


|
Unter der Marke
"Perfekta" vertreibt die Firma N. aus einer Kleinstadt in
Nordrhein-Westfalen den hier abgebildeten "Jalousie-Reiniger" und
verspricht als Vorteil für den Käufer: "Kein aufwendiges
Putzen mit dem Staubtuch". Sehen wir uns das Gerät an:
![]() Photo: avw
Die gelben Bürsten sind auf sieben dicke, kaum elastische Plastikdorne gestülpt. Um mit diesem Apparat eine Jalousie - genauer: eine Jalousette - reinigen zu können, muss der Benutzer jede einzelne Lamelle in die Zwischenräume der Bürsten einführen, bei sechs Lamellen pro Arbeitsgang dauert dieser Vorgang ungefähr zehn Sekunden,bevor man mit dem Staubwischen anfangen kann; bei etwa neunzig Lamellen und fünf Jalousiesegmenten braucht man dazu also 90 : 6 x 5 x 10 = 750 Sekunden = zwölfeinhalb Minuten, ohne dass damit schon ein einziges Staubkorn entfernt worden wäre, es ist nur die Vorbereitungzeit. Außerdem kann es passieren, dass einzelne Bürsten beim Zurückziehen des Geräts zwischen den Lamellen hängenbleiben und wieder auf die Plastikdorne zurückgesteckt werden müssen, was die Arbeitszeit verlängert. Es geht viel
schneller mit einem einfachen Staubwedel. Das abgebildete
Gerät
ist eine klassische Fehlkonstruktion. Von einem solchen durchaus
schätzenswerten Apparat würde man eine Arbeitserleichterung
erwarten; tatsächlich kompliziert er den simplen Reinigungsvorgang.
Dieses Gerät ist ein kulturelles Menetekel und ein Symptom für den intellektuellen Niedergang - vielleicht auch für die kaltschnäuzige Frechheit von Hersteller und Vertrieb, mit der der ahnungslosen Hausfrau (dem naiven Hausmann) ein untüchtiges Gerät angedreht wird. Aber das bleibe hier außer Betracht. Beschäftigen wir uns lieber mit den tiefinneren Gedanken des Konstrukteurs, der diesen Apparat entwickelt hat. Er hat sich gesagt, dass es praktisch wäre, mehrere Lamellen einer Jalousie mit einem Strick gleichzeitig auf der Ober- und der Unterseite reinigen zu können. Das ist sehr einleuchtend. Ein gewisser Druck muss dabei auf die Lamellenoberfläche ausgeübt werden, sonst wird der Staub nicht eingefangen; der Abstand zwischen den Bürsten darf daher nicht zu groß sein. Auch richtig. Das Gerät muss sicher geführt werden können, sonst reißt man bei einer ungeschickten Bewegung die ganze Jalousette ab. Daher der solide, etwas bedrohlich wirkende Plastikgriff, bei dem ein Loch nicht vergessen wurde, mit dessen Hilfe man das Gerät auf eine Aufhängevorrichtung samt Preisschild im Ladenregal hängen kann, ein schätzenswertes Detail. Die Bürstenrollen müssen abnehmbar sein, damit man sie auswaschen kann: eine großartige vorhersehende Planung. Das einzige, winzige und ungelöste Problem ist die Frage, wie man die Lamellen in die Bürstenschlitze bekommt, und diese Lücke der Konstruktionsplanung macht das Gerät nahezu unbrauchbar. Rastloser Ärger ist garantiert. Ein prima Auto - fahren sollte man damit aber besser nicht. Vielleicht hätte man das Problem durch eine konische Gestaltung der Bürsten und flexiblere Plastikdorne lösen können. Ist der Sprung zur Bildungspolitik in Deutschland gezwungen? Erstens hat es ja schon immer patentierten Schrott gegeben, und zweitens wissen wir nicht einmal, ob der Staubwischer in Deutschland entworfen und hergestellt wurde. Ehre sei dem namenlosen Konstrukteur. Auf eine vertrackte Weise hat dieses Symbol der Untauglichkeit