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Sylvie Schenk : La mer est une grande lécheuse de rochers rose-bonbon. Poèmes
Armin Volkmar Wernsing : Les tiroirs. Début d'un roman.
Robert Chasles: Die Geschichte von Des Frans und SilvieMou à Passy. Une farce
___________________________________________________________________________________________________Robert Chasles: Die Geschichte von Des Frans und Silvie (Teil 2) - Teil 3 und SchlussMichel Gozard, Lettre au Père Clément
Charmant (première partie)
Wolf Wucherpfennig, Der Pantoffeljäger
Charles Duclos, Acajou und Zirphile
Charmant (suite)
Wolf Wucherpfennig, Die Bobsel
Wolf Wucherpfennig, Der Fortschritt
La petite marchande de journaux de la gare Montparnasse
Denis Emorine, La Parure
.
~ Der Schmuck (traduction: Armin Volkmar Wernsing)
.
Hans Magnus Enzensberger, L'Histoire des nuages (traduction: Hélène Gozard)
.
Armin Volkmar Wernsing, Sous le quai. Conversations souterraines~ La goutte
.
Denis Emorine, Ils sont apparus...
.
~ [Sans titre]Armin Volkmar Wernsing, Exercice de traduction
.
Denis Emorine, Bahnsteig. Aus dem Französischen von avwDidier Daeninckx, Kassensturz. Aus dem Französischen von avw
DIE GESCHICHTE VON DES FRANS UND SILVIE
Robert Chasles
Ich bin der Ältere aus einem der besten Häuser der Gegend und
trotzdem weniger
reich als alle meine Verwandten, weil mein Vater die Soldatenlaufbahn
eingeschlagen hatte, bei der man sich nicht bereichert, im Gegensatz zu
seinen
beiden jüngeren Brüdern, die Finanziers geworden waren und
für
den König Steuern
erhoben, was entschieden lukrativer ist. Reichtümer erwirbt man
bekanntlich
nicht in
aller Unschuld; aber weil dieser Beruf in der Öffentlichkeit Macht
und Einfluss
verheißt, lässt sein Glanz die Schäbigkeit vergessen,
wie
man dazu kommt. Deshalb
bin ich in den Augen der Menschen unbeträchtlicher als meine Onkel
und Cousins.
Mein Vater fiel bei der Belagerung von Valenciennes durch Turenne und
La
Ferté;
und ein jüngerer Bruder, den er von einer anderen als meiner
Mutter
hatte, wurde
kurz darauf bei der Truppe des Herrn de Grammont getötet. So blieb
ich in jungen
Jahren der einzige Sohn und in der Obhut meiner Mutter, einer Tochter
aus
gutem
Haus, die meinem Vater jedoch nur eine geringe Mitgift eingebracht
hatte.
Das und
die Schulden, die mein Vater gemacht hatte und die abgetragen werden
mussten,
brachte meine Mutter und mich in eine traurige Lage im Vergleich zu der
glänzenden
Rolle, welche die jüngeren Brüder meines Vaters in der
Gesellschaft
spielten, und
versetzte uns in Abhängigkeit. Ich war noch auf der Schule, als
mein
Vater starb;
lebhaft empfand ich den Verlust, umso mehr, als meine Onkel eine
Autorität
über
meine Mutter und mich beanspruchten, an die ich nicht gewöhnt war,
da mein Vater
mir eine Selbstachtung beigebracht hatte, die über unsere
Verhältnisse
ging. Von
seinen Brüdern hatte er wegen ihres Berufs nur mit Verachtung
gesprochen,
und sie
Blutsauger und Juden genannt. Das hatte mir ihnen gegenüber
Abneigung
eingeflößt,
so jung ich war. Und da ich diese Abneigung mit der Milch eingesogen
hatte,
konnte
ich mich ihren Anweisungen nur schwer unterwerfen und hatte niemals den
Respekt
und den Gehorsam, den ein junger Mensch denjenigen schuldet, denen er
Rechenschaft über seine Handlungen geben muss und die das Recht
haben,
ein
Auge auf seinen Lebenswandel zu werfen und ihn zur Not zu korrigieren.
Nach Beendigung meiner Studien wollte man mich in eine Steuerkommission
stecken. Ich ging hin, aber weil ich von Natur freiheitsliebend bin,
konnte
ich mich
nicht an die Unterwürfigkeit und auch nicht an die
Pünktlichkeit
gewöhnen, die dort
erwartet wurden. Der Direktor beklagte sich bei meinen Onkeln. Ich
erfuhr
das und
stritt mit ihm. Ohne Auftrag kam ich nach Paris zurück und
überließ
die Papiere und
den Schreibtisch dem, der sich darum kümmern wollte. Ich fing an,
das
Waffenhandwerk und das Reiten zu erlernen, denn das entsprach meiner
Neigung.
Man war über meine Rückkehr sehr erstaunt und fragte mich
nach
Gründen. Ich
erklärte meinen Onkeln, dass ich mit ihrem Direktor nicht
zusammenleben
könne
und dass unsere Einstellungen unvereinbar seien. Meiner Mutter
gegenüber
entschuldigte ich mich natürlich mit den wahren Gründen und
sagte,
was ich dachte.
Nämlich, dass, selbst wenn ich der ärmste und
unglücklichste
Adlige Frankreichs
würde, ich mich nie dazu hergäbe, das Volk und die Bauern zu
verfolgen. Dass ich
zuviel Herz und Ehre hätte, um Hand zu den Grausamkeiten zu
bieten,
die man
ihnen unter dem Vorwand antat, die Rechte des Königs wahrzunehmen.
Dass ich
zuviel Menschlichkeit besäße, um ruhigen Auges die
Härte
mit anzusehen, die man
anwandte. Weit entfernt, sie zu verfolgen oder zu ruinieren, wie man
das
in der
Steuerkommission tun musste, hätte ich eher alles gegeben, um sie
von ihrem
Schicksal zu erlösen. Dass Vater recht gehabt hätte, meine
Onkel
als Juden und
Wucherer zu betrachten, dass ich ihre Angestellten als Henkersknechte
ansähe
oder Jagdhunde, die für ihren Herrn schnüffeln. Mit einem
Wort,
ich sähe genau,
dass ich wirklich sein Sohn und zum Steuereintreiber und
Parteigänger
nicht
gemacht sei, was sich mit meinem Gewissen und meiner Ehre nicht
vereinbaren
lasse.
Meiner Mutter, von ihrer längeren Erfahrung gewitzigt, schmeckten
meine Gründe
schlecht. Sie hatte alle Skrupel fahren lassen, die mein Vater ihr
eingepflanzt
hatte.
Sie war überzeugt, dass es nichts Besseres gebe als reich zu sein;
und da ihr
dieser Ehrgeiz treu geblieben war, ertrug sie den Aufwand ihrer beiden
Schwägerinnen nur schwer. Dabei waren sie bloß
Kaufmannstöchter,
die es aber
unvergleichlich besser getroffen hatten als sie, die zu Lebzeiten
meines
Vaters ihre
Schwägerinnen von oben herab betrachtet hatte. Daher machte sie
mir
recht
eindringliche Vorhaltungen. Die hätte ich wohl beherzigen sollen
und
vielleicht habe
ich es später bereut. Aber ich war dazu bestimmt, ins Verderben zu
rennen, und,
statt ihren Argumenten zu folgen, beschuldigte ich sie, mich zu einem
Leben
zwingen zu wollen, bei dem ich meine Seele verlöre. Dass die
Empfindungen,
die
mein Vater mir eingeflößt, ehrenhafter und
großmütiger
seien, dass ich sie befolgen
würde, trotz allem, was man mir sagen könne. Wenn sie meinen
Vater geliebt hätte
und sich ihres eigenen Standes bewusst wäre, dann würde sie
mir
das durch
Respekt für den Verstorbenen beweisen und ihn nicht mit
Füßen
treten, indem sie
ihren einzigen Sohn zwinge, Regeln zu befolgen, die er immer
verabscheut
habe.
Kurz, ich ereiferte mich so sehr, dass ich ihr den Respekt versagte und
sie unter
Kränkungen verließ. Sie wurde tatsächlich krank und
verbarg
die Ursache vor
jedermann. Nur mir sagte sie es und mit solcher Zärtlichkeit von
ihrer
Seite, zur
großen Bestürzung meinerseits, dass ich ihr versprach, alles
zu tun, was sie wollte.
Sie wurde wieder gesund und versöhnte mich mit meinen Onkeln, die
mich in eine
Kommission 80 Meilen von Paris schickten, eine bessere als die,
die
ich verlassen
hatte. Soll ich erzählen, wie ich mich da aufführte und wie
ich
da wieder herauskam?
Ich muss es wohl tun.
Das war ein Amt für die indirekten Steuern, worin ich mich nicht
sehr
auskannte;
aber ich hatte einen Gehilfen, der alles machte, ich brauchte nur zu
unterschreiben.
Nach kurzer Zeit war ich freilich genauso geschickt wie er, denn ich
entdeckte
seine
Betrügereien. Ich war verpflichtet, um Punkt acht Uhr im Büro
zu sein, bis zwölf, und
ohne Ausgang von zwei bis sechs Uhr abends. Den Winter über und
einen
Teil des
Frühlings blieb ich da wohl ganz ruhig, aber als die Jahreszeit
schön
genug wurde,
um auf dem Lande Luft zu schöpfen, als ich die jungen Leute meines
Alters
spazieren und sich vergnügen sah, da erschien mir das Büro,
in
dem zu hocken ich
gezwungen war, schlimmer als ein Gefängnis und ich beschloss, es
zu
verlassen.
Weil ich diesmal meine Mutter schonen und Streit mit den Herren Des
Frans
vermeiden wollte, schrieb ich den einen und den anderen tausend
Lügen,
derer ich
mich nicht mehr entsinne, Krankheit war auch darunter. Aber man war
bald
vom
Gegenteil unterrichtet und antwortete mir unverblümt. Ich wurde
ausgeschimpft,
und
obwohl man mich eigentlich gerecht behandelte, wurde ich deswegen doch
richtig
zornig. Gegen Mittag hatte ich drei große Briefe gleichzeitig
erhalten.
Ich las sie, ich
aß, ich las sie wieder und suchte in meinem Kopf nach neuen
Erfindungen,
da die
vorigen keinen Erfolg gehabt hatten. Das beschäftigte mich eine
Weile.
Ich hatte das
Büro vergessen und es war fast drei Uhr, als man mich
benachrichtigte,
dass viele
Leute auf mich warteten. Ich ging hinunter, und unter anderen war da
ein
Eintreiber
der Stadt, der wegen Ehrenkarten gekommen war, die er hatte.
Da er sich als überaus wichtige und staatstragende Amtsperson
betrachtete,
begann er, mit mir vor aller Welt zu streiten, und behandelte mich wie
den letzten
Knecht. Bei anderer Gelegenheit hätte ich ihn gekrallt oder
wenigstens
angefahren,
wie ich es später tat, aber jetzt dachte ich daran, dass meine
Abrechnungen
nicht in
Ordnung, dass meine Bücher nicht geführt waren. Wenn ich mit
ihm zum Streit
käme, würde es mir Ungelegenheiten beim Finanzintendanten
bereiten,
der
unglücklicherweise gerade in der Stadt war, einem Ehrenmann, der,
weil streng und
pünktlich, wenig Zuneigung zu pflichtvergessenen Angestellten von
Steuerpächtern
hatte. Er würde mir die Schuld geben und vielleicht mehr in meinen
Angelegenheiten
herumschnüffeln, als mir lieb war. So würde das für mich
übel ausgehen und hätte
unangenehme Folgen.
Alle diese Überlegungen fuhren mir blitzartig durch den Kopf, und
ich ließ den
Eintreiber sagen, was er wollte. Ich verhielt mich sehr zuvorkommend,
in
der
Hoffnung, dass er bald gehen werde. Das tat er nicht; setzte im
Gegenteil
seine
Predigt fort: Dies sei nicht, was der König von der
Amtsführung
seiner Beamten
erwarte, dass ich eine geregelte Arbeitszeit hätte, dass ich mich
akurat dann in
meinem Büro zu befinden hätte, wenn ich dort sein müsse,
dass ich eine
Amtsperson (ich weiß nicht, ob er nicht gar einen noch
vornehmeren
Ausdruck
wählte) nicht zwingen dürfe, auf mich zu warten oder mich
rufen
zu lassen, dass er
sich beim Intendanten über mich beschweren werde, oder gar beim
Bruder
des
Königs, und der würde mich schon über meine Pflichten
aufklären,
wenn ich sie
nicht kennte. Meine Befürchtung traf ein. Ich hörte mir also
alles mit einer Ruhe und
Kaltblütigkeit an, die mich selber überraschte. Mehr noch:
Ich
überhäufte ihn mit
Höflichkeiten; ich gab zu, dass ich unrecht hatte. Ich zeigte ihm
die Briefe, die ich
erhalten hatte, um mich zu entschuldigen. Brutal sagte er mir, dass ich
die genauso
gut im Büro wie in meinem Zimmer hätte lesen können,
nachdem
ich ihn abgefertigt
hätte. Ich hielt die Gardinenpredigt aus und begleitete ihn bis
zur
Ausgangstür, war
aber so verletzt, dass ich Rache schwor und mir vornahm, ihn irgendwie
zu
schädigen.
Am Abend noch machte ich mich ernsthaft an meine Abrechnungen. Ich war
damit
bald fertig; nach vier Tagen hatte ich alles erledigt und
fürchtete
nicht mehr den
Besuch des Intendanten, was das Schlimmste gewesen wäre, das der
Eintreiber
mir antun konnte.
Der Disput mit dem Mann war bekannt geworden. Er war schamlos genug
gewesen,
sich zu rühmen, dass er mich von oben herab behandelt hätte,
ohne dass ich ihm
etwas zu erwidern gewagt hätte. Darüber waren alle erstaunt,
denn ich galt nicht für
besonders langmütig. Man sprach mit mir darüber, ich stimmte
allem zu, sagte,
dass ich ein Unrecht nicht hätte verteidigen wollen und dass ich
das
niemals als
ehrenhaft betrachten würde. Daher galt ich bald als
gemäßigter
Mensch, der keiner
Missetat fähig sei, und man wollte uns versöhnen. Der
Eintreiber
entschuldigte sein
Aufbrausen. Ich wollte keine weiteren Erklärungen und sagte
ständig,
dass ich
unrecht gehabt hätte, dabei fest entschlossen, mich zu
rächen.
Ich hatte keine Angst
mehr, meine Unterlagen waren sauber geschrieben, ich konnte
Rechenschaft
geben
- und ich wollte den Dienst verlassen.
Er kam ungefähr zwei Wochen später mit einem ziemlich
großen
Stapel von
Papieren, die sofort erledigt werden mussten. Die Leute, die sie zu
befördern
hatten,
warteten draußen auf Kosten des Eintreibers, der unter
angenommenen
Namen mit
Wein handelte. Es war erst zehn Uhr, und man hätte nur eine
Viertelstunde
gebraucht, um ihn zufrieden zu stellen. Aber plötzlich fiel mir
der
Streich ein, den ich
ihm spielen wollte. Ich behandelte ihn mit mehr Höflichkeit, als
ihm
jemals zuteil
geworden war, ich prüfte seine Papiere eins nach dem anderen und
schwätzte
indessen mit ihm über belanglose Dinge. Ich sprach über die
Intrigen
in der Stadt,
über Hof- und Kriegsnachrichten und nahm, um noch mehr Zeit zu
schinden,
Zuflucht zu allen Gemeinplätzen, die eine Unterhaltung
verlängern
können. Die Zeit
verrann. Er war halsstarrig und sprach gern über Politik wie ein
Provinzjournalist.
Ich
widersprach ihm, um ihn zu tiefsinnigen Widerlegungen zu zwingen, er
verrannte
sich zu meinem Glück. Gerade rechtzeitig schlug es Mittag, als ich
das letzte seiner
Papiere in der Hand hatte; ich brauchte es nur zu unterzeichnen, das
war
die Sache
eines Augenblicks. Er glaubte, dass ich fortfahren würde. Mein
umgänglicher
Ton
ließ ihn glauben, ich sei ein Schwachkopf, aber da irrte er. Ich
stand auf und sagte
kühl, dass er leider um zwei Uhr wiederkommen müsse. Bei
diesem
Kompliment fiel
er aus allen Wolken und bat mich inständig, die Sache fertig zu
machen.
Aber ich tat
nichts dergleichen. »Ich habe ein zu gutes
Gedächtnis«,
sagte ich fest, »um mich
nicht an Ihre Belehrung zu erinnen. Der König will, dass ich um
zwei
Uhr in meinem
Büro bin; ich werde es nicht vergessen. Aber ich vergesse auch
nicht,
dass ich es
um zwölf Uhr schließen kann.« Sein ganzes Gerede war
nutzlos,
das musste er
hinnehmen. Er wurde wütend und noch mehr, als ich vor seinen Augen
meinen
Diener schickte, um zwei Leute zum Essen einzuladen, die, wie ich
wusste,
seine
Todfeinde waren. Er ging, und ich sagte lachend zum Abschied:
»Zwei
Uhr, Herr
Eintreiber!«
Die beiden Herren kamen, und ich erzählte ihnen, was mir mit dem
Eintreiber
passiert war; sie lachten aus vollem Hals und
beglückwünschten
mich herzlich. Wir
speisten und um Punkt zwei Uhr ging ich hinunter. Der Eintreiber war
noch
zu
wütend, um selber zu kommen; er schickte einen Lakei die Papiere
holen.
