___________________________________________________________________________________________________
 
 
 

DIE GESCHICHTE VON DES FRANS UND SILVIE

Robert Chasles

(Teil 2)
 

Jeder gab ihm recht. Man nahm etwas zu sich und währenddessen unterhielt sich die Gesellschaft über das Gehörte. Jeder stimmte Madame Mongey zu, die sagte, dass, wenn Silvie bei ihrer Rechtfertigung die Wahrheit gesagt habe, bei ihr keine Schuld zu finden sei und dass sie sich weder schlecht noch böswillig verhalten habe. - Alles war wirklich wahr, sagte Des Frans. Zwei Monate nach der Hochzeit bekam ich das schriftliche Eheversprechen und den Brief, den ihr Vater, der Marquis de Buringe an Madame de Cranves geschrieben hatte. Der Commandeur de Villeblain ließ mir die Dokumente zukommen, und ohne mein großes Interesse an der Angelegenheit zu kennen, berichtete er meiner Mutter in meiner Gegenwart Silvies Geschichte, genauso, wie ich sie Ihnen erzählt habe. - Wenn das so ist, unterbrach Dupuis, war die arme Silvie immer das Opfer ihrer unglücklichen Liebhaber; stets zu Unrecht verdächtigt, und dabei klug und tugendhaft; als vermeintlich Schuldige gestorben, doch schuldlos. Die arme Frau Morin, eine wahrhaft anständige Person, hat mit ihrem Leben für die Anhänglichkeit gezahlt, die sie Silvie bewiesen hat. - Wir haben nachher genug Gelegenheit, alles zu besprechen, sagte Madame de Londé, jetzt bitte ich Herrn Des Frans seine Geschichte zu Ende zu erzählen; alle sind daran, glaube ich, höchstlich interessiert.

Ich versteckte mich, fuhr Des Frans fort, sobald ich Valeran heraufkommen hörte. - Was steht zu Diensten, Mademoiselle?, fragte er an der Tür. Ich bekomme ein Schreiben von Ihrer Hand. Sollte ich so glücklich sein, Ihnen einen Dienst erweisen zu können? Die Gelegenheit dazu würde ich mit meinem Leben erkaufen und mit allem, was mir am teuersten ist. - Nehmen Sie Platz, sagte Silvie, ich rede danach mit Ihnen. - Er wollte sich weigern, aber endlich ließ sie ihn sich setzen und beurlaubte ihren Lakei.

Ich freue mich, Sie hier zu sehen, sagte sie ihm. Sie können mir glauben, dass es etwas Wichtiges ist, das mich bewogen hat, Sie herzubitten. - Ich bin davon überzeugt, Mademoiselle, dass meine Gegenwart Ihnen nur angenehm ist, weil sie sie brauchen. - Wir sind allein, unterbrach sie, und obwohl ich nur zu gut von der Gefahr weiß, der ich mich mit Ihnen zusammen aussetze, befürchte ich doch nicht, dass Sie sich nicht in Zaum zu halten wissen. - Befürchten Sie nichts, sagte er, das erste Mal hat mir gereicht.

Ach ja! Wenn die Scham über Ihr Benehmen ausgereicht hätte, Sie daran gehindert hätte, dieselben Fehler und Schandtaten noch einmal zu begehen, brauchte ich mich nicht wieder über Sie zu beschweren. Nun gut, die Dinge sind geschehen, und ich bin bereit, sie zu vergessen. Ich will sogar mein Ansehen bei Monsieur und Madame díAnemace in die Waagschale werfen, damit Sie wieder eingestellt werden. Sicher werde ich nicht vergeblich bitten und ich will von Ihnen nur eines, um mich dazu zu bewegen. Werde ich es bekommen? - Ja, sagte er, wenn Sie mich um etwas bitten, das in meiner Macht steht, werde ich mich nicht weigern. - Es kostet Sie gar nichts, aber ich will sicher sein, es zu bekommen. - Er schwor es ihr mit heiligen Eiden zu. -. Gut, ich glaube Ihnen, sagte sie. Worum ich Sie bitte, ist, mir alles offen und wahrheitsgemäß zu sagen. Ahnen Sie, worüber ich Sie befragen will? - Er war verlegen. - Wo ist denn die Offenheit, die Sie mir soeben versprochen haben? - Gut, ich ahne, worum es geht; zweifellos die Geschichte mit Madame Des Frans und ihrem Herrn Sohn. - Genau, erwiderte sie. Sagen Sie, warum haben Sie mich für eine Betrügerin ausgegeben, für ein Mädchen, das von Garreau verführt wurde? Ich verzeihe Ihnen, was Sie über meine Herkunft sagen; die kennen Sie gar nicht. Nehmen Sie zur Kenntnis, dass der Beste Ihres Schlages es für eine Ehre hielte, beim letzten meines Rangs Domestik zu sein. Antworten Sie genau und ehrlich; für Sie geht es um alles. Ich möchte nicht gezwungen sein, Sie von anderen verhören zu lassen, und seien Sie gewiss, dass ein Mensch wie Sie es mit mir nicht aufnehmen kann. Verdienen Sie sich die Verzeihung durch Aufrichtigkeit!

Eine so hochfahrende Behandlung war niederschmetternd. Er wollte ausweichen und alles umständlich erklären. - Das will ich nicht wissen, sagte sie. Antworten Sie gerade heraus, was wissen Sie über meine angebliche Ungezügeltheit und über den Diebstahl, den Sie mir anlasten? - Ich hatte nur einen Verdacht wegen des Gerüchts. - Sie sind der Urheber des Gerüchts, sagte sie. Warum haben Sie es ausgestreut, obwohl Sie von Madame de Cranves und dem Commandeur schon deswegen getadelt worden waren? - Ach Fräulein, erwiderte er, was macht nicht eifersüchtige Liebe? Sie kennen nur zu genau meine Gefühle; ich war verzweifelt, dass Garreau besser behandelt wurde als ich. - Für Sie immer noch Monsieur Garreau!, fuhr sie dazwischen. Aber was hofften Sie denn? Er war Junggeselle, Sie veheiratet. Er konnte um mich werben, Sie nicht. - Das ist richtig, aber so, wie ich Sie damals angesehen habe, glaubte ich, Ihnen kein großes Unrecht anzutun. - So! Dann haben Sie also mit Ihrer üblichen Brutalität gehandelt. Aber warum erzählen Sie jetzt wieder dieselben Geschichten? Wollen Sie scherzen?

Ach Fräulein, antwortete er und warf sich ihr zu Füßen. Sie kennen sich selber nicht, wenn Sie glauben, dass Liebe zu Ihnen je erlöschen könnte. Ich bin immer noch derselbe, nur Ihre Tugend flößt mir jetzt Respekt ein. Ich habe Herrn Des Frans geschrieben, damit er Ihrer überdrüssig wird, und seiner Mutter, damit sie ihn zwingt, sie zu verlassen, wenn er es nicht von selber getan hätte. Ich ertrage es nicht, Sie in den Armen eines anderen zu sehen; die Leidenschaft war stärker als die Vernunft. Ich weiß wohl, er ist von Adel, ich ein Bürgersmann; aber ich hoffte, dass Sie,  wenn der Unmut über das Zerbrechen Ihrer Bindung einmal verflogen sei, es nicht ablehnen würden, den Platz einzunehmen, den der Tod meiner Frau frei gemacht hat.
So hatten Sie also erhofft, dass mich die Enttäuschung in Ihre Arme triebe?, sagte Silvie. Und dass ich, von einem anderen zurückgestoßen, Sie anziehend finden könnte? Das sind die rechten Empfindungen für einen Schuft wie Sie. Täuschen Sie sich nicht länger: Ich will den Tod Ihrer Frau nicht näher untersuchen. Aber sie war noch vor einem Monat bei bester Gesundheit. Wenn Sie daran schuld sind, wie es den Anschein hat, haben Sie ein vergebliches Verbrechen begangen. Ihr Blut und das meine sind zu unterschiedlich, um sich jemals miteinander zu vermengen - nun gut, ich kenne jetzt Ihre Motive. Aber woher wussten Sie, dass Madame Morin und ich Des Frans kannten, seine Familie und alles andere, wovon Sie schrieben? - Das habe ich geschrieben, weil es wahrscheinlich schien. - Darin erkenne ich Ihren Geist, erwiderte sie. Ihre lächerlichen Vermutungen geben Sie als Wahrheiten aus und glauben schließlich selber daran.

Und der Aufenthalt von Rouvière, fuhr sie fort, woher kannten Sie den? - Ersparen Sie mir die Antwort. - Nein, ich will es wissen. - Sie werden mich noch mehr hassen! - Im Gegenteil, je aufrichtiger Sie sind, desto großzügiger werde ich sein, sprechen Sie! - Wie soll ich das erklären? Als der Tod meiner Frau einen Platz frei machte, ging ich Ihnen nach. Ich erfuhr, wo Sie wohnten, und in einer Schenke der Nachbarschaft, dass ein junger Mann vom Stande Sie häufig besuchte. Eines Abends folgte ich ihm und erfuhr zu meiner Verzweiflung, dass es sich um Monsieur Des Frans handelte. In meinem Kopf suchte ich alle Mittel, Sie auseinder zu bringen und Sie, Mademoiselle, um jeden Preis zu besitzen. Darüber dachte ich nach, als ich Rouvière zufällig auf der Roten Brücke traf; er ging zu den Tuillerien. Rasch hatten wir unsere Bekanntschaft erneuert. Ich kannte ihn als einen Mann, der zu allem fähig war und dem ein Verbrechen nichts bedeutet. Ich wollte ihn geschickt oder mit Gewalt  zu meinem Vertrauten machen, ihn zwingen, mir gefällig zu sein. Aber als wir in die Tuillerien kamen, sagte er mir, dass er keine Zeit mehr für mich habe, da er sich mit einer Person treffe, die mich kannte und die mich nicht sehen sollte. Ich ging also weg, und die Person erschien. Ich erkannte sie gleich: Es war Madame Morin. Ich versteckte mich vor ihr und wartete das Ende des ziemlich langen Gesprächs ab; dann ging ich wieder zu Rouvière, um zu erfahren, worüber sie denn so lange und zu so ungewohnter Stunde gesprochen hatten.

Ich kenne die Schwäche des Mannes; ich lud ihn zum Essen ein und erfuhr alles. Das gab mir die Möglichkeit, zu tun, was ich vorhatte. Damit der Handel mit ihm nicht so schnell abgeschlossen würde, überzeugte ich ihn, von Ihnen die äußerste Gunst zu verlangen, und sprach von Ihnen, Monsieur Garreau und Madame Morin in Ausdrücken, die mir gerade einfielen. Ich wusste ja, dass Sie ihm nichts gewähren würden, was Ihrer Ehre schaden könnte, und war überzeugt, dass er keinen Erfolg haben würde. Ich wollte auch nur die Sache hinauszögern, um meine Briefe vorzubereiten und die nächsten Züge. In dieser Absicht zwang ich ihn, Ihnen zu schreiben, sofort und auf der Stelle. Ich sandte Ihnen den Brief und nahm ihm das Versprechen ab, auf seinem Verlangen zu bestehen.

Danach schrieb ich an Des Frans und seine Mutter. Ich rechnete nicht damit, dass er Sie je wiedersehen würde und Sie meine Briefe sähen. Des Frans würde nur der Morin und Rouvière die Schuld geben, und die waren mir gleichgültig. Hauptsache, ich erreichte mein Ziel. Das ist die Wahrheit, Mademoiselle, das sind die Verbrechen, die meine Liebe zu Ihnen mich hat begehen lassen. Der Zorn, den ich in Ihren Augen lese, hindert mich daran, Ihnen ewige Liebe zu schwören. Aber ich wage es doch Sie zu fragen, die Sie so beharrlich behaupten, von Familie zu sein, warum Sie Rouvières Namen annehmen und seine Tochter sein wollten? Es stimmt: Er ist von Adel, aber seine Taten entehren ihn.

Ich habe mich nicht verpflichtet, Ihnen Fragen zu beantworten, erwiderte sie. Das ist ein Geheimnis, das ich Ihnen nicht verraten will. Aber wenn Sie gestehen, dass Sie meinen Ruf zerstören, Madame Morin und Rouvière opfern wollten, fürchten Sie dann nicht, dass er Lust bekommt, Sie zu opfern? Dass er alle Ihre Beleidigungen und Unverschämtheiten rächt, indem er sich rächt? Aus dem Duell würden Sie nicht ohne Ehrverlust herauskommen. Sie sind, glaube ich, nicht tapferer als damals, und er ist ein besserer Haudegen als Garreau es war. Und bei dem haben Sie es nur mit Hinterlist versucht.
Aber nein, fürchten Sie nichts. Ich habe versprochen, alles zu vergessen, und sogar, Ihnen zu helfen. Aber hüten Sie sich und sprechen Sie von mir nur noch mit dem Respekt, den Sie dem Rang Ihrer Herren schulden. Vergessen Sie nicht, was Commandeur Villeblain und Madame de Cranves Ihnen dazu gesagt haben. Wenn er in Paris wäre, hätten Sie schon den Lohn für Ihre Briefe bekommen. Befassen Sie sich nicht mehr mit dem, was mich betrifft oder Monsieur Des Frans. Ein Unseliger wie Sie sollte keine Ratschläge geben, die Unfrieden in eine achtenswerte Familie hineintragen können. Mit welchem Recht erlauben Sie sich, mir den Prozess wegen Raubes anzudrohen? Und einen Menschen ins Gefängnis zu bringen, der Sie niemals beleidigt hat, den Sie nicht kennen und von dem Sie besser nicht gekannt werden? Wenn ich ihm gesagt hätte, wer Sie sind, dann wären Sie vielleicht jetzt tot; ich brauchte meinen Abscheu nur klar genug auszudrücken. Hüten Sie sich! Ihre Dummheiten werden Sie früher oder später ins Unglück stürzen. Ich verzeihe Ihnen, weil ich es versprochen habe, aber ich mache Sie verantwortlich für alles, was mir oder Des Frans zustößt, denn Sie sind mein einziger Feind. Gehen Sie, sagte sie und stand auf, vergessen Sie nicht, was ich Ihnen gesagt habe, aber vergessen Sie mich, wenn Sie können, für unserer beider Frieden. Setzen Sie nie wieder den Fuß in mein Haus, meine Wohnung wäre entweiht, wenn ich einen Schurken wie Sie länger hier dulden würde. Ich werde Ihnen mitteilen lassen, was Monsieur und Madame díAnemace mir geantwortet haben. Ich werde mit ihnen speisen. - Mit diesen Worten setzte sie ihn ohne Umstände an die Luft.

Ich kam aus meinem Versteck. Nun, fragte sie, was sagen Sie dazu? - Das ist ein vollendeter Schurke und ein gefährlicher Mensch. Ihre Gegenwart hätte mich vielleicht nicht davon abgehalten, es ihm heimzuzahlen, wenn mir nicht eingefallen wäre, dass ich mich an einem solchen Bösewicht durch einen anderen rächen könnte, der nicht mehr taugt: Rouvière. Ich werde sie gegeneinander aufbringen, das wird nicht schwierig sein. Bis morgen ist mir das gelungen.

