient tels qu'au Soleil
Ne s'offre au sortir de l'onde
Rien que Vaux qui soit pareil.

(La Fontaine, Le Songe de Vaux, chap. prem.)

Man sieht sogleich, dass es sich um bestellte Dichtung handelt ; und es war in der Tat die Aufgabe des angestellten Hofpoeten, seinen Auftraggeber mit Panegyrikoi zu beglücken. Diese Rolle hat La Fontaine ausgefüllt, auch später noch, als Fouquet gestürzt war und im Gefängnis von Pignerol dahinvegetierte. Zeugnis davon gibt die bekannte Fabel „Le chêne et le roseau“, in der La Fontaine keineswegs die Geschmeidigkeit des Rückgrats anpries, sondern seinem Gönner im Bild der gestürzten Eiche ein Denkmal setzte. Angeblich war die Verhaftung Fouquets die Folge des Besuchs, den der König dem Schloss am 17. August 1661 abgestattet hatte : Louis XIV soll sich über die Versailles vorwegnehmende Pracht geärgert habe. Aber das dürfte nur der Tropfen gewesen sein, der das Fass zum Überlaufen brachte. Schließlich war der Louvre veraltet und Versailles nur ein zugiges Jagdschlösschen. Fouquet hatte zwar unzulässigerweise Staatsgeschäfte mit eigenen Finanzoperationen vermischt und dabei ein Vermögen gemacht, welches das des Kardinals Mazarin überstieg. Der König handelte jedoch vor allem gemäß der Rationalität des Absolutismus, als er eine zu mächtige finanzielle Macht ausschaltete, die Ansprüche auf das Amt des ersten Ministers stellte, und die Balance etwas gewaltsam wiederherstellte. La Fontaine konnte beim Fall des Mächtigen nur zusehen. Louis XIV hat dann 1683 auch gezögert, den unzuverlässigen Dichter in die Académie aufnehmen zu lassen, eine Einrichtung, die eigens von Richelieu gegründet worden war, um die Positiv-Kontrolle über die literarische Produktion zu gewährleisten. Derselbe Richelieu hatte übrigens die Zensur, die vorher von der theologischen Fakultät wahrgenommen worden war, im Jahre 1619 verstaatlicht und damit von einem Mittel zur Kontrolle des Glaubens zu einem Instrument der Herrschaftssicherung gemacht. Die Mischung aus Förderung durch staatliches oder privates Mäzenatentum und Unterdrückung durch Zensur sollte das ganze Ancien Régime hindurch die Medienpolitik bestimmen.

Das konnte so funktionieren, weil aus der Literaturproduktion ein eigenes Einkommen kaum zu erwirtschaften war. Erst am ganz am Ende des Ancien Régime taucht der Gedanke des geistigen Eigentums überhaupt erst auf. Man kann das sogar ziemlich genau datieren, nämlich auf den 3. Juli 1777, den Tag, an dem Beaumarchais etwa 30 seiner Kollegen Theaterdichter zu einer Versammlung einlud, auf der eine société des auteurs dramatiques gegründet werden sollte. Denn die Theater hatten sich der Texte nach einmaliger Bezahlung des Autors frei bedient. Es sollte dann noch fast 20 Jahre dauern, bis die Assemblée Constituante der Revolution das droit d’auteur anerkannte und befand, dass „la plus sacrée, la plus inattaquable et la plus personnelle de toutes les propriétés est l’ouvrage, fruit de la pensée de l’écrivain“ (13 janvier 1791).

Schon anfangs des 18. Jahrhunderts, erst recht aber in den folgenden Jahrzehnten wurde die Kontrolle der Buchproduktion immer schwieriger, und zwar deshalb, weil sich allmählich der Typus des freien Schriftstellers herauszubilden begann, wie wir ihn dann in Denis Diderot vorfinden. Diese weder durch ein Staats- oder Kirchenamt noch durch eine Stellung als Hofdichter eingemeindeten Schriftsteller waren natürlich besonders zu fürchten und die gesamte Buchproduktion unter staatliche Aufsicht zu stellen. Ich lasse hier eine ganze Reihe von sich abzeichnenden Konsequenzen dieser neuen Stellung der Literaturproduzenten weg ‒ wichtig wäre etwa die für den Autor zunehmende Anonymisierung seines Publikums ‒ und befasse mich nur mit der staatlichen Reaktion, der Verschärfung der Zensur.