Dieser
Lakei war nicht in seinen Diensten, wenn er es gewesen wäre,
hätte
ich genauso
gehandelt, um ihn zu demütigen. Ich weigerte mich, die Papiere
einer
anderen
Person auszuhändigen als derjenigen, die sie mir anvertraut habe.
Er kehrte um und
kam mit einer schriftlichen Vollmacht, die ich zurückgab. Dem
Eintreiber
ließ ich
ausrichten, dass ich keine anderen Papiere zu bearbeiten hätte als
die dienstlichen
und dass ich ihm seine nur von Hand zu Hand aushändigen
würde.
Er war geizig,
und die Leute, die darauf warteten, kosteten ihn Geld, wie ich schon
sagte.
Also
musste er den Gang wohl tun, aber er war so lächerlich, dass ich
unweigerlich
lachen musste, so verklemmt war er. Er regte sich über mein
Gelächter
auf, wollte
Streit anfangen, aber da ich die Visite des Intendanten nicht mehr
fürchtete,
behandelte ich ihn so kühl, dass er einsah, der beste Weg sei wohl
der zur Tür
hinaus. Die beiden, die mit mir gegessen hatten, brachten ihn in Rage,
weil sie
nichts sagten, aber ständig lachten, sich gegenseitig Blicke
zuwarfen
und ihn
nachmachten. Sie gingen, um die Geschichte jedermann zu erzählen,
der sie hören
wollte. Da die Stadt klein ist, war die Sache noch am selben Tag
überall
bekannt; ein
Spitzname blieb ihm, so dass man ihn nur mehr Herrn »Zwei
Uhr«
nannte. Dieser
Streich kam dem Intendanten zu Ohren, der darüber nur lachte, und
in der Tat war
ein Eintreiber für mich kein so großer Herr, dass ich ihn
hätte
fürchten müssen.
So hatte ich mich gerächt, aber ich war immer noch nicht
außer
Diensten. Es schien
mir schändlich, mir, dem Sohn eines tapferen Mannes, der im Dienst
seines Fürsten
gestorben war, mein Leben in tiefster Provinz und in einem schmutzigen
Büro
zuzubringen, während die jungen Leute meines Standes bei den
Musketieren
waren
oder in anderen Stellungen, in den man mit der Waffe Ehre erlangen
kann,
was
meine ganze Sehnsucht war. Dieser Gedanke beschäftigte mich so
sehr,
dass ich
tatsächlich krank wurde. Der Intendant ließ mich bis zu
meiner
Genesung vertreten.
Mein Vertreter war meines Alters und aus Paris, mit sehr viel Verstand:
»Es war Ihr
Herr Bruder, Madame«, sagte Des Frans zu Mme de Mongey. Als es
mir
wieder zu
ging, wollte ich ihn nicht seiner Stellung berauben; ich schrieb zu
seinem
Gunsten,
ich bemühte sogar den Intendanten, dem ich mein Leid klagte. Und
meine
Verwandten, zufrieden mit meinem Vertreter, wollten mich anderswo
beschäftigen,
stimmten also zu. Man schickte mir seine Bestallung, die ich ihm selbst
übergab. Er
dankte mir überschwänglich, ihm verdanke ich die Ehre, Sie
gesehen
zu haben.
Nichts bedaure ich mehr als seinen Tod, von dem Monsieur Des Ronais mir
berichtete.
Ich kam also nach Paris zurück, da ich in der Provinz nichts mehr
zu tun hatte.
Meine Verwandten behielten mich länger in der Stadt, als sie
vorgehabt
hatten, denn
sie hatten keine geeignete Stelle für mich. Sie wollten mir etwas
aussuchen, aber die
Kampagne war gerade vorbei, und so musste ich denn zu meinem
Unglück
den
Herbst und den Winter über in Paris bleiben. Ich sage: zu meinem
Unglück,
denn
wenn ich irgendwo anders gewesen wäre, hätte ich mich nicht
durch
eigenes
Verschulden in mein Schicksal verstrickt, geführt von einer
seltsamen
Macht, die ich
nicht begreife. Ich glaube, dass wir unser Tun selbst bestimmen, aber
sicherlich
ist
unser Leben nicht allein von unserem Willen bestimmt; das Schicksal
entscheidet
über die Ereignisse und ihre Abfolge. In der Tat, meine ganze
Einsicht
beschränkte
sich darauf, mich meine eigene Schwäche und die Gefahr sehen zu
lassen,
in die
ich mich begab; sie reichte nicht dazu, mich zu retten.
Ich hörte die Messe in Notre Dame am achten September Mariae
Geburtstag
und
hatte mich an einen Pfeiler gelehnt. Eine der Grauen Schwestern, die
sich
um
Findlingskinder kümmern, bat mich, eben einmal eines bei der Taufe
zu halten, das
man in der letzten Nacht gefunden hatte. Gewöhnlich bitten sie nur
Leute um diese
Gefälligkeit, die nach viel Geld aussehen, in der Hoffnung auf
Almosen.
Ich lehnte
nicht ab. Sie fragte mich nach einer Taufpatin, und ich zeigte auf ein
anständig
aussehendes Mädchen in Halbtrauer, das mit einem anderen
zusammensaß,
der
Dienerin anscheinend. Die Schwester sprach es an, und anscheinend
machte
das
Mädchen einige Schwierigkeiten. Ich ging zu ihm und
überredete
es. Ich grüßte das
Mädchen, und es erwiderte meinen Gruß sehr höflich. Es
sprach so gewählt, dass
ich keinen Zweifel hatte, ein Fräulein von Stand vor mir zu haben.
Ich schickte
meinen Lakei nach einer Kutsche, mit dem Auftrag, auf mich am
Waisenhaus
zu
warten. Ich führte meine Mitpatin an der Hand, außer ihrer
Dienerin
folgte ihr auch
noch ein Lakei, was mir eine hohe Meinung von ihr gab. Wir hielten also
das Kind
über das Taufbecken, machten die üblichen Zeremonien, mit
viel
Umständlichkeit bei
der Namensgebung; aber da es ein Mädchen war, gab sie ihm ihren
Namen.
Die
Waisenkinder baten um Almosen, und weil die kleinen Unschuldigen
wirklich
Mitgefühl verdienen und ich froh war, meiner Mitpatin einen guten
Eindruck machen
zu können, gab ich reichlicher, als meine Börse zuließ,
aber passend zu meinen
aufkeimenden Gefühlen. Und auch sie war großzügig und
gab
mehr, als es bei
Mädchen üblich ist.
Diese Freigiebigkeit gab mir gewisse Vorrechte, und ich fragte die
Schwester,
ob wir
nicht im Waisenhaus etwas essen könnten. Ich erklärte ihr,
dass
ich nichts zu mir
genommen hätte und der Geruch, der dort herrsche, wenn er auch von
Kindern
stamme, mir Übelkeit mache; in der Tat neige ich dazu. Ich
weiß
nicht, ob die
Schwester nun meinem Wort glauben wollte oder ob Anzeichen in meinem
Gesicht
das Unwohlsein ankündigten, wie sie behauptete, jedenfalls
führte
sie mich in ein
kleines Refektorium, wohin auch die Mitpatin folgte, ohne sich lange
bitten
zu lassen.
Man gab uns ein Stück Rindfleisch aus dem Topf und Lammkoteletts
vom
Grill. Ich
sagte zu meiner Mitpatin, dass ich ihr etwas anderes auftischen
würde,
wenn es
nach mir ginge, aber ich hätte nicht gewagt, ihr einen anderen Ort
vorzuschlagen.
Ich hätte sie ungern verlassen, ohne auf ihre Gesundheit
anzustoßen,
und daher
hätte ich die erste Gelegenheit beim Schopf gefasst. Sie nahm mein
Kompliment
freundlich auf und erwiderte, dass sie nicht mitgekommen wäre,
wenn
sie geahnt
hätte, dass ich aus Zuneigung zu ihr um die Mahlzeit gebeten
hatte.
Weil mein
Gesicht aber plötzlich bleich geworden sei und sie
befürchtete,
dass mir schlecht sei
und Schlimmeres bevorstehe, habe sie nicht gezögert und sei mir
umstandslos
gefolgt.
Mein Lakei hatte die Kutsche geholt. Ich nahm ihre Hand, und sie stieg
mit ihrer
Dienerin ein, die sie nicht verlassen hatte. Sie zierte sich nicht wie
die Preziösen und
Leute, die keine Lebensart haben. Sie stieg mit guter Art ein, so dass
ich von ihrer
Weltläufigkeit überzeugt war und glaubte, dass sie die
Zurückhaltung
ihres
Geschlechts mit jener Freiheit und Offenheit paare, die man nur im
Umgang
mit
Leuten ersten Ranges erlernt. Das gab mir eine noch höhere Meinung
von ihr. Die
Leichtigkeit ihrer Rede, die gepflegte und doch natürliche
Ausdrucksweise
widersprachen dem Eindruck nicht, und ich kam mit mir überein,
dass
man nicht
leicht eine schönere und vollkommenere Person als sie finden
könne.
Ich muss ihr Portrait zeichnen, weil sie die Ursache aller meiner
Verfehlungen
und
des ganzen Unglücks ist, das mir zustieß, indem sie in
meinem
Herzen das Feuer
der Liebe entfachte. Ich kann mich für meine brennende und heftige
Leidenschaft nur
mit ihren guten Eigenschaften und ihrer Schönheit entschuldigen.
Sie
sollen selbst
urteilen, ob ich unschuldig bin, denn ich bin nur wegen der
schönsten
und
geistvollsten Frau der Welt in mein Unglück geraten.
Ich weiß wohl, meine Damen, unterbrach sich Des Frans, was ich
sage,
ist nicht
sehr galant; verzeihen Sie mir, wenn ich sie mit guten Gründen
schöner
male, als
sie wirklich war.
Sie war höchstens neunzehn Jahre alt, etwas größer als
normal, einfach
bezaubernd, so schlank, dass ich ihre Taille samt den Kleidern mit zwei
Händen
umspannen konnte. Ihre gelösten Haare waren gut ein Fuß
länger
als sie selbst und
von schönster kastanienbrauner Farbe. Wenn sie sich kämmen
ließ,
stieg sie auf
einen Tisch, und ihre Tante (von der ich gleich reden werde) sowie ihr
Kammermädchen waren beschäftigt. Sie hatte eine glatte
weiße
Stirn, große
schwarze, schwermütige und wohlgeformte Augen, deren Blick
zuweilen
so
durchdringend war, dass man ihn kaum ertragen konnte. Die Brauen waren
braun
wie das Haar, die Nase leicht gebogen und angenehm schmal, die Wangen
immer
von einem natürlichen Rot, was auf einem weißen Teint
wunderbar
wirkt. Der kleine
Mund lächelte, die Lippen waren voll und rot, die Zähne
weiß
und regelmäßig, das
Kinn rund, mit einem Grübchen in der Mitte, das Gesicht oval. Der
Busen war wie
gemeißelt und strahlend weiß, die Haut zart und
ebenmäßig.
Die Brust zeigte beim
Atmen durch ihre gleichmäßige Bewegung die Regung des
Herzens
und eine
vollkommene Gesundheit. Sie hatte einen kleinen, aber festen Busen, und
scherzhaft sagte sie mir manchmal, dass eine Frau immer genug davon
hat,
wenn
sie die Hand eines Ehrenmanns damit füllen kann. Sie hatte runde
Arme,
eine sanfte,
fleischige Hand. Sie ging wie eine Prinzessin und tanzte
vorzüglich,
sang auch,
spielte ausgezeichnet Cembalo und Gitarre. Sie war weder füllig
noch
mager, und
ihre Formen hielten eine schöne Mitte zwischen den
Gegensätzen.
Das ist Silvie, sagte Des Ronais. Ja, die wollte ich auch schildern,
sagte
Des Frans.
Eine vollkommene Schönheit, fügte Mme de Contamine hinzu. Es
gab nichts
Schöneres als ihren Körper, fuhr Des Frans fort. Ihr Geist
schien
genauso; aber sie
hatte davon so viel wie alle Betrügerinnen zusammen, verstellte
sich,
wechselte
plötzlich den Gesichtsausdruck und die Art zu sprechen, wie es die
beste
Komödiantin nicht besser konnte, wenn sie ihre Rolle gut
einstudiert
hat. Trotzdem
erschien sie vollkommen aufrichtig. Sie war ein Doppelwesen,
unbeständig
und
flatterhaft, gierig nach Vergnügungen, besonders die der Liebe,
bis
zu einem Punkt,
an dem sie ihnen alles opferte, Ehre, Tugend, Vermögen und
Pflicht.
Sie hatte Mut bis zur
Auflehnung: Kurz, ihr Charakter hatte so schlechte Eigenschaften, wie
der
Körper
vorzügliche besaß. Aber sie wusste das so geschickt zu
verbergen,
dass man sie
für jemand anderen hielt, als sie in Wirklichkeit war. Sogar ich,
der ich mit ihr doch
zwei Jahre lang und ständig zusammen war, hätte geschworen,
dass
sie aufrichtig,
treu, selbstlos sei, mit einem Wort so, wie sie mir vor der Ehe
erschien.
Waren Sie verheiratet?, rief Mme de Mongey aus. - Ja, Madame, ich
war's, sagte
Des Frans, aber ich bin nicht verwundert, dass Sie überrascht
sind.
- Ich hab es
wohl geahnt!, sagte Dupuis. - Wie dem auch sei, sagte Des Frans, das
ist
das
Geheimnis, das ich wegen meiner Verwandten so lange verbergen musste.
Ich
bitte
Sie alle inständig, es niemandem zu erzählen. Ich habe immer
noch Gründe, es zu
verschweigen; aber lassen Sie mich fortfahren, ich muss Ihnen noch etwas
Überraschenderes berichten.
Vom Waisenhaus begleitete ich sie nach Hause. Sie wohnte ziemlich weit
entfernt,
aber nicht weit von meinem Viertel. Sie lebte mit einer Frau zusammen,
die man für
ihre Tante hielt, die in Wirklichkeit aber mit ihr nicht verwandt war.
Silvie bat mich
einzutreten, und ich ließ mich nicht lange bitten. Ihr Haus sah
sehr
vornehm aus, und
ihre Gemächer waren reich möbliert. Die Tante war nicht da;
so
blieb ich allein mit
Silvie, der ich nicht viel Komplimente machte. Ich war nicht in der
Verfassung,
mich
ruhig zu unterhalten. Ich bat sie nur um die Freundlichkeit, meine
Besuche
zu
dulden, was sie mir in Anstand gewährte. Das war alles, was ich
erwarten
konnte.
Ich verließ sie so verändert und nachdenklich, dass ich mich
selber nicht
wiedererkannte. Seit dieser Zeit hat meine Liebe zu ihr sich nicht
gesteigert,
denn
von diesem Augenblick an liebte ich sie mit aller meiner
Zärtlichkeit.
Die Höflichkeit
wollte, dass ich nicht gleich wieder zu ihr zurückkehrte; die
Regel
wollte ich befolgen,
ich konnte es nicht. Am selben Abend ging ich an ihrer Tür vorbei.
Sie saß mit
Mädchen aus der Nachbarschaft davor, kein Mann war in ihrer
Gesellschaft.
Bis elf
Uhr, als sie sich zurückzogen, ging ich nur vorbei und wieder
zurück.
Und am
nächsten Tag machte ich es genauso und sah, wie sie mit mehreren
Mädchen
in
Richtung Boulevards aufbrach. Sie setzten sich ins Gras und sangen
zusammen.
Silvie sang allein das Couplet der Aretusa in Quineaus Proserpina:
Ich fürchte endlich, dass er mir gefällt,
Und seine Treue macht mir Angst.
Denn wenn ich ihn noch mehr gesehen,
Halt ich mein Herz nicht mehr im Zaum.
Ihr Gesang war herrlich; ich konnte der Versuchung nicht widerstehen.
Ich
näherte
mich, sie erkannte mich wieder und nahm mich zuvorkommend auf. Da ich
vornehm
gekleidet war und so den Bürgerstöchtern - nichts anderes
waren
sie - Ehre machte,
empfing man mich mit Wohlwollen. Ich nahm Silvies Hand, und unsere
Ungezwungenheit überrasche die Umstehenden ein wenig, aber das
brachte
uns
nicht in Verlegenheit.
Sie haben einen Liebhaber, der Ihnen Angst macht, schöne Mitpatin,
sagte ich und
ließ sie aufstehen. Diese Furcht ist schmeichelhaft, und der Mann
muss glücklich
sein, der sie einer Person wie Ihnen einflößt! - Aber nein,
sagte sie lachend, die Arie,
die ich gerade gesungen habe, gibt nicht meine Gefühle wieder. Sie
ist neu, schön,
und man behauptet, dass ich richtig singe; das ist der einzige Grund,
weshalb
sie
mir eingefallen ist. Kein Zusammenhang mit dem, was ich denke! - Ich
will
unser
Gespräch hier nicht wiederholen, es war zu lang, um alles zu
behalten.
Alles, was
sie sagte, entzückte mich, ich bewunderte die Feinheit ihrer
Gedanken
und ihre
elegante Ausdrucksweise, mit einem Wort, ich war überwältigt.