aber doch etwas mit der Bildungspolitik zu tun, wie sie hierzulande betrieben wird. Es ist die durch die Standardisierung der Prüfungen befestigte Unfähigkeit, sich selber Probleme stellen, sie durchdenken und sie kreativ lösen zu können. Jeder, der die Lage eines rohstoffarmen Landes durchdenkt, wird dem zustimmen, dass dies die Qualifikationsbeschreibung der künftig arbeitenden Generationen ist. In der ursprünglichen PISA-Studie waren einfache Aufgaben dieser Art durchaus enthalten, nicht beim Verstehen von Texten, aber in der angewandten Mathematik, immerhin. In der Reaktion des Bildungsministeriums ist davon aber überhaupt nichts übriggeblieben. Hier setzt man statt der notwendigen Inventivität auf die Sturheit der Standardisierung, konkret: auf die Beantwortung von (simplen) Fragen, deren Antworten vorgegeben sind. Jeder zu verstehende Text - und damit komme ich auf die mir näherliegenden sprachlichen Fächer - ist jedoch ein Problem, etwas "Vorgeworfenes", das der Leser zu lösen hat, im Horizont seiner Verstehensintentionen (besser: der Verstehensnotwendigkeiten, damit die Sache nicht zu beliebig wird) und unter Anwendung allen seines Wissens und geeigneter Methoden, die auszuwählen gar nicht so einfach ist. Das Ergebnis, nennen wir es das Interpretat, ist bei jedem etwas verschieden, und zwar aus zwei miteinander zusammenhängenden Gründen. Erstens enthält kein Text eine vollständige Information, die man nur zu dekodieren hätte, sondern hat mehr oder weniger ausgedehnte Leerstellen, die vom Leser gefüllt werden müssen. Wenn die andernorts wohnende Großmutter ein Telegramm mit folgendem Text schickt: "Ankomme Montag 16 Uhr 12.", so muss der Leser aus seiner Kenntnis der Sachlage hinzufügen, dass die Großmutter vermutlich am Montag der nächsten Woche und am Bahnhof des Empfängers ankommen wird und abgeholt zu werden wünscht - im Telegramm steht davon kein Wort. Das nennt man eine Leerstelle, und Wolfgang Iser hat in seiner Konstanzer Antrittsvorlesung (1971) gezeigt, dass diese Leerstellen sich überall, jedoch in unterschiedlichem Maße, in literarischen Texten finden; unser Beispiel zeigt: nicht nur dort. Jeder Text stellt mithin eine kreative Aufgabe, die nämlich, anhand der vorgegebenen Daten Sinn erst zu konstituieren. Mit der geschichtlichen Verfasstheit des Lesers hängt es zusammen, dass diese Leerstellen und nicht nur sie, im Laufe der Rezeption von Texten immer wieder anders gefüllt werden; die Rezeptionsgeschichte gibt darüber Auskunft. Das ist eigentlich eine solche Selbstverständlichkeit, dass man sich wundert, dass die Rezeptionsästhetik so spät Eingang in die Germanistik gefunden hat. Man hat um das vermeintlich einzig richtige Verstehen von Texten schon Kriege geführt: Bultmann, der Erfinder der kritischen Bibellektüre, hätte vor fünfhundert Jahren schwerlich überlebt; die Evolutionisten und die Kreationisten in den USA bekämpfen sich nicht nur mit Worten, von den Schiiten und den Sunniten zu schweigen, die sich täglich blutige Kämpfe liefern. Das zeigt, dass Textverstehen eine Frage der Macht ist, keineswegs nur das Verfassen von Texten, und dass viele es darauf anlegen, das Monopol der Deutungshoheit für sich zu beanspruchen. Zweifellos ist das bei der Gestaltung des nordrhein-westfälischen Abiturs nicht das leitende Motiv, sondern die Einfachheit und die