Dies geschieht nun in Frankreich nach der Logik des Führerscheins : Es ist nicht gestattet, Auto zu fahren ; wer es trotzdem tun will, bedarf einer staatlichen Sondergenehmigung. Es ist verboten, etwas zu publizieren ; wer es trotzdem tun will, braucht das Privilège du Roi. Um Irrtümern vorzubeugen : Dieses ist nicht eine Erfindung des 17. oder 18. Jahrhunderts, sondern schon älter. Ein solches juristisches Dokument finden wir auch zu Beginn von Blondels Buch über die künstlerische Gestaltung der Maisons de Plaisance. Es ist ein Standardtext, der in jedem in Frankreich erscheinenden Werk abgedruckt werden musste, wenn nicht Ausnahmefälle wie die einfache Genehmigung oder eine permission tacite vorlagen. Letztere ermöglichte den Vertrieb von Werken ausländischer Herkunft oder auch von Büchern, die in Frankreich unter Angabe eines falschen Druckorts erschienen waren. Wer nicht damit rechnen konnte, dass seine Schrift das Privilège bekommen würde, suchte deshalb um die stillschweigende Erlaubnis nach. Das ist zum Beispiel 1721 der Fall, bei den „Lettres Persanes“ von Montesquieu, mit falschem Impressum „Pierre Marteau, Cologne“ erschienen, in Wirklichkeit in Amsterdam bei Susanne de Caux, veuve de Jaques Desbordes. Allerdings wurde auch die Erteilung der permission tacite vom damaligen Zensor abgelehnt : Er folgte den restriktiven Anweisungen des sittenstrengen Kanzlers d’Aguesseau. Der Verbreitung des Romans tat das keinen Abbruch. Ohnedies wurde die Zensur in den letzten Jahrzehnten des Ancien Régimes indulgenter, so daß Malesherbes sogar der Encyclopédie das Privilège erteilen konnte ‒ der Druck der Öffentlichkeit hatte sich einfach erhöht. Dies wiederum, weil die Buchproduktion sich niemals gänzlich hatte kontrollieren lassen, weil in Paris ateliers clandestins existierten, in der Provinz und vor allem im Ausland gedruckt wurde. Neben Amsterdam sind besonders Neuchâtel und Genf bekannte Druckorte. Und weil der Bücherschmuggel beträchtliche Ausmaße angenommen hatte, wobei sich besonders der Lyoner Buchhandel hervortat.

Ein kurioses Beispiel wird von Edgar Mass in seiner Habilitationsschrift berichtet. Es geht um den Abbé Jean-Paul Bignon, der 1699 Directeur de la Librairie, also der Zensurbehörde wurde. Außerdem war er noch, seit 1701, Chefredakteur des Journal des Savants, das damit unter staatliche Kontrolle geriet. Dieser Abbé war Mass zufolge ein etwas zwielichtiger Charakter, vor allem aber bibliophil, und sammelte alle Werke, derer er in Europa habhaft werden konnte. Angeblich hatte seine Bibliothek 80.000 Bände, die er im Jahre 1720 verkaufte, und zwar an John Law. Les grands esprits se rencontrent. Dieser Bignon war natürlich als Chef der Zensurbehörde eine völlig unverdächtige Adresse; niemand beschuldigte den Abbé, die gesetzlichen Bestimmungen zu unterlaufen, aber genau dies tat er. Er ließ sich nämlich von dem Amsterdamer Verleger de Lorme paketweise Bücher schicken, und zwar nicht nur zum eigenen Gebrauch, sondern auch, um sie an einen Mittelsmann weiterzugeben, der sie an den Endabnehmer weiterreichte. Ein etwas komplizierter, aber effizienter Vertriebsweg, weil sozusagen die Zensurbehörde selbst sich als Importeur verbotener Bücher betätigte.

Nun gehört Blondels Buch gewiss nicht zu denjenigen, die der Monarchie gefährlich werden konnten. Schließlich ging es ja um die Errichtung von Bauten, die das System bestätigten. Der Zensor, ein gewissen Piton, bescheinigte dann auch, «darin nichts gefunden» zu haben, «das dem Druck hinderlich sein könnte». Er glaube, «dass dieses Werk der Öffentlichkeit nützlich sein» werde.

Welche Bestimmungen trifft nun das Privilège ?

Zunächst einmal ist das Privilège eine Anweisung an die Polizeibehörden, im Falle der Verletzung der dem Antragsteller eingeräumten Rechte tätig zu werden und die Verfolgung einzuleiten.

Nutznießer der Druckerlaubnis ist der Buchhändler Charles-Antoine Jombert (1712 - 1784), der schon in dritter Generation als Verleger arbeitete. Von der Ausbildung her war er eher Artillerie-Ingenieur, interessierte sich aber sehr für Fragen der zeichnerischen Darstellung sowie der Architektur. Dazu hat er selbst 1764 ein Buch über „L’Architecture ou l’art de bien bâtir“ geschrieben. Es handelt sich also um einen ausgesprochenen Fachverlag. Ihm gestattet das Privilège die Herstellung des Werks in einem oder mehreren Bänden und einer beliebigen Auflagenhöhe und den freien Vertrieb im gesamten Königreich. Allerdings ist diese Erlaubnis zeitlich auf sechs Jahre beschränkt ‒ man beachte die juristisch auf Eindeutigkeit abgestellte Formulierung „sechs aufeinander folgende Jahre“, die der Bücherpolizei die Identifizierung des Werks erleichtern soll ‒ und garantiert dem Verleger die Ausschließlichkeit der Nutzung durch das Verbot des Nachdrucks und dessen Vertriebs. Das dürfte der entscheidende Teil des Privilège sein. Denn der nicht autorisierte Nachdruck von Werken, deren Erfolg absehbar oder schon eingetreten war, stellte eine große Gefahr für die Buchproduktion dar. Der Nachdrucker hatte eine ganze Reihe von wirtschaftlichen Vorteilen, beginnend mit der Ersparnis des Autorenhonorars und dem Wegfall des kalkulatorischen Risikos. Das Nachdruckverbot bezieht sich auch auf Teilpublikationen und Veränderungen am Werk, die einzeln aufgezählt werden :