Ich führte sie nach Hause zurück und wir kamen bei einem
Limonadenausschank
vorbei. Ich dachte, sie mit ihrer Gesellschaft einzuladen, aber sie
wollte
nicht. Sie
sind nicht hungrig und nicht in einem Waisenhaus, lachte sie, ich
glaube
nicht, dass
Sie Herzbeschwerden haben. - Oh doch, antwortete ich, meinem Herzen
geht
es
nicht sehr gut, Sie haben ihm Streiche versetzt, die es schwach machen,
und es
braucht dringend Stärkung und Halt. - Sie leiden wohl unter
Herzschwäche,
versetzte sie, aber das schmeichelt mir. Immerhin, Ihre Beschwerden
treten
nur an
Orten auf, an denen man sie beheben kann. Heute abend jedoch werden Sie
auf
Stärkung verzichten müssen; selbst wenn die Schmerzen
anhalten,
wird Ihre
Gesundheit darunter nicht leiden. - Woher wissen Sie, fragte ich
zurück,
ob ich nicht
an einer neuartigen Krankheit leide, die kein Mittel heilen kann? -
Dann
brauchen Sie
es nicht, erwiderte sie, und schlimmstenfalls ist Ihre Krankheit ein
Wehwehchen;
Sie
können ja noch lachen. - Sie machen sich ja fürchterlich
über
mich lustig!, rief ich
lachend. - Und Sie nehmen die Leute mit Ihren Klagen auf den Arm, sagte
sie
ebenso.
Wir kamen zu Ihrer Tür, an der wir ihre Tante fanden, die ich
höflichst
begrüßte.
Silvie erzählte ihr, dass ich der Herr sei, mit dem sie vor zwei
Tagen
ein
Findlingskind getauft habe. So wurde ich ehrenvoll empfangen und ich
verabschiedete mich, den Kopf voller angenehmer Vorstellungen. Ihre
süße
Stimme
hatte mein Herz bewegt, da ich doch mein Leben lang die Musik geliebt
habe.
Am
nächsten Tag ging ich wieder hin, aber vormittags, um ihr in aller
Form meine
Aufwartung zu machen. Sie erschien mir liebenswerter denn je; sie
spielte
Instrumente, und zwar vortrefflich. Wir sprachen nur von
gleichgültigen
Dingen. Nach
einem Besuch von mehr als drei Stunden hatte ich das Gefühl, nur
einige
Augenblicke geblieben zu sein. Am Abend kam ich wieder und meinte, da
ich
doch
ihr Nachbar sei, könne ich wohl mit ihr und ihren Freundinnen den
Abend verbringen.
Das Wetter war nicht schön genug, um spazieren zu gehen, deshalb
gingen
wir in
den kleinen Salon, in dem wir bei Liedern tanzten. Ich war
endgültig
verloren, nie sah
ich jemanden so tanzen. Ich ging ganz außer mir fort, konnte
nichts
mehr sagen, nur
eines: Ich hatte nie ein vollkommeneres Mädchen gesehen.
Einige Tage später lud ich alle ein, sie, ihre Tante und die drei
Nachbarinnen, mit
denen sie gewöhnlich zusammen war, um außerhalb von Paris
einen
Spaziergang
zu machen. Ich verwöhnte sie, so gut ich konnte, und sie waren
zufrieden;
ich nicht,
denn ich hatte nicht die Zeit gehabt, alles zu regeln. Silvie stolperte
auf der Schwelle
des Gasthauses, als sie hinunterging. Mein Eifer, ihr zu helfen, zeigte
meine
Anteilnahme an allem, was ihr zustieß. Ich schickte schnellstens
einen Mann nach
Paris, eine Kutsche zu holen, denn wir waren die kurze Viertelmeile zu
Fuß
gegangen: Sie dankte für meine Aufmerksamkeit. Ihr Fuß
schwoll
ziemlich an, und
sie war zwei Wochen lang gezwungen, im Bett zu bleiben, wohin ich sie
schleunigst
gebracht hatte. Ich verließ sie nur, um essen zu gehen, und wenn
sie gewollt hätte,
wäre ich die ganze Zeit bei ihr geblieben. Die Tante war für
eine Tante ziemlich
zuvorkommend, gewöhnlich sind sie weniger umgänglich. Ich
hätte
alles sagen
können, so herzlich war ich aufgenommen. Man kannte mein
Verlangen.
Aber mein
Mund wahrte das Schweigen, nur meine Augen und mein Tun sprachen. Ich
war
sicher, verstanden zu werden, und obwohl Silvie mich mit großer
Zurückhaltung
behandelte, verrieten die Augen doch das Geheimnis ihres Herzens.
Endlich entdeckte ich mich: Ich sagte, dass ich sie mehr liebe, als man
je geliebt hat,
und bat sie, mir zu sagen, an wen ich mich wenden müsse, um ihre
Hand
zu
erbitten. Sie zierte sich gar nicht, wie es Mädchen häufig
bei
der Gelegenheit
machen, sondern sagte mir im Gegenteil, dass sie mir sehr dankbar wegen
meiner
Gefühle für sie sei und die Ehre, die ich ihr erweisen wolle.
Doch bitte sie mich in
meinem eigenen Interesse darum, mich nicht einer vergänglichen
Leidenschaft
zu
überlassen, die ich eines Tages bereuen würde. Ich schwor ihr
ewige Liebe: Dass
meine Glut alles und immer ertragen werde und dass ich sie so sehr
liebte,
um nie
die Verpflichtung zu bedauern, die ich auf mich nähme. Dass sie
die
erste sei, die
ich geliebt hätte, und dass sie gewiss die letzte sein werde. -
Ich
schmeichle mir
nicht, sagte sie, so schön und so würdig zu sein, um eine so
heftige Leidenschaft zu
entfachen. Glauben Sie mir, fügte sie hinzu, wenden Sie sich einer
vorteilhafteren
Liebe zu: Sie glauben, mich zu lieben, und Sie irren sich. Ich
würde
mich selber
betrügen, wenn ich es glaubte. Sie wissen weder, wer ich bin,
noch,
wer ich sein
könnte. Vielleicht bin ich so weit über Ihnen, dass ich Sie
täuschte,
wenn ich Ihre
Aufmerksamkeiten länger duldete; vielleicht aber bin ich so weit
unter
Ihnen und
dem, worauf Sie Anspruch haben, dass Sie sich für eine so niedrige
Bindung
schämen würden. Befreien Sie sich also, sei es Ihretwegen,
sei
es meinetwegen,
solange Sie es noch in Ehren tun können.
Nein, mein Fräulein, erwiderte ich ihr, es steht nicht mehr in
meiner
Macht, mich zu
lösen. Ihr Rat kommt zu spät. Von allem, was Sie sagten,
fürchte
ich nur den
Unterschied des Standes, mit dem Sie mir drohen. Dabei wünsche ich
mir, dass er
nicht zu Ihrem Gunsten ausfällt, das wäre für mich arg
nachteilig.
Wenn Sie so weit
über mir geboren sind, dass ich mich nicht zu Ihnen erheben kann,
dann wird meine
Verzweiflung vom Ernst meiner Zärtlichkeit und meiner Achtung
künden,
die
sicherlich nicht größer sein kann als jetzt; aber wenn Sie
niedrigeren
Stands sind als
ich, wird meine Liebe darüber triumphieren. - Passen Sie auf, was
Sie sagen,
antwortete sie, versprechen Sie nichts, was Sie bereuen werden. Ich
sage
Ihnen
noch einmal: Sie kennen mich nicht. - Ich kenne Sie, sagte ich, und
werde
Sie immer
als die schönste und vollkommenste Person der Welt kennen. Alles
andere
ist mir
gleich, nur Sie enzücken mich, Sie allein... - Sie haben sich
verrannt,
unterbrach sie,
und das lässt Sie in mir alle guten Eigenschaften finden; wenn Sie
die Augen recht
aufmachen, sind sie nicht mehr da. Glauben Sie mir, schwören Sie
nicht
ewige
Treue, ich verdiene sie nicht. Kehren Sie zu sich selbst zurück,
überstürzen
Sie
nichts. Damit Sie mich eines Tages nicht stärker hassen, als Sie
mich
jetzt lieben,
bestehen Sie nicht auf einer Bindung, für die Sie sich einst
schämen
werden.
Lange versuchte ich alles, damit sie sich genauer erkläre und mir
ihr Herz entdecke;
es gelang mir nicht. Ich sah wohl, dass ich ihr nicht gleichgültig
war, aber ich wollte,
dass sie es mir sagte; das war unmöglich. Eifersüchtig war
ich
nicht, denn nie hatte
ich einen Mann bei ihr und mit ihr zusammen gesehen, ich war der
einzige,
der
Zugang zu ihrem Haus hatte. Die Nachbarn, bei denen ich mich
erkundigte,
sagten
mir, ihr Haus sei ein Kloster, in dem man niemals einen Mann sehe. Und
sie, sie ging
kaum aus, und wenn, um in der Nachbarschaft zu helfen; man wusste
immer,
wo
sie war. Immer häufiger kamen die Nachbarinnen zu ihr, um
gemeinsam
Handarbeit
zu verrichten, und das waren alle Besuche, die sie bekam und erwiderte.
Ihre
Familie kannte man nicht; man wusste nur, dass sie seit etwa achtzehn
Monaten
mit
ihrer Tante in diesem Haus wohnte und dass die beiden in Trauer dorthin
gekommen
seien. Sie lebten sehr zurückgezogen, und ich sei der einzige
Mann,
den man
seitdem sie hätte aufsuchen sehen. Das versetzte mich in
schreckliche
Unruhe. Ich
versuchte, das Geheimnis ihrer Geburt zu durchdringen, aber die Zeit
dafür
war noch
nicht gekommen.
Inzwischen boten meine Onkel mir eine andere Stelle an; aber weil ich
Paris
dafür
hätte verlassen müssen, lehnte ich sie ab und gab meiner
Mutter
zu verstehen, dass
ich ihr und meinen Verwandten zwar unendlich dankbar sein müsse
und
vielleicht
sogar ihren Anweisungen blindlings folgen sollte, ich sie jedoch
inständig
bäte, mich
nicht wieder in Arbeit zu setzen. Bei meiner Veranlagung würde ich
mir nur täglich
neue Feinde schaffen und mein Ansehen aufs Spiel setzen, ohne dabei
reich
zu
werden. Darüber hinaus sei die Aufgabe nicht mit meinem Gewissen
vereinbar.
Es
stimme zwar, dass ich mir endlich eine Position verschaffen müsse,
aber doch
darum bäte, mir die Wahl zu lassen. Die Rechtsprechung passe
besser
zu mir, und
eine Stelle bei Gericht sei für mich wohl das Rechte.
Schließlich
sei das Vermögen
meines Vaters nicht aufgebraucht, sie habe es im Gegenteil durch
Sparsamkeit
wieder vermehrt, und so könne ich mir durchaus eine Stelle kaufen,
die für die
Familie ehrenhaft sei. Meine Mutter billigte diese Gründe oder gab
doch vor, sie zu
billigen, und sprach mit den Onkeln davon, die beschlossen, mich machen
zu
lassen. Ich nahm das Studium der Rechte also wieder auf. Welche
Verwandlung!
Ich, der ich eine unüberwindliche Abneigung gegen den Richterberuf
und überhaupt
gegen die Schreiberei hatte, der von nichts träumte als von Krieg
und
Waffenhandwerk, begann wieder zu studieren, und wenig hätte
gefehlt
und ich hätte
die Richterrobe abgetragen. Ich war böse auf mich selber, auf
meine
Unvernunft;
aber das war nicht die einzige unsinnige Entscheidung, zu der die Liebe
mich
brachte. Sie war stärker als alles, ich opferte ihr Ansehen,
Ehrenhaftigkeit,
Verwandte, Vermögen, Neigung.
Meine Besuche bei Silvie waren zu häufig, dass sie meiner Mutter
entgangen
wären;
sie bekam Wind davon. Sie erfuhr, dass ich bis zu Raserei verliebt war.
Und so
konnte sie keinen Zweifel über den Grund meiner Ablehnung der
Stelle
haben, die
meine Onkel mir angeboten hatten. Jedoch verriet sie mich nicht und
schonte
mich
gutmütig. Sie wusste, dass mit Gewalt bei mir nichts zu erreichen
war, und so
versuchte sie es sanft, aber das nützte auch nichts. Im Gegenteil:
Silvie erschien mir
noch schöner. Man versuchte alles, um mich aus Paris zu entfernen,
Ansehen,
Reichtum; ich missachtete alles. Ich konnte ihr nicht verbergen, dass
sie
mir leid tat,
dass mein Lebenswandel in der Tat nur der Liebe gehorchte und Silvies
Reizen.
Mutter tat so, als wolle sie mich wieder zur Vernunft bringen, die ich
sichtlich verloren
hatte, aber sie war dabei so ungeschickt, dass ich vom Gegenteil
überzeugt
war.
Ich versuchte, das Geheimnis von Silvies Geburt zu lüften und
flehte
sie an, es mir
zu enthüllen, aber ich kam damit nicht weiter und wäre noch
lange
im
Ungewissen geblieben, wenn ich es nicht auf eine außerordentliche
Art erfahren
hätte.
Eines Abends im Januar verließ ich sie sehr spät, es war
beinahe
Mitternacht. Es
war stockdunkel, man sah die Hand vor Augen nicht. Eine Fackel, die
mein
Lakei mir
vorantrug, war vom Wind ausgeblasen worden, und keine Laterne brannte.
Ich
tastete mich voran. Da hörte ich jemanden in der Nähe und
fragte,
wer da? Ein Mann
fragte mich, ob ich Monsieur Des Frans sei. Ja, der bin ich, was wollen
Sie? - Hier,
Monsieur, man hat mich beauftragt, Ihnen dieses Päckchen
eigenhändig
zu
übergeben. Fragen Sie nicht, woher es kommt, aber überzeugen
Sie sich von der
Wahrheit, die darin ist, sie ist für Sie wichtig. Und dabei gab er
mir ein versiegeltes
Päckchen und ging weg. Ich konnte ihn nicht aus den Augen
verlieren,
denn ich hatte
ihn überhaupt nicht gesehen; ich rief nach ihm, aber er antwortete
nicht. Ich ging
weiter, von der Neugier gequält, was man mir geschrieben habe und
was das denn
sei; ich riss den Umschlag bei rabenschwarzer Nacht auf, obwohl ich
doch
nicht
einmal die Straße sehen konnte. Meine lächerliche Neugier
wurde
mir klar; ich
steckte das Ganze in die Tasche und ging nach Hause. Das erste, was ich
in
meinem Zimmer tat, war, eine Kerze zu holen und einen Blick auf den
Brief
zu
werfen, den man mir mit so viel Geheimnistuerei übergeben hatte.
Ich
las die ersten
Worte:
Warnung an Herrn Des Frans vor seiner Liebe für Silvie
Da waren drei vollgeschriebene Blätter mit recht kleiner
Männerhandschrift.
Ich
brauchte Zeit, um das alles zu lesen, also legte ich mich hin und las
im
Bett. Der
Brief war zu lang, um alles behalten zu haben, ich kann ihn nicht mehr
richtig
wiedergeben.
Jemand sagte mir also, dass ich eine Vestalin zu lieben glaubte und ein
Fräulein aus
guter Familie. Dass meine voreilige Bindung Leute erschrecke, die
Interesse
für
mich hätten. Dass meine Gefühle in jeder Weise
schändlich
seien. Dass man Mitleid
mit mir habe, weil ich von einem Mädchen so getäuscht
würde.
Dass die junge Frau
ihren Vater und ihre Mutter nie gekannt habe. Ihre Erziehung verdanke
sie
dem
Waisenhaus, wo wir zusammen das Kind getauft hätten. Dass sie
gleich
nach der
Geburt von ihren Eltern an einer Tür nahe dem Waisenhaus
ausgesetzt
worden sei,
wo sie bis zu ihrem achten Lebensjahr geblieben sei. Sie sei unstrittig
schön, und
das sei der Grund dafür gewesen, dass die kinderlose verstorbene
Duchesse
de
Cranves sie aus dem Waisenhaus geholt habe und bei sich bis zu ihrem
achtzehnten Jahr aufzog. Sie sei dort gut erzogen worden und habe alles
gelernt,
was ein Mädchen wissen müsse. Obwohl sie bei Frau de Cranves
nichts als
Beispiele hoher Tugend gesehen habe, sei ihr Verhalten doch
verdächtig
gewesen;
es verbrecherisch zu nennen habe man freilich nicht gewagt. Trotzdem
sei
Frau de
Cranves mit ihr anscheinend nicht zufrieden gewesen, denn in ihrem
Testament
habe sie ihr statt des versprochenen Vermögens nur wenig Geld,
einige
Möbel und
ein kleine Rente vermacht. Es gebe das Gerücht, dass Silvie mit
der
Morin unter
einer Decke stecke; das sei die frühere Kammerzofe von Frau de
Cranves,
der sie
am meisten vertraue, mit der sie zusammenlebe und die sie als ihre
Tante
ausgebe.
Mit ihr hätte sie ziemlich viel Schmuck und das wenige Bargeld der
Dame vor deren
Tod verschwinden lassen, alles, was man im Geldschrank nicht mehr habe
finden
können. Angeblich habe sie den Streich auf Rat eines jungen Mannes
namens
Garreau ausgeführt, der Sekretär und Verwalter von Frau de
Cranves
gewesen sei
und gewusst habe, wo das Geld aufbewahrt wurde. Er habe ihr auch die Ehe
versprochen und sie habe mit ihm angeblich ein Verhältnis gehabt.
Das sei aber ein
bloßer Verdacht, denn Garreau sei im Gefängnis gestorben,
wohin
die Erben ihn
wegen der Anzeichen für einen Diebstahl gebracht hätten.