Einheitlichkeit der Beurteilung. Das Ergebnis ist aber das Gleiche: ein Rückfall hinter die Aufklärung, ein Rückfall, der keine Kritik, keine Ambiguität, keine Kreativität duldet. Nehmen wir als Beispiel die vorgegebene und vom Schüler erwartete Interpretation des "Barockgedichts", jenes Textes von Hofmann von Hofmannswaldau, das wegen seiner fehlerhaften Darbietung soviel Lärm in den Zeitungen machte. Ich stelle Gedichttext (den richtigen) und den Erwartungshorizont ("Nur für den Dienstgebrauch" - aber nach geschriebem Abitur ist Geheimhaltung wohl nicht mehr angebracht) nebeneinander: |
| Sonnet. Vergänglichkeit der schönheit. Es wird der bleiche tod mit seiner kalten hand Dir endlich mit der zeit umb deine brüste streichen / Der liebliche corall der lippen wird verbleichen ; Der schultern warmer schnee wird werden kalter sand / Der augen süsser blitz / die kräffte deiner hand / Für welchen solches fällt / die werden zeitlich weichen / Das haar / das itzund kan des goldes glantz erreichen / Tilgt endlich tag und jahr als ein gemeines band. Der wohlgesetzte fuß / die lieblichen gebärden / Die werden theils zu staub / theils nichts und nichtig werden / Denn opfert keiner mehr der gottheit deiner pracht. Diß und noch mehr als diß muß endlich untergehen / Dein hertze kan allein zu aller zeit bestehen / Dieweil es die natur aus diamant gemacht. Herrn von
Hofmannswaldau und andrer Deutschen auserlesener und bißher
ungedruckter Gedichte erster theil. Nach einem Druck vom Jahre 1697 mit
einer kritischen Einleitung und Lesarten, hrsg. von Angelo George de
Capua und Ernst Alfred Philippson. Tübingen 1961, S.46f.
|
Vom Schüler wird das Folgende erwartet: - Epochenbezug, "allgemeines text- bzw. Themenverständnis" - Darstellung des gleichmäßigen formalen Aufbaus - Beschreibung der Warnung vor der Vergänglichkeit und der Mahnung, sich auf die Beständigkeit des Herzens zu besinnen - Darstellung des appellativen Charakters des Gedichts - differenzierte Untersuchung des syntaktischen und semantischen Struktur - Erläuterung der Bildsprache - Erläuterung des "epochenspezifischen Frauenbilds z.B. des Vorrangs innerer Werte vor äußeren, Warnung vor der Vergänglichkeit der Schönheit" - Untersuchung des Gedichts als typisches Beispiel der Barockdichtung - diesbezügliche Erklärung der Motive "vanitas" und "memento mori". |
| An diesem Katalog
von Ergebnissen ist zwar einiges redundant, vieles banal, aber nur
wenig
grundfalsch. Eine erste
Feststellung: Das Thema des Gedichts ist überaus
konventionell. Im europäischen Barock (der Begriff ist umstritten)
gibt es hunderte von Gedichten, welche die Vergänglichkeit der
Schönheit zum Thema haben, sei es, um ganz allgemein die
Nichtigkeit alles Irdischen zu beklagen, sei es, um die Angesungene zu
bewegen, den Dichter, Verzeihung, das lyrische Ich, endlich zu
erhören. Entweder wird das vanitas-Motiv abgewandelt oder das
Motiv des "carpe diem". Selbstverständlich war dem hochgebildeten
Dichter klar, dass er mit diesem Sonett nichts Neues sagte, dass mithin
die inhaltliche Dimension des Textes zweitrangig war; schließlich
waren auch seine Leser gebildet, kannten die Bibel und die antike
Dichtung und interessierten sich folglich weniger für die
"Aussage" des Gedichts als für das gelungene, intelligente Spiel
mit vorgegebenen Motiven, die geistreiche Eleganz.
Typisch für Hofmann ist das Epigramm, die gelungene Zuspitzung. So auch in diesem Text: Das Herz aus Diamant ist ja keineswegs ein eindeutiger Verweis auf die ewigen göttlichen Werte, sondern kann genauso gut als Tadel der hartherzigen Unbittlichkeit der tugendhaften Lesbia (so heißt die Angeredete in einer Variante) gelesen werden. Man muss schon außerordentlich wenig von diesem Dichter wissen, wenn man allen Ernstes behauptet, dem Autor sei es darauf angekommen, den "Vorrang der inneren Werte vor den äußeren" hervorzuheben. Zum Abgewöhnen daher noch ein bisschen Hofmannswaldau, was vielleicht zur Korrektur des Bildes beitragen wird, das sich die Aufgabensteller von dem "epochenspezifischen Frauenbild" machen: Sonnet.
Er ist ein unglücklicher wecker. Ich eilte Lesbien aus kurtzweil zu erwecken / Als gleich Aurorens glantz um ihr gesichte stund / Die rosen krönten ihr die wangen und den mund / Durch weisses helfenbein ließ sich der hals bedecken. Ich wollte meine hand auff ihre brüste strecken / Es that ein nasser kuß ihr meine geilheit kund. Es rufte Lesbie: Ist dein Verstand gesund / So führe kein[e] brunst in meine keusche hecken. (Und so weiter...) ebd. S. 46 Ich bin
gerne bereit, weitere Beispiele aus Hofmanns
Produktion anzuführen, um nachzuweisen, dass dieser Dichter,
obwohl ebenfalls Beamter, kein Sauertopf war und sich
einigermaßen von einem
gravitätischen Andreas Gryphius unterscheidet. Natürlich ist
auch dieses zweite
Gedicht weder bierseliger Tiefsinn noch barocke Pornographie, sondern
Amüsement und unterhaltendes Spiel mit altbekannten Topoi. Wer mit
guten Gründen also den vorgelegten Text anders liest, als es den
Aufgabenstellern eingefallen ist, der ist um Punkte und gute Note
betrogen - dafür war nichts in der Pulverbüchse der
Abiturkommission. Aber sie hat die Macht, ihre Lesart durchzusetzen.
Dazu dient der Erwartungshorizont mit seiner genauen Auflistung. Und
die weiß nichts von Leerstellen. Das
ist das Problem. Man kann es niemandem übelnehmen, wenn er das
Gedicht so liest wie die Aufgabenkommission. Dieser selber
natürlich auch nicht. Dass es die einzig richtige Lesart sei,
bestreite ich. Die halbe Wahrheit ist nicht die Wahrheit. Darum muss
der Erwartungs-Katalog für weitere
Deutungen offen sein und nicht nur schäbige drei Pünktchen
für die Erfüllung "eines weiteren aufgabenbezogene
Kriteriums" anbieten.
Nun könnte man einwenden, die Schüler hätten ja gewiss keine Kenntnis von so verwerflicher Literatur und könnten also gar nicht auf die Idee kommen, Hofmann habe etwas anderes gewollt als den moralischen Zeigefingerzu heben. Das ist nun ein überaus interessantes Argument. Es läuft darauf hinaus, dass es völlig gleichgültig ist, ob etwas stimmt oder nicht stimmt, dass es darauf ankommt, irgend ein beliebiges "Wissen" zu reproduzieren, das den Schülern vorher eingetrichtert wurde. Ja wenn das so ist , dann handelt es sich beim Zentralabitur um den perfekten Beleg für die These von Konrad Paul Liessmann, derzufolge die "zahlreichen Reformen des Bildungswesens auf eine Industrialisierung und Ökonomisierung des Wissens abzielen, womit die Vorstellungen klassischer Bildungstheorien geradezu in ihr Gegenteil verkehrt werden".1 Dann nämlich ist es völlig wurscht, was man schreibt, Hauptsache, man kann es gegen ein gute Note eintauschen. Es ist, wie man sieht, der obige Staubwischer: zu nichts verwendbar, aber verkäuflich. (Schluss folgt.)
1 Konrad Paul Liessmann, Theorie der Unbildung. Wien: Zsolnay 2006, S. 8 |