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Das Märchen von der Entstehung des Märchens (2016)

Wolf Wucherpfennig


Wieder einmal beschloss der erleuchtete Gott Rama, unter Menschen zu wandeln. Als er sich umblickte, sah er Krieg und Chaos so wie früher auch. Doch der Krieg hatte sein Angesicht geändert, er trug nicht mehr den Keim der Erneuerung in sich, sondern er war nur noch Zerstörung. Auch die Menschen waren anders. Sie gehorchten einem Dämon, den sie selber erschaffen hatten. Er verwandelte Liebe, Hilfe und Lehre in Geld, so dass die Menschen, so wie ihre Beziehungen auch, zu Geldbeträgen wurden. Ja sie nannten sich selber nicht mehr Menschen, sondern Humankapital. Und als solches hatten sie nur noch zwei Gefühle: den Wunsch anzuwachsen und die Angst abzunehmen. Sie waren Kannibalen, denn sie wuchsen, indem sie anderes Kapital sich einverleibten, und sie nahmen ab, indem anderes Kapital sich an ihnen gütlich tat. Da sie alle nur einverleiben und nichts hergeben wollten, zerstörten sie, ohne je aufzubauen.

 

Den erleuchteten Rama dauerten die Menschen. Doch er konnte sie nicht von ihrem Dämon befreien, denn ein Dämon gehorcht nur dem, der ihn geschaffen hat, und das waren ja die Menschen selbst. Darum schenkte Rama ihnen, um sie von Chaos und strengem Rechnen wenigstens hin und wieder zu befreien, die strenge Ordnung der freien Phantasie. Nichts anderes nämlich war es, was er ihnen gab, indem er sie die Kunst des Märchens lehrte.

 

Das Märchen stellt sich nicht dumm, nein, es gründet im schrecklichen Chaos des Lebens, wo alle richtige Ordnung umgekehrt ist, wo Kinder tagtäglich arbeiten müssen, wo Eltern sie verstoßen und Riesen sie fressen, wo die Mütter in Wirklichkeit böse Stiefmütter sind, wo die Reichen nur die Reichen heiraten und die Armen unterdrücken, damit der Unterschied zwischen arm und reich immer größer wird. Und wo die Menschen alle unglücklich sind, die einen, weil immer noch nicht reich genug, die anderen, weil sie viel zu arm sind. Dagegen aber wirkt im Märchen die Ordnung der Phantasie. Sie besteht darin, dass nicht alle lediglich Geldbeträge sind, dass einer oder einige wenige etwas ganz Besonderes sind, dass sie ganz besondere Bezüge zu anderen Menschen haben, die nicht in Zahlen umschlagen, sondern dafür sorgen, dass sie ihre Besonderheit behalten, ja verstärken, was immer auch geschieht. Im Märchen heißt das Glück, und tatsächlich ist Glück ja auch nichts anderes, als mehr zu sein denn ein Geldbetrag. Wenn der arme Hans die reiche Prinzessin heiratet, dann besiegt er das Geld. Diese Besonderen und Glücklichen haben Zugang zur höheren Ordnung der Phantasie, in der nicht die höchsten Zahlen die besten sind, sondern ganz besondere: vor allem die Drei und die Sieben, drei Fragen, die man richtig beantworten, drei oder sieben Aufgaben, die man erledigen muss. Sieben Freunde bezwingen alle Widrigkeiten des schlimmen Lebens. Tiere und Pflanzen sind ihnen in der höheren Ordnung keine Verbrauchsgüter, sondern Freunde und Helfer. Und wenn die wenigen glücklich geworden sind, werden auch alle anderen glücklich.

 

Hier, im Reich der besonderen Menschen und Zahlen darf die freie Phantasie nach Belieben wirken, so dass die Menschen entspannen und beglückt träumen können. Freilich, so ist es nur im Traum, im Traum von einer besseren Welt. Mehr konnte der Erleuchtete den Menschen nicht geben. Vom Dämon müssen sie sich selber befreien. Aber das verlangt wohl Märchenhelden.

 




Gute Nachricht zu Jahresbeginn

Bonne nouvelle pour l'an 2008 : le travail créatif vous maintient en forme ! Les savants américains John Mirowsky et Catherine E. Ross ont prouvé par leurs recherches que le travail - même non-payé - vous protège et prolonge la vie. Heureusement, les Américains n'ont peur d'aucun sujet scientifique. Nous, dans la vieille Allemagne, nous nous demandons alors à quoi sert le nouveau bac central qui abolit toute créativité ...

Kreative Arbeit hält jung

Einen Beruf haben und arbeiten ist gesünder als Nichtstun. Man hat es geahnt. Aber jetzt ist es nachgewiesen : Die amerikanischen Soziologen John Mirowsky und Catherine E. Ross haben mit einer dreijährigen Befragung von über 2.500 Personen belegt, dass berufliche Arbeit jung hält, sogar Arbeit, die nicht bezahlt wird. Und dies umso mehr, wenn sie nicht Routine-Verrichtung, sondern kreativ ist. Bei einer zu 60 Prozent kreativen Tätigkeit bleibt man 6,7 Jahre jünger als bei einer Arbeit, die nur zu 40 Prozent kreativ ist.  Und man fühlt sich nicht nur jünger, sondern hat auch tatsächlich weniger gesundheitliche Probleme.

Da wird man doch nachdenklich. Das Bemühen der Schulpolitik in Nordrhein-Westfalen, den Zentral-Abiturienten jegliche Kreativität auszutreiben, (die kann man nämlich nicht mit einem vorgegebenem Antwort-Raster abtesten) und sie zu braven Nachbetern behördlicher Interpretationskünste zu machen, muss einen Grund haben. Quizfrage : Welches gesellschaftliche Problem wird dadurch wohl gelöst ?

Anbei die erschreckte Reaktion eines Schriftstellers auf die wissenschaftlich nicht zu begründende Regelung in den sprachlichen Fächern. Von den gesundheitlichen Spätfolgen konnte er noch nichts wissen.

Ein Blatt wie ein Prüfbogen vom Tüv. Oder, um das Zauberwort zu nennen: das Zentralabitur. Als Vater zweier Kinder darf ich momentan verfolgen, wie das Bemühen um die Gewährleistung einer weitestgehenden Kompatibilität von Lernerfolgen auch die geisteswissenschaftlichen Fächer erreicht. Auch die sind mittlerweile geprägt von der Tendenz, hin zum Zentralabitur all das zu unterlassen, was einer Individualisierung von Unterricht und Lernerfolgen Vorschub leisten könnte.
Ein Beispiel? Gerne: Mein Sohn schreibt eine Deutscharbeit und bekommt sie zurück mit einem eng bedruckten DIN-A4-Bogen, auf dem eine Vielzahl möglicher Teil- oder Detail-Interpretationen zu der Romanszene aufgeführt sind, die er in der Arbeit zu behandeln hatte. Mit Rotstift hat der Lehrer darin die Stellen markiert, an denen mein Sohn besonders nah an den Vorgaben war oder sie sogar genau getroffen hat. Das Blatt lag mir in der Hand wie der Prüfbogen vom Tüv. Was sagen wir dazu: Klasse! Denn so können die Schüler nicht nur genau sehen, welches Maß an „richtiger“ Interpretation sie geleistet haben; sie können überdies ihre eigenen Arbeiten mit denen anderer vergleichen und so das Zustandekommen der Note nachvollziehen.
Und was sage ich dazu? Ach, ich würde gerne auf ein Pult steigen und diese DIN-A4-Tüv-Bögen zerreißen. Eine Legitimation dafür habe ich nicht, das weiß ich. Das Verfahren ist „transparent“ und „gerecht“, es sichert „Vergleichbarkeit“ und „Objektivität“. Na logisch! Aber: Es wird dem Wesen all dessen nicht gerecht, was in den Geisteswissenschaften vermittelt und was von ihnen erstrebt wird. Gegenstand der Geisteswissenschaft sind die großen Akte eigenständigen Denkens und Empfindens – und genau dies soll den Betrachtern und Lesern nahegebracht werden. Was zur Folge hat, dass – na, logisch – die besten Ergebnisse einer solchen Anstrengung eben nicht so Tüv-mäßig zu beurteilen sind.

Burkhard Spinnen

Bravo, Burkhard Spinnen !

Was das Ministerium jedoch antreibt, ist nicht die Lust an der Transparenz, der Vergleichbarkeit und der Schein-Objektivität, sondern die administrative Ur-Angst vor dem Verlust der Kontrolle : Und die kann sich mit der Kreativität, dem Selberdenken des Kant'schen "Sapere aude" niemals abfinden.  Da schafft man doch lieber gleich die Aufklärung ab. Das hat man schon öfters versucht, auf Dauer allerdings vergeblich. Freilich braucht man in Deutschland immer eine besonders dicke Wand, vor den man den Karren der Bildung fahren kann. Man hat ihn plattgefahren, wenn noch mehr Väter wie Burkhard Spinnen merken, dass ihre Kinder auf der Schule nicht das Richtige lernen, nämlich selber zu denken.

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