Ich wurde aufgefordert, darüber einmal nachzudenken: über die
Herkunft, über die
Handlungsweise, über den Verdacht des Diebstahls und der Unzucht.
Am Schluss
sagte der Schreiber, dass er mir keine Ratschläge geben wolle, ich
sei ja zu klug
und ehrenhaft, um etwas Unwürdiges und für meine Familie
Schändliches
zu tun. Er
bedauerte, dass ich mit Blindheit geschlagen und dass deshalb eine
Kopie
des
Briefs an meine Mutter gegangen sei. Man habe mich nicht
persönlich
und zu Hause
angeschrieben, weil man befürchtet habe, ich könnte glauben,
die Warnung käme
von meinen Verwandten, die damit gar nichts zu tun hätten; und mir
den Brief
einfach bei Tageslicht in die Hand zu geben habe man auch nicht gewagt.
Ich hätte
ja den Schreiber erkennen können. Den Inhalt könne ich Silvie
unbesorgt mitteilen,
solle ihr aber nicht den Brief zeigen. Sie werde nicht widersprechen,
und
in jedem
Fall würden die im Brief genannten Leute mich schon
gründlich
über alles aufklären,
was sie betreffe, als Domestiken bei Frau de Cranves hätten sie
sie
ja die ganze Zeit
gekannt, seit Silvie auf diese merkwürdige Art ins Haus gekommen
sei.
Sie können sich vorstellen, wie mir bei der Lektüre zumute
war.
Bald hielt ich alles
für erlogen, bald für glaubwürdig; ich wusste nicht, was
ich denken sollte. Es
stimmte: Nie hatte sie mir ihre Herkunft erklären wollen. Das
sprach
dafür, dass der
Brief die Wahrheit enthielt. Tausend Gedanken schossen mir durch den
Kopf,
an
keinem hielt ich fest. Die ganze Nacht dachte ich darüber nach,
was
ich tun sollte.
Immer wieder las ich den Brief, verwünschte den Schreiber,
verfluchte
ihn wegen
der Aufklärung. Kurz darauf sagte mir mein Verstand, dass ich ihm
Dank schuldig
sei, weil er mich vor einem Abgrund an Schande gerettet habe. Kurz, in
mir tobte ein
unaussprechlicher Kampf zwischen Liebe und Ehre. Um neun Uhr morgens
hatte
ich mich noch nicht entschieden, als meine Mutter mit Papieren in der
Hand
in mein
Zimmer kam.
Sobald ich sie sah, sagte ich: Ich weiß alles, was Sie mir sagen
wollen. Der Brief,
den Sie haben, wird hier angekündigt. - Schön, Sie haben also
gesehen, wie es
steht, aber Sie wissen nicht, was man mir rät. Hier lesen Sie und
bringen Sie mir
den Brief nachher wieder. Mit diesen Worten warf sie mir das
Schriftstück
aufs Bett
und ging hinaus. Der Brief hatte die gleiche Handschrift und trug die
Aufschrift:
Hinweis für Madame Des Frans über das Verhalten ihres Sohnes
Jemand schrieb ihr also, dass man mir alles mitgeteilt habe, was Silvie
und mich
auseinander bringen könne; aber man habe mir keinen Rat gegeben,
weil
man es für
nützlicher gehalten habe, mich einen Entschluss selber fassen zu
lassen,
der
meiner würdig sei. Ich hätte ja genug Ehrgefühl und
Verstand
für eine richtige
Entscheidung. Mir meinen Weg vorzuschreiben sei das beste Mittel, mich
gegen den
Schreiber aufzubringen, besser sei es, mir zu vertrauen. Ihre Klugheit
werde mich
schon zur Einsicht bringen, dass meine Liebe schrecklich unwürdig
sei. Sie solle
mich doch auf Reisen schicken, die Ablenkung einer Reise oder einer
Tätigkeit
auf
dem Land würden alle meine üblen Gedanken auslöschen.
Silvie
und die Morin,
warnte der Schreiber, seien zwei sehr gefährliche Personen; zu
Beginn
meiner
Bekanntschaft mit ihnen hätten sie beschlossen, mich zu
täuschen:
die eine mit
einer Tugend, die sie wohl nicht besitze, die andere, indem sie vorgab,
die Tante zu
sein und mir trotzdem alle Freiheiten gegenüber ihrer angeblichen
Nichte einräumte,
die schon aufpasse, dass ich nicht über die Stränge
schlüge.
Die beiden hätten alles
über meine Familie in Erfahrung gebracht, um zu sehen, ob ich ihr
Fall sei. Und
sobald sie gewusst hätten, dass ich der einzige Sohn war und von
niemandem
abhängig, hätten sie zugegriffen. Ich hätte ja
genügend
Vermögen, um ihnen ein
angenehmes Leben zu ermöglichen. Was die Einwilligung meiner
Mutter
betreffe
und die meiner Verwandten, so sollte ich dazu gebracht werden, sie zu
übergehen,
wenn ich einmal in aller Leidenschaft entbrannt wäre, der ich
fähig
sei. Nur die
Herkunft Silvies sei ein Problem gewesen und deshalb hätten sie
einem
ruinierten
Adligen 100 Louisdor geben wollen, damit er sie für seine Tochter
ausgebe. Das
könne er, denn er habe eine Tochter im gleichen Alter gehabt, die
auf der Reise nach
Paris gestorben sei. Und der Schreiber gab Namen und Adresse an. Man gab
meiner Mutter zu verstehen, Silvie habe ihm möglicherweise noch
mehr
versprochen
als die 100 Louis. Das könne man leicht von ihm erfahren, denn er
liebe den Wein
und sei, einmal betrunken, nicht Herr seiner Zunge. Die beiden, fuhr
der
Schreiber
fort, seien sich so sicher, dass die Heirat nach diesen
Vorsichtsmaßnahmen
zustandekomme, dass die Morin bei einer Frau, die mit ihr im Haus von
Frau
de
Cranves gewohnt habe und die sie für eine Freundin hielt, davon
geschwätzt
habe,
dass Silvie einen steinreichen jungen Mann von Familie heiraten
würde,
der wegen
ihrer Schönheit ihr Glück machen würde; er nannte diese
Frau und deren Adresse.
Zum Schluss riet man meiner Mutter, sie solle alle Mittel anwenden,
sogar
eine
gerichtliche Anordnung gegen Silvie und die Morin, wenn ich trotz aller
Ehre und
Gewissen das betrügerische Mädchen immer noch heiraten wolle,
und sie solle, mit
Hilfe der Verwandten, mich sogar an einen Ort bringen, an dem ich mich
nicht ins
Unglück stürzen könne. Es sei keine Zeit zu verlieren,
sagte
der Schreiber, sie
müsse sich sofort entscheiden. Wenn es einmal passiert sei und die
Kirche dazu
ihren Segen gegeben habe, wäre der geringste Schaden, außer
dem Ehrverlust,
dass die Sache viel Geld kosten würde. Ohne von der ewigen Reue zu
sprechen, die
mich quälen würde, sobald meine verblendete Verliebtheit
nachlasse
und der
Zauber, von dem ich besessen sei, seine Kraft verloren hätte. Der
Schreiber
versicherte, dass er für Silvie keinen Hass empfinde, der ihn zu
seiner
Warnung
zwinge. Dies geschehe nur wegen der Achtung für eine ehrbare
Familie
und des
Mitleids mit einem jungen Mann, der sich blindlings an etwas
Unwürdiges
verliere.
Wie Sie sehen, gab dieses Schreiben mir neuerlich zu denken. Ich kam zu
einem
Entschluss. So wie das Mädchen beschrieben wurde, war sie mir
widerwärtig.
Ich
stand auf und ging zu meiner Mutter herüber. Nun, Monsieur, fragte
sie bei meinem
Eintreten, welches sind Ihre Absichten? - Können Sie daran
zweifeln,
Madame?,
sagte ich lachend. Ich wäre Ihrer unwürdig, wenn ich in der
Geschichte
etwas
anderes sähe als verlorene Zeit. Ich halte den Schreiber, den ich
nicht kenne, für
meinen besten Freund und den, der am meisten an meinem Geschick
interessiert
ist. Sie werden die Gewaltmaßnahmen gegen mich nicht zu ergreifen
haben, Mutter.
Ich habe Silvie geliebt, ich wäre ein Lügner, wenn ich’s
leugnete.
Aber ich kannte sie
nicht, und alles, was man mir von ihr sagt, flößt mir
Verachtung
ein. Bitte sagen Sie
mir nichts; Sie würden mich noch mehr beschämen. Ich will an
die Geschichte nur
mit Heiterkeit denken. Ich verdiente allen Spott der Welt, wenn ich
mein
Abenteuer
ernst nähme. Kurz, damit Sie sicher sind, dass dies meine wahre
Meinung
ist,
schicken Sie mich unter einem Vorwand fort, in ein Amt, in den Krieg
oder
im
Gefolge eines Botschafters, wie Sie es mir schon vorgeschlagen haben.
Ich
bin
bereit zu gehen.
Ich bin erleichtert, erwiderte sie, dass Sie von Ihren Dummheiten
abgekommen
sind.
Ich bin überzeugt, dass Sie mich nicht betrügen. Ich werde
nie
mehr davon
sprechen; ich würde Ihre Scham nur vergrößern. Die
Sache
spricht für sich. Ich
glaube sogar, dass Sie in Zukunft zurückhaltender sein werden. War
sie es mit
Ihnen, Ihre Silvie? - Zweifellos, erwiderte ich. Die angebliche Tugend,
die sie mir
gegenüber vortäuschte, hat nicht wenig zu meiner Liebe
beigetragen.
Das ist sicher:
Hätte sie meinen Wünschen nachgegeben, ich wäre ihr
untreu
geworden. - Ihr habt
gut zusammengepasst, lachte meine Mutter, Betrüger und
Betrüger!
Aber sie war
schlauer und hat Sie an der Nase herumgeführt. Hier, fuhr sie
fort,
nehmen Sie alle
diese Schreiben, ich weiß nicht, was ich damit machen soll. Zum
Essen
gehe ich zu
Ihren Onkeln; aber ich bin es bald müde, wegen Ihres schlechten
Benehmens
ständig etwas bei ihnen erbitten zu müssen. Ich fürchte,
dass ihre Geduld wie die
meine am Ende zur Neige geht. Bei Ihnen kann man stets von vorne
anfangen.
Mein
Gott, verhalten Sie sich doch einmal in Ihrem Leben wie ein Ehrenmann!
Zwingen
Sie die Leute, von Ihnen gut zu reden! Wenn diese Affäre Sie nicht
klug macht, dann
nichts. Alle Ihre Beteuerungen sind sehr schön, aber erst wenn Sie
weg sind, glaube
ich daran. Gehen Sie zwei Pferde kaufen, für sich und einen Diener.
Ich schwor ihr, dass das Herz aus meinem Munde spreche, dass ich noch im
Augenblick bereit sei, aufs Pferd zu steigen. Dass ich im Leben diese
infame
Kreatur
nicht wiedersehen würde und dass ich mich nur mit Schaudern an sie
erinnerte.
Kurz ich sagte alles, was ein reuiger junger Mann vorzubringen hat und
glaubte, ja
hätte schwören können, das sei meine Meinung. Aber ich
kannte
meine Schwäche
noch nicht, nein eher meinen Unstern, der mein Verderben beschlossen
hatte,
dass
ich verdammt war, alle Schrecken des drohenden Unheils zu kennen und
es doch nicht vermeiden konnte.
Kaum hatte ich Madame Des Frans verlassen, wurde ich schon in
Selbstzweifel
gestürzt. Ich wollte nicht mehr zu Silvie gehen und betrachtete
sie
als unwert meines
Zorns und meiner Verachtung; ich war über sie empört. Aber
gerade
meine
Enttäuschung ließ mich das Vergnügen herbeisehnen, die
Betrügerin auszuforschen
und den Adligen, der mein angeblicher Schwiegervater werden sollte, zur
Rede zu
stellen. Ich kannte Namen und Adresse; ich ging hin. Ich fand ihn und
sprach
ihn
unter dem Vorwand an, bei ihm zwei Pferde kaufen zu wollen. Der Zufall
wollte es,
dass es in der Herberge tatsächlich zwei Pferde gab, aber sie
gehörten
einem
anderen Edelmann. Ich sah sie mir an, aber da der Besitzer nicht da
war,
musste
ich warten. Alles kam meinen Absichten entgegen. Ich fragte
Rouvière,
ob er derweil
mit mir essen gehen wolle. Da traf ich seine schwache Seite, er
willigte
ein, und wir
gingen in ein Gasthaus nahebei.
Ich ließ ihn trinken, so viel er wollte; selbst entschuldigte ich
mich mit einer
Krankheit. Er glaubte mir umso eher, als ich wirklich niedergeschlagen
war. Der
Marquis de Querville, der Schwager des Herrn Des Prez, dessen
Geschichte
Sie
kennen, kam dazu und, weil er seine Pferde wirklich verkaufen wollte
und
ich sie
kaufen, war unser Handel bald abgeschlossen, und ich schickte die Tiere
nach
meinem Haus. Ich wollte ihn zum Essen dabehalten, um auf das
Geschäft
anzustoßen, aber die Mittagszeit, die eben läutete, zwang
ihn,
uns zu verlassen. Er
sagte, er habe eine äußerst wichtige Angelegenheit zu
regeln,
aber wenn ich nur
eine halbe Stunde warten wolle, werde er auf dem Fuße
zurückkommen.
Ich
wünschte nichts mehr, als bei meinem Mann zu bleiben, und so
versprach
ich
Querville, dass wir auf ihn warten würden.
Als wir allein waren, fragte ich ihn über seine Familie aus, sein
Gut in der Provinz,
sein Eigentum, sein Vermögen, seine Geschäfte und was er in
Paris
mache. Jede
meiner Fragen begleitete ich mit einem großen Glas Wein. Er
antwortete,
als wäre
er bei seinem Beichtvater. Er war, wie ich Ihnen schon erzählt
habe,
ein Edelmann
aus Le Mans mit Namen Rouvière, äußerst arm, weil er
sein Schicksal mit dem
eines Fürsten verbunden hatte, der viele Adlige ruiniert hatte,
die
ihm während der
Unruhen gefolgt waren. Der Mensch schien mir sehr informiert über
alle
Zeitgeschehnisse und sprach darüber, als hätte er daran
teilgenommen;
er schimpfte
über sein Unglück. Er erzählte mir, dass er eine Tochter
gehabt habe, die er bei
einer Dame von Rang unterbringen wollte und die er deshalb nach Paris
gebracht
habe, aber sie sei innerhalb von zwei Tagen in Illiers an einer
Krankheit
gestorben.
Er sei dann weitergereist, um beim Sohn seines ehemaligen Gönners
eine Pension
zu erbitten, damit er für den Rest seiner Tage einen
Lebensunterhalt
hätte, oder
einen Posten in der Armee, der ihn ernähren könnte. Das alles
stimmte mit dem
überein, was man meiner Mutter geschrieben hatte. Ich war im
Begriff,
ihn nach
Silvie und ihrer Tante zu fragen, als er von selbst von ihnen zu
sprechen
begann.
Einst sei er mit der Duchesse de Cranves bekannt gewesen, die vor
ungefähr
zwei
Jahren gestorben war. Er trauere ihr nach, weil sie ihm Hilfe
gewährt
habe; und
bestimmt hätte sie seine Tochter bei sich aufgenommen.
Schließlich
wäre die
mindestens so gut gewesen wie die andere, die Frau de Cranves aus dem
Waisenhaus geholt habe. Ich tat so, als wäre mir das unbekannt,
und
scheinbar
ohne Interesse fragte ich ihn, was das heißen solle. Er
erzählte
mir Wort für Wort
Silvies Geschichte. Er zerriss sich das Maul über ihr Benehmen,
über
den Sekretär,
der im Gefängnis gestorben sei, und endete mit der Klage, dass
alles
im Leben
Zufall sei. Nichtsdestoweniger halte Silvie eifrig nach einer guten
Partie
Ausschau,
nach einem stinkreichen jungen Mann, der nur von ihr abhängig sein
sollte, da er nur
noch seine Mutter hatte, die sich der Frömmigkeit verschrieben
habe.
Der junge
Mann wollte nichts anderes als sie heiraten. Ja es stimme, er wisse
nichts
Genaues
über Silvies Herkunft und ihr Schicksal, aber, und da lachte er
auf,
ihre Schönheit
reicht ja wohl. Die Morin, die sich für ihre Tante ausgibt und die
ihr bei dem Diebstahl
geholfen hat, will, dass der arme Teufel mit meiner Hilfe betrogen wird
und verspricht
mir das Blaue vom Himmel. Sie hat mir sogar 100 Louisdor geboten. -
Wobei
können Sie ihnen helfen?, unterbrach ich. - Bei der Unterschrift
unter
den
Ehevertrag, wobei ich sie für meine Tochter ausgebe. Mein
Adelstitel
wird ihr gut
stehen, jedenfalls in den Augen ihres Liebhabers. - So etwas, warf ich
ein, könnte
üble Folgen haben, wenn es der Justiz bekannt würde. -
Gewiss,
aber wo sollte sie
mich finden? Ich bin nirgendwo zu Hause, und wer wollte schon das
Geheimnis
ergründen? Silvie nicht und die Morin auch nicht. Der Ehemann
würde
alles
gutgläubig annehmen und nicht weiter herumstochern. Und wenn er
schon
nachforschte: Er würde erfahren, dass ich eine Tochter in Silvies
Alter hatte. Und die
kannte man nur in der Provinz und da selbst wenig, denn sie hat mit
meiner
Schwester fast ausschließlich im Kloster gelebt. Niemand
weiß,
dass sie tot ist.