Es wundert mich nicht mehr, dass Sie so ruhig waren, sagte sie. Ich würde Ihrem Vorhaben zustimmen, und Sie haben ja gesehen, dass ich ihm damit gedroht habe. Es stimmt, dass einer der beiden uns am anderen rächen wird, aber das wird nicht ohne Schwierigkeiten für uns abgehen. Man wird die Kampfhähne trennen, sie werden sagen, warum sie aneinander geraten sind; Sie können sich denken, dass ich dabei nicht gut wegkommen werde. Also kein Aufsehen, nichts, wovon man in ganz Paris sprechen wird, was Madame Des Frans nicht verborgen bleiben kann. Man wird tuscheln und mit ein bisschen bösem Willen macht man daraus eine Affäre, die uns beiden schadet. Glauben Sie mir, überlassen wir die beiden ihrem Schicksal, es wird uns rächen. - Sie haben recht, sagte ich, aber ich mache es so, dass Sie nichts damit zu tun haben werden.

Danach gestand ich ihr offen, was ich meiner Mutter gegen sie gesagt hatte, dass ich in Verlegenheit sei wegen meines Versprechens, Paris zu verlassen. Wenn ich bliebe, würde sie mit Sicherheit den Grund erraten, denn was sollte ich zu Rechtfertigung meines Bleibens vorbringen nach so einem Eclat? Wenn wir uns bei heimlichen Treffen sehen, dann wird sie mich gewiss beobachten lassen und alles entdecken, was ich unternehme. Wenn sie bemerkt, dass ich sie hintergehe, fürchte ich, dass sie zu den äußersten Mitteln gegen mich greifen wird. Mehr noch fürchte ich, dass Sie ihr Opfer werden; auf die Güte, die sie mir immer erzeigt hat, will ich mich endlos verlassen. Man weiß doch, dass gemäßigte Gemüter ihren Hass nicht zügeln können, wenn sie einmal in Wut geraten; so ist meine Mutter. Ich habe von Ihnen so übertrieben hasserfüllt geredet, dass sie überzeugt ist, ich dächte nicht mehr an Sie. Was wird sie sagen, wenn sie meinen wahren Gefühle kennt und wenn sie erfährt, dass ich mit Ihnen vertrauten Umgang pflege und sie betrüge? - Daran ist nur Valeran schuld, unterbrach sie mich mit einem Strom von Tränen. Es ist nicht zu ändern: Wir müssen uns auf ewig trennen. Ich befürchte das Schlimmste, wenn wir beieinander bleiben.

Nicht Klagen, nicht solche Ratschläge erwarte ich von Ihnen! Mein Herz würde sich empören, müsste ich Sie verlassen. Ich sage Ihnen, was ich gemacht habe, damit wir Mittel finden, zusammen zu bleiben und uns vor bösen Folgen schützen können - Die unausweichlich sind!, rief sie. Aber... sagen Sie, fühlen Sie sich stark genug, einer Abwesenheit zu trotzen? - Gott! Was werden Sie mir vorschlagen?, rief ich. - Ich sehe nur diesen Weg, erwiderte sie. Ihre Abwesenheit kann so lange dauern, wie Sie wollen; aber Sie müssen sich dazu entschließen.

Sie geben mir den Abschied?, sagte ich. - Ja, ich gebe Ihnen Urlaub. Fühlen Sie, wie sehr ich Sie liebe, da die Angst, Sie zu verlieren, mich zu einem solchen Mittel greifen lässt? Sie müssen gegenüber Ihrer Mutter Wort halten, und die scheinbare Leichtigkeit, mit der Sie es tun, wird allen Verdacht bei ihr zerstreuen. Man wird nicht jedem Ihrer Schritte folgen, man wird nicht prüfen, was Sie tun, und es gibt tausend Vorwände, unter denen Sie rascher zurückkehren können. Während Ihrer Abwesenheit werden die bedrohlichen Wolken sich zerstreuen. Wir werden uns schreiben. Ich fürchte nicht, dass die Trennung unserer Liebe schaden wird, ihrer und meiner nicht. Ihre Rückkehr wird der Beweis dafür sein. Ich kann mir nicht vorstellen, dass Sie mich einer anderen wegen verlassen werden. Und da ich mich jetzt meiner Handlungen gegen Sie schäme, bin ich gewiss, Ihnen treu zu sein. Mit einem Wort, wir beide sind sicher, dass unser Herz dem anderen gehört; ich kann keine Untreue vorhersehen. Entschließen Sie sich, fuhr sie fort und nahm meine Hand in die ihre, besiegen wir uns selber, das wird uns über alle Schwierigkeiten triumphieren lassen.

An diesem Tag fassten wir keinen Entschluss; die Entscheidung fiel mir zu schwer. Wir verabredeten uns für den nächsten Tag, an dem wir beschließen wollten, und ich kehrte nach Hause zurück, äußerlich ruhig, in Wahrheit jedoch ganz zerrissen.

Auf dem Weg hatte ich über die Sache nachgedacht; ich fand sie richtig und notwendig. Ich speiste mit Mutter. Nun? Hatten Sie die Güte, die Herren Des Frans aufzusuchen? Werde ich bald in ihren Diensten reisen oder zu meinem eigenen Vergnügen? - Ich hatte Mühe, sie zu überzeugen, erwiderte sie. So viele plötzliche Meinungsänderungen Ihrerseits haben sie zu der Überzeugung gebracht, dass ich einem Irrglauben anhänge, wenn ich glaube, dass Sie Ihre Verfehlungen bereuen und dass Sie diesmal aufrichtig sind. Nun gut, ich habe vorgesorgt. In vier Tagen reisen Sie mit Kardinal de Retz, der nach Rom zurückgeht. Wir werden Sie anständig und sogar vornehm ausrüsten müssen, denn dort werden Sie eine glänzende Stellung haben, bei der man Ausgaben nicht scheuen darf. Ihre Onkel und ich werden dafür sorgen. Es ist gut, dass Sie ein anderes Land sehen, und dieses ist der Neugier eines Ehrenmannes würdig. Wenn Sie in einem oder zwei Jahren gereift sind, wird man für Sie eine würdige Partie für den Rest Ihrer Tage finden; aber gegenwärtig wollen Ihre Onkel Ihnen keinen Kredit geben. Sie haben Angst vor Ihrem Leichtsinn, Ihren Aufwallungen. So werden Sie also Ihr eigenes Geld ausgeben und es besser in Acht nehmen. Aber Sie werden es mit Zinsen zurückbekommen, sobald Sie dazu imstande sind.

Das also erfuhr ich von ihr und es erstaunte mich nicht, ich schien sogar ganz zufrieden. - Und Ihre Silvie? Sie sagen kein Wort darüber; wie stehen Sie miteinander? - Sie können sich denken, erwiedrte ich, dass ich sie nach dem letzten Brief nicht mehr gesehen habe. Und wenn es nur sie in Paris gäbe, verwünschte ich sie. - Umso besser, sagte Mutter, bewahren Sie diese Gefühle, sie dienen Ihrer Ruhe, Ihrer Ehre, Ihrem Glück.

Gleichwohl hatte ich beschlossen, Silvie am nächsten Morgen aufzusuchen und Rouvière holen zu lassen. Ich tat nichts dergleichen. Kaum war ich erwacht, trat Querville, der mir die Pferde verkauft hatte, in mein Zimmer und bat mich ihn einen Augenblick anzuhören. Ich schickte meinen Lakei hinaus und fragte Querville, worum es sich handele. - Ich rede mit Ihnen ohne Umschweife, sagte er, ich habe nicht die Ehre, Sie seit langem zu kennen, aber ich kenne auch sonst keine Menschenseele in Paris. Deshalb bitte ich um Ihr Vertrauen und Ihre Hilfe. Nach diesen Worten öffnete er mir sein Herz; ich verstand: Nur Rouvière konnte ihm dienen. Es war ein Jungenstreich, der ihn zwang, seine für übermorgen angesetzte Hochzeit um zwei Wochen zu verschieben. Ich ging mit ihm zu seiner Herberge, wo ich seinen Vater antraf, einen der Ersten des Gerichts von Rouen.

Dann suchte ich nach Rouvière. Er wohnte in demselben Haus, aber er aß dort nicht, weil er nicht soviel Geld ausgeben konnte. Sobald er mich sah, fing er an, mich mit Vorwürfen zu überschütten, und wenn ich Lust gehabt hätte, mich auftzuregen, hätten wir ja gesehen, wer von uns beiden der Bösartigste war. Ich ließ ihn also seinen ganzen Zorn loswerden, und dann sagte ich, dass ich der Monsieur Des Frans sei, um den es sich handele. Ich erzählte ihm, was Valeran angerichtet und über ihn gesagt hatte, und ich überschüttete ihn mit meiner ganzen Rhetorik. Um ihm zu beweisen, dass ich nichts als die Wahrheit sagte, zeigte ich ihm die Stellen in den Briefen an meine Mutter und mich, die ihn betrafen; ich hatte die Schreiben absichtlich mitgenommen. Glücklicherweise kannte er die Handschrift Valerans und er fiel aus allen Wolken. Er entschuldigte sich und sagte, dass er nicht die Ehre gehabt habe, mich zu kennen, und deshalb sei es ihm nicht schwer gefallen, mich betrügen zu wollen. Er sei dazu durch Not gezwungen gewesen; hundert Goldlouis, die man ihm geboten, hätten ihn dazu gebracht. Seine lange Entschuldigung war ein Loblied auf Silvie und Madame Morin; mehr als je erkannte ich, dass Valeran alles angestiftet und sogar versucht hatte, Rouvière anzustiften, mich als den Urheber aller Schwierigkeiten zu ermorden. Rouvière erregte sich fürchterlich über Valeran und fluchte hemmungslos. Ich goss Öl ins Feuer, scheinbar bemüht, es zu löschen. Er biss vortrefflich an, und als ich ihn soweit gebracht hatte, wie ich wollte, nahm er Stock und Degen, um sich Genugtuung zu verschaffen. Da brachte ich ihn in die Wirtsstube hinunter und redete begütigend auf ihn ein, so dass er nicht mehr von Valeran sprach, doch er gab mir zu verstehen, dass er beschlossen hatte, die Welt von diesem Schuft zu befreien.

Als er soweit beruhigt war, sagte ich ihm, dass, wenn er einem meiner Freunde einen Dienst erweisen wolle, ich eine beträchtliche Belohnung für ihn erwirken wolle, um ihn zu entschädigen. Er fragte sofort, wie hoch. Ich berichtete ihm unter angenommenen Namen, dass Querville in Schwierigkeiten sei. Er dachte eine Zeitlang nach und sagt dann entschlossen, die Sache sei schon geregelt. Sie können sicher sein, dass ich ihm bis morgen mittag aus der Patsche helfe; er kann sich auf mich verlassen, und wenn er immer noch heiraten will, wird erís können, wann ihm beliebt. Weil der Mann aus Le Mans ein Tatmensch war, zweifelte ich nicht am Erfolg und sagte ihm, dass es um Querville gehe. Er war sehr zufrieden, weil, wie er sagte, Querville ein guter Junge sei, mit gut gefüllter Börse und durstiger Kehle. Ich bewunderte die Eigenschaften, die man haben musste, um diesem Mann zu gefallen, sagte aber kein Wort.

Da der Edelmann mit seinem Vater ausgegangen war, um seine Verlobte aufzusuchen, mussten wir auf ihn warten. Ich wollte nicht zu Silvie gehen, da ich ich bei Rouvière so großen Erfolg gehabt hatte, ohne sie in die Sache zu verwickeln. Er fragte mich nicht einmal, ob ich mich mit ihr versöhnt hätte, so diskret war er auf einmal in meiner Gegenwart geworden.

Querville kam endlich zurück, sie redeten miteinander und beschlossen, was zu tun sei. Am nächsten Tag führten sie den Plan aus, aber weil das nichts mit meiner Geschichte zu tun hat, lasse ich das hier aus und verschiebe es auf ein anderes Mal, wo ich von Querville erzählen werde, was er mir selbst in Rom berichtet hat. Nach seiner Hochzeit war er nämlich gezwungen, Frankreich wegen eines Duells zu verlassen.

Erst am nächsten Tag ging ich zu Silvie, der ich alles berichtete. Ich sagte ihr auch, dass Rouvière entschlossen sei, uns beide zu rächen. Sie war ängstlich und fürchtete, in die Angelegenheit verwickelt zu werden; aber das geschah nicht. In der Tat, am selben Tag, an dem er Querville behilflich war, und zur gleichen Stunde, da ich mit Silvie redete, tötete er seinen Feind mit einem einzigen Degenstich gerade durchs Herz. Valeran starb, ohne ein Wort zu sagen. Was Rouvière betrifft, so flüchtete er, wohin, weiß ich nicht, ich habe nie wieder von ihm gehört.

So kam Valeran ums Leben und er wurde belohnt für seine Ratschläge, die niemand gewollt hatte. Rouvière hatte ihm sogar einen Gefallen getan, denn er verhinderte, dass Valeran am Galgen endete. Vier oder fünf Monate später erfuhr ich, dass Silvie richtig geraten hatte: Er hatte seine Frau vergiftet. Trotzdem waren Silvie und ich traurig, am Tod eines Mannes mitschuldig zu sein, obwohl er ihn verdiente. Nach seinem Tod sprach man so wenig von ihm, als hätte er nie gelebt. Man erfuhr sogar den Namen des Mörders nicht, so gut hatte Rouvière vorgesorgt, und ich erkannte ihn nur auf Grund der Umstände. - Sie irren sich, unterbrach Des Ronais an dieser Stelle, ich kenne das Leben Rouvières auswendig, und er starb vor kurzem im Gefängnis nach acht Verhören, die ich gelesen habe. Sein Tod unter der Tortur und die Achtung vor seinem Namen und Adel haben verhindert, dass man auch seinen Ruf vernichtete; man weiß genug. Sein Leben war eine Folge von Schicksalsschlägen und Untaten, alle verhängnisvoll für ihn, aber lächerlich für Leute, die als Ehrenmänner am Leben eines Schurken nicht Anteil nehmen können. Wir können uns eines Tages darüber belustigen, doch fahren Sie jetzt fort.

Was mich betrifft, sagte Des Frans, so entschloss ich mich gemäß unserer Absprache zur Abreise und besuchte sie während der beiden Wochen, die ich noch in Paris war, nicht mehr in ihrem Hause. Aber wir sahen uns jeden Tag an einem anderen Ort. Ich sagte ihr Lebewohl vier Meilen vor Paris, wo wir uns getroffen hatten, und trafen Maßnahmen für die Sicherheit unseres Briefwechsels. Sie fragte mich, ob ich es ihr gestattete, Madame Morin zu behalten. Diese Frau war noch immer bei ihr, aber sie werde sie nicht weiter in ihren Diensten behalten, wenn ich unzufrieden sei. Sie fügte hinzu, dass sie die einzige sei, der sie vertrauen könne, denn sie sei die einzige, die sie kenne; es werde sie schmerzen, auf eine Frau zu verzichten, an die seit der Kindheit gewöhnt sei. Sie ziehe es jedoch vor, alle diese Gründe hintanzustellen, um mich nicht zu betrüben.