- Auszüge

- Verbesserungen, Veränderungen

- Titeländerung

wobei letzteres natürlich ein Teil der Vernebelungsstrategie von Nachdruckern war.

Wer Verbote erlässt, muss auch die entsprechenden Sanktionen gegen deren Übertretung spezifizieren. Die Strafe beträgt 6.000 Livres. Das dürfte eine Standard-Summe sein, deren Höhe abschreckend genug war. Ihre Verwendung ist besonders interessant. Sie dient nämlich zu einem Drittel der Befriedung des Geschädigten, also Jombert, der Rest wird in gleichen Teilen an die Behörde und an eine karitative Einrichtung, das 651 gegründete Hôtel-Dieu in Paris überwiesen, an eine Hospiz-Einrichtung, die noch nicht so sehr der medizinischen Versorgung als der Aufbewahrung und Sequestrierung der Alten, Armen und Siechen diente. Zusätzlich sind von dem Bestraften die Kosten des Verfahrens und Schadenersatz zu leisten.

Die Nutzung des Privilège ist an eine ganze Reihe von Auflagen gebunden. Er muss zunächst einmal in das Register der Buchhändler und Drucker von Paris eingetragen werden, um rechtsgültig zu sein. Der Antragsteller muss das Buch in Frankreich drucken lassen, was einerseits die Kontrolle erleichtert, andererseits eine merkantilistische Protektion darstellt ‒ im Zeitalter der délocalisations wird man dafür sicherlich Verständnis haben. Und der Verleger muss sich an die Regeln für den Buchhandel halten, er darf also nicht selbst als Plagiator tätig werden. Der Verweis auf die Verordnung (arrêt) vom 10. April 1725 schützt eigentlich eher die Pariser Verleger vor ihren Konkurrenten in der Provinz ; das entsprechende, allerdings nicht ganz eindeutige Gesetz, welches das gesamte Publikationswesen regelte, war schon zwei Jahre vorher von d’Aguesseau formuliert und vom König erlassen worden, übrigens nach heftiger Lobby-Arbeit der hauptstädtischen Drucker. Der Hinweis auf diese Verordnung von 1725 fehlt in keinem der nachfolgenden Privilèges. Die Erwähnung der Charte de Normandie (welche das Privileg der Normandie begründet hatte, vor keinem anderem als einem normannischen Gericht erscheinen zu müssen) ist nur traditionsweise aufgenommen ; die Charte war schon seit Ludwig dem Vierzehnten außer Kraft. Weiterhin, und das ist eine Absicherung der Kontrollbehörde vor nachträglichen Änderungen im Werk, müssen das Manuskript und die Druckvorlagen abgeliefert werden sowie zwei Exemplare für die Bibliothek des Königs (heute Bibliothèque nationale) und der Zensurbehörde; und zu guter Letzt muss das Privilège selbst im Buch abgedruckt sein.

Es fällt auf, dass in den Privilèges der Vertragspartner des Staats ausschließlich der Drucker-Verleger ist, vom Autor ist keine Rede. In einer Zeit, die das Recht am geistigen Eigentum noch nicht formuliert hatte, ist das nicht erstaunlich.

Die Politik vom Zuckerbrot und Peitsche, die das gesamte Verhalten des absoluten Staats gegenüber den Medien beschreibt, ist auch in diesem Dokument deutlich spürbar. Wer sich den Einschränkungen durch die Zensur unterwirft, wird mit Vorrechten belohnt, die sich auszahlen. Der Text gibt mithin einen guten Einblick in einer bewegte Epoche, die versuchte, den neuen geistigen Strömungen Einhalt zu gebieten und dabei, wie die Geschichte lehren sollte, gescheitert ist. Ludwig der Fünfzehnte, der als der Bien-aimé begann, musste bei Nacht und Nebel zu Grabe getragen werden. Sein Nachfolger musste sich unter das Fallbeil legen. Und das zeigt, dass Zensur, auch in die Form von scheinbar stabilen Gesetzen gegossen, keine unfehlbare Maßnahme ist, gestern so wenig wie heute.



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