Silvie selber passt auf, dass sie nicht erkannt wird. Sie lebt sehr
zurückgezogen
und
nach der Hochzeit wird sie ihren Mann dazu bringen, mit ihr ins Poitou
zu gehen, wo
er angeblich Besitz hat.
Irgendwie kommt alles zu Tage, sagte ich, die Zeit bringt es ans Licht.
- Egal, mich
kümmert’s nicht. Wenn ich das Geld habe, verschwinde ich von hier.
- Und es täte
Ihnen nicht leid? - Schon, es täte mir leid, einen jungen Mann von
Familie zu
hintergehen, der, scheint’s, ein Ehrenmann ist. Aber ich kenne kein
Zurück,
wenn
Silvie mir das gewährt, wonach ich verlange. - Was wollen Sie denn
noch von ihr?,
fragte ich lachend. Sind die 100 Louis nicht genug? - Ja, das Geld ist
schon genug,
und ich hoffe, meinem angeblichen Schwiegersohn noch die eine oder
andere
Feder
auszureißen. Ich will nicht ganz unehrlich sein, wenn ich
behaupte,
Silvie sei meines
Bluts. Denn bevor ich irgendetwas unterzeichne, will ich... Sie
verstehen
schon. -
Das ist ein Schurkenstreich!, rief ich immer noch mit Lachen. Reicht es
Ihnen nicht,
den jungen Mann hereinzulegen? Wollen Sie ihn auch noch lächerlich
machen? - Na
und?, nickte er, Sie haben vielleicht Skrupel! Bin ich nicht genauso
gut
wie das
Faktotum, mit dem sie vorher zusammen war, wie mir der Hausmeister der
Frau de
Cranves erzählte? Und was die Hörner betrifft, was macht es
schon,
wenn sie sie
ihm vor der Ehe aufsetzt? Und...
Ich unterbrach: Aber der junge Mann würde doch merken, dass er nur
die Reste
bekommt. - Da müsste er raffinierter als der Teufel sein. Die
Ärzte
kennen sich da
aus und die Geburtshelferinnen sind auch nicht ohne. Ich habe Silvie
geschrieben...
Sie macht ein Zuckermäulchen und lehnt den Handel ab. Aber ohne
das
tue ich
nichts. Sie ist schön, jung, verführerisch... Ich habe in
meinem
Leben schon mehr
Todsünden begangen, die nicht halb so angenehm waren. Und wenn ich
die auch
noch begehe, wird sie mein Gewissen nicht weiter belasten.
Er sagte mir das alles mit so unschuldiger Miene und in einem
scherzhaften
Ton,
dass ich lachen musste, trotz der Gegenwart eines so bösartigen
und
gefährlichen
Menschen und der Gewissheit, es mit einem rabenschwarzen Schurken zu
tun
zu
haben. Das wurde mir gleich bestätigt, als er fortfuhr: Es kann
nicht
mehr lange
dauern, denn man bestürmt mich, mein Wort zu geben. Man wartet nur
drauf, um
dann dem jungen Herrn die Herkunft der Schönen darzulegen. Gestern
abend noch
habe ich von der Morin ein Briefchen bekommen. Hier, sehen Sie, ob ich
ein Lügner
bin! - Ich kannte die Schrift wie meine eigene. Er war echt. Ich las:
Sie lassen sich bitten, mein Herr, und sind schuld, dass die Zeit
verstreicht.
Vor zwei
Wochen hätten wir zum Abschluss kommen sollen. Wir sind fast
verzweifelt.
Silvie
ist bereit, jeden Verkehr mit Ihnen abzubrechen. Machen Sie sich keine
Hoffnung: Nie
wird sie in Ihr Verlangen einwilligen, und wenn alle Pläne
scheitern
sollten. Lieber
öffnet sie Ihnen noch einmal ihre Börse. Ich finde es
erstaunlich,
dass ein Mann in
Ihrem Alter noch an so etwas denkt. Sie ist schockiert und empört
über einen
solchen Vorschlag. Kommen Sie morgen um Zwölf dahin, wo wir uns
gewöhnlich
treffen. Dann sehen wir, ob die neuen Vorschläge zu einer Einigung
führen. Wenn
Sie ablehnen, suchen wir jemand anderen. Es gibt Leute, die zwar nicht
weniger
raffgierig, aber verlässlich sind.
Ich wollte den Brief unbedingt behalten, nachdem ich ihn gelesen hatte,
und zog ein
anderes Papier aus der Tasche. Da mein Mann zu betrunken war, um es zu
merken, vertauschte ich die Schreiben. Dann sagte ich: Jaja, das
versteht
sich. Aber
wenn ich Sie wäre, würde ich so einen Brief nicht behalten
wollen.
Wenn man den
findet... Das würde ich tun! Und damit zerriss ich das Schreiben,
natürlich das
vertauschte Papier, und warf es ins Feuer. Er ärgerte sich nicht
über
mein Tun,
sondern lachte dazu. Sie haben recht, sagte er, mit den anderen habe
ich
es
genauso gemacht. - Es tut mir leid, sagte ich, dass Sie meinetwegen Ihr
Treffen
verpasst haben. - Ich hab schon so viele verpasst, erwiderte er. Man
muss
solche
Weibchen hinter einem herlaufen lassen, damit sie gefügig werden.
- Aber, fragte
ich, warum diese Verabredungen? Wäre es nicht bequemer, mit ihr zu
Hause zu
reden? Sie würden nicht unterbrochen... - Zum Teufel!, rief er,
das
würde alles
verderben. Man darf mich nicht bei ihr sehen, der Liebhaber geht bei
ihr
ein und aus,
und wenn er mich sähe, wäre Schluss mit dem Betrug. Er
würde
mich erkennen und
die Nachbarn auch. Damit das nicht passiert, treffen wir uns am anderen
Ende von
Paris, immer in den Tuilerien, am großen Teich und zu einer
Stunde,
wo es da wenig
Leute gibt. Außerdem ist die Jahreszeit nicht für
Spaziergänge
gemacht. Unsere
Maßnahmen sind klug. Sobald der Ehevertrag geschlossen und Silvie
verheiratet ist,
verschwinde ich Richtung Heimat. Man wird sie für meine Tochter
erklären,
der
Ehemann soll mir schreiben und die Briefe selbst zur Post bringen,
damit
die
Angelegenheit glaubhaft wird. Ich werde die Briefe da unten bekommen,
sie
herumzeigen, antworten und nach Paris zurückkehren. Silvie und ihr
Mann werden
mir in der Kutsche entgegenkommen, ich werde sie als Tochter und ihn als
Schwiegersohn begrüßen, bei ihnen wohnen und mich dann in
der
Öffentlichkeit
zeigen. Und die Morin werde ich natürlich als meine Schwester
behandeln.
So haben
wir’s geplant. Na, wie finden Sie das? Ist das nicht ein gescheiter,
unfehlbarer
Plan?
Er wird bestimmt gelingen, antwortete ich. Der Knabe wird zweifellos
darauf
hereinfallen. Eine großartige Intrige, ohne Zweifel. Aber ich
fürchte
für Sie, dass das
die Handlung einer Tragödie ist, deren erster Akt im Theater und
der
letzte auf dem
Richtplatz vor dem Hôtel de Ville stattfindet.- Ich werde
bestimmt
nicht die
Hauptperson in dem Stück sein!, rief er. Sobald sie verheiratet
sind,
wenn ich mir
den Einfaltspinsel genug angeschaut habe, wenn ich ihn noch ein
bisschen
gerupft
habe, bin ich über alle Berge.
Er redete noch eine Zeitlang weiter, bis Querville zurückkam. Ich
bezahlte und
bedauerte die verlorene Zeit nicht; was ich erfahren hatte, würde
noch nützlich sein.
Wir gingen woanders, in einem besseren Gasthaus essen. Rouvière
blieb bei uns.
Beim Nachtisch kamen ein paar Bekannte von Querville und fingen ein
Gespräch
an.
Er fragte sie, ob sie ihm Revanche geben wollten. Sie waren
einverstanden
und
ließen Karten bringen und fragten mich, ob ich der Vierte sein
wollte.
Ich bin kein
Spieler und außerdem befürchtete ich, dass es Pfiffikusse
wären,
von denen Paris
wimmelt. Aber weil ich nur noch wenig Geld in der Tasche hatte, war es
mir egal,
wenn ich verlöre, und machte mit. Ich wurde angenehm
enttäuscht:
Querville und ich
spielten gegen sie wie im Triumph und zogen sie regelrecht aus, so dass
wir ihnen
noch die Zeche bezahlen mussten. Mit einem Wort, ich gewann dreimal
soviel,
wie
die Pferde gekostet hatten und alle Auslagen noch dazu.
Als sie gegangen waren, sagte mir Querville, wie erleichtert er sei,
sein
Geld
wiederbekommen zu haben. Das seien Söhne von Finanziers, die ihm
vor
zwei
Tagen die Börse leergemacht hätten. Weil er keinen Centime
mehr
besessen habe,
musste er seine Pferde verkaufen. Und wenn ich sie ihm wieder
zurückverkaufte,
würde mir zehn Louis draufzahlen. Ich sagte, dass ich nicht
könne,
die Pferde wären
schon bei mir zu Hause. Er nahm meine Entschuldigung an. Wir gingen
gemeinsam
in die Oper und aßen anschließend zu zweit. Rouvière
hatte sich schlafen gelegt, ich
weiß nicht wo.
Es war ziemlich spät, als wir uns trennten. Es fror Stein und
Bein,
die Nacht war klar
und frisch. Ein Junge aus dem Gasthaus trug mir die Fackel voran, da
mein
Diener
mich nicht mehr gefunden hatte, nachdem er die Pferde nach Hause
gebracht
hatte.
Leicht angeheitert, stellte ich es mir komisch vor, wenn ich meine
perfide
Geliebte
aufsuchen und mich an ihrer Verlegenheit weiden würde, an ihrer
Verwirrung
und der
der Morin. Ich würde so unbeteiligt sein, dass ich meinen Spott
aufs
Äußerste treiben
und schallend lachen könnte; aber ich kannte noch nicht meine
Schwäche.
Ich
durchquerte ganz Paris, vom Palais Royal bis zur Bastille, und ich war
so
beschäftigt, mir meine Rache vorzustellen, dass ich ganz
vergaß,
dem Jungen mit
der Fackel zu sagen, er solle auf mich warten. So kehrte er um und
glaubte,
mich zu
Hause abgeliefert zu haben, als ich bei meinen Verräterinnen
eintrat.
Es war so spät,
dass sie gerade zu Bett gehen wollten.
Was führt Sie zu solch später Stunde her?, rief Silvie, als
sie
mich sah. Besucht
man Leute um Mitternacht? Was haben Sie den ganzen Tag lang gemacht? Wir
haben Sie nicht zu sehen bekommen. Gab’s ein Hindernis? Ich war um Sie
besorgt.
Nur eine Kleinigkeit, sagte ich höhnisch, die Ihre ehrenwerte
Tante
Morin, Herrn
Rouvière und auch Sie, schönes Kind, an den Galgen bringen
kann. Bei dem Namen
Rouvière und angesichts meiner ungewohnt beleidigenden Haltung
fielen
Silvie und
die Morin aus allen Wolken. Ich musste schallend lachen. Zum Teufel,
fing
ich an,
wenn Sie einen Mann ausprobieren wollen, bin ich genauso gut wie ein
Alter,
und
statt von Ihnen 100 Louis zu verlangen, würde ich Sie noch
bezahlen.
Außerdem
müsste die Zeit, die ich mit Ihnen verschwendet habe, doch auch
zählen?
Stimmt
schon, ich würde nicht behaupten, Sie seien meine Tochter; und
übrigens,
liebe Frau
Morin, Ihr werter Bruder ist heute nicht in die Tuilerien gekommen.
Hier
ist Ihr Brief.
Schreiben Sie schnell einen anderen, damit das Geschäft endlich
zustande
kommt;
die Zeit drängt. Wenn Rouvière immer noch mit seiner
Tochter
schlafen will, dann
müssen Sie eben einen Verlässlicheren suchen, selbst wenn er
teurer ist. Was Sie
betrifft, meine Schöne, wandte ich mich an Silvie, waren Ihre
Pflegerinnen
teuer?
Schade, dass Garreau im Gefängnis gestorben ist, man sagt ja, dass
Sie ihn geliebt
haben, solange Sie zusammen waren. Sie hätten sich auf dem Platz
vor
dem Hôtel
de Ville umarmen sollen: im Tode vereint! Aber aufgeschoben ist nicht
aufgehoben.
Machen Sie so weiter, das kommt noch, für Sie und die würdige
Madame Morin.
Den Zustand der beiden kann man sich besser vorstellen als beschreiben.
Ich
triumphierte und genoss meine Rache. Sie schwiegen verzweifelt und
waren
tief
bestürzt. Die stumme Szene war unterhaltsam. Adieu, ihr Lieben!
Ich
flehe zu Gott,
er möge Euch bekehren, sonst holt Euch Bezelbub, dem Ihr rechtens
gehört!
Nach diesem Kompliment wollte ich heraus, ohne auf Antwort zu warten.
Aber
ich
konnte nicht. Silvie rannte zur Tür und verschloss sie. Ich
stieß
sie heftig, aber sie
gab nicht nach. Im Gegenteil, sie warf sich zu meinen Füßen,
von Tränen
überströmt. Was wollen Sie, Perfide, lassen Sie mich gehen!
Seien
Sie zufrieden,
dass ich meinen Abscheu zügele und mich nicht zu dem
hinreißen
lasse, wozu ich
ein Recht hätte! - Nein, und sie umklammerte mein Bein, dass ich
mich
nicht
befreien konnte, Sie werden nicht gehen, bevor Sie mich angehört
haben!
Ich flehe
Sie um diese Gnade an bei allem, was Ihnen teuer ist! - Heh? Was sagen
Sie?
Glauben Sie noch, dass ich Ihrer Heimtücke vertraue? Hoffen Sie,
den
schwärzesten
Verrat rechtfertigen zu können, den man jemals gesponnen hat? -
Nein,
ich werde
mich nicht rechtfertigen. Ich bin im Unrecht. Aber die Erklärung
meiner
Taten wird sie
weniger verbrecherisch erscheinen lassen. Es stimmt, ich bin schuldig.
Aber es ist
auch wahr, dass in meinen Untaten mehr Verzweiflung steckt als die
Absicht,
Sie zu
beleidigen. Meine Unschuld habe ich nur verloren, weil ich Sie zu
verlieren
fürchtete,
und wenn ich Sie weniger liebte, hätten Sie mir nichts vorzuwerfen.
In diesem Augenblick sah ich sie an. Ich war verloren. Sie war zu
meinen
Füßen,
aber sie hätte die Grausamkeit selbst entwaffnen können. Sie
weinte. Ihre Brust, die
entblößt war und die ich durch die Öffnung eines
einfachen
Morgenkleids sah, ihre
für die Nacht gelösten Haare, die ihren Körper
einhüllten,
ihre natürliche Schönheit,
noch rührender in der Erniedrigung, mein Unstern riss mich dahin
und
ließ mich nur
mehr das Ziel meiner Liebe und das Idol meines Herzens erblicken. Kann
ich ohne
Ketzerei sagen, sie war eine zweite Magdalena, und ich war zu
Tränen
gerührt. Ich
hob sie auf, ich ließ sie alles sagen, was sie wollte. Dabei
hörte
ich ihr gar nicht zu;
ich war nicht bei mir. Zerrissen von tausend widersprechenden Gedanken,
die sich
in meinem Kopf formten. Oder vielmehr in einem Zustand der
Gefühllosigkeit,
der
mich zu einem Toten machte, obwohl ich lebte. Lange blieb ich so.
Endlich
kam ich
wieder zu mir, aber da ich mit mir selbst uneins war, sagte ich ihr
nur,
dass ich am
nächsten Tag wiederkommen würde, wenn ich mich beruhigt
hätte.
Sie solle die
Papiere durchlesen, die ich ihr daließ, und sie solle sich
rechtfertigen,
da sie
Tatsachen schon nicht leugnen könne. Ich nahm ihr das Versprechen
ab, sie mir
wiederzugeben, und zur Sicherheit nahm ich einen kostbaren Ring an, den
sie am
Finger trug. Beim Herausgehen warf ich einen Blick auf die Morin, der
meine
ganze
Wut wieder entzündete und der sie von Kopf bnis Fuß zittern
ließ. Ich griff zum
Degen, und vielleicht hätte ich ihr Schaden zugefügt, wenn
sich
der Knopf nicht
glücklicherweise in den Bändern verheddert hätte. Die
Zeit,
die ich brauchte, alles zu
entwirren, reichte zum Nachdenken. So sagte ich nur, dass ich sie ihrem
Schicksal
überließe und dass früher oder später der Henker
mit
ihr abrechnen werde. Ich ging.
Die heftige Bewegung meines Geistes hatte den Körper beeinflusst.
Ich spürte kaum
noch den Wein, den ich getrunken hatte. Ich war in erbärmlichem
Zustand
und so
geschwächt, dass ich zwei Türen weiter, wo ich Licht sah,
anklopfen
musste, um
mir eine Sänfte für den Heimweg bestellen zu lassen.