Ich war über diese Offenheit hoch erfreut. Ich erwiderte, dass ich dieser Frau in der Tat nicht wohl gesonnen sei und dass der Brief, den sie Rouvière geschrieben habe, mir nicht aus dem Kopf gehe. Denn indem sie Rouvière berichtete, dass Sie ihm nicht gewähren wollten, was er die Frechheit hatte, von Ihnen zu verlangen, sah ich, dass sie mit Ihnen darüber gesprochen und Sie vielleicht sogar dazu überreden versucht hatte. - Sie irren sich, sagte Silvie, Rouvière hat mir das Ansinnen schriftlich gemacht, und Madame Morin, der ich den Brief gezeigt habe, dessen Stücke ich Ihnen gab, hat den Brief immer abscheulich gefunden. - Wie es auch sei, ich vertraue Ihrer Tugend, sagte ich, und lasse Ihnen eine Frau, die Ihnen unentbehrlich ist. Alles, worum ich Sie bitte, ist, ihre schlechten Ratschläge nicht zu befolgen. - Auch da täuschen Sie sich, sagte sie, Madame Morin ist auf Ihrer Seite und tut alles für Sie. Nur meine Angst, meine Herkunft könnte Sie befremden, und meine Bitten haben sie dazu gebracht, mit Rouvière zu verhandeln. Ich schwöre Ihnen, Sie ist die erste, die mich zu meiner Wahl beglückwünscht und von Ihnen mit Hochachtung spricht; was sie betrifft, so ist sie die Tugend selbst, und Sie können sich davon bei Leuten überzeugen, die sie seit langem kennen. - Behalten Sie sie also, schloss ich, ich stimme von Herzen zu.

Die Frau, die sich hinter Bettvorhängen versteckt hatte (denn wir hatten uns in einem Gasthof getroffen), kam hervor und schwor mir ewige Dankbarkeit.  Sie wollte mich davon überzeugen, dass sie Silvie nichts gesagt habe, was gegen die guten Sitten sei und gegen die Treue, die sie mir für immer verspreche. Ich schnitt ihr das Kompliment ab und bat sie, für unser Abendessen zu sorgen. Derweil blieben Silvie und ich allein.

Silvie hatte recht, unterbrach Dupuis, die Morin ist die Tugend selbst, ich habe es Ihnen schon gesagt. - Einverstanden, sagte Des Frans. Auch der Commandeur de Villeblain sprach so von ihr nach meiner Hochzeit, aber vielleicht hat sich ihre Tugend nicht so gut gehalten. - Bis zu ihrem Tod!, rief Dupuis. - Nun gut, hören Sie den Rest, sagte Des Frans.

Wie gesagt, blieb ich mit Silvie allein. Ich versuchte, sie durch Zärtlichkeiten zu verführen, aber ich musste mich mit Worten der Beteuerung ihrer grenzenlosen Treue zufrieden geben. Sie zwang mich, einen Diamanten anzunehmen, der unvergleichlich schöner war als der, den ich schon besaß, sie bat mich, ihn aus Liebe zu ihr zu behalten, und versprach, meinen immer am Finger zu tragen. Sie wollte mir auch noch eine Börse voller Goldstücke aufdrängen, aber ich lehnte ab. In der Tat brauchte ich sie nicht. Wir tauschten unsere Bildnisse und trennten uns.

Meine Reise dauerte nur fünf Monate, einschließlich des Aufenthalts in Rom. Unter dem Vorwand, Monsieur de Créqui begleiten zu müssen, kam ich wieder nach Frankreich, wohin meine Liebe mich schon lange gezogen hatte. Mehrfach hatte ich Briefe von ihr bekommen und hatte ihr auch oft geschrieben. Weil unsere Briefe nur Versicherungen unserer gegenseitigen Treue enthielten, werden Sie es mir erlassen, sie hier wiederzugeben. Ich nannte ihr den Tag meiner Ankunft, und sie kam mir mehr als acht Meilen entgegen. Nichts war zärtlicher als unser Wiedersehen. Ich liebte bis zur Raserei und glaubte, ebenso wiedergeliebt zu werden. Ich sagte ihr, ich hätte beschlossen, sie zu heiraten, wenn sie zustimme, ohne meinen Verwandten etwas davon zu sagen. Ich erklärte ihr meine Gründe: Meine Mutter würde nie einverstanden sein, nicht nur wegen der Anschuldigungen Valerans, die sie immer noch für wahr hielt, sondern auch, weil sie mich nicht in so jungen Jahren verheiratet sehen wollte. Ich erklärte Silvie, dass wir nie einander gehören würden, wenn sie dagegen wäre, wie es zu befürchten war, wenn ich davon spräche.

Sie fand meine Überlegung richtig und sagte: Nicht aus Furcht, Ihre Mutter könnte in dieser Ehe nicht alle Vorteile finden wie bei einer anderen; ich besitze mehr, sehr viel mehr, als Sie beanspruchen können; sondern weil sie meinen könnte, dieses Gut sei unredlich erworben. Und außerdem würde sie nicht wollen, dass Sie ein Mädchen heiraten, von dem sie nur weiß, dass es ausgesetzt worden ist. - Ich wollte das nicht so sagen, erwiderte ich, aber Sie haben es erraten; dies sind die wahren Gründe, die dafür sprechen, die Sache geheimzuhalten. - Genug, fügte sie hinzu. Von Ihrer ganzen Familie will ich nur Sie heiraten. Sie haben das richtige Alter, und ich bin unabhängig. So werde ich Ihnen gehören, wann Sie wollen. - Ich nahm das Geld an, das sie mitgebracht hatte, damit ich zu Hause als sparsamer Mensch erschien, wenn ich es meiner Mutter zeigte. So entschieden wir. Wir kehrten gemeinsam nach Paris zurück und trennten uns eine Meile von hier.

Ich sage noch einmal: In der Ehe liegt ein  Schicksal. Tausendmal hatte ich trotz meines Liebeswahns Lust, die Heirat zu vermeiden. In meinem Inneren gab es fürchterliche Widerstände. Ich ließ davon nichts sichtbar werden, im Gegenteil, sobald wir unseren Entschluss getroffen hatten, tat ich alles, um die Hochzeit zu beschleunigen. Damals waren Eheschließungen nicht so durch Formalitäten kompliziert wie heute, und es gelang mir, die Hochzeit für drei Tage später ansetzen zu lassen.

Wir schlossen einen Ehevertrag, in dem sie den Namen Silvie de Buringe annahm, natürliche Tochter des verstorbenen Marquis de Buringe und des Fräulein Marie Henriette von ..., und in dem ich angab, keinen Sou an Mitgift erhalten zu haben. Ich garantierte ihr nur eine Leibrente, und sie übergab mir sechsmal mehr als das Kapital der Rente, zu 20 Prozent gerechnet. So hatte sie es selber gewollt. Ich habe keine Verwandten, sagte sie, keine Erben, und wenn ich etwas hinterlasse, dann Kinder. In diesem Fall sind Sie ihr Vater, und ihr Vermögen kann nicht in besseren Händen sein. Wenn ich vor Ihnen sterbe, dann will ich Sie nicht Not oder Zufall aussetzen. Alles gehört mir, ich lasse Ihnen alles. Wenn Sie als erster sterben, dann hinterlassen Sie mir Kinder oder nicht, und nichts wird nach Ihnen mich in dieser Welt halten. Es ist mir gleichgültig, wer alles bekommt, denn ich werde mich gewiss für den Rest meiner Tage in ein Kloster zurückziehen, wo ich anständig mit der Rente von Madame de Cranves leben kann und der, die Sie mir aussetzen.

Stimmen Sie nicht mit mir überein, fuhr Des Frans fort, dass Sie nie von einem selbstloseren Vorgehen gehört haben? Von einem aufrichtigeren und großzügigeren? Zusätzlich zu dem Geld zwang sie mich noch, ihren Schmuck anzunehmen, der noch einmal soviel wert war wie das Bargeld. Wenn ich früh stürbe und sie als junge Witwe allein ließe, hätte sie anderenfalls nach meinem Tod eine gute Partie machen können, besser noch als mit mir. Die Ehe hätte ihren Namen überdeckt. Und dieses Vermögen, schon das Bargeld, überstieg meine Hoffnung, ohne von dem Geschmeide zu reden und ihren sehr vornehmen Möbeln. Nein, um mir zu beweisen, dass sie nur mich liebte, dass sie nur auf mich zählte, dass alles außer mir ihr gleichgültig sei, gab sie alles hin, zwang mich, ihr alles fortzunehmen, und heiratete ohne Mitgift und brachte sich meinetwegen in die Lage, nach meinem Tod im Kloster leben zu müssen.

Nein, je mehr ich darüber nachdenke, desto mehr sage ich mir, dass die Frauen undurchschaubar sind. Nach einem so hochherzigen Vorgehen durfte ich nicht mehr zögern und tat es auch nicht. In drei Tagen würden wir verheiratet sein. Aber einen Tag nach Vertragsabschluss erhielt ich einen Brief des Grafen von Lancy, der mich bat, unverzüglich zu ihm zu kommen, und mich ungeduldig erwartete. Ihm verdankte ich meine Rückkehr aus Rom, ich hatte ihm geschworen, zu einem bestimmten Zeitpunkt zu ihm zu kommen, und ohne diese Versicherung hätte er mir nicht geholfen, nach Frankreich zurückzukehren. Diese Zeit war bis auf vier Tage verstrichen, ohne die Reise zu rechnen, die ungefähr dreihundert Meilen beträgt.

Ich konnte es nicht ertragen, Silvie noch jungfräulich zu lassen. Ich redete mit ihr darüber, und sie bat mich, wenigstens noch zwei Tage in Paris zu bleiben. Aber ich sagte ihr, dass ich mein Ehrenwort gegeben hätte und außerdem der Bischof von ... seinen Bruder über mein unentschuldbares Zögern unterrichten werde. Es ging um mein Ansehen, meine Ehre, ich musste reisen. Sie weinte und rührte mein Herz, aber in dieser Ehrensache blieb ich hart.

Ich hatte freilich nicht das Herz, ihr von Angesicht zu Angesicht zu verweigern, was sie von mir erwartete. Ich gabe ihr die Schlüssel zu ihren Truhen zurück, die sie mir aufgedrängt hatte, ich verließ sie und ging zum Bischof de ..., den ich fragte, ob er seinem Bruder schreiben wolle, dass ich den Posten übernehmen würde. Da er den Auftrag hatte, mich zu drängen, war er mit meiner Entscheidung sehr zufrieden. Er erkundigte sich, um welche Stelle es sich handelte; aber ich hielt es nicht für ratsam, ihn oder Silvie darüber aufzuklären. Er schrieb nach Rom, und währenddessen nahm ich auch Papier und Feder und schrieb an Silvie:

Brief

Wenn Ihre Tränen mich nicht so bewegten, hätte ich Ihnen offen Adieu gesagt. Aber es war mir unmöglich, sie fließen zu sehen, ohne für meine Festigkeit zu bangen. Es geht um die Ehre, Silvie, und ich wäre Ihrer unwürdig, wollte ich mich ihr widersetzen. Ich reise ab und von Ihrer Zärtlichkeit stärker betroffen, als ich es sagen kann. Verzeihen Sie mir meine Abwesenheit; ich schmeichle mir, dass Sie den Schmerz darüber genauso empfinden wie ich. Aber, liebe Silvie, ich werde nicht lange fort sein. Ich tue mir Gewalt an, wenn ich abreise, und deshalb seien Sie gewiss, dass dies nur meiner Ehre willen geschieht und wegen des Worts, das ich gegeben habe. Genauso aber verpflichte ich mich, in einem Monat zurückzukehren. Erhalten Sie sich für mich; ich wäre unzufrieden, sollte Ihr Kummer über eine so kurze Abwesenheit Ihre Schönheit beeinträchtigen. Sie werden mir Rechenschaft über Ihre Gesundheit geben; sollte sie Schaden nehmen, werde ich es darauf zurückführen, dass Ihnen wenig daran gelegen ist, mir zu gefallen.
Ich schrieb auch an meine Mutter, um sie von meiner plötzlichen Abreise zu informieren, und beauftragte einen Geistlichen mit der Bestellung der Briefe; er sollte sie erst abgeben, wenn ich Paris verlassen hätte. Sofort stieg ich auf mein Pferd. In Rom kam ich vier Tage früher an, als man mich erwartet hatte. So hatte ich Zeit, mich bis zu dem Tag auszuruhen, der für die Beilegung der Angelegenheit vorgesehen war. Sie betraf den Graf von Lancy, und ich fungierte nur als Beistand. Sie ahnen schon, worum es ging: eine Liebschaft, die ihn beinahe umgebracht hätte, und zwei Rivalen, die ihn wie richtige Franzosen hassten, obwohl sie Italiener waren. Der Streit wurde zu unserer Zufriedenheit geschlichtet.

Am selben Abend bekam ich einen Brief von Madame Morin, die mir berichtete, dass Silvie beim Lesen meiner Nachricht ohnmächtig geworden sei, weil sie glaubte, dass ich sie verlassen hätte. Es sei zu befürchten, dass Fieber und Schmerzen in der Seite sie umbrächten und dass sie am Tag meiner Abreise und des Datum dieses Briefes zweimal zur Ader gelassen worden sei.

Sofort bat ich um Urlaub und erhielt ihn nur durch die Vermittlung des Kardinals de Manchini, denn unser Botschafter war der Meinung, dass er alle Franzosen in Rom um sich herum benötigte, besonders die, die eine gute Figur machten. Ich nahm allein die Post, aber ich konnte nicht so rechtzeitig in Paris zurück sein, wie ich es gewollt hatte. Ich wurde von Banditen ausgeraubt und verletzt, die in den Alpen und den Bergen Savoiens ihr Unwesen treiben, und wurde bis aufs Hemd ausgezogen. Glücklicherweise rettete ich den Ring, den mir Silvie gegeben hatte, ich weiß nicht wie, wohl weil es dunkel war. Mein Kutscher hatte die Güte, mich ihrer Gnade zu überlassen, und vielleicht hatte der Schuft mich verkauft, jedenfalls nahm er einen Weg, den ich vorher nie gesehen hatte und von dem er behauptete, es sei der kürzeste. Ich zweifle nicht mehr an dem Verrat, seit ich gehört habe, dass es anderen genauso ergangen war; wenn es die Leute aus dem Dauphiné nicht gäbe, wären wahrscheinlich die Normannen die Niederträchtigsten. Verzeihen Sie mir die Abschweifung, ich erlitt einen zu großen Verlust, um es zu vergessen. So verlor ich Silvies Portrait, was ich am meisten bedauerte, aber nicht am längsten, denn der Besitz des Originals war mir sicher. Aber, mittellos, erlitt ich alles, was man erleiden kann.

Mit großer Mühe und dem wenigen, was man mir mitleidig gelassen hatte, erreichte ich Grenoble, aber immerhin, ich kam an, jedoch in einem Zustand, in dem ich mich selbst nicht wiedererkannte. Ich ging in ein armseliges Hotel, denn ein besseres konnte ich mir mit dem zerrissenen Hemd, das mir geblieben, nicht leisten. Glücklicherweise kam ein Karmelitermönch vorbei, und ich sprach ihn an. Ich erzählte ihm mein Unglück; er war bestürzt und zweifelte nicht an meiner Aufrichtigkeit. Ich gab ihm den Diamanten und bat ihn, ihn zu verpfänden, damit ich zu Geld käme, bis ich aus Paris Nachrichten bekommen hätte. Er brachte mir einen Juwelier, der meinen Diamanten nahm und mir darauf alles Geld lieh, das er hatte (wie er sagte). Daraufhin zog ich in die beste Herberge von Grenoble um. Ich ließ mir Kleider machen, aber ich war gezwungen, dort zu bleiben, da ich wirklich nicht in der Verfassung war, zu reisen. Am selben Tag noch schrieb ich meiner Mutter, was mir zugestoßen war, aber weil sie vermutlich nicht genügend Bargeld hatte, schrieb ich auch an Silvie, mir welches zu schicken, und tat gut daran.

Ich weiß nicht, warum Mutter niemals Geld im Haus haben wollte. Ich glaubte, dass sie Angst hatte, dass man ihr die Kehle durchschneiden könnte; in der Tat gab sie alles in die Hände der Herren Des Frans und behielt nur genug, um davon zwei Wochen zu leben. Nicht von ihr bekam ich also als erstes Nachricht aus Paris. Die Herren Des Frans waren abwesend, und meine Mutter hatte borgen müssen. Silvie, die Bargeld hatte, verlor keine Zeit und antwortete sofort. Sie hatte mehr Geld geschickt, als ich brauchte, und postwendend erhielt ich ihre Antwort.

Brief

Ihr Unglück hat mich an Ihrer Hartherzigkeit gerächt. Weit entfernt, den Banditen übelzuwollen, die Sie beraubt haben, hätte ich ihnen gedankt, wenn sie Sie schon bei der Hinfahrt so behandelt hätten. Es freut mich, dass Ihr Diamant ihnen entgegangen ist, da Sie ohne ihn Probleme gehabt hätten, Sie Ritter vom traurigen Gesicht. Aber ich bin natürlich ärgerlich, dass Sie ihretwegen nicht zu mir kommen können. Ich sende Ihnen etwas, damit Sie sich wieder in Stand setzen können. Der Postmeister wird Ihnen die Summe von ... übergeben. Kommen Sie sobald wie möglich her, aber sorgen Sie für Ihre Gesundheit. Wenn Sie möchten, dass ich Ihnen entgegenreise, woran ich nicht zweifle, geben Sie mir Ort und Zeit an. Adieu, Liebster, wenn ich weiter schreibe, verzögere ich den Brief, und er wird nicht so früh in Grenoble sein, wie er sollte. Und das ist Zeit, die ich mir selbst raube, denn Sie werden erst reisen, wenn Sie ihn bekommen haben.

Ich erhielt Geld und Brief. Sofort kaufte ich den Diamanten zurück und dankte dem Karmelitermönch, der mich zur Post begleitete. Ich bat ihn, an die Adresse von Silvie den Brief und das Geld meiner Mutter zurückzusenden, die noch kommen mussten. Ich nahm Pferde bis Lyon, von dort bis Paris die Kutsche. Silvie kam mir acht Meilen entgegen, und nachdem wir beratschlagt hatten, was zu tun sei, kamen wir überein, dass ich um acht Uhr abends nach Paris zurückkommen würde, im Oktober ist es dann dunkel, niemand würde mich sehen.

Bei unserer Begegnung umarmte und küsste mich Silvie heftiger denn je. Die Angst, mich zu verlieren, hatte mich ihr wichtiger gemacht, wie sie sagte. Wir hatten verabredet, dass ich mich vor aller Welt verborgen halten und ich erst nach unserer Hochzeit auftauchen sollte. Wir müssten nämlich die Zeit nützen; meine Mutter würde nicht vermuten, dass ich in Paris heiratete, wenn sie mich in Grenoble vermutete. Und ich war natürlich glücklich über einige Tage, die ich Silvie ruhig besitzen würde. Daher würde ich mich erst wieder zeigen, wenn ich Post von dem Karmeliter bekommen hätte.

So hatte ich bei meiner Rückkehr geplant; als ich mit Silvie darüber sprach, antwortete sie, ich sei der Herr, sie habe keinen anderen Willen als den meinen. Am nächsten Tag schrieb ich an die Leute, die mir beim Aufgebot und den übrigen Formalitäten behilflich sein sollten. Ich hatte schon die Genehmigung, aber ich war nicht sicher, ob sie noch gültig sei, und wartete bis zum nächsten Tag, um darüber Aufschluss zu bekommen. Wir speisten mit Madame Morin zu Abend, und wir speisten gut, denn wir waren zufrieden. Anschließend mussten wir entscheiden, wo ich schlafen sollte. Sie wollte, dass ich ihr Bett nähme, und ich meinte, dass ich nichts dagegen hätte, wenn sie darin bliebe. Silvie und ich waren nicht melancholisch! Wie wir miteinander standen, konnte ich mir Freiheiten erlauben, die zu anderer Zeit undenkbar gewesen wären, aber am Vorabend der Hochzeit erlaubt waren. So stritten wir ziemlich lange, ohne uns zu langweilen. Ich glaube, dass ich nie soviel gelacht habe; ich trug den Sieg davon: Silvie behielt ihr Bett, und ich schlief in dem von Madame Morin.

Weil es schon lange her war, dass ich ruhig ich einem guten Bett geschlafen hatte, stand ich erst sehr spät auf und fand die ganze Ausrüstung vor, die eine Frau einem Manne kaufen kann, Stoff, mich zu kleiden, einen Schneider, der meine Maße nahm. Ich dankte Silvie für diese Voraussicht, deren ich in der Tat bedurfte. Am Abend war ich bestens angezogen und in der Lage, bei einer Hochzeit aufzutreten. Tagsüber hatte ich den Leuten geschrieben, die mir bei der Sache helfen mussten, aber trotz ihrer eifrigen Bemühungen erhielt ich erst für den nächsten Tag den Dispens. Die zweite Nacht verbrachte ich also wie die erste: Aber ich schlief schlechter und stand früher auf. Im Morgenkleid trat ich in Silvies Zimmer; sie schlief, und Madame Morin, die bei ihr war, sagte mir, sie habe die Nacht kein Auge zugetan. Sie hätten zusammen geschwatzt und Silvie sei erst gerade eingeschlafen. Ich täte ihr einen Gefallen, wenn ich sie ruhen ließe, denn es habe nicht den Anschein, dass wir heute nacht so früh zur Ruhe kämen. Ich legte mich neben Silvie, ohne sie zu wecken, und da ich auch wenig geschlafen hatte, schlummerte ich neben ihr ein. Als ich aufwachte, war sie nicht mehr neben mir; sie war aufgestanden und hatte sich in meinem Zimmer angekleidet. Sie scherzte darüber und neckte mich mit ihrem weiblichen Scharfsinn. Weil es spät war, aßen wir zu Mittag.

Um sechs Uhr kamen die Trauzeugen, unter ihnen der Hausbesitzer und zwei Verwandte von Madame Morin. Wir speisten sehr anständig, obwohl das Essen nur heimlich vorbereitet worden war, damit man in der Nachbarschaft nichts Außergewöhnliches bemerkte. Um Mitternacht gingen wir nach Saint Paul, das nur zwei Schritt entfernt war. Wir wurden dort getraut und kamen gegen zwei Uhr zurück. Wir nahmen noch einen Imbiss, die Gäste verließen uns, und Silvie und ich gingen zu Bett. Malen Sie sich den Rest aus, was zwei Menschen miteinander tun, wenn sie sich lieben.
 
 
 



DIE GESCHICHTE VON DES FRANS UND SILVIE

Robert Chasles

(Teil 3)
 
 

Ich verbrachte eine ganze Woche mit ihr zusammen, ohne einmal auszugehen, außer für die Messe, und das so früh am Morgen, dass ich mich bei meiner Rückkehr gleich wieder ins Bett legte. Was für ein Leben! Jeder wäre glücklich, könnte es ewig währen. Obwohl es mir unendlich behagte, musste ich doch fort. Ich bekam Nachrichten von dem guten Karmelitermönch aus Grenoble, der treulich befolgte, was er mir versprochen; zum Dank schickte ich ihm einige Bücher. Ich dachte also daran, meine Frau allein zu lassen. Am nächsten Morgen, schon um sechs Uhr in der Früh, fuhren wir los unter dem Vorwand, ungefähr sechs Meilen vor Paris spazieren zu gehen, und waren nur in der Gesellschaft von Leuten, die in unser Geheimnis eingeweiht waren. Wir nahmen eine Mietkutsche und ich zog die Kleidung an, die ich mir in Grenoble hatte machen lassen. Wir fuhren nach Plessis auf dem Weg nach Fontainebleau, denn es war wahrscheinlich, dass ich dort auftauchen würde. Wir trennten uns um drei Uhr; Silvie und die ihren kehrten nach Paris zurück. Ich begab mich nach Fontainebleau, wo der Hof sich aufhielt, und ich hoffte, dass Freunde mich dort erblicken würden, um zu erzählen, dass sie mich dort gesehen hätten. In der Tat begegnete ich einigen, die schon von meinem Abenteuer in Grenoble wussten. Um mich zu trösten, entführten sie mich in die Komödie, luden mich zum Essen ein und verloren beim Spiel mehr als zweihundert Louis.

Am nächsten Tag kam ich aus Bequemlichkeit zu Schiff nach Paris zurück, und ging in der Nähe unseres Hauses ans Ufer. Meine Mutter erwartete mich erst in zwei oder drei Tagen mit der Post von Moulins, wo ich wegen einiger unwichtiger Geschäfte hatte vorbeifahren sollen. Ich musste mich noch einmal neu einkleiden, trotzdem versäumte ich nicht, abends auszugehen, Sie können sich denken, wohin. Sechs Wochen war ich nun verheiratet und offiziell wieder in Paris, da besuchte der Commandeur de Villeblain meine Mutter, mit der er, wie ich schon sagte, eng verwandt war. Er aß bei uns. Ich erwies ihm alle Ehre, zu der ich fähig war, und beschloss, in Gegenwart meiner Mutter herauszufinden, ob das, was Silvie gesagt hatte, wahr sei; er musste darüber bescheid wissen, denn Silvie hatte ihn als Zeugen benannt.

In dieser Absicht sprach ich während der Mahlzeit über seine Reise und erfuhr, dass er erst am Vortag angekommen sei. Ich hatte Silvie nicht allein gelassen, ich hatte sogar bei ihr geschlafen, und meine Mutter glaubte, dass ich gerade aus Versailles zurückgekommen sei, wohin ich angeblich wegen eines Amts, über das ich verhandeln wollte, gereist wäre. So war ich sicher, dass Silvie mit ihm nicht gesprochen hatte; außerdem war er keiner, der aus welchen Gründen auch immer gelogen hätte. Im Gespräch über Reisen redeten wir auch über die Kriegshandlungen und unmerklich kamen wir auf den Krieg in Kreta zu sprechen. Er berichtete darüber als Offizier, der daran teilgenommen hatte, und unter den Personen von Rang, derer er mit Bedauern  gedachte, nannte er den Marquis de Buringe als einen hohen Offizier und engen Freund, einen tapferen und ehrenwerten Mann. Er sprach von seiner Familie, nannte die Herzogin de Cranves. Darauf hatte ich gewartet. - Erinnern Sie sich, fragte ich ihn, bei ihr ein Mädchen namens Silvie gesehen zu haben, für die Madame de Cranves mit außerordentlicher Barmherzigkeit gesorgt hat? - Ja, erwiderte er; ich kenne sie sogar und würde ihr gerne einen Dienst erweisen, wenn ich könnte, denn ich schätze sie sehr. Wenn ich wüsste, wo sie jetzt wohnt, würde ich sie aufsuchen.

Sie ist Ihnen sicherlich sehr verbunden, Monsieur, fuhr ich fort. Es ist doch ungewöhnlich, dass ein solches Mädchen in den Genuss einer solchen Ehre kommt. - Ich kenne sie wohl von einer Seite, die Ihnen verborgen ist, sagte er, und außerdem war sie, als ich von Paris abreiste, eine der schönsten Damen der Gesellschaft und eine vollendete Dame. - In der Tat, eine junge Frau kann nicht bessere Eigenschaften haben, zumal sie von Madame de Cranves noch gefördert wurden, die sich bemüht hat, sie bestens zu vervollkommnen.

Wenn Madame de Cranves sich so um sie bemüht hat, fuhr er fort, dann nicht nur aus Barmherzigkeit. Es gab stärkere Gründe. Sie selbst sagte mir, dass sie Silvie so liebenswert und angenehm finde, so dass sie nun aus Neigung das fortsetze, was sie aus Pflichtgefühl begonnen habe. - Wie!, unterbrach ich. Sie wecken in mir einen Verdacht, der der Tugend von Madame de Cranves zu nahe treten könnte. - Sie hätten Unrecht, wenn Sie ihm nachgingen, erwiderte er. Madame de Cranves war die Tugend selbst, und wenn Silvie zu ihr gehörte, dann aus einem überaus ehrenwerten Grunde. Aber, fuhr er fort, Sie scheinen Silvie zu kennen?

Ja, dafür stehe ich, dass er sie kennt!, sagte meine Mutter. Und er kennt sie so gut, dass, wenn wir ihn über ihr Verhalten nicht informiert hätten, ein Unglück geschehen wäre. - Sie überraschen mich, erwiderte der Commandeur, wenn Sie über Silvie als ein Mädchen reden, das sich schlecht benimmt! Niemals hörte ich von Madame de Cranves, die doch nun sehr sorgfältig über sie wachte, dass man je etwas bemerkt habe, das der strengsten Tugend auch nur im geringsten entgegengestanden hätte, einer Tugend, die einem Mädchen geziemt, das sie sein Leben lang befolgen will! - Dann hat sie sich wohl sehr verändert, seit Sie sie gesehen haben?, fragte Mutter. - Wenn man die Tugend eines solchen Mädchens bezweifelt, antwortete der Commandeur ganz ruhig, muss man die stärksten Gründe haben, Gerüchte zählen nicht. Ich gestehe, fuhr er fort, ich nehme außerordentlich Anteil an dieser Person und ich glaube nicht, dass sie das Blut verleugnet, das in ihren Adern fließt.

Welche ist denn ihre Herkunft?, unterbrach ich. Ist sie so vornehm wie der Ort ihrer Erziehung? - Wenn Sie nicht mit ihr gebrochen hätten, wie ich vermute, würde ich Ihnen sagen, wer sie ist, obwohl ich mit dieser Eröffnung mächtigen Leuten missfallen würde, die ihre Abstammung ganz genau kennen und nur so tun, als wüssten sie nichts. Ja! Was ihre Herkunft betrifft, finden Sie nicht viele ihresgleichen, mit denen Sie sich vermählen könnten. Und was das Vermögen angeht, finden Sie nicht so schnell so viel, wie sie hat. Ich weiß das genau und glaube kein Wort von ihrem angeblichen Missverhalten.

Ich muss Sie aufklären, sagte ich und stand auf. Ich habe mit ihr nur wegen stärkster Gründe gebrochen. Ich holte aus meinem Zimmer die Briefe Valerans, die ich aufbewahrt hatte, einzig mit der Absicht, sie ihm zu zeigen und zu hören, was er dazu sagen würde, und ob das mit Silvies Aussage übereinstimmte. Er nahm sie und las sie von Anfang bis Ende durch. Danach gab er sie mir zurück und ergriff wieder das Wort:

Was ich gelesen habe, erstaunt mich. Aber wenn derjenige, der das geschrieben hat, schon über Rouvière so schlecht informiert ist, wie es aussieht, dann ist er selbst betrogen, vorausgesetzt, er meint es ehrlich. Oder er ist ein Schwindler, der zum Nachteil Silvies üble Gerüchte verbreitet. Kennen Sie den Verfasser?, fragte er. Wenn es ein ordentlicher Mann ist, will ich ihn aufklären, sonst ergreife ich andere Maßnahmen. - Nein, sagte ich, ich kenne ihn nicht. Ich habe die Papiere nur aufgehoben, um nicht in Versuchung zu kommen.

Nun gut!, fuhr er fort. Der Ruf eines Mädchens wie Silvie verdient es, dass ich ein Geheimnis lüfte, das mir von Leuten anvertraut wurde, die jetzt tot sind, selbst wenn ich damit einigen Lebenden missfalle, die mir jedoch verzeihen werden, wenn sie erfahren, dass es um ein Mädchen ihres Ranges geht. Bitte gewähren Sie mir einen Augenblick Gehör. - Meine Mutter bat als erste darum.

Er erklärte uns Silvies Geburt, wie sie ausgesetzt und aus dem Waisenhaus geholt wurde; wie sie zu Madame de Cranves kam, die Geschichte mit Garreau, das Geschenk an Geld und Juwelen, die Unverschämtheiten von Valeran, die Erziehung bei Madame de Cranves. Kurz, er wiederholte meiner Mutter gegenüber alles, was Silvie mir erzählt hatte, ohne auch nur einen Umstand zu ändern. Er fügte nur hinzu, dass Silvie ihre wahre Mutter bis heute nicht kenne. Sie glaube, dass es ein Fräulein namens Monglas sei, die bei Madame de Buringe gedient habe. Aber das sei falsch, denn dieses Fräulein sei bei der Geburt gestorben, und Silvies Mutter erst sehr viel später. Es sei ein Fräulein von hohem Adel, das sich mit dem Chevalier de Buringe habe gehen lassen, weil er ihr die Ehe versprochen hatte. Kurz, der Chevalier und spätere Marquis de Buringe und dieses Fräulein hätten sich in gutem Glauben und mit dem Vorsatz zu heiraten geliebt; aber weil sie beide nicht frei handeln konnten, hätten sie ihr Verhältnis verschwiegen und seien gezwungen gewesen, Silvie auszusetzen, jedoch mit allen Hinweisen auf ihre hohe Geburt. Als die älteren Brüder des Marquis gestorben waren und er keine Gelübde getan hatte, sei er nach Frankreich zurückgekehrt, um seine Geliete zu heiraten und das Kind zu sich zu nehmen. Er habe sie jedoch mit einem Herrn verheiratet gefunden, den zu ehelichen man sie trotz ihres Widerstands gezwungen hatte. Um den Ruf der Dame zu wahren, habe er seiner Schwester erzählt, Silvies Mutter sei im Kindbett gestorben und nur ein einfaches Fräulein. Die Untreue seiner Geliebten habe ihm jedoch Frauen so verleidet, dass er auf eine künftige Heirat verzichtet habe. Endlich sei er in Kreta gefallen, und Madame de... habe ihn nicht lange überlebt.

Was ich nicht verstehe, fuhr der Kommandant fort, ist dieses Komplott, das Silvie mit Rouvière geschmiedet haben soll. Ich kenne den Menschen, fügte er hinzu, und wenn es mit rechten Dingen zugegangen wäre, wäre er schon vor dreißig Jahren gerädert worden, trotz seines Adels. In mir steigt ein Verdacht auf, und wenn Sie mir diese Papiere anvertrauen wollen, werde ich Ihnen Rechenschaft geben. Und wenn es nur um die Befriedigung meiner eigenen Neugier geht, schon morgen werde ich mit Silvie darüber reden, wenn ich sie finde. - Machen Sie damit, was Sie wollen, sagte ich und gab ihm die Papiere, ich habe so wenig Interesse an der Sache; ich versichere Ihnen: Ob unschuldig, unglücklich oder schuldig, ich werde nie daran denken, sie zu heiraten.

Sie müssen sehr verbittert sein, unterbrach er mich, um so lebhaft und brüsk zu reagieren. Ich bin über Ihre Reaktion nicht verärgert, trotz des Interesses, das ich an ihr habe, aber ich versichere Ihnen, dass sie sich sehr geändert haben müsste, wenn sie Sie nicht genauso behandeln würde. Sie ist gewiss kein Mensch, der sich jemandem an den Hals wirft oder es riskiert, verschmäht zu werden. Ich war entzückt, dass sie eine Bindung eingehen wollte, die mir am Herzen lag. - Sogar meine Mutter, die sah, dass Monsieur de Villeblain beinahe explodiert wäre, war von der Härte meiner Worte und meiner Verachtung für Silvie schockiert, und das in Gegenwart eines Mannes, den sie unendlich achtete und der so viel Anteil an Silvie nahm, sie bat ihn meinetwegen um Vergebung und gab mir ein Zeichen, das Zimmer zu verlassen.

Ich tat es nach vielen Höflichkeitsbezeigungen für den Kommandanten. Sein Diener gab mir die Adresse seiner Wohnung, die glücklicherweise ganz nah bei der Silvies war, zu der ich sofort ging. Ohne ein Wort zu sagen, legte ich Papier und Feder auf den Tisch und bat sie, sich zu setzen. Ich drückte ihr lachend die Feder in die Hand, ohne dass sie Zeit hatte, mich nach den Gründen zu fragen. Schreib, was ich dir diktiere, sagte ich ihr. Sie wollte wissen, was ich vorhatte, aber ich ließ sie das folgende schreiben:

Brief

Ich habe überall gute Spione und danke Ihnen dafür, dass Sie mich eben bei Madame Des Frans so gut gegen ihren Sohn verteidigt haben, der ein brutaler Kerl ist. Ich gebe Ihnen gern Auskunft über mein Verhalten, das Ihre gute Meinung von mir nicht enttäuscht hat. Der Dank, den ich Ihnen schulde, die Güte, die Sie mir immer bezeigt haben, veranlassen mich, mein Verhalten zu rechtfertigen. Wenn Sie zu mir kommen wollen, erwarte ich Sie ungeduldig. Ihre untertänige und gehorsame Dienerin,

Silvie de Buringe
Ich nahm den Brief und versiegelte ihn, danach legte ich ihn vor ihr auf den Tisch: Schreib die Adresse, sagte ich. - An wen? - An Herrn... an Herrn... Wohl sechsmal wiederholte ich "Herrn". - Sag doch endlich! - Den Kommandanten de Villeblain. - Bei diesem Wort stieß sie einen Schrei aus und warf sich an meine Brust. - Er ist also in Paris! Hast du ihn gesehen? - Ja, sagte ich; schreib zu Ende. Sie tat es und sandte ihren Diener mit dem Brief und dem Auftrag zu warten, wenn der Kommandant nicht zurückgekommen sei. Er brauchte nicht lange. Ich hatte gerade die Zeit, Silvie über unser Gespräch zu unterrichten, da kam der Diener wieder, um uns zu sagen, dass der Kommandant die Treppe hinaufsteige. Sie ging ihm entgegen, und ich verschwand für einen Augenblick.

Unnütz, Ihnen die Freundschaftsbezeugungen der beiden zu schildern. Er fragte sie, woher sie denn so rasch über ein Gespräch informiert worden sei, das gerade beendet sei. - Ich habe einen befreundeten Geist, erwiderte sie, der mich über alles, was bei Des Frans geschieht und gesagt wird, unterrichtet. - Sie werden bestens bedient, lachte er, aber im Ernst: Wie haben Sie das erfahren? - Ich scherze nicht, sagte sie lächelnd. Ich habe einen befreundeten Geist, und Sie werden ihn sehen. Wenn Sie mir die Ehre geben wollen, werden wir zusammen essen und Sie werden uns beiden ein großes Vergnügen machen. Komm!, rief sie mich. Nun? Kann man besser informiert sein? Da ist er, mein Geist. - Sie haben recht, Madame, erwiderte er. Zu Unrecht nannte ich Sie Mademoiselle. Ich verstehe nun, warum Monsieur Des Frans so gesprochen hat. Meine Reaktion muss Sie sehr amüsiert haben, sagte er und umarmte mich. Ich war wohl sehr naiv. Zu Recht sagten Sie, dass sie nicht daran dächten, Silvie zu heiraten. Wie ich sehe, ist die Angelegenheit schon besiegelt, ohne dass Ihre Mutter davon weiß.

So ist es, sagte ich. Und nicht nur meine Mutter, niemand aus der Familie weiß das Geringste. Sie haben erfahren, aus welchen Gründen ich daraus ein Geheimnis gemacht habe: wegen des Briefs, den ein Schuft meiner Mutter geschickt hat. Vor ihr habe ich behauptet, ich wüsste nicht, wer das sei; aber meine Frau hat es mir gesagt: der gleiche Valeran, von dem Sie so viel gesprochen haben, der ist's. Meine Mutter schwört auf den Brief wie auf die Glaubensartikel, und ich habe es nicht für klug gehalten, sie aufzuklären, da ich keine Beweise habe. So hielt ich es für besser, ohne ihr Wissen zu heiraten, denn ich hätte nie ihre Einwilligung bekommen. So soll es aussehen, als hätte ich mich ganz von Silvie losgesagt, um jeden Verdacht zu zerstreuen.

Bevor ich geheiratet habe, haben wir uns über alle diese Schreiben ausgesprochen. Glücklicherweise habe ich Silvie geglaubt. Und sobald ich Sie sah, habe ich das Gespräch mit vielen Wendungen auf Silvie gebracht; nicht um zu erfahren, ob sie mich denn belogen habe; nie habe ich an ihrer Wahrhaftigkeit gezweifelt; sondern damit Sie meine Mutter ganz offen unterrichten konnten, denn Sie wussten ja nichts von unserem Geheimnis. Sie haben mir einen wirklichen Gefallen getan, als Sie so geredet haben. Ich war unglaublich glücklich, dass Sie Silvies Interessen verteidigten, und jubilierte, dass Sie sich in Hitze redeten. Ohne den Respekt, den ich für Sie empfinde, hätte ich Sie noch weiter reden lassen, um meine Mutter zu überzeugen.

Das hätten Sie ruhig tun sollen, erwiderte er lächelnd. Obwohl ich Ihre Mutter sehr achte, hätte ich Silvie nicht im Stich gelassen, die Tochter eines Mannes, der mir äußerst teuer war, dem ich viel verdanke, dessen Gedächtnis ich ewig bewahre, der mir sein Geheimnis anvertraut hatte und mich sterbend zum Vater Silvies bestellt hatte. Deshalb hat Madame de Cranves mir alles erzählt, was Silvie betrifft.

Ich habe die Güte kennengelernt, die Sie ihr erwiesen. Sie kann Ihnen erzählen, wie ich Sie hergelockt habe. Ich hielt es nicht für weise, Sie bei uns zu Hause zur Tür zu geleiten und Ihnen zu sagen, dass sie meine Frau sei, denn wie ich von ihr gesprochen habe, das muss Ihnen sehr missfallen haben. Sie hätten mir schwerlich zugehört und vielleicht Ihre Überraschung zu laut ausgedrückt. Um falsche Erklärungen und Ausflüchte zu vermeiden, habe ich Sie hierher kommen lassen, was ich wagen konnte, weil Sie Lust zu haben schienen, Silvie zu sehen und zu sprechen. - Ich finde richtig, was Sie getan haben, sagte er. Aber werden Sie meine Neugier verzeihen? Ich möchte erfahren, wie Silvie sich in der Angelegenheit mit Rouvière rechtfertigt, denn ich gestehe offen, dass mich das beunruhigt. Außerdem möchte ich wissen, wie Sie geheiratet haben, alles, was seit dem Tod von Madame de Cranves passiert ist. - Sie haben ein Recht, es zu erfahren, sagte ich, nicht um Ihre Neugier zu befriedigen, sondern weil Silvie und ich mit Ihrer Güte rechnen. Wenn Sie anderen die Wahrheit berichten, wird das glaubhafter sein als aus jedem anderen Munde.

Ich verweigere Ihnen nicht meine Vermittlung, sagte er, und Sie können mit jedem Dienst rechnen, den ich Ihnen erweisen kann. Ich versichere Ihnen, dass ich Ihre Verbindung mit dem größten Vergnügen sehe, denn Sie sind Sohn und Tochter: Sie mein Herr der des besten Freundes, den ich je gehabt habe; und ich kann sagen, dass ich seine Cousine geheiratet habe, und Frau...
- Sie sind also Verwandte? unterbrach Silvie. - Ja, Madame, fuhr der Kommandant fort. Madame Des Frans und ich sind Kinder zweier Brüder. - Schelm! sagte sie zu mir, du hattest mir nichts davon gesagt. Du hast geglaubt, dass ich dir nur Lügen erzähle. Und Sie, mein Herr, sagte sie zum Kommandanten, indem sie ihn umarmte, gestatten Sie, dass ich in Ihnen einen treuen Verwandten und wahrhaften Vater entdecke. - Er nahm die Freundschaftsbezeigung gern an und versicherte sie seiner Hilfsbereitschaft; sie sei die Tochter des Mannes, dem er am meisten verpflichtet sei. So werde ich, fuhr er fort, wegen der Achtung für Sie und das Gedächtnis Ihrer Eltern alles tun, was in meiner Macht steht.

Wir dankten für seine Güte, und danach erzählte Silvie, was seit dem Tod von Madame de Cranves geschehen war, wie wir Bekanntschaft gemacht und geheiratet hatten, nur für die Episode mit Rouvière schämte sie sich. Ich berichtete sie ihm selbst und verbarg ihm nur, dass ich es gewesen war, der ihn in den Handel mit Valeran verstrickt hatte.Der Kommandant war sehr erfreut, jetzt alles zu wissen. Er lobte unser Verhalten, wo es lobenswert war, aber er verzieh ihr nicht den Schelmenstreich, den sie mir hatte spielen wollen. Er sagte, dass die Wahrheit allem vorzuziehen sei. Sie verteidigte nicht eine schlechte Angelegenheit; sie sagte nur, dass sie niemals zu diesem Mittel gegriffen hätte, wenn sie früher hätte beweisen können, dass sie die Tochter des Marquis de Buringe war. Aber weil das nicht möglich gewesen sei, habe sie geglaubt, sich mit List Verwandte erschleichen zu müssen, dass sie das wirklich bereue und dass dies sie viele Tränen gekostet habe. Er erwiderte, dass dieser Vertrag sie selbst enttäuscht hätte; dass die Lüge nur kurze Beine habe und die Wahrheit ewig sei; dass, wenn der Tod Rouvières seinem Leben entsprochen habe, sie in der angeblichen Verwandtschaft mehr Schande gefunden hätte als in der niedrigsten Geburt. In welchem Stand Gott uns auch geboren sein lasse, wir seien nicht dafür verantwortlich, wohl aber für unsere Taten. Sie stimmte dem zu, wie Sie gewiss annehmen.

Monsieur de Villeblain speiste bei uns. Er und ich trafen Maßnahmen, um sowohl den Brief des Marquis de Buringe an Madame de Cranves als auch das Eheversprechen für Garreau den Händen der Justiz und der Erben Garreaus zu entwinden. Das machten wir am nächsten Tag, und ich besitze noch eines der beiden Schriftstücke.

Silvie verließ für einen Augenblick das Zimmer, um das Abendessen zu ordnen. Sie ließ mich rufen und fragte mich, ob ich es gut fände, Monsieur de Villeblain als ständigen Gast einzuladen. Ich antwortete, dass dies meine Absicht sei. Einer nach dem anderen kamen wir zurück. Wir setzten uns zu Tisch, an dem Madame Morin wie üblich Platz nahm. Monsieur Villeblain sprach von ihr in Ausdrücken, die mir jeden Verdacht nahmen; hätte sie sie doch nicht wiederholt! Während des Essens sagte ihm Silvie, er habe ja keine geregelte Haushaltung in Paris und er müsse an einem fremden Tisch leben, wo er auf die Leute im Hause Rücksicht nehmen müsse, die für einen Mann seines Alters unbequem sein könnten. Außerdem gebe es in so einem Hause nicht die Annehmlichkeiten, die man erwarten könne. So bitte sie ihn, da seine Wohnung ja nur zwei oder drei Häuser entfernt sei, hier zu speisen und nur seine Wohnung zu behalten. Sie führe eine ordentliche Küche und habe einen ausgezeichneten Wein, den er in seiner Herberge nicht finden werde. Sie bitte ihn darum und er werde ihr einen großen Gefallen tun und ihr Ehre erweisen. Ich schloss mich ihren Bitten an, und nach einigen Bedenken nahm er ihr Angebot an mit der Bedingung, dass seine Diener nicht bei ihr essen sollten und nur kämen, wenn er sie rufe.

Da meine Frau mir ein beträchtliches Vermögen anvertraut hatte und außerdem einen Teil ihres Schmucks verkaufen wollte, drängte sie mich, ein Amt zu kaufen. Ich stimmte zu. Ich verhandelte darum über ein sehr schönes und bot an, bar zu bezahlen. Das kam meiner Mutter zu Ohren, und sie fragte mich, woher ich denn so viel Geld hätte. Ich sagte, meine Freunde würden es mir leihen; und da ich einsah, dass sie unweigerlich die Wahrheit erfahren würde, wollte ich sie lieber sagen, als sie in quälende Zweifel zu stürzen. Ich bat also Monsieur de Villeblain, sie zu besuchen und ihr alles zu sagen.

Er ging sofort hin und nahm den Brief des Herrn de Buringe mit, den wir vor einiger Zeit bekommen hatten; das Eheversprechen war zerrissen worden. Er tat nicht so, als sei er ohne Absichten gekommen. Er wusste, dass ich nicht zu Hause war, weil er mich nach dem Essen bei Silvie gelassen hatte. Trotzdem fragte er nach mir, und nachdem meine Mutter ihm gesagt hatte, dass ich nicht da sei, fragte sie ihn, was er von mir wolle.

Ich kam, antwortete er scheinbar gleichgültig und die Papiere aus der Tasche ziehend, um die letzten Zweifel zu zerstreuen, die er noch über Silvie haben kann, damit er ihr seine Achtung wiedergibt und nicht länger glaubt, was man über sie sagt. Die ganze Wahrheit habe ich nicht nur durch sie erfahren, sondern durch andere vertrauenswürdige Personen. Ich weiß alles Wichtige, fuhr er fort, und sie ist vollkommen unschuldig. Ich habe mich nicht in ihr getäuscht; sie hat nichts getan, was ihrer nicht würdig wäre. Der Schreiber der Briefe ist ein Schuft, der an den Galgen gehört. - Meine Mutter, neugierig wie jede Frau...

Fahren Sie mit Ihrer Geschichte fort, sagte Madame de Contamine, der Charakter der Frauen tut nichts zur Sache.

Ich bitte um Verzeihung, Madame, sagte Des Frans, die Hitze des Augenblicks riss mich fort, ich wollte nur etwas Wahres sagen, ohne daran zu denken, dass ich damit den schönsten Teil meiner Zuhörer beleidigen könnte. Also meine Mutter zeigte ihm, dass sie wissen wolle, wie es sich damit verhielte. Darauf hatte er gewartet. Er verteidigte Silvie wie seine eigene Tochter und bot sich als Gewährsmann an. Er rechtfertigte sie gegenüber meiner Mutter mit Ausnahme der Affäre mit Rouvière, die er nicht auslassen wollte, die er aber mit dem Übermaß der Liebe erklärte.

Als er meine Mutter in dem Zustand sah, den er beabsichtigt hatte, begann er wieder von mir zu sprechen und deutete die Mitgift an, die Silvie in die Ehe bringen könne und die ich schon besaß. Er gab ihr zu verstehen, dass ich mit einem Schlag ein gemachter Mann sein könne, ohne mein Vermögen irgendjemandem zu verdanken; er sei überzeugt, dass ich keine bessere Partie machen könne, und biete an, mit mir darüber zu reden, mich mit Silvie auszusöhnen, die ich sicherlich noch liebe. Was sie betrifft, sie liebt ihn gewiss noch immer. Wenn Sie Ihre Zustimmung geben, Madame, werden wir nicht vergeblich handeln, das versichere ich. Sagen Sie mir, was ich tun soll!

Ich glaube, sagte Mutter, dass wir in der Tat uns nicht vergebens bemühen. Ich werde mit Ihnen sogar ehrlicher sprechen als Sie mit mir. Ich sehe sehr wohl, was los ist, und meine Zustimmung wäre unnütz. Das Amt, das Des Frans kaufen will, hat mir die Augen geöffnet; von ihr hat er das Geld. Sie sind verheiratet, nicht wahr? - Der Kommandant, die Aufrichtigkeit selbst, gab es zu und tat, was er konnte, um sie zum Einverständnis mit meiner Handlung zu bewegen, und bat sie abschließend um ihre großherzige Verzeihung, dass ich ohne ihre Zustimmung gehandelt hätte. Das werde uns zu den zufriedensten und glücklichsten Menschen machen.

Nun sei ihr ja Silvies Unschuld bekannt und sie könne nichts Besseres tun, als sie bei sich aufzunehmen. Er sei davon überzeugt, dass sie es nicht bereuen werde, sie als Schwiegertochter anerkannt zu haben. Er werde zu einem genehmen Zeitpunkt ein Gespräch mit Monsieur und Madame d'Anemace veranlassen, die zugunsten der Familie, in die Silvie geheiratet hätte, nicht zögern würden, sie als Verwandte anzuerkennen und meine Mutter zu bestätigen, was er gesagt habe. Alles in allem müsse ihr ehrenhaftes Verhalten hoch angerechnet werden. Er jedenfalls sei weit entfernt mich wegen der eigenmächtigen Heirat zu verurteilen, an meiner Stelle hätte er genauso gehandelt. Sie solle sich nicht wundern, dass ich ihr nichts gesagt hätte. Dass ich zu Recht befürchten musste, dass sie ihre Einwilligung verweigern würde und dass sie mit aller Kraft gegen mein Glück und meine Zufriedenheit arbeiten würde, wenn sie nur den kleinsten Verdacht gehabt hätte, dass ich Silvie trotz ihres Verbots zu meiner Frau machen wollte. Und das, weil ich angenommen hätte, dass die Dummheiten und Gemeinheiten eines Schurken ihr soviel Eindruck gemacht hätten, dass nichts sie mehr davon abbringen würde. Deshalb hätte ich recht gehabt, ihr nichts zu sagen. Er las ihr den Brief des Monsieur de Buringe vor, der Silvies Herkunft beglaubigte, und bestätigte den Rest als Augenzeuge.

Nachdem er alles Weltliche gesagt, fuhr er mit dem Göttlichen fort. Er sagte, wir seien gewiss für einander geboren und erzählte ihr, auf welch außerordentliche Weise wir uns kennengelernt hätten. Er sah daran eine Bestimmung: diese plötzliche Zuneigung, meine Verwandlung, der vergebliche Versuch, uns auseinander zu bringen. All dies zeige die beständigste Liebe, die zwei Personen empfinden können, und außerdem habe sie das Verdienst der Großherzigkeit, da sie alles für mich geopfert habe. Er schloss damit, dass dies eine Ehe sei, die der Himmel und das Schicksal geschlossen hätten, dass Gott uns für einander bestimmt habe, und dass das Sakrament seinen Willen nur bestätigt habe.

Meine Mutter ließ ihn alles sagen, was er wollte, ohne ihn zu unterbrechen. Lange war sie unschlüssig über ihre Entscheidung. Sie dachte lange nach, bevor sie sich entschloss. Und endlich antwortete sie so: Wenn ich zu Ihnen nicht dies Vertrauen hätte, würde ich kein Wort glauben von dem, was Sie mir gesagt haben. Aber weil ich Sie als den aufrichtigsten Ehrenmann der Erde kenne, bin ich sicher, dass keine Lüge über Ihre Lippen kommt, und zweifle nicht daran, dass Sie mir die ganze Wahrheit gesagt haben. Ich glaube es, und ich glaube nur darum, weil Sie es mir sagen. Wenn Des Frans mir das gesagt hätte, ich hätte ihn wie einen Betrüger behandelt, aber von Ihnen erwarte ich die lautere Wahrheit.

Aber, Monsieur, versetzen Sie sich in meine Lage und sagen Sie mir ohne Umschweife, was Sie tun würden. Ich habe nur einen Sohn, der ohne mein Wissen heiratet, das ist ein harter Schlag für eine Mutter. Und dann heiratet er auch noch ein Mädchen, von dem er weiß, dass ich sie für eine Unglückliche, Unmoralische, Betrügerin, Verbrecherin halte. Schließlich haben erst Sie mich von meiner Meinung abgebracht. In welche Lage brachte er mich? In welche Lage sich selbst? Wenn ich von seiner Heirat durch einen anderen als Sie informiert worden wäre, wäre ich vor Schmerz gestorben und hätte ihm tausend Verwünschungen als Erbe hinterlassen. Der Skandal hätte seine Ehre vernichtet wie die seiner Frau, und ohne daran zu denken, heiratet er.

Gut, ich bin nun unterrichtet; aber werde ich die Brüder seines Vaters davon überzeugen können? Ich habe mit ihnen gesprochen, mich ihnen erklärt; sie wissen, dass Silvie der Grund war, warum ich ihn so rasch nach Italien geschickt habe. Werden sie die anderen überzeugen, mit denen sie geredet haben? Angenommen, sie glauben es selbst, was ich nicht annehme: Denn sie sind über ihn bestens unterrichtet, wissen, wozu er fähig ist, wozu ich bereit bin, um ihm zu helfen. Wenn ich über diese Ehe mit ihnen spreche, werden sie mir kein Wort glauben, eher, dass meine Gutmütigkeit mich blind macht, dass ich mich täusche und sie täuschen will; und so werden sie ihn als die niedrigste Kreatur betrachten, den infamsten aller Menschen. Sie glauben immer noch, dass Silvie ein Findelkind ist, dass sie das Geld gestohlen hat, alles was ich ihnen früher gesagt habe und was nur zu wahrscheinlich ist.

Sie können sagen, dass Des Frans seine Onkel nicht mehr nötig hat und ihre Meinung ihm gleichgültig sein kann. Aber kann es mir gleichgültig sein, wie seine Frau von allen behandelt werden wird, wenn ich sie zu mir nehme und als Schwiegertochter anerkenne? Wie haben Sie mir denn die Angelegenheit mit Rouvière gerechtfertigt? Sie konnte nicht beweisen, dass sie die Tochter des Marquis de Buringe ist! Eine schöne Entschuldigung! Sie haben den Brief, der das bestätigt, wiedergefunden, konnte sie das nicht? Sagen, dass es die Liebe zu mir gewesen sei, die Angst, Des Frans zu verlieren, Sie müssen zugeben, dass nur junge Verrückte oder Visionäre daran glauben werden. Dieser Streich war zu wohlbedacht, um als jugendliche Verirrung durchzugehen. Mir macht ein so raffinierter Geist Angst, er ist gefährlich. Das ist zu gescheit und zu gewagt für ein Mädchen, das noch nicht zwanzig ist. Ich kann ihr das nicht verzeihen und allein deshalb werde ich sie nie in meinem Haus aufnehmen.

Ich bin dankbar für ihre Liebe zu meinem Sohn. Sie liebt ihn, er ist ihr Gemahl, und gegenwärtig tut sie ihre Pflicht. In der Tat, ohne ihn zu lieben, hätte sie ihm nicht ein so beträchtliches Geschenk gemacht. Sie hat ihn zu einem angemessenen Preis gekauft. Ich mag ihre Großzügigkeit, ihre Tugend, die Kraft, ihm alles zu opfern: Gott gebe, dass sie es nicht bereut, dass ihre Gefühle gleich bleiben, aber ich kann ihr nicht vergeben.

Um Ihnen nun ehrlich zu sagen, wozu ich mich entschlossen habe, ist es, sie nie, nie bei mir zu empfangen, ich würde in der Nähe eines so intriganten Geistes keine Ruhe finden. Was die Hochzeit betrifft, ich habe sie nie gebilligt, ich werde sie nicht missbilligen. Er kann mit ihr leben, wie es ihm gut dünkt, ohne dass ich mich dagegen stelle; im Gegenteil, wenn wir allein sind, werde ich sie wie meine Schwiegertochter behandeln. Aber nicht vor aller Welt, aus dem Grund, den ich Ihnen genannt habe. Man wird sie nicht anerkennen. Ich willige sogar darin ein, ihre Besuche zu empfangen und sie zu erwidern, aber ich will unbedingt, dass die Ehe zeit meines Lebens geheim bleibt, damit ich nicht die Schande erlebe, eine von mir anerkannte Schwiegertochter vom Rest der Familie verachtet zu sehen. Es liegt im Interesse von Des Frans, dass das so bleibt, wenn er nicht mit der Familie in Streit geraten und die Ehre seiner Frau erhalten will, genauer, um sie nicht aufs Spiel zu setzen.

Sie soll eine eigene Wohnung haben, und er soll bei mir wohnen, um das Geschwätz zu verhindern. Er soll ihr ein eigenes Haus besorgen, in dem nur sie lebt, damit über ihren Umgang nicht geredet wird. Er soll tagsüber wenig oder gar nicht zu ihr gehen, und ich will, dass man nichts von dem Verhältnis bemerke. Ich werde es begünstigen, weil es durch das Sakrament geheiligt und sie unschuldig ist; aber ich will, dass niemand sie als meine Schwiegertochter betrachte, weil sie mir keine Ehre machen würde. Dies, mein Herr, ist mein Entschluss, von dem nichts mich abbringen wird. Solange mein Sohn die Ehe geheim hält, werden wir gute Freunde sein, und ich werde ihm seine Missachtung für mich verzeihen; aber wenn er sie bekannt macht, werde ich ihn nie mehr sehen und seine Frau auch nicht.

Der Kommandant de Villeblain konnte bei ihr nicht mehr erreichen, aber konnte weder ihre Entscheidung noch deren Gründe missbilligen. Er machte sich die Mühe, zu Silvie zu kommen, wo ich auf ihn wartete. Wir brauchten ihn nicht darum zu bitten, uns nichts zu verheimlichen. Er gab uns die Unterhaltung Wort für Wort wieder. Ich hätte nicht gedacht, dass meine Mutter die Dinge mit soviel Gelassenheit aufgenommen hätte. Ich sah wohl, dass dies die Folge des vollständigen Vertrauens war, das sie für den Kommandanten hatte, und die Frucht seiner Bemühungen. Ich dankte ihm, fürchtete aber, dass Silvie mit einem solchen Beschluss nicht zufrieden sein könnte, der mir sehr hart erschien. Ich wurde angenehm enttäuscht, als ich zu ihr über meine Besorgnis sprach.

Du kennst mich noch nicht, sagte sie mir und umarmte mich vor den Augen des Kommandanten, ich wollte von deiner ganzen Familie nur dich heiraten; so kümmert's mich nicht, ob deine Onkel wissen, dass ich deine Frau bin. Sie kennen mich nicht, und ich will sie weder kennen noch von ihnen gekannt werden. Was deine Mutter betrifft, bin ich mit ihrem Verhalten ganz zufrieden. Sie weiß, dass uns das Sakrament bindet, und das genügt ihr, um alles, was zwischen uns geschieht, zu rechtfertigen. Sie will, dass unsere Ehe nicht bekannt wird, und ich billige ihre Gründe dafür. Für sie bin ich unschuldig; das genügt mir. Mein Wunsch war, mich vor ihr zu rechtfertigen, deinetwegen; das genügt mir. Sie kennt die Wahrheit; ich will nicht mehr. Was die anderen denken, ist mir gleichgültig. Außer den Freuden der Ehe werden wir noch die des Geheimnisses haben, wenn wir diskret sind. Ich bin aus verschiedenen Gründe sehr erleichtert; der Hauptgrund ist die Sorge, du könntest aufhören, mich zu lieben; das würde unweigerlich geschehen, denn so, wie man mich in deiner Familie behandeln würde, mit Verachtung nämlich, würde deine Liebe erlöschen, denn man liebt nicht lange das Ziel der Verachtung anderer. Ich halte mich an die Bedingungen von Madame Des Frans und bitte dich, dich auch daran zu halten.

Eine so selbstlose Antwort entzückte mich, und Monsieur de Villeblain nickte Beifall. Wir setzten uns zu Tisch, wo wir beschlossen, dass ich umgehend das Amt kaufen und für Silvie ein Haus suchen würde, in dem sie allein wohnen könnte, näher am Haus meiner Mutter und bequemer als das, in dem sie jetzt war.

Das Haus fand ich in kurzer Zeit. Es gab einige im Viertel, die man mieten konnte, ein Viertel, das ehemals eines der belebtesten von Paris war und jetzt sehr verlassen, seitdem der Hügel über Saint Roch entstanden ist. Es gab einen Garten, dessen versteckte Tür auf ein Sträßlein hinausging, über das man zu meiner Mutter kam, so kam ich ungesehen von Tür zu Tür. Das war bequem, denn so brauchte ich nicht zu klopfen, sondern nur den Gartenschlüssel zu nehmen. So tat ich. Silvie logierte sich ein, und ich kaufte das Haus wenig später, es ist dasselbe, in dem ich zur Zeit wohne. Meine Absicht ist, das andere zu verkaufen oder zu vermieten, weil es nicht bequem und nicht schön ist, weil veraltet.

Die Schönheit der Zugezogenen sprach sich im Viertel herum. Sie, sagte Des Frans und wandte sich an Dupuis, erzählten mir als erster von ihr. Ich tat so, als sei sie mir unbekannt. Ich hatte beschlossen, vor aller Welt zu verbergen, dass sie meine Frau war, aus Gründen, die sie wissen. In der Öffentlichkeit sah ich sie selten; es schien im Gegenteil, als wäre ich anderweitig gebunden. - Fahren Sie fort, sagte Des Ronais, um der schönen Madame de Mongey die Verwirrung zu ersparen, die wirklich schamrot geworden war; wir wissen alles, was Sie getan haben, es ist nicht nötig, daran zu erinnern.

Sie haben Recht, nahm Des Frans den Faden wieder auf, das ist nicht der einzige Fehler, den ich in meinem Leben begangen habe. Ich hatte also meine Zeiten, um Silvie zu besuchen; und da ich häufig mit Ihnen und Galloüin zusammen war, fragte sie mich, wer Sie seien. Ich sagte ihr von Ihnen das Beste, was man von seinen Freunden und ehrenwerten Leuten sagen kann. Ich sagte sogar zuviel über Galloüin, denn er ist's, der mich in dem empfindlichsten Punkt eines Ehrenmanns angegriffen hat. Über alle redete sie allgemein und in angemessener Form, aber weil sie noch nicht raffiniert war, übertrieb sie es bei Galloüin. Damals dachte ich darüber noch nicht nach; aber sei es aus Eifersucht, Voreingenommenheit oder Hass auf ihn, das ist mir wieder eingefallen, und ich glaube, dass etwas daran war.

Weil sie sehr zurückgezogen lebte und niemand bei ihr verkehrte, weil sie außerdem sehr vornehm erschien und ihr Lebensstil, obwohl bescheiden, doch sehr ansehnlich war, weil sie mit gestickter Wäsche und Schmuck (den sie liebte: zahlreich, aber von feiner Arbeit) stets gut gekleidet war und schließlich die ganze Person die Tochter eines guten und reichen Hauses darstellte, deshalb waren die zur Zeit unbeschäftigten Galane auf sie aufmerksam geworden und achteten sie eines Versuchs wert. Sie mochte den Auflauf nicht, deshalb zog sie sich in eine kleine, aber ausgesuchte Gesellschaft zurück, die sich fast jeden Abend entweder bei Ihnen, Madame de Londé, oder bei ihr versammelte, denn Madame Galloüin hatte erlaubt, dass Sie und ihre Schwestern bei ihr verkehrten. Galloüin war in Ihrer Gesellschaft, ebenso Herr Dupuis. Mit Vergnügen stellte ich fest, dass Silvie von allen anerkannt wurde. Die Aufmerksamkeiten von Galloüin registrierte ich unbesorgt, obwohl er begann, sich als Hausherr zu fühlen. Gottseidank bin ich ein echter Pariser, unfähig der Eifersucht, und empfand keine: Im Gegenteil war ich vergnügt, dass Silvie sich unterhielt, und ermutigte sie, in Gesellschaft zu sein, weit entfernt, mich zu widersetzen. Wenn wir allein waren, scherzte sie über die Aufmerksamkeit, die man ihr erwies. Sie bat mich zu dulden, dass sie auf ihre Art lebte wie in der Rue Saint-Antoine, das heißt, nur Mädchen und Frauen zu empfangen und keine Männer. Das wollte ich nicht. Konnte ich vorhersehen, dass eine Frau, die soviel für mich getan hatte und deren Liebe ich von Tag zu Tag wachsen sah, mir untreu werden würde? Ich hätte Hellseher sein müssen und ich war's nicht.

Schon drei Monate wohnte sie in dem Haus in der Nähe und hatte meine Mutter nur im Vorübergehen gesehen. Beide hatten sie Lust, einander zu sehen und sich zu unterhalten, aber welchen Vorwand finden, um den Besuch zu arrangieren, ohne den wahren Grund zu verraten? Ich hätte Mutter gern durch den Garten eingelassen, aber sie wollte nicht. Aber sie war sehr zufrieden mit Silvies Aussehen, ihr Auftreten und ihre Schönheit gefielen ihr. Und was man über sie sagte, vermehrte ihre Neugier. Sie wollte wissen, ob ihr Geist dem Rest entsprach, und obwohl überzeugt, dass Silvie genügend Esprit habe, wollte sie sich selbst davon überzeugen. Monsieur de Villeblain, der wegen des Umzugs von Paris eine zeitlang fern gewesen und nun zurückgekehrt war, vermittelte. Er führte Silvie als seine Verwandte zu meiner Mutter, was sie ja auch irgendwie war. Meine Mutter erwiderte den Besuch, und ich erfuhr mit großer Freude, dass sie einander gefallen hatten. Der Kommandant ging wenig später nach Malta ab, wo er vor ungefähr drei Jahren gestorben ist, sehr betroffen von Silvies Tod, den ich ihm berichtete, ohne es zu wagen, ihm Einzelheiten mitzuteilen. Als er noch in Paris war, hatte er uns alle Dienste gegenüber meiner Mutter und meinen Onkeln geleistet, die man von einem wahren Vater erwarten kann. Meine Mutter und Silvie besuchten sich häufig, nach außen nur aus Höflichkeit, in Wirklichkeit aber aus Anstand und Neigung, denn es ist wahr, dass meine Mutter für Silvie nach und nach eine echte Zuneigung entwickelte, die so weit ging, dass sie zusammen mit de Villeblain die Herren Des Frans über die Sache aufklärte und sie veranlasste, darauf hinzuwirken, dass unsere Ehe bekannt würde, was auch geschehen wäre, wenn ich nicht plötzlich hätte verreisen müssen, als die Sache gerade öffentlich werden sollte.

Schließlich hatte ich das Amt, über das ich verhandeln wollte, doch nicht gekauft, wir hatten uns nicht über den Preis verständigen können und außerdem hatte ich nicht soviel Geschmack an der Sache, da es um das Geld des Königs ging, das ich verwaltet hätte: Die geringste Unregelmäßigkeit reicht aus, einen Mann zu ruinieren, außer er ist sorgfältiger und uneigennütziger, als ich es bin. Das alles war der Grund, weswegen ich die Verhandlungen abbrach. Ich wollte lieber ein Amt bei Hof übernehmen; seit zwei Tagen war ich darüber in Gesprächen. Ich war zum Abschluss bereit, als ich die Nachricht bekam, dass in dem Haus eines Besitzes im Poitou Feuer ausgebrochen sei; das Land war nahezu alles, was ich von meinem Vater geerbt hatte.

Das brachte mich sofort aufs Pferd. Ich fand die Sache noch schlimmer, als man mir berichtet hatte. Mein Pächter war im Gefängnis, man beschuldigte ihn, das Feuer selbst gelegt zu haben, um den Diebstahl einer Menge von Möbeln und Silber zu decken, die ein benachbarter Adliger aus dem Haus geholt hatte, dessen Geschäfte nicht gut gegangen waren. Ich war an der Angelegenheit sehr interessiert, denn außer der Tatsache, dass mein Pächter mir viel Geld schuldete, war ein Haus abgebrannt, dessen Bau meinen Vater fünfzigtausend Francs gekostet hatte. Ich musste daher einen Prozess gegen den Pächter und den Adligen anstrengen, der, wie er in seinen Eingaben gestand, Urheber des Brands war. Jedenfalls überzeugten mich mein Geschäftsführer und der Staatsanwalt davon.

Das hielt mich vier Monate von Paris fern. Ich wurde allmählich ungeduldig und, ohne am Ort den Ausgang des Prozesses abzuwarten, und da ich voraussah, dass er in Revision an das Gericht in Paris gehen werde, kehrte ich zurück und überließ die Weiterführung einem Anwalt. Weil ich mir das Vergnügen einer Überraschung gestatten wollte, informierte ich Silvie nicht über meine Rückkehr. Dies hier ist der finstere Teil meiner Geschichte; bereiten Sie sich darauf vor, den Gipfel meiner Schande, meiner Wut, meiner Schwäche zu erfahren.

Wie gesagt, hatte ich einen Schlüssel zum Garten. Niemand wusste, dass ich wieder in Paris war, niemand erwartete mich. Ich wollte zu einer Stunde ankommen, da jeder schlief; es war zwei Uhr nachts, und ich fand die Gartentür nur mit einem Riegel verschlossen, der sich ohne Schlüssel öffnen ließ. Ich führte das auf die Nachlässigkeit der Diener zurück, ohne den wahren Grund zu ahnen. So leise ich konnte, stieg ich zur Wohnung Silvies hinauf, um sie im Schlaf zu überraschen. Aber ich selbst war noch mehr überrascht, als ich im Schein einer brennenden Kerze Männerkleider auf einem Sessel neben dem Bett erblickte und zwei miteinander Schlafende, nämlich Galloüin und die treulose Silvie, die er in den Armen hielt.

Welch ein Anblick! Welcher Zorn! Welche Verzweiflung! Raten Sie, wie mir zumut war. Ich nahm den Degen in die Hand, um beide zu durchbohren, aber eine Bewegung Silvies entwaffnete mich. Ich warf den Blick auf diesen Busen, den ich vergötterte. Die ganze Wut verließ mich, und mein Zorn wandelte sich in Trauer über mein Unglück. Kann man so schwach sein? Ich fürchtete, sie in Schande zu stürzen, wenn in in diesem Augenblick laut geworden wäre. Ich respektierte ihre Ehre, wo sie die meine mit Füßen trat. Ich konnte mich nicht entschließen einer grausamen Rache nachzugeben, die zwar gerecht gewesen wäre, aber zu meiner Liebe nicht gepasst hätte. Welcher Ruhm liegt darin, eine Frau zu erstechen? So sagte ich mir. Welcher Ruhm, einen schlafenden Feind zu töten, der sich nicht wehren kann?

Dieser Gedanke, den ich für Großmut hielt, der aber nur meine Schwäche anzeigte, entschied. Ich begnügte mich damit, die geöffnete Halskette meiner Treulosen mitzunehmen, um ihr später zu beweisen, dass ich sie beim schwersten Verbrechen betroffen hatte, das eine Frau begehen kann. Ich ging.

Ich gestehe mit Monsieur Des Ronais: Vor Schmerz stirbt man nicht. Kaum war ich draußen, da bereute ich, dass ich meine in einem so empfindlichen Punkt verletzte Liebe nicht gerächt hatte. Und einen Augenblick danach war ich zufrieden mit meiner Mäßigung, die mein Ansehen vor der Öffentlichkeit wahrte und mich vor der Lächerlichkeit schützte. Ich konnte nicht ruhig bleiben, stehenden Fußes kehrte ich auf meine Ländereien zurück. Dort bereitete ich alles für eine Rache vor, die meiner Leidenschaft und Schande Genugtuung bieten sollte. Ich konnte ihr nicht verzeihen. Die Verletzung war zu tief. Wohl hatte ich ihr Leben geschont, aber ich beschloss, es sie im Gefängnis enden zu lassen, bei Wasser und Brot, zwischen vier Mauern, und sie eine Strafe kosten zu lassen, die je länger desto grausamer wäre. Ich machte mir ein Vergnügen daraus, sie mir selber wegzunehmen, da sie doch meiner Umarmung unwürdig war, und zugleich einem Liebhaber, der nicht wissen konnte, woher der Schlag kam. In dieser Absicht schrieb ich ihr, dass ich bald in Paris sein würde. Ich bekam von ihr eine Antwort, die mich heute noch vor Entrüstung beben lässt. Es waren nichts als Versicherungen ewiger Liebe, zärtliche Klagen über meine Abwesenheit und Bitten, bald zurückzukommen.

Ja, Untreue! Du wirst zufrieden sein, ich werde nach Paris kommen, aber nur, um deine Treulosigkeit und meine Schande in deinem Blut zu waschen. Schließlich kam ich in Paris an, so verwandelt und erschüttert, dass man mich nicht wiedererkannt hätte. Ich blieb bei meiner Mutter, besuchte sie nicht, wie sie gehofft hatte. Am Morgen bekam ich schon einen Brief von ihr voller Klagen über meine Gleichgültigkeit. Ich beantwortete ihn nicht. Sie wurde ungeduldig, kam selbst zu uns und trat in mein Zimmer.

Ich empfing sie eisig. Sie machte Anstrengungen, mich zu erwärmen, aber ich wollte nicht vorzeitig aus der Haut fahren. Ich wollte mich zuerst an ihrem Geliebten rächen. Ich schob den Mangel an Aufmerksamkeit auf die Strapezen der Reise. Sie ging soweit zu äußern, dass sie nicht das Vergnügen der Sinne suche. Dass sie nur mich wolle und meine Herzensregung; so häufig hätte ich sie doch meiner Liebe versichert. In welchem Zustand war ich, bei Gott! Ich sah den Moment kommen, wo ich meinem Zorn freie Bahn lassen würde. Wieviel tödliche Streiche empfing ich bei dieser Unterhaltung! Nie war mir ihre Leidenschaft so lebhaft und einladend erschienen. Aber je mehr ich sie auflodern sah, desto empörter war ich darüber und ich wäre unmerklich entweder meiner Wut oder meiner Schwäche zum Opfer gefallen, wenn meine Mutter nicht in diesem Augenblick eingetreten wäre und durch ihre Gegenwart mich vor diesem harten Kampf bewahrt hätte.

Noch am selben Tag ging ich aus und suchte überall nach Galloüin, bis ich ihn endlich gefunden hatte. Er brachte tausend Höflichkeiten vor, aber daran war ich nicht interessiert. Ich brach einen Streit vom Zaun, machte, dass er den Degen zog. Ich verwundete ihn, hatte ihn schon niedergestreckt und hätte ihn aus Rache umgebracht, wenn man ihn mir nicht aus den Händen gerissen hätte. Da ich den Streit angefangen hatte, war jeder gegen mich. Ich kam nach Hause zurück, nahm das für eine lange Reise notwendige Geld, denn einen Teil des Vermögens meiner Ungetreuen hatte ich dahin getragen, und den Rest brachte ich in Sicherheit. Meiner Mutter gab ich zu verstehen, dass ich mich den Nachstellungen der Justiz entziehen wolle. Sie wusste schon, dass ich mit dem Streit begonnen hatte, und ahnte, dass dahinter ein Grund steckte, umso mehr, als ich niemals als Kampfhahn gegolten hatte, besonders mit meinen Freunden, zu denen ich normalerweise ein gutes Verhältnis hatte. Sie fragte also nach dem Grund des Duells so eindringlich, dass ich nach vielen Ausflüchten, die sie sofort erriet, ihr endlich den wahren sagte.

Jetzt wunderte sie sich nicht mehr, mich bei meiner Rückkehr so verändert gefunden zu haben, eher darüber, dass ich meinen Zorn bemeistert und sie nicht alle beide erstochen hatte. Sie fragte mich, was ich nun tun wolle. Ich sagte irgendetwas, das sie befürwortete, und sie gratulierte sich dazu, dass die schandbare Ehe geheim geblieben war. Ich sagte, dass ich nur so lange in die Provinz zurückgehen würde, bis mein Schmerz sich beruhigt hätte, in wenigen Tagen würde ich zurück sein, um die Ehe annulieren zu lassen und mich von den infamen Banden zu befreien. Ich bat sie, Silvie einen Brief zu geben, den ich zu schreiben beschlossen hatte, um sie zu zwingen, an einen Ort zu kommen, den ich ihr in sieben oder acht Tagen nennen würde. Mutter lehnte das ab, wollte die Hand zu keinem Verrat reichen, auch nicht gezwungen sein, Silvie zu empfangen; am selben Tag noch zog sie zwanzig Meilen von Paris zum Grafen de Villeblain, ihrem Bruder. Madame Morin war glücklicherweise schon vor kurzer Zeit gestorben, kurz nachdem ich den Verrat meiner perfiden Gattin entdeckt hatte. Zweifellos hatte sie die Hand im Spiel gehabt, denn sie schlief in Silvies Zimmer. Man sagt, dass ihr Tod nicht gänzlich natürlich gewesen sei und sehr plötzlich; ich habe es nicht nachgeprüft. Wie es auch sei, ihr Tod freute und erleichterte mich, denn ich wusste nicht, was ich mit dieser Frau hätte anfangen sollen. Ich hatte beabsichtigt, sie zusammen mit Silvie einzusperren, aber die Begleitung durch diese Frau wäre doch eine große Erleichterung von Silvies Strafe gewesen.

Ich ging von Paris weg, ohne sie zu sehen, aber um jeden Verdacht auszuräumen, schrieb ich ihr den zärtlichsten Brief meines Lebens, so zärtlich, wie sie es nicht war, kurz, ganz berechnet. Ich erhielt acht Tage später an dem bezeichneten Ort ihre Antwort. Ich hatte geschrieben, mein größter Schmerz sei der, mich von ihr getrennt zu sehen, und sie antwortete, sie sei bereit, mir ans Ende der Welt zu folgen.

Dahin wollte ich sie haben. Ich schrieb ihr sofort zurück, dass ich nicht die Absicht hätte, nach Paris zurückzukommen. Dass ich es leid sei, sie nur besuchsweise zu sehen, dass ich unsere Ehe endlich erklärt sehen wolle und dass ich alles vorbereitet hätte, um sie auf meinem Land zu empfangen. Es sei mein Wille, in der Provinz zu bleiben, und wenn sie mich so sehr liebe, wie sie immer versichert habe, könne sie es beweisen, indem sie zu mir komme. Je rascher sie komme, umso mehr sei ich von ihre Zärtlichkeit und Liebe überzeugt. Sie könne vor der Reise, an der ich nicht zweifelte, ihre Möbel und das Geschirr verkaufen, wir würden in der Provinz billigere finden. Ich bat sie, mir zu schreiben, mit welcher Post sie in der Stadt ankomme, die ich ihr angeben hatte und die nur eine kleine Meile von meinem Haus entfernt sei. Ich bat sie auch noch darum, nicht von mir zu sprechen oder zu sagen, dass sie meine Frau sei, denn die Leute, die nach mir fahndeten, könnten es erfahren und ihr folgen, um mich zu finden.

Dies alles geschah. Aber wenn ich erstaunt gewesen war, sie in den Armen eines anderen zu finden, dann sie noch mehr über die Art, wie ich sie empfing. Ich hatte einen Mann aus dem Poitou mitgenommen, einen hellen Burschen. Ich hatte ihm gesagt, ich hätte in Paris ein sehr hübsches Mädchen verführt, und sie komme ohne Wissen ihrer Eltern zu mir. Dass ich sie deshalb nicht selbst abholen könne, denn man könne ihr folgen und mich wiedererkennen. Ich gab ihm Instruktionen, was er tun solle, und er machte es vorzüglich.

Mein Haus liegt, wie gesagt, eine Meile von dem Ort entfernt, wo die Kusche Paris - Bordeaux zur Nacht Halt macht. Er ging hin und fragte nach einer Dame namens Madame de Buringe. Sie gab sich zu erkennen. Er übergab ihr einen Brief, in dem er ihr erzählte, ein Sturz hindere mich, das Pferd zu besteigen, um sie abzuholen, außerdem fürchtete ich, dass man mich verfolge. Sie möge ihren Diener und ihre Zofe in der Herberge lassen, ich würde sie morgen abholen. Sie solle das Pferd nehmen, das der Überbringer des Briefes dabei habe, und unter seiner Führung zu mir kommen. Sie tat es.

Mein Diener führte sie her in das Haus, in dem ich auf sie wartete, ein Rest des abgebrannten, das ich für meine Zwecke hatte herrichten lassen. Ich ließ sie in ein Zimmer hochgehen, ohne dass sie jemand anderen sah als mich. Dieses Zimmer hatte als einziges Möbelstück ein schlechtes Feldbett, einen Strohballen ohne Leintuch oder Decke, einen dreibeinigen Hocker aus Holz, wie man sie in der Provinz findet, war ohne Wandbekleidung, ohne Ofen oder Kamin, hatte kein Fenster, sondern nur eine Luke für das Tageslicht, die ich oben gelassen hatte und die vergittert war. Obwohl die Sonne schon untergegangen war, gab es noch genügend Licht, um die Dinge zu erkennen.

Was ist das für ein Ort hier, sagte sie mir, das ist ein Gefängnis. - Das ist Ihre Wohnung, Madame; es ist der Ort, an dem Sie bis zu Ihrem Lebensende Ihr Verbrechen und meine Schande beweinen werden. - Kein Todesurteil hätte eine schlimmere Wirkung haben können als diese Worte. Sie hatte nicht die Kraft zu antworten. Sie fiel mir zu Füßen lautlos und ohnmächtig, aber weil ich meinen Entschluss schon vor langer Zeit gefasst hatte, war mein Herz hart und unbeugsam. Dies war das erste Vergnügen meiner Rache. Der Zustand, in den ich mich ihretwegen gebracht hatte, ließ mich den ihren nur mit Verachtung ansehen. Der Ekel, den ich vor ihr empfand, verstärkte sich; kein Mitleid rührte sich in mir, ich war nicht im geringsten bewegt. Ich durchsuchte sie und nahm alles weg, was sie bei sich hatte. Vor allem ließ ich ihr nichts, womit sie ihr Leben hätte in Gefahr bringen können. Ich behandelte sie als verurteilte Verbrecherin, deren Leben man nur bis zur exemplarischen Hinrichtung bewahrt.

Trotz der heftigen Stöße, die ich ihr gab, kam sie nicht zu sich. Es bereitete mir ein grausames Vergnügen, meine Augen an diesem barbarischen und zugleich rührenden Schauspiel zu weiden. Welche Verwandlung! Ich habe mich tausendmal gefragt, woher ich soviel Grausamkeit hatte, für eine Frau, die ich vergöttert hatte und die ich noch vergötterte? Ich ließ sie in ihrer Ohnmacht und aus Angst vor einem Anfall von Mitleid, verließ ich das Haus. Ich aß bei einem Adligen drei Meilen entfernt zu abend und kam erst ziemlich spät am folgenden Morgen wieder. Ich ließ von demselben Mann, der sie abgeholt hatte, den Diener und die Zofe zu mir bringen und behielt beide in meinem Dienst. Ich hatte sie für sie eingestellt und war sicher, dass sie an ihrem Fehltritt nicht schuld waren. Ich erklärte ihnen nur, dass sie sie bald wiedersehen würden und dass Silvie nur eine Verwandte besuche. Ich hatte vor, beide bei der ersten sich zufällig bietenden Gelegenheit zu entlassen. Als erstes verabschiedete ich den Diener, der Silvie abgeholt hatte, und gab ihm reichlich, damit er, wie es in seinem Interesse war, die Provinz und sogar das Königreich hinter sich bringen konnte. Dann hatte ich keine andere Aufgabe mehr, als sie unbekannt in einem ewigen Gefängnis dahinsiechen zu lassen.

Ich ging hinauf und fand sie noch lang ausgestreckt auf dem Boden liegen. Sie war aus der Ohnmacht erwacht, aber ihr Erstaunen hatte sie nicht verlassen; dabei war sie mindestens sechzehn Stunden in der gleichen Lage. Ich kann Ihnen ihren Zustand nicht schildern, er geht über jede Vorstellung. Sie sah mich an, fand aber in mir nicht den gehorsamen Liebhaber oder den erbarmungsvollen Ehemann, sondern einen unerbittlichen Richter und Herrn. Hier, Ehebrecherin, sagte ich und hielt ihr die Halskette hin, sind Sie nun überzeugt? Ihren Bettkumpan hat man mir aus den Händen entrissen, aber Sie entkommen mir nicht. Alle beide werdet ihr mir bezahlen, was ich meiner Rache schuldig bin. - Sie antwortete nur, indem sie sich mir zu Füßen warf und einen Strom von Tränen vergoss. Ich antwortete nur mit einem verachtungsvollen Lächeln und warf ihr ein Paket Lumpen hin, die der letzten Bäurin hätten dienen können. Ich zwang sie, sich auszuziehen und sich selbst die Haare abzuschneiden, die ich an einer Kerze verbrannte. Das tut mir immer noch leid: In meinem ganzen Leben habe ich kein schöneres, längeres und volleres Haar gesehen. Ich nahm ihr alle Kleider weg, zwang sie, sich in die mitgebrachten Lumpen zu kleiden, ließ ihr weder Strümpfe noch Schuhe. Zum Essen stellte ich ihr Schwarzbrot und Wasser hin, was ich ihr nur alle drei Tage brachte.

Meine Affäre mit Galloüin war schneller ausgestanden, als ich gedacht hatte. Zuerst hatte ich nach Paris zurückkehren wollen, aber jetzt hatte ich keine Lust mehr. Meiner Mutter berichtete ich, wie ich Silvie behandelte. Sie hatte Mitleid mit ihr und bat für sie um Verzeihung, die Strafe sei abscheulich, schrieb sie, und sie hätte sie verhindert, wenn sie mein Vorhaben geahnt hätte. Sie riet mir, ihr Einverständnis zur Auflösung der Ehe zu erzwingen und sie danach ihrem Schicksal zu überlassen oder sie in ein Kloster zu stecken; alles, nur nicht ihr Henker sein! Meine Rache sei mit einem Wort die eines Barbaren, nicht die eines Ehrenmannes. Der Rat meiner Mutter war gut, aber die Zeit dafür noch nicht gekommen. Ich hielt Silvie drei Monate bei Wasser und Brot fest und ließ in der Zwischenzeit mein Haus größer und schöner als zuvor herrichten, denn ich wollte den Rest meines Lebens hier verbringen. Mein einziges Vergnügen war der Neubau. Manchmal auch das, Silvie in ihrem Leid und ihrer Qual zu verspotten. Sie warf sich mir hundertmal zu Füßen, aber sie bat nicht um Verzeihung, denn sie sei ihrer unwert; sie bat mich nur, durch einen raschen Tod ihre Leiden zu verkürzen. Ich verließ sie jedesmal, ohne zu antworten.

Die Zeit ließ meine Wut verrauchen. Ich sah ein, dass ich durch ihr Unglück nicht glücklich wurde. Ich wurde von tausend widersprüchlichen Bewegungen hin- und hergerissen. Meine eigene Reue bestrafte mich für ihre Strafe und rächte ihr Leid. Ich begriff den Schrecken ihres Zustands, und langsam tat sie mir leid. Dieses Mitleid weckte in meinem Herzen die Zärtlichkeit, die ