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Didier Daeninckx ist 1949 in Saint-Denis geboren. Er ist Autor zahlreicher Kriminalromane, in denen die Tradition des «roman noir» in den Dienst einer humanistischen Botschaft gestellt wird.

Der Hauptfehler von Gérard ist, dass er zu großzügig ist. Zu sich. Nichts ist gut und schön genug für seinen Geschmack, er kann nicht anders: Er muss sich einen Gefallen tun. Sogar im Knast von Fleury-Mérogis, wo wir uns zwei Jahre vorher kennengelernt hatten, bekam er es fertig, ein Päckchen Kaffee oder Kuchen zurückgehen zu lassen, wenn die Marke nicht seinem Geschmack entsprach. Er war imstande, drei Monate lang auf seine Ölsardinen zu verzichten, auf die er doch scharf war, und wartete lieber auf die Lieferung von Jahrgangsfilets, die ein Aufseher von der Insel Groix mitbrachte, wo sein Bruder die letzte handwerkliche Konservenfabrik des Morbihan leitete. Ebenso die Klamotten: Ich kann mich nicht erinnern, ihn je anders gesehen zu haben als in einem Lacoste-Hemd passend zu einer seiner Wrangler-Jeans, die speziell für ihn ohne Bügelfalte gelassen waren. Die Hälfte des Gehalts seiner Frau, der Leiterin eines Kindergartens in Gentilly mit einer Vorliebe für Strolche, ging dabei drauf, sein Standing zu sichern. Von Zeit zu Zeit kam ein weniger aufgeweckter Kerl daher oder ein Typ, der sich mit Ruhm bekleckern wollte, und setzte sich in den Kopf, dass Gérard eine leichte Beute sei, ein dekorativer Schlappschwanz. Er musste rasch erkennen, dass Gérards Muskeln kein Aufblasartikel waren, und entschuldigte sich, mit Durchzug in der Stimme. Als er ankam, teilte ich meine Zelle in D2 mit einem kaputten Typ, der eingelocht worden war, weil er einen Penner um seine letzten Kröten gebracht hatte, und der sein Leben damit verbrachte, vor der Glotze zu kleben, eine Kippe im Mund und sonntags ein bisschen Shit bei der Messe. Ich brauchte nur einen Blick, um zu sehen, dass Gérard und ich vom selben Kaliber waren; kaum hatte er seinen Tornister ausgepackt, da bildeten wir auch schon ein Team. Er hatte von einigen meiner Unternehmungen gehört, und wenn ich meinerseits seinen Namen nicht kannte, so war ich doch auf zwei oder drei der Streiche aufmerksam geworden, in die er verwickelt gewesen war, wie er zugab: die Hauptpost von Avignon, die eine Truppe falscher Schauspieler mitten in der Festspielzeit ausgeraubt hatte, die Müllverbrennung in der Auvergne, in der die Bank von Frankreich diskret die abgenützten Geldscheine entsorgt und in die eine Truppe von Operetten-Feuerwehrleuten einbrach. Allmählich gewöhnte ich mich an seine Manieren eines Vorstadt-Dandys, an seine Launen als Schatten-Star. In diesem Knast war ich der einzige, der ihn mit Vornamen nannte, die Gefangenen wie die Wärter servierten ihm nur den Gentleman. Und während überall hinter den Zellentüren nur von Weiberärschen und Ficken gesprochen wurde, waren während unseres sechsmonatigen Zusammenlebens die Gefängnismauern ein seltenes Gefäß keuscher Unterhaltung. Wir sonderten uns beim Hofgang von den anderen ab, um flüsternd die Einzelheiten unserer zukünftigen Zusammenarbeit auszumachen, und, zurück im trauten Familienkreis, erstellte Gérard eine Liste seiner Bedürfnisse als Milliardär, diesmal mit lauter Stimme. Unmöglich, mit ihm in einem Wagen zu fahren, der nicht mindestens eine Million alter Francs gekostet hatte, ein Ferrari, Testarossa oder Audi S8 waren zweite Wahl. Um es kurz zu machen, er wäre sich ungeil vorgekommen, wenn er auf das Zifferblatt einer Rolex hätte blicken müssen.
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- Wenn du mal die japanische Mechanik einer Yugushi-Uhr gesehen hast, kannst du auf die Schweiz verzichten... Was die Präzision betrifft, wird sie überschätzt. Das einzige, was ich an ihnen noch respektiere, sind die Tresore. Genauso ist's mit den Füllern. Jeder kniet nieder vor einem Mont-Blanc, dabei kleckerst du dir mindestens soviel auf die Finger, wie du aufs Papier bringst. Mit einem kanadischen Bovérill flutscht es wie ein Rolls-Royce, du unterschreibst deine Schecks aus purem Vergnügen!
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Er erstickte fast vor Lachen, wenn er sah, wie die Fernsehjournalisten ins Schwärmen gerieten über die luxuriösen Berluti-Schuhe, die die Hure der Republik ihren Liebhaber Roland Dumas gekauft hatte.