Die Nacht war ich nicht ruhiger als die vorige. Im Gegenteil: Die
Einsicht
in meine
eigene Schwäche, die ich bei dem Mädchen empfunden hatte, die
Umkehr meines
Herzens gegen allen Augenschein, meine Unentschiedenheit
gegenüber
Silvie,
meine wechselnden Entschlüsse, die Scham über meine
unwürdige
Umkehr,
zusammen mit meinen ursprünglichen Überlegungen, alles das
erschöpfte
mich; ich
hatte Abscheu vor mir selbst und bemitleidete mich zugleich. Ich bekam
Fieber und
war an Geist und Körper krank. Ich glaubte nicht, dass die Natur
das
aushalten
würde, ich war des Lebens überdrüssig. Ich hoffte, der
Tod
würde mich von dem
Unheil erlösen, das mich bisher verfolgt hatte, und von dem, das
meine
Neigung
vorhersehen ließ. Nie war meine Not so groß gewesen. Der
Widerstreit
der Gefühle
machte mir schließlich alles ekelhaft. Sicherlich hätte ich
in diesem Zustand mein
Todesurteil mit Freuden gehört oder wenigstens gleichgültig.
Aber meine Stunde
hatte noch nicht geschlagen, mein Schicksal war nicht vollendet und ich
noch nicht
auf dem Gipfel der Schande angekommen. Mein Lebensüberdruss war das
Heilmittel, ich aß acht Tage lang nicht; dann verließ mich
das Fieber.
Unbekannte hatten sich oft nach meinem Zustand erkundigt; ich zweifelte
nicht
daran, dass es Silvie war. Diese Sorge rührte mich, und ich
wünschte,
dass sie
unschuldig sei. Obwohl ich sicher war, dass sie mich verraten hatte,
hoffte
ich doch,
sie weniger schuldig zu finden, wenn ich sie angehört hätte.
Dies dachte ich, und
mein erster Besuch galt ihr. Doch bevor ich erzähle, was dabei
geschah,
muss ich
Ihnen sagen, dass meine Mutter sich nicht um die Erkundigungungen der
fremden
Person gekümmert hatte; sie wusste, ja sie ahnte nicht einmal,
dass
ich die
Schwachheit besessen hatte, Silvie zu besuchen, und konnte nicht
wissen,
dass
mein Zustand Folge von Entschlüssen war, die meiner Ehre, nicht
aber
meinen
Gefühlen entsprachen. Die Pferde, die ich am selben Tag nach Hause
hatte bringen
lassen, ließen sie an die Festigkeit meiner Entscheidung glauben,
mich von der
perfiden Geliebten zu trennen. Meine Erkrankung zeigte ihr die Macht der
Verbindung, die ich zerriss, und die Gewalt, die ich der empfindsamsten
Stelle
meines Herzens antat. Sie hatte Mitleid mit mir, ohne Silvie mit
einem Wort zu
erwähnen, nahm sie an meinem Schmerz gütig Anteil, als
wäre
sie meine beste
Freundin. Die Rolle, die sie spielte, war ihrer unwürdig, die
Güte,
mit der sie meine
Gefühle teilte, das Zartgefühl, das sie mir durch ihre
ständige
Anwesenheit in
meinem Zimmer bewies, alles das, zusammen mit dem Respekt, den ich vor
ihr
immer empfunden hatte, sagte mir, dass ich des Lebens unwürdig
sei,
wenn ich ihr
Leid schüfe, indem ich mich in etwas verrannte, was ich selber
fürchtete.
Endlich
gewann ich Gewalt über mich: Ich würde Silvie verlassen. In
dieser
Absicht ging ich
zu ihr.
Ich war nur kurze Zeit krank gewesen, aber ich war ganz verändert,
mein Geist war
noch geschwächter als mein Körper. Ich war darauf
vorbereitet,
ihr den Diamanten
zurückzugeben, meine Briefe mitzunehmen und ihr endgültig
Lebewohl
zu sagen.
Ich hoffte, genügend Kraft zu haben, um meinen Entschluss auch
durchzuführen.
Aber es brauchte nicht viel Zeit, um mich eines Schlechteren zu
belehren.
Zu meiner
Überraschung fand ich sie sehr bleich und verändert, sie war
so niedergeschlagen
wie ich. Ihre matte Haut, die gesenkten Augen ließen ihre
Schönheit
melancholischer
erscheinen, als ich es je gesehen hatte. Es war mir bestimmt, in ihr
täglich
einen
neuen Zauber zu entdecken. Ich hatte Mitleid mit ihrem Zustand, und das
Mitgefühl
erweckte alle meine Zärtlichkeit. Ich vergaß meine
Entschlüsse;
weit entfernt ihr mit
Härte zu sagen, was ich mir vorgenommen hatte, dachte ich nur, wie
ich sie trösten
könne. Welche Erniedrigung, welche Schwäche! Ich trocknete
die
Tränen, die ich sie
vergießen ließ, ich bat sie, nicht mehr zu weinen und meine
harten Worte meiner
ersten Erregung zuzuschreiben, derer ich nicht Herr geworden sei. Durch
mein
Bedauern sei ich genug gestraft, sie solle meinen Zustand nicht
verschlimmern,
indem sie ihre gerechte Empörung äußere. Ich ließ
nichts aus, was sie beruhigen
konnte; sie sollte sehen, dass sie über mich noch immer die
gleiche
Macht hatte.
Soviel Zartheit und Achtung, die sie nicht erwartet hatte,
besänftigten
sie.
Schwermütige Blicke, die sie auf mich warf, Seufzer, die sie von
Zeit
zu Zeit
ausstieß, durchdrangen mein Herz. Sie bemerkte meine Verwirrung
und
nützte den
günstigen Augenblick, nicht um sich zu rechtfertigen, wie sie
sagte,
sondern um
mich aufzuklären, um mir zu zeigen, dass sie die unwürdige
Behandlung
durch mich
nicht verdiene.
Hier sind Ihre Papiere, sagte sie, ich gebe sie Ihnen zurück. Ich
kenne Handschrift
und Schreiber. Es stimmt, wenn er behauptet, dass es nicht Hass sei,
der
ihn zu
diesem Schritt getrieben habe, es ist im Gegenteil verschmähte
Liebe.
Aber, und sie
ergriff meine Hand, sind Sie in der Lage, mir zuzuhören? - Ja,
Fräulein,
ich höre zu.
Nicht um Irrtümer zu beseitigen, denn mein Herz spricht ohnedies
für
Sie, sondern
um Ihnen Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Nun, fuhr sie fort, ich werde nichts Unwahres sagen. Was man Ihnen
schreibt,
ist
wahr in allen Details und Umständen. Aber es ist falsch in den
Beweggründen.
Die
kennt der Schreiber nicht. Nur der Commandeur de Villeblain kennt unser
Geheimnis. Ich werde es Ihnen berichten.
Ich war hoch erfreut, den Commandeur de Villeblain als Zeugen genannt
zu
hören; er
war ein enger Verwandter meiner Mutter, ein Ehrenmann und gänzlich
unfähig, die
Hand zu einem Betrug zu reichen. Ich hoffte also, Wahrheit oder
Lüge
unterscheiden
zu können. Ohne ihr dies zu entdecken, richtete ich meine ganze
Aufmerksamkeit
auf ihren Bericht. Sie fuhr so fort:
Es stimmt, dass ich Vater und Mutter nie gekannt habe, aber ich
weiß,
wer sie
waren. Es stimmt auch, dass ich unehelich geboren bin. Aber bin ich
dafür
verantwortlich, dass das Sakrament ihrer Vereinigung nicht voranging?
Es
ist wahr,
das ich ausgesetzt wurde, es ist wahr, dass man mich mit acht Jahren
aus
dem
Waisenhaus geholt hat. Aber es ist auch wahr, dass Madame de Cranves
wusste,
wer ich war, lange bevor sie mich gesehen hatte. Ich werde Ihnen sagen,
wie das
zuging.
Die Herzogin de Cranves war die Schwester des Marquis de Buringe, der
bei
der
Expedition des Herrn von Beaufort auf Kreta fiel; er war mein Vater. Er
wurde
verwundet und hatte vor seinem Tod noch Zeit, ein eigenhändiges
Testament
zu
schreiben, das heißt einen Brief an seine Schwester, Madame de
Cranves:
Er sei
bereit, Gott Rechenschaft zu geben und wolle sein Gewissen erleichtern.
Er erzählte
ihr von der Liebschaft, die er mit einem Fräulein seiner Mutter
gehabt
habe; von dem
Fräulein habe er eine Tochter. Aber weil er sich um sie nicht habe
kümmern können,
weil er der jüngste von drei Brüdern und außerdem
für
den Malteserorden bestimmt
gewesen sei, habe er das Kind aussetzen lassen. Die Mutter sei im
Kindbett
gestorben und so habe es keine andere Lösung gegeben. Er gab ihr
den
Tag meiner
Geburt, den Ort, die Kennzeichen, an denen man mich erkennen konnte. Er
bat sie,
das Kind aus dem Waisenhaus zu holen, und gestand, dass er es bereue,
es
nicht
selbst getan zu haben, als der Tod seiner Brüder ihn zum
Familienhaupt
gemacht
habe. Er sei beschämt gewesen, das Mädchen so lange im
Waisenhaus
gelassen
zu haben. Er bat sie, als seine Schwester und einzige Erbin, für
mich
zu sorgen. Er
hinterließ alles seiner Schwester, damit sie großzügig
für mich sorgen könne. Dieser
Brief wurde ihr geöffnet von dem Commandeur de Villeblain
überbracht,
dem mein
sterbender Vater sich eröffnet hatte und der im Brief genannt
wurde,
damit er die
Schwester eindringlich zur Erfüllung seines letzten Willens
ermahne.
Madame de Cranves war entschlossen, mich aus dem Waisenhaus zu holen,
aber
sie hatte Gründe, den Wunsch ihres verstorbenen Bruders nicht in
der
Öffentlichkeit
bekannt zu machen. Sie zeigte den Brief nur den Leitern der Anstalt,
und
Madame
Morin, die ihr Vertrauen besaß, wurde beauftragt, mich unter den
gleichaltrigen
Mädchen ausfindig und kenntlich zu machen, damit Madame de Cranves
sich bei
der Gelegenheit nicht irre. Man zeigte mich der Madame Morin. Frau de
Cranves
kam, um die Mädchen zu sehen, die eben Handarbeitsunterricht
hatten;
Monsieur de
Villeblain war dabei. Frau Morin hatte den Auftrag, mich zu
küssen,
was das
vereinbarte Zeichen war. Sie tat es, aber Madame de Cranves erblickte
mich
und
sagte, dass diese Maßnahmen ganz überflüssig seien: Sie
hätte mich unter
hundertausend erkannt, denn ich sei das lebende Abbild des Marquis de
Buringe.
Sie
erbat mich von den Direktoren, machte dem Waisenhaus ein
großzügiges
Geschenk und nahm mich mit.
So bin ich in das Haus von Madame de Cranves gekommen, wie Sie sehen,
nicht
aus Zufall, denn ich war in Wirklichkeit ihre Nichte. Sie hatten recht:
Garreaus Tod
müsste ich eigentlich bedauern. Denn er hatte den Brief, den
Madame
Cranves ihm
gegeben hatte. Aber wenn Sie gütigst nachforschen wollen, die
Direktoren
des
Waisenhauses sind ja nicht alle gestorben. Sie werden mich
wiedererkennen
und
sind zu ehrlich, um mir nicht Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.
Monsieur
de
Villeblain ist gottseidank auch noch bei bester Gesundheit und ich
werde
ihn gleich
noch in einer wichtigeren Angelegenheit als Zeugen benötigen. Zwar
habe ich ihn
schon anderthalb Jahre nicht mehr gesehen, aber Frau Morin sah ihn
neulich
im
Hospital Petit Antoine; er kann ihnen alles bestätigen und dass
jede
Silbe stimmt. So,
das zu meiner Herkunft.
Kaum war ich bei Madame de Cranves, da wurde ich auch schon mit
größter
Sorgfalt erzogen, was beweist, dass sie an mir ein stärkeres als
nur
von der
Mildtätigkeit diktiertes Interesse hatte. Kindern, die einem im
Grunde
gleichgültig sind,
bringt man nicht Italienisch, Gesang, Tanz, Instrumente bei, alles was
zur
Ausbildung eines Mädchens von Stand gehört. Das kostet Geld.
Und schließlich hält
man nicht für einen Domestiken, wofür mich Ihr Ratgeber
ausgibt,
eine Gouvernante,
Madame Morin, eine Kammerzofe und einen Lakei; es sind die gleichen,
die
ich
heute noch habe. Das kann er nicht bestreiten und deshalb verschweigt
er
es.
Betrachten wir nun mein Verhalten.
Der Kerl beschuldigt mich, heimlich mit Garreau eine Affäre gehabt
zu haben. Er
behauptet sogar, Madame de Cranves sei darüber empört gewesen
und habe in
ihrem Testament Konsequenzen gezogen. Die Wahrheit ist folgende.
Die Herzogin wollte mich unterbringen und verheiraten. Deswegen warf
sie
ihre
Blicke auf Garreau, der ein geistreicher, wohlgestalter und aus guter
Familie
von
Schreibern stammender junger Mann war. Weiteres Lob spare ich mir, es
wäre
in
meinem Mund verdächtig. Madame de Cranves jedenfalls bemerkte,
dass
Garreau
mich nicht gerade verabscheute, sie sprach mit ihm. Er gab zu, mich zu
lieben, und
sie fand, dass die Partie für mich passend wäre; sie erlaubte
ihm, um mich zu
werben. Garreau war sehr aufmerksam und das hat Anlass zu den
Gerüchten
gegeben; ich konnte ihn ja schließlich nicht fernhalten. Denn
erstens
hatte Madame
mit mir über die Angelegenheit gesprochen und zweitens wohnten wir
in einem
Hause. Sie befürwortete seine Besuche bei mir, von denen niemand
außer
Madame
Morin wusste, denn wir hatten Befehl, sie geheim zu halten. Alle Diener
des Hauses
waren nämlich eifersüchtig auf mich; trotz meines
merkwürdigen
Erscheinens im
Hause wurde ich behandelt wie die einzige Tochter, obwohl ich niemals
einen
Dienst
erwiesen hatte. Der Neid wurde noch angestachelt von einem gewissen
Valeran,
dem Hausmeister der Madame de Cranves. Ich hatte mich schon gezwungen
gesehen, mich über seine Respektlosigkeit bei ihr zu beklagen;
dieses
Verhalten
führte beinahe zu seiner Entlassung und zu einem strengen Tadel.
Bevor ich weiter über mich spreche, muss ich berichten, dass
dieser
Mann, der mit
einer Kammerfrau von Madame verheiratet war, Schurke genug war, um aus
dem
Haus eine Lasterhöhle machen zu wollen. Frech hatte er mir gesagt,
dass Madame
de Cranves sehr kränklich sei und nicht mehr lange leben werde;
darum
solle ich
Freunde suchen, um mich in der Stellung halten zu können. Ich
solle
mir ja nichts
einbilden. Madame könne mir alles hinterlassen, was sie wolle, die
Erben würden
das Testament anfechten, jedenfalls, was meinen Anteil betreffe. Ich
brauche
eine
Stütze, und da bot er sich an. Das nahm ich auf, wie eine solche
Unverschämtheit
es verdiente, versetzte ihm eine Ohrfeige und drohte, es Madame zu
hinterbringen.
Am gleichen Tag konnte ich das leider nicht mehr machen, war die ganze
Zeit bei
Madame; vor der wollte ich nicht reden. Das war ein Fehler.
Er erfuhr also von seiner Frau, dass ich nichts über sein
Verhalten
zu Madame
gesagt hatte. Das machte ihn so kühn, mich mitten in der Nacht an
meinem Bett
aufzusuchen. Ich weiß nicht, wie er es schaffte, in mein Zimmer
einzudringen,
ohne
dass ich oder das Mädchen, das in der Nähe der Tür
schlief,
es hörten. Sicher ist
aber, dass ich erschrocken auffuhr, als er mit seiner kalten Hand
meinen
Bauch
berührte. Ich rief um Hilfe, er packte mich an, versuchte, mich
zum
Schweigen zu
bringen, und tat mir sogar weh, wovon ich noch ziemlich lange die Male
trug.
Die
herbeigeeilten Leute befreiten mich von dem Satyr. Sofort und
außer
einem
Nachthemd unbekleidet, eilte ich in das etwas entfernte Appartement
von
Madame,
um mich zu beschweren. Die Frau dieses Menschen versuchte vergeblich,
mich
zurückzuhalten, sie warf sich sogar mehrmals mir zu
Füßen,
aber ich hörte nicht auf
sie. Madame de Cranves ließ mich bei sich schlafen und am
nächsten
Morgen warf
sie Valeran hinaus und verbot ihrem Türwächter bei Strafe der
Entlassung, ihn
jemals wieder eintreten zu lassen.
So blieb er zwei Monate ausgesperrt, dann kam er wieder, weil die
gutmütige
Madame de Cranves sich von den Bitten seiner Frau hatte erweichen
lassen.
Außerdem war er ein Diener, dessen Vater schon dort gedient
hatte,
und er
versprach, sich zu bessern. Auch ich trat für ihn ein, und ohne
meine
Fürbitte hätte
er Madame nie wieder unter die Augen treten dürfen, wie sie ihm
selbst
vor allen
Dienstboten sagte. Valeran kam also zurück und bat mich
kniefällig
um Verzeihung,
während ich mit Madame speiste; nur auf mein Geheiß stand er
auf, denn Madame
hatte ihn eigentlich vor allen Leuten demütigen wollen. Ich
verzieh
ihm, vergaß seine
Unverschämtheit, und, weit entfernt, ihm zu schaden, leistete ich
ihm alle
erdenkliche Hilfe. Ohne ihm seinen nächtlichen Überfall
nachzutragen,
vermied ich
allerdings sorgsam jede Begegnung, bei der wir allein gewesen
wären.
Aber weil ich ihn abgewiesen und weil sich seine Liebe zu mir in Hass
und
Wut
verwandelt hatte, stachelte er die anderen Diener gegen mich auf, damit
sie
Gerüchte über mein Verhalten und die Besuche Garreaus
verbreiteten,
deren Grund
niemand kannte. Ich erfuhr das von einem Lakei, dem Valeran das selber
gesagt
hatte. Ich konnte nicht anders, als mich darüber in seiner
Gegenwart
zu beklagen.
Der Commandeur war im Haus, und ich versteckte mich nicht vor ihm, umso
mehr,
als er immer meine Partei ergriffen und mich in Schutz genommen hatte.
Außerdem
erzählte ihm Madame de Cranves alles, was mir zustieß und
was
ich tat, aus
Gründen, die Sie kennen. Von allen Leuten im Haus lud sie nur mich
zur Tafel, ihr
Fräulein, Stallmeister, Sekretär waren ausgeschlossen.
Monsieur
de Villeblain blieb
zum Essen, so waren wir nur drei am Tisch.
Valeran deckte gerade ab, wie es üblich war, da sagte ich zu
Madame:
Gestatten Sie
mir, Valeran zu belehren oder dass er Sie informiert. Es gehört
sich
nicht, dass über
mich redet, ob wahr oder nicht, und Sie als einzige nichts davon
wissen.
Ich wandte
mich verachtungsvoll an ihn: Valeran, mit welchem Recht nehmen Sie sich
heraus,
meine Handlungen zu beurteilen? Und sie zum Stoff für
unverschämte
Gespräche
mit Ihresgleichen, zum Beispiel mit den Lakeien, zu machen? Wenn
Sie etwas
Verurteilenswertes über mich wissen, warum sagen Sie es dann nicht
Madame,
statt es Leuten Ihres Schlages zu erzählen, die alles
missverstehen?
Ich hatte
gehofft, dass meine Güte Sie klug gemacht hätte, aber Sie
legen
sich immer weniger
Hemmungen auf. Rechtfertigen Sie sich vor Madame und Herrn de
Villeblain,
geben
Sie zu, dass Sie ein Schuft und ein Betrüger sind, oder
sagen
Sie, woher Sie
wissen wollen, dass ich mich schlecht betrage. - Gibt es schon wieder
etwas?,
unterbrach Madame de Cranves. - Ja, fuhr ich fort und zeigte auf
Valeran.
Der
würdige Herr dort hat es auf Ihre Ehre abgesehen. Wenn man ihm
Glauben
schenkt,
beehren Sie eine Verlorene, indem Sie sie an Ihren Tisch und in Ihr
Bett
lassen. Und
deshalb verlange ich Gerechtigkeit.
Während meiner Rede war er mehr tot als lebendig, aber er starb
beinahe,
als
Madame de Cranves sich wütend an ihn wandte: Verlassen Sie mein
Haus,
Valeran,
und setzen Sie nie wieder einen Fuß hinein! Es sei denn, Sie
entschließen
sich, von
Silvie nurmehr mit dem Respekt zu reden, den ein Kerl wie Sie mir
selber
schuldet.
Es ist schändlich, wie Sie die Güte von Mademoiselle
belohnen,
die mich dazu
gezwungen hat, Sie wieder aufzunehmen. Und sie wandte sich an mich:
Mademoiselle, verfahren Sie nach Gutdünken mit ihm; Sie sind
allein
schuld, dass er
wieder hier ist. Ich überlasse ihn Ihnen, nehmen Sie sich Ihr
Recht.
Lassen Sie ihn
durchprügeln oder behalten Sie ihn, das ist mir egal. Aber wenn
ich
noch einmal von
seinen Dummheiten höre, dann werde ich Rechenschaft verlangen. Ich
verbiete
Ihnen, irgendetwas von ihm zu erdulden. Ich gebe Ihnen alle Gewalt
über
meine
Dienerschaft, und machen Sie mit diesem Schuft was Sie wollen. Ich
werde
auf Ihrer
Seite sein.
Mademoiselle, sagte Herr de Villeblain, ich bitte für ihn um
Verzeihung.
Valeran, Sie
sollten glücklich sein, dass das Fräulein sich bei Madame und
nicht bei anderen über
Sie beschwert hat. Bei allem Respekt für Madame hätte Silvie
sich vielleicht anders
an Ihnen gerächt. Sie wissen nicht, wer sie ist; glauben Sie mir,
seien Sie vorsichtig
mit allem, was sie betrifft. - Das ist alles, was ich verlange,
unterbrach
ich. - Sagen
Sie, Mademoiselle, erklärte Madame de Cranves, was mit ihm
geschehen
soll, was
Sie befehlen, wird gemacht. - Ich bitte Sie, Madame... sagte ich. -
Sagen
Sie es ihm
selbst! - Nun gut, Valeran, zweimal will ich vergessen, aber beim
dritten
Mal kenne
ich keine Gnade. Gehen Sie und tun Sie Ihre Pflicht wie ich die meine.
Vergessen Sie
nicht, dass meine Geduld erschöpft ist!
Ich glaube, sagte Silvie zu mir, dass man ein Mädchen nicht besser
in Schutz
nehmen kann als Madame; dabei wusste ich damals noch nicht, dass ich
ihre
Nichte
war. Mein Selbstbewusstsein kam nur davon, dass sie mir befohlen hatte,
mich über
alle im Haus zu stellen und nichts hinzunehmen. Man kann nicht mit mehr
Unterwürfigkeit reagieren als Valeran es meinetwegen tat. Und
trotzdem,
er erfrecht
sich, Ihnen und Ihrer Mutter Ratschläge zu geben! Ich kenne seine
Schrift sehr gut,
der Schuft hat sie noch nicht einmal verstellt und Sie nur gebeten, mir
den Brief nicht
zu zeigen... Das also war’s, was er sich zuzog, weil er meinen Umgang
mit
Garreau
kommen wollte, der ihm missfiel. Er hielt sich zurück und sprach
nicht
mehr über
uns. Garreau begnügte sich nicht mit Vorsätzen und versetzte
ihm in aller
Öffentlichkeit ein paar Stockhiebe; dadurch machte er sich einen
Todfeind.
Valeran wagte es nicht, sich an ihm zu rächen, solange Madame am
Leben
war;
aber nach ihrem Tod handelte er, wie es von ihm zu erwarten war. Er ist
nämlich
schuld, dass Garreau im Gefängnis in Schande umgekommen ist. Es
ist
Zeit, dass
ich Ihnen alles aufdecke, unser beider Unschuld an dem Diebstahl, den
er
uns
anlastet und den wir zusammen mit Madame Morin begangen haben sollen.
Ich habe schon gesagt, dass Madame ihn mir zum Mann bestimmt hatte,
aber
als
sie uns verheiraten wollte, wurde sie krank. In dieser Zeit erhielt sie
eine beträchtliche
Summe, übrigens das restliche Geld für Land, das meinem
Vater,
dem Marquis de
Buringe gehört hatte. Deswegen gehörte das Geld mir und es
ist
auch jetzt noch
meins, denn Madame war nach dem Gesetz seine einzige Erbin und wollte
es
mir
geben. Das Bargeld ließ sie ihre Meinung ändern. Statt mich
als ihre Nichte zu
verheiraten, mich im Ehevertrag und in ihrem Testament zu bedenken,
wollte
sie nun
alles zu Lebzeiten machen, solange sie konnte. Sie wollte mich nicht
dem
Risiko
aussetzen, nach ihrem Tod gegen mächtige Erben klagen zu
müssen,
die vielleicht
geleugnet hätten, dass ich ihnen ebenbürtig war, und die
durch
ihr Ansehen das
Testament hätten aufheben lassen können. Dann wäre ich
nicht
nur ohne Stütze,
sondern auch bettelarm und elend geblieben. Es stimmt schon, dass der
Brief,
in
dem mein Vater mich anerkannte, noch existierte; aber man hätte
behaupten
können, dass er gefälscht oder ich vertauscht worden sei, und
das Ganze hätte
Untersuchungen und Nachforschungen mit sich gebracht, teure Prozesse,
deren
Ausgang für ein schutzloses Mädchen sicher ungewiss gewesen
wäre.
Um in der
Sache voranzukommen, beriet sie sich mit dem Commandeur, der mit ihr
lange
Zeit
eingeschlossen blieb. Er war noch bei ihr, als sie uns, Madame Morin,
die
alles
wusste, Garreau und mich, eintreten ließ.
Da erfuhr ich, wer ich war, mit welchen Glücksgefühlen
können
Sie sich denken. Sie
gab Garreau den Brief, den sie beglaubigte und auch vom Commandeur
beglaubigen
ließ. Garreau empfing ihn mit freudiger Überraschung, denn
der
Brief war der
Beweis, dass ich adlig war, nicht eine Namenlose, wie er und alle
bisher
immer
gedacht hatten. Allerdings hatten die bevorzugte Behandlung durch
Madame
de
Cranves und absichtslose Worte ihm schon das Geheimnis verraten, das
endlich
gelüftet wurde.
Sie sagte Garreau, dass sie ihre Meinung geändert habe, wie die
Hochzeit
arrangiert
werden solle. Es waren dieselben Gründe, die ich dargelegt habe.
Um
Sie vor allen
möglichen Auseinandersetzungen mit meinen Erben zu schützen,
gebe ich Ihnen
schon jetzt das Geld, das ich von Monsieur d’Anet bekommen habe. Nehmen
Sie es
und bringen Sie es noch heute fort; ich will, dass es Silvie bis zu
ihrer
Hochzeit
gehört, danach dem Überlebenden. Ich werde zu verhindern
wissen,
dass man es
Ihnen streitig macht, und erklären, dass ich darüber
verfügt
habe, ohne zu sagen,
wie. Im Übrigen gebe ich Silvie vor den daran Interessierten meine
kleineren
Schmuckstücke. Was ich ihr in meinem Testament hinterlassen werde,
wird so
wenig sein, dass mein Neffe und meine Nichte es ihr nicht neiden werden.
Das ist der Grund, weswegen Madame de Cranves in ihrem Testament mir nur
zehntausend Francs in bar vermacht hat, ein paar Möbel und eine
Leibrente
von
zwölfhundert Livres, und nicht etwa, weil sie mit mir oder Garreau
unzufrieden
gewesen wäre. Wir machten es so, wie sie wollte. Ich nahm das Geld
und legte es
sicher an, so dass ich darüber verfügen kann; ich habe noch
immer
die ganze
Summe. Ich gab Garreau ein von mir unterzeichnetes Eheversprechen und er
ebenfalls. Da das Geld bei mir blieb, enthielt mein Vertrag einen
Abschlag
von einem
Drittel der Summe. Die beiden Eheversprechen sind von Madame de Cranves
und
Herrn de Villeblain gegengezeichnet und bestätigt; in ihrem
Auftrag
haben wir
gehandelt. Garreau und ich schworen in ihre Hände, dass wir uns
sobald
wie
möglich heiraten wollten. Hier ist das Versprechen Garreaus, ich
habe
es noch,
sagte Silvie und gab mir ein Papier. Es war in der Tat der Vertrag.
Am nächsten Morgen kamen der Marquis d’Anemace et Mademoiselle de
Tonnai,
Neffe und Nichte; sie von seiten des Mannes, er ihr Neffe, und beide
Alleinerben
der
Häuser de Cranves und de Buringe, dessen Wittum und
Nießbrauch
Madame hatte.
Sie ließ mich rufen, und sobald alle hinausgegangen waren, sprach
sie so zu ihnen.
Mein Tod wird Sie beide zu Besitzern von allem machen, was ich auf
dieser
Welt
besaß. Ich habe ein Testament aufgesetzt; es wird Sie nicht
betrüben.
Der
wichtigste Artikel betrifft Silvie, die hier steht. Ich gebe ihr meine
kleineren
Schmuckstücke und ich bin froh, das hier sagen zu können,
damit
Sie nicht danach
fragen. Damit es darüber keinen Streit gibt, gebe ich sie ihr vor
Ihren Augen in die
Hand. Und sie ließ sie sich bringen. Hier, Silvie, sagte sie,
behalten
Sie mir zuliebe
einen Teil davon, verkaufen Sie den Rest für Ihre Hochzeit. Ich
geben
sie Ihnen, sie
gehören Ihnen. Ich nahm sie mit Tränen in den Augen.
Danach wandte sie sich zu ihrer Nichte: Diese kleinen
Schmuckstücke
sind nicht
genug für Sie, Mademoiselle. Hier gebe ich Ihnen die großen.
Sie brauchen nichts,
heben Sie sie also als Erinnerung an mich auf. Sie, Marquis,
hätten
recht zu klagen,
wenn ich Sie vergäße. Ich hinterlasse Ihnen das Haus mit den
Möbeln, mein
Geschirr, meine Pferde, kurz, alles, was hier ist; passen Sie auf, dass
nichts
abhanden kommt. Eine Ausnahme machen ich bei meiner Garderobe, meiner
Leibwäsche, den Perrücken und den Möbeln, die Silvie
gehört
haben. Ich bitte Sie, ihr
das nicht streitig zu machen. Das ist in meinem Testament so geregelt,
ich sage es
nur vorher. Ich hinterlasse ihr noch ein wenig Geld und eine
lebenslange
Rente; ich
beschwöre Sie, ihr das zu gönnen. Sie hat ein Recht auf Ihre
Achtung, und ich lege
sie Ihnen ans Herz. Versprechen Sie mir beide, sich ihrer anzunehmen
und
sie in
jeder Weise zu unterstützen. Den Grund meiner Bitte nenne ich
nicht.
- Sie
versprachen es ihr und haben Wort gehalten.
Danach sagte sie ihnen, dass sie nach ihrem Tod kein oder nur wenig
Geld
finden
würden; sie habe darüber nach ihrem Gewissen verfügt.
Aber
sie würden auch
keinen Centime Schulden finden, da sie als Witwe alle Schulden der
Häuser
de
Cranves und de Buringe getilgt habe. Sie empfahl ihnen Garreau als
treuen
jungen
Mann, der mit seinen Anstrengungen nicht wenig dazu beigetragen habe,
dass
alle
Gläubiger hätten befriedigt werden können. Danach bat
sie
mich hinauszugehen und
blieb sehr lange allein mit ihnen und Monsieur de Villeblain. Gewiss
sprachen
sie von
mir, denn beim Herausgehen umarmten mich beide lange und zärtlich;
sicher waren
sie über meine Geburt informiert worden.
Beide sind seit einem Jahr miteinander verheiratet- Leute ihres Standes
sind
gesellschaftlich zu bedeutend, als dass Sie sie nicht kennen sollten.
Ich
nenne sie
als weitere Zeugen, sie sind bei bester Gesundheit und glaubwürdig.
Es hätte Madame betrübt, wenn der Marquis d’Anemace
Möbel
und Geschirr schon
zu ihren Lebzeiten hätte einpacken lassen. Aber da er jung war und
keine Leute
hatte, die im Haus nach dem Rechten sehen konnten, wenn Madame sterben
sollte,
bestellte er Valeran dazu und versprach ihm, ihn in seinem Dienst zu
halten
und
darüber hinaus noch eine Belohnung. Er hat ihn übrigens
aufgenommen,
aber
Valeran ist nicht lange geblieben, seine Unverschämtheiten und
Gewalthandlungen
führten zur Entlassung. D’Anemace bat auch mich, ein Auge auf die
Angelegenheit
zu haben, aber ich war nicht in dem Zustand, seinem Wunsch zu
entsprechen.
Der
Tod von Madame de Chanvres, der vier Tage später eintrat,
schmerzte
mich zu
sehr, um an etwas anderes zu denken als den Verlust einer so
liebevollen
und
großzügigen Beschützerin. Ich konnte mich nur mit
Madame
Morin in mein Zimmer
zurückziehen. Madame hatte sie mir anempfohlen und sie
geheißen,
mich vor
meiner Heirat nicht allein zu lassen.
Valeran war der erste, mir zu verkünden, dass mein Kredit
aufgebraucht
war. Kaum
hatte die Dame die Augen geschlossen, kam er gewaltsam in mein Zimmer,
und riss
unter dem Vorwand, seinem neuen Herrn zu gehorchen, respektlos die
Decken,
Überzüge und goldgestickten Zierdecken von Bett und
Stühlen.
Madame Morin
machte mich auf diese Handlungsweise aufmerksam. Meine Trauer und seine
verblüffende Unverschämtheit hätten mich alles hinnehmen
lassen. Ich rief nach
Leuten, und als genügend davon da waren, um nicht seine
Brutalität
fürchten zu
müssen, gab ich ihm eine saftige Ohrfeige. Danach ging ich zum
Marquis
d’Anemace und fragte ihn, ob er Valeran befohlen habe, mein Zimmer zu
räumen.
Er
entschuldigte sich tausendmal für die Unverschämtheit seines
Dieners, hieß ihn
alles wieder zurückzubringen und ließ mir sogar noch
Leuchter,
Handtuchhalter,
Waschbecken, Deckelschalen und Becher aus Silber bringen. Ich behielt
also
alles,
und die Möbel, die Sie hier sehen, sind noch dieselben.
Valeran war das nicht genug. Er wusste, dass Madame ungefähr zehn
Tage vor
ihrem Tod viel Geld empfangen hatte. Er sagte das einem Vertrauensmann
des
Marquis d’Anemace, den er zur Wahrung seiner Interessen bestellte
hatte.
Und der
glaubte alles. Man machte Inventur. Die Summe, es ist die gleiche, die
ich
bekommen hatte und noch habe, fand sich nicht. Man fragte Garreau, was
damit
geschehen sei, und er antwortete, dass Madame darüber verfügt
habe, ohne ihn zu
informieren. Valeran behauptete sofort, Garreau hätte sie
gestohlen;
auf sein Wort
hin wurde er festgenommen. D’Anemace war nicht in Paris, ich fuhr zu
ihm
hin und
beklagte mich über die Ungerechtigkeit, die Garreau angetan werde,
einem Mann,
den die Verstorbene so empfohlen habe. Ich erinnerte ihn daran, dass
sie
ihm selbst
gesagt habe, dass ihr Bargeld angelegt sei, und erklärte ihm
Valerans
Motive.
D’Anemace war überrascht, dass man Garreau etwas angetan und gegen
seine
Order gehandelt hatte. Er setzte ein Missbilligungsschreiben auf und
versprach,
sich
bei Garreau zu entschuldigen, sobald er wieder in Paris sei. Zwei Tage
später war er
da. Aber der junge Mann wollte aus dem Gefängnis nicht eher
entlassen
werden,
bevor seine Ehre durch den Kläger selbst wiederhergestellt worden
sei. Das
geschah nicht rechtzeitig. Valeran hatte den Bütteln selbst bei
der
Festnahme
geholfen und ihn so erbarmungslos misshandeln lassen, dass der
Unglückliche
an
inneren Verletzungen am fünften Tag nach seiner Einlieferung
starb.
Das Blut
spritzte aus jedem Körperteil. Mir ist es noch nicht gelungen, den
Brief meines
Vaters und mein Heiratsversprechen zurückzubekommen.
Das ist der Diebstahl, dessen Valeran uns beschuldigt, Monsieur. Denken
Sie, was
Sie wollen. Was die Schmuckstücke betrifft, hat Monsieur d’Anemace
danach nicht
gefragt. Er wusste ja, für wen sie bestimmt gewesen waren. Aber
niemand
anders
im Haus wusste darüber bescheid, nur dass Madame davon sehr viele
und schöne
besessen hatte; man war also erstaunt, nichts davon in den versiegelten
Kästen zu
finden. Deshalb gefiel es Valeran zu behaupten, ich hätte sie
gestohlen.
Das ist alles, was ich zu meiner Rechtfertigung vortragen kann; meine
Unschuld
geht daraus wohl einwandfrei hervor. Sie können alles
nachprüfen:
Glaubwürdige
Zeugen habe ich Ihnen genannt. Bleibt mir nur noch, von Rouvière
zu sprechen.
Diese Geschichte werde ich nicht zu rechtfertigen versuchen; sie
spricht
gegen
mich. Das ist ein Betrug, den ich an Ihnen verüben wollte. Aber
wenn
ich wegen
dieser Falschheit schuldig bin, werden Sie mich auch deswegen
verdammen?
Nein,
Sie verurteilen mich nicht, fuhr sie mit einem zärtlichen Blick
auf
mich fort. Sie sehen
zu genau, dass ich meine Unschuld nur Ihrer Heikeligkeit opferte. Ich
wollte
bei Ihnen
lieber als die Tochter eines verarmten Adligen gelten, als zu sagen,
dass
ich von
höherem Blut sei, ohne es beweisen zu können. Der Versuch
würde
zu viel Staub
aufwirbeln, was Ihre Billigung nicht finden wird. Nein, ich werde mich
gegenüber
niemandem rechtfertigen; erinnern Sie sich nur an die Schwierigkeiten,
die ich
gemacht habe, als Sie mich fragten, wer ich sei. Für jeden anderen
bin ich
hochgestellt; für Sie von niedriger Geburt. Ich habe nicht gewagt,
es Ihnen zu sagen.
Ja, ich wollte Sie täuschen; aber Rouvière hat Ihnen sicher
gesagt, zu welchem
Preis ich seinen Namen kaufen wollte. Ich hätte verlangt, dass er
für immer
verschwinde, wenn ich bezahlt hätte. Sie kennen den Mann; ich kann
mich kaum
mehr an ihn erinnern, seit wir das Geschäft eingefädelt
haben.
Sie hätten wohl selbst
bemerkt, dass die Geschichte nicht stimmen konnte: Wenn ich seine
Tochter
gewesen wäre, wie dann mein Vermögen erklären?
Hätten
Sie nicht meinen Namen
im Taufregister nachschlagen können, da wir doch beide vor
fünf
Monaten Paten
waren? Das müsste Ihnen zeigen, dass nur die Umstände meiner
Geburt mir
peinlich waren und dass ich nicht sehr viel weiter nachgedacht habe.
Ist
das ein
professionell gestricktes Komplott? Nein, das alles ist haltlos, weil
man
es so leicht
durchschauen kann.
Mein Betrug wurde von einem Betrüger aufgedeckt. Ich bin
verzweifelt.
Aber nicht,
weil er misslungen ist, sondern weil ich unehrlich zu Ihnen war. Jetzt
kennen Sie
meine Herkunft. Ich bin daran nicht schuld, aber sie macht mich
für
Sie unwürdig. Ich
gebe Ihr Herz frei, wegen meiner Lügen muss ich es lassen. Aber
vergleichen
Sie
andere Verbrechen mit meinen: Sie werden mich nicht verachten. Das ist
alles, was
ich von Ihnen erwarte. Und Sie werden zugeben, dass an meinem Verhalten
mehr
das Unglück als der böse Wille schuld ist.
Ich habe nur noch zwei Dingen von Ihnen zu erbitten: Mein Ring schien
Ihnen
schön;
bitte behalten Sie ihn als Erinnerung an mich und daran, dass das
Unglück
uns
getrennt hat und nicht meine Fehler. Ich bitte Sie auch, für
Madame
Morin keinen
Unwillen mehr zu empfinden. Sie hat geglaubt, das Rechte zu tun, um
mich
Ihrer
würdig erscheinen zu lassen und um vor Ihnen zu verbergen, was ich
mir selbst
verbergen wollte. Sie hat mir nie einen Vorschlag gemacht, der einer
Frau
von Ehre
nicht angestanden hätte. Rouvière war so unverschämt,
das von mir schriftlich zu
verlangen. Seinen Brief habe ich wütend zerrissen.
Glücklicherweise
habe ich die
Fetzen wiedergefunden. Hier sind sie, Sie können sie wieder
zusammensetzen.
Madame Morin hat den Brief auf meine Anordnung hin beantwortet.
Vergeblicher
Versuch,
ihre Ehre zu bezweifeln, das Haus war stets der Tempel der Tugend. Und
wenn sie
nicht selber tugendhaft gewesen wäre, wäre sie nicht lange
darin
geblieben.
Madame de Cranves hätte ihr nicht ihr Vertrauen geschenkt und ihr
meine Jugend
anvertraut. Sie ist zu mir auf ihren Befehl gekommen und respektiert in
mir meine
Herkunft. Jetzt habe ich nichts mehr von Ihnen zu erbitten,
erfüllen
Sie mir diese
Wünsche, und ich werde mich zufrieden zurückziehen. Vor
allem:
Kommen Sie
nicht wieder. Unsere Bekanntschaft ist zu Ende. Ich würde Sie nur
beschämt
empfangen, und ich möchte nicht, dass ihre Mutter den geringsten
Grund
hat, Sie
meintwegen auszuschimpfen. Gehen Sie, zerbrechen Sie die unehrenhaften
Ketten,
kommen Sie zu sich selbst und erlauben Sie, dass ich mich in ein Kloster
zurückziehe mit dem traurigen Trost, dass Sie mich wegen meiner
eigenen
Bitte
verlassen habe, nicht, weil Sie mich nicht mehr mochten. Gehen Sie, ich
halte Sie
nicht, Adieu!
Sie stand auf, nachdem sie so lange gesprochen hatte, ohne dass ich sie
mit einem
einzigen Wort unterbrochen hätte. Ich warf einen Blick auf sie und
sah in ihren Augen
große Tränen, die zurückzuhalten sie sich bemühte,
die jedoch gegen ihren Willen
quollen. Sie wollte hinausgehen, um ihre Verwirrung zu verbergen, ich
hielt
sie
zurück und zwang sie, sich zu setzen, ich warf mich zu ihren
Füßen,
küsste ihre
Hände, weinte wie sie. Ich konnte kein einziges Wort
hervorbringen.
Ihr Abschied
hatte mich erschüttert; ich blieb lange bewegungslos. Unser beider
Herz war so
voller Schmerz, dass nur unsere Augen sprachen. - Was wollen Sie?,
sagte
sie
endlich. Warum halten Sie mich zurück? Warum gehen Sie nicht? -
Kann
ich’s
denn?, fragte ich. Das war alles, was ich sagte; danach konnte ich
nicht
mehr
sprechen. Sie bat mich aufzustehen und mich zu setzen. So blieb ich
mehr
als eine
Stunde ohne Empfindung, wie abgestumpft. Ich weiß nur, dass sie
nicht
weniger
bewegt war als ich.
Endlich stand ich wortlos auf und hielt ihr den Ring hin, den ich vom
Finger
gezogen
hatte, aber sie weigerte sich, ihn zurückzunehmen. Ich sagte ihr
adieu,
aber meine
Augen verrieten meine wahren Gefühle. Wie schön sie in diesem
Augenblick war!
Ach, niemand an meiner Stelle hätte ihr widerstehen können.
Der
Abschiedsblick
sagte alles und band von neuem. Ich sagte, ich würde ihr den
Diamanten
ein
anderes Mal zurückbringen, mein Lebewohl sei nicht der
endgültige
Abschied. Sie
antwortete nur mit den Augen, und ich verließ sie verhexter denn
je.
Ich kam nachdenklicher nach Hause zurück, als ich gegangen war.
Ich
war
missmutig, auch über mich selber. Die gleiche Silvie, die mich so
abgestoßen hatte,
zeigte sich mir nun nicht mehr als Betrügerin, sondern als ein
göttliches
Wesen,
beklagenswert ob ihrer Geburt, unschuldig in ihren Handlungen, verliebt
und
leidenschaftlich selbst in der Falschheit. Meine Liebe ließ den
geplanten
Betrug nur
im Licht ihrer Leidenschaft für mich erscheinen, der Angst, mich
zu
verlieren. Ich
stellte sie mir mit ihrer strahlenden, rührenden Schönheit
vor.
Ich erinnerte mich an
all meine Entschlüsse, an die Verachtung, die ich ihr bezeugt
hatte,
nur um ihr dafür
Abbitte zu leisten. Die Drohung mit dem Henker schien mir nunmehr so
furchtbar
verfehlt, dass ich mit meinem Blut dafür bezahlen müsste. Was
sollte ich gegen
mein Schicksal tun? Es riss mich mit sich fort.
Wenn ich mich meinem Schicksal überließ, dann nicht
bedenkenlos.
Wie sollte ich
meiner Mutter meine neuen Entschlüsse verbergen, die im Gegensatz
standen zu
denen, die ich ihr versichert hatte? Wie sollte ich meinen
Aufenthalt
in Paris
rechtfertigen, wie meine Rückkehr zu Silvie? Würde sie deren
Entschuldigung so
ansehen wie ich? Wie sollte ich mit meinen Verwandten auskommen nach so
vielen
plötzlichen Meinungsänderungen? Hieß das nicht, dass
ich
unstet war, ja haltlos?
Diese Überlegungen beschämten mich, aber mein Entschluss
stand
fest.
Am nächsten Tag kehrte ich zu Silvie zurück, nicht mehr
hochmütig
wie die letzten
beiden Male, sondern unterwürfig und verwirrt. Wie anders, da
meine
Schwäche
gesiegt hatte! Ich war bestens gekleidet; sie bemerkte es und schien es
zu billigen.
Ich fand sie sehr traurig; ihr Zimmer fast leergeräumt, ein Teil
der
Möbel war gepackt,
und sie fragte mich, was ich bei ihr wolle. Ich antwortete, dass ich
ihr
ihre Eroberung
zurückbrächte, ich sei für sie geboren und verzweifelt,
ihr missfallen zu haben.
Sie verstellte sich nicht, wie ich befürchtet hatte, und versprach
mir, alles zu
vergessen. Sie sagte: Aber glauben Sie nicht, dass ich aus
Barmherzigkeit
handle. Was mich
am stärksten bewegt, ist eine blinde Zuneigung zu Ihnen. Sie
nehmen
den Zorn Ihrer
Mutter auf sich, den Unwillen Ihrer Verwandten und die Folgen. Valeran
macht mir
Angst; Sie gehen darüber hinweg. Ich opfere Ihnen meine Furcht.
Ich
widerrufe
meinen Entschluss, ins Kloster zu gehen und vergesse Ihre harten Worte,
da Sie
deren Ursache vergessen wollen. - Daraufhin sagten wir uns alles, um
uns
zu
versichern, dass wir füreinander bestimmt seien. Ich ließ
ihr
Zimmer wieder
möblieren, aß mit ihr zusammen, und beide waren wir
beschäftigt,
uns unserer
Liebe zu vergewissern.
Aber, sagte ich, werden wir ständig den Verleumdungen durch
Valeran
ausgesetzt
sein? - Ich kenne ihn, erwiderte Silvie. Wenn er einmal angefangen hat,
hört er nicht
auf. Das ist ein Schuft, der Brief auf Brief schreiben wird. Seine
besessene
Wut wird
sich noch steigern, wenn er erfährt, dass Sie mich immer noch
besuchen
kommen.
- Gibt es denn kein Mittel, um ihn zum Schweigen zu bringen? - Ich
weiß
nicht. Ich
war heute morgen beim Commandeur de Villeblain, um ihn im Großen
und Ganzen
zu informieren und um ihn um Hilfe gegen den Unwürdigen zu bitten.
Seine Güte und
Autorität müssten ausreichen, damit Valeran sich dreimal
überlegt,
mich noch
einmal zu beschuldigen. Aber de Villeblain ist nicht in Paris; vor acht
Tagen ist er ins
Bad gefahren, nach Barbotans, unten in den Pyrenäen, und man
denkt,
dass er erst
Ende Sommer wiederkommt. Ich wollte mich dann bei Monsieur und Madame
d’Anemace beklagen, aber ich bin davon abgekommen. Erstens ist der Kerl
sowieso
mit Schande entlassen worden, und zweitens könnte meine Klage
Erklärungen
nötig
machen, die zu geben Madame de Cranves mir verboten hat. Wenn Valeran
ein
Ehrenmann und gut erzogen wäre, würde ich Ihnen vorschlagen,
zu ihm zu gehen;
vielleicht würde er nachgeben. Wenn Sie mir jedoch gefällig
sein
wollen, verspreche
ich, ihn heute noch zu zwingen, Ihnen volle Aufklärung zu geben
und
alle Zweifel zu
beseitigen. - Ich habe keine mehr, antwortete ich. - Wie es auch sei,
fuhr
sie fort, ich
muss mit ihm sprechen und bitte Sie zu hören, was er sagt, gleich
sogar, wenn Sie
wollen. - Wie wollen Sie das machen?, fragte ich. - Ich brauche ihn nur
holen zu
lassen, und Sie werden selber hören. - Nach dem Streich, den er
Ihnen
gespielt hat,
wird er sich nicht blicken lassen, meinte ich. - Ich würde das
auch
befürchten, wenn
ich ihn nicht kennte. Aber ich weiß, dass er ein brutaler
Dummkopf
ist, ohne Urteil
und Verstand, herz- und schamlos... Er wird kommen! Er wird sogar
glauben,
ich sei
ihm geneigt. - So ließ ich sie machen, und sie schrieb diesen
Brief:
Ich muss mit Ihnen sprechen, mein Herr. Kommen Sie gleich zu mir. Ich
bin
allein,
folgen Sie dem Überbringer.
Sie schickte ihren Lakei mit dem Brief und befahl ihm zu behaupten, sie
sei allein. -
Was wollen Sie mit dem Mann anfangen?, fragte ich. - Ich will, dass er
mir seine
Motive erklärt, den Grund für die Schreiben an Sie und Madame
Des Frans. Warum
er mich so grausam verletzt hat, und woher er seine Informationen hat,
mit einem
Wort, ich möchte herausfinden, was er beabsichtigt, was er von mir
erwartet. Ich
bitte Sie: Hören Sie aufmerksam zu und erscheinen Sie im rechten
Moment;
werden
Sie nicht ungeduldig und seien Sie vorsichtig!
So sprachen wir bis zur Ankunft von Valeran. - Aber, meine
Herrschaften,
unterbrach
sich Des Frans, indem er sich an die Hausherrin wandte, ich weiß
nicht, ob ich Sie
nicht mit einer so langen Geschichte ermüde. Man müsste ein
richtiger
Romanheld
sein, um die Geschichte auf einmal zu erzählen. Machen wir eine
Pause.
Alle gaben ihm recht. Man stärkte sich und unterhielt sich derweil
über das, was man
gehört hatte. Alle waren mit Madame de Mongey der Meinung, dass
Silvie
vollkommen unschuldig sei, wenn das stimmte, was sie zu ihrer
Rechtfertigung
vorgebracht hatte. Sie habe recht gehandelt und ohne bösen Willen.
(à suivre)