titel

actuel
retour

HOCHRECHNUNG
Eva Küster

Eigentlich kann ich mich über meinen Mann wirklich nicht beklagen. Als leitender Angestellter eines internationalen Automobilkonzerns ist er zwar erstens ein Mann, zweitens Mathematiker und drittens Globalisierungsbefürworter und als solcher nicht gerade ein Ausbund an Empathie und Sensibilität. Als er mich jedoch eines Abends verzweifelt und leise schluchzend über einem Batzen Abiturarbeiten vorfand, tat er sein Bestes, mich zu trösten. „Du siehst furchtbar aus,“ sagte er einfühlsam. „Was ist los?“ Ich versuchte, es ihm zu erklären.

Ein Stapel Abiturarbeiten war an der Schule zur Zweitkorrektur eingetroffen. Nach den Bestimmungen des ersten Zentralabiturs in NRW wurde die beste Arbeit mit 3+ bewertet. Traurigerweise war die Mehrzahl der Arbeiten (also auch die 3+) sprachlich so fehlerhaft, dass dieser Leistungsbereich mit ‚ungenügend’ bewertet wurde. Aber ob ein Schüler auf 1000 Wörter 1 oder 100 Fehler macht, ändert seine Gesamtnote nur zu maximal einem Fünftel – das ist z.B. der Unterschied zwischen einer 2 und einer 3. Diese Diskrepanz zwischen ungenügender sprachlicher Korrektheit und einer mehr als befriedigenden Gesamtbeurteilung war einer der Gründe, die mich in tiefste Depression und Kulturpessimismus stürzten.

Mein Mann fand sofort eine Lösung. „Dann scheint doch wohl irgendeine sprachliche Qualität der Arbeit die völlig ungenügende sprachliche Korrektheit auszugleichen,“ vermutete er. Ich nickte. “Ja – der Schüler hat z.B. Sinnabschnitte durch Einrücken sichtbar gemacht. Das macht schon mal ein Fünftel seiner 6 wieder wett...“ Mein Mann strahlte, zufrieden ob seines therapeutischen Erfolges. „Na siehst du, du hast deinen Humor schon wiedergefunden.“ Ich wollte ihm diese Illusion nicht rauben, also verriet ich ihm nicht, dass es keineswegs ein Witz war. „Aber jetzt mal ernsthaft. Was zeichnet die Arbeit denn sprachlich noch so aus?“ Ich schluckte. „Da ist zum Beispiel der große Wortschatz...“, begann ich zaghaft.

nivelator„Augenblick mal!“ Mein Mann runzelte die Stirn.“Konnten die Schüler bei der Klausur nicht erstmals ein deutsch-englisches Wörterbuch benutzen? Sie konnten also nachsehen, was ‚Dieselmotor’ und ‚Rußfilter’ auf Englisch heißt und es dann abschreiben? Wie konntest du denn dann den Umfang ihres eigenen Wortzschatzes beurteilen?“ Darauf wusste ich keine Antwort.

„Nun ja, es gab auch noch Punkte für abwechslungsreiche Satzstrukturen – Nebensätze, Infinitive und so weiter,“ gab ich zu bedenken. Dies leuchtete meinem Mann ein. „Na also – der Schüler konnte also beweisen, dass er komplexe Satzstrukturen richtig bilden kann. Das ist doch tatsächlich eine Leistung!“ Ich musste ihn enttäuschen. „Nein – gerade wegen der Komplexität dieser Strukturen hat er ja solch Unmengen von Fehlern gemacht – war eben zu schwer für ihn...“ Seine Miene verfinsterte sich wieder. „Du musstest ihm also Punkte geben für etwas, was er NICHT konnte?“ „Ja, weil er es doch VERSUCHT hat!“ „Ja, aber er ist daran GESCHEITERT!“ Ich begann, ihm den tieferen pädagogischen Sinn dieser Bestimmung zu erläutern. „Sieh mal – wenn ich keinen Punkt für komplexe, wenn auch fehlerhafte, Strukturen gäbe, würde er vielleicht nur einfache Hauptsätze aneinanderreihen.“ „Ja, wäre das denn nicht besser, weil er das dann richtig machen würde?“ Wieder wusste ich nichts zu entgegnen.

„Lass mich mal zusammenfassen,“ sagte mein Mann, der seine Zeit nicht gern mit nutzlosem Lamentieren verschwendet. „Wenn sich also im Sommer ein Abiturient aus NRW bei mir bewirbt, der eine 3+ im Grundkurs Englisch hat, kann es sein, dass dieser junge Mensch über ein Thema, auf das er sich wochenlang im Unterricht vorbereitet hat, selbst mit Hilfe eines zweisprachigen Wörterbuchs nur ungenügend korrekt schreiben kann? Und das nennt ihr dann eine voll befriedigende Leistung? Welche Aussagekraft hat diese Note denn dann?“

Mein Mann ist doch ein kaltherziger Industrieknecht und Globalisierungsbefürworter! Kurz vor dem Einschlafen zischte er mir ins Ohr: "Jeder Schüler, den IHR mit einer wertlosen Note in der Weltsprache Englisch, die seine Defizite verschleiert, in die Welt hinausschickt, konkurriert mit Tausenden von Bewerbern aus Indien oder China, die alles getan haben, um perfekt Englisch zu lernen. Und ihr glaubt, ihr tätet euren Schülern etwas Gutes ..."



retour