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- Wenn du einmal den Fuß in das Schatzkästlein eines Balocco-Schuhs gesteckt hast, auf Maß gearbeitet in der via Asseroti, Genua, weißt du, wo das Paradies der Füße ist... Und wo du dich gerade ausstaffierst, gehst du noch ein bisschen weiter, zur via Roma. Bei Finollo schneidert man dir eine Krawatte nach Wahl aus den besten Seidenstoffen, die es gibt... Wenn ich Roland je treffe, werde ich ihm heimlich meine Adressen verraten, damit er in Zukunft seiner Stellung gerecht wird.
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Da ich Vorsprung hatte, war ich als erster wieder in Freiheit und verbrachte die drei Monate, die uns von seiner Entlassung trennten, damit, Gelegenheiten auszukundschaften. Man hatte mir einen unglaublichen Tipp verkauft, der, wie sich herausstellte, pures Gold war: Alle vier Monate begaben sich zwei Angestellte der amerikanischen Botschaft ohne Wachpersonal zur Bank von New York, am Platz der Madeleine, und kamen dann durch die Rue Royale zurück zur Place de la Concorde, mit einem Köfferchen, das eine Million Dollar schwer war. Die Quelle, nur Hunderter, stellte die Prämien dar, die der amerikanische Fiskus bar den Kindern von Onkel Sam auszahlte, die auf Mission im Ausland waren.
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Am Tag seiner Entlassung hatten wir uns an der Gare Saint-Lazare verabredet, unter der Uhrensäule von Arman. Ich glaubte, er würde aus der Untergrundbahn auftauchen, da zwang mich ein diskretes Hupen, den Kopf zu drehen. Gérard lächelte mir vom Rücksitz eines Edel-Leihwagens zu. Ich nahm neben ihm Platz, und er öffnete den Kühlschrank, um mir einen Whisky zu servieren. Dabei sagte der dem Chauffeur, er solle die Rue Royale ansteuern. Während der ganzen Fahrt bekam ich die Zähne nicht auseinander. Ich wartete, bis wir Bewegungsfreiheit hatten, auf dem Trottoir, den Obelisken im Auge, um ihm zu sagen, was ich auf dem Herzen hatte. Er spreizte sich, auf der Höhe des Glücks, wenn das Fenster einer Super-Luxusboutique sein Spiegelbild zurückwarf.
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- Denkst du endlich mal nach, oder?
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Dem Blick nach, den er mir zuwarf, hatte ich eben das Spielzeug eines Kindes zerbrochen, hart und direkt unter dem Weihnachtsbaum, schien es.
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- Was passt dir nicht? Hab ich Blödsinn gemacht?
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Ich drängte mich an ihn, Schulter an Schulter, und passte meinen Schritt dem seinen an. Ich sprach zu ihm mit erstickter Stimme wie während des Hofgangs im Gefängnis von Fleury.
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- Wenn du so weitermachst, ist es kein Blödsinn mehr, dann ist es Poesie! Der Typ im Bentley hörte nicht auf, uns im Rückspiegel zu beobachten. Die Hälfte der Leihwagenchauffeure arbeitet Hand in Hand mit den Bullen, die andere lässt sich von Voici, Point de Vue oder Images du Monde bezahlen! Wenn unser Ausflug in der nächsten Woche nicht auf der Titelseite dieser Käseblätter ist, dann bestimmt auf dem Notizblock des Geheimdiensts... Wir nehmen die Metro, fahren nach Hause und schauen, dass man uns vergisst.
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Am Schalter der Concorde-Station versuchte er, ein Zehnerticket erster Klasse zu kaufen, und war ehrlich bestürtzt zu erfahren, dass die Aufteilung der Reisenden in Klassen zehn Jahre zuvor abgeschafft worden war. Er nahm mich zum Zeugen, als er in einen Wagen kletterte:
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- Schau dir das an, ich hab's mir doch gedacht! Sie haben die erste Klasse gestrichen, wo sie doch die zweite hätten verschwinden lassen sollen!
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Ich habe ihm den Quatsch zwei Tage später verziehen, als er eine Einladung zur Modenschau von Kenziguchi, gültig für zwei Personen, auf den Tisch des kleinen Cafés der Rue Saint-Ouen legte, wo wir frühstückten. Ich hatte beim Blick auf Datum und Uhrzeit der Veranstaltung sofort Feuer gefangen.
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- Dienstag, 25 Juli, ab 15 Uhr, das passt haargenau zum Vorbeimarsch unserer Freunde von der Botschaft... Hast du daran gedacht?
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- Vielleicht ja...
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Ich versuchte, sein Schweigen zu durchbrechen.
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- Nach der Feuerwehrkaserne, der Theatertruppe, was mobilisierst du dieses Mal?
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Er zeigte mir sein Handy.
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- Nichts. Damit haben wir alles, was wir brauchen...
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Am Vorabend der Modenschau verbrauchte er die Neuronen zweier Telefonkarten und mit entzündeten Ohrläppchen schloss er die Gelben Seiten nach gut hundert Anrufen.
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- Ich glaube, wir haben jetzt alle Chancen auf unserer Seite.
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Wir sind ganz freundlich um vierzehn Uhr vor dem Gitter der Botschaft aufgetaucht, um zu sehen, wie unsere beiden Diplomaten am Steuer eines unauffälligen Chrysler-Voyager in Richtung Madeleine abfuhren. Wir haben gut zwanzig Minuten abgewartet, bevor wir die Rue Royale bis zum Schaufenster von Kenziguchi hochgingen, davor begann ein unerwarteter Auftrieb. Zuerst hatte man den Eindruck, einer Versammlung von Männern in Rot beizuwohnen, bevor man kapierte, dass es sich um Pizzalieferanten handelte. Von überall kamen welche, zehn oder mehr pro Sekunde, die sich in das Geschäft des Couturiers drängten. Bald ähnelte der Bereich einem Meeting von behelmten, wütenden Männern, die statt Banderolen und Schilder rauchende, Olivenöl schwitzende Kartons schwenkten. Ich wandte mich an Gérard.
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- Wieviel hast du bestellt?
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- Fünhundert Königinnenpizze, ebensoviel Meeresfrüchte, tausend Vier Jahreszeiten, dazu ein paar Dutzend vegetarische für die Mannequins...
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Auf der Höhe des Zeitungsstands waren die beiden Amerikaner in ihrem Lieferwagen eingeschlossen und sie betrachteten das Schauspiel feixend von ihren geöffneten Türfenstern aus. Die Menge starrte auf die Revolte der genasführten Pizzalieferanten. Es war also ein Kinderspiel, den beiden unsere Pistolen an die Schläfe zu drücken, um uns des Köfferchens mit den geschwollenen Backen zu bemächtigen. Ich hatte vorsichtigerweise einen Leihwagen in einer vernünftig entfernten Straße geparkt, und ich überließ Gérard das Steuer. Er sah mich an, während er den Schlüssel im Schloss herumdrehte.
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- Weißt du, was mir Spaß machen würde?
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- Sag nur.
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Ich befürchtete eine Dummheit. Natürlich kam sie.
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- Ich habe noch nie im George V gepennt... Wir nehmen uns jeder ein Zimmer für eine Weile, bis sich alles beruhigt hat.
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Ich schnitt ihm das Wort ab.
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Das kommt nicht in Frage. Wir haben uns hautnah mit der amerikanischen Regierung angelegt. Mit dem Pentagon und dem ganzen Apparat, kapierst du? Ich bitte dich: Die haben reichlich Leute in ihrem Dienst. Der einzige Ort, wo sie uns nicht suchen, ist ein Elendsquartier... Ich habe zwei Zimmer für hundert Francs in einem Hotel in der Industriezone Nord reserviert. Da kriechen wir für eine Woche unter und geben uns mit dem Tagesgericht zufrieden. Man soll uns vergessen, danach sehen wir weiter.
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Die ganze Fahrt über hat er mir eine Schnute gezogen und hat, um sechzehn Uhr dreißig, den Wagen auf dem Parkplatz des Hotelissimo de Gonesse abgestellt. Er zog es vor, in seinem Zimmer zu bleiben und die Nase in der Flut von grünen Banknoten zu versenken. Ich habe in den Feldern draußen eine Runde gedreht, bloß um meine Nerven zu beruhigen. Kaum war ich hundert Meter gelaufen, blieb ich reglos stehen, entsetzt. Eine Concorde in Flammen brauste mit voller Geschwindigkeit eben noch über mich hinweg. Haare, Augenbrauen, alles stand sofort in Flammen. Ich spürte den Windstoß der Detonation in meinem Rücken, und im gleichen Augenblick ließ eine fürchterliche Explosion mein Trommelfell platzen.
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Wenn ich mich heute daran erinnere, tröste ich mich mit dem Gedanken, dass er vom geilsten Flugzeug der Welt getötet wurde.
Didier Daeninckx, «Casse cash» dans:
Raconteur d'histoires
Gallimard Folio 2003, pp. 99-105
Traduction allemande avec l'aimable autorisation de l'auteur:
Armin Volkmar Wernsing


Vient de paraître:

Didier Daeninckx, Histoires d'histoire
Herausgegegeben von Dietmar Fricke
Stuttgart: Reclam 2007

Un choix judicieux : excellent connaisseur de l'oeuvre de Didier Daeninckx, Dietmar Fricke vient d'éditer un recueil de huit nouvelles, anthologie à l'intention d'un public germanophone ; en français, mais avec une annotation abondante qui permet au lecteur de comprendre les détails qui importent :

un emploi-jeune: Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für junge Leute (1997-2002)

Ah bon, un précurseur du CPE, échoué il n'y a pas très longtemps. Et ainsi de suite : qu'il s'agisse de la forêt de Brocéliande, du communard Maxime Lisbonne, des Spéculos ou du Paris tibérien, ces notes toujours exactes et toujours bien informées sont un guide fiable à travers des textes pas très faciles, tout comme la postface de Fricke, qui donne un bref résumé de l'oeuvre de Daeninckx.

Lu souvent comme auteur de série noire, Daenincksx n'est pas seulement le raconteur de crimes oubliés ou occultés de l'histoire, mais aussi l'écrivain du travail de la mémoire, cette tâche la plus noble de la littérature. Exemplaire : la nouvelle Ceinture rouge qui fête l'existence - tombée dans l'oubli - de la grand-mère du narrateur ; et le lecteur a toutes les raisons possibles de sympathiser avec cette brave femme qui occupe une place d'honneur dans l'histoire de l'humanité. Rilke aurait dit: « Rühmen, das ist's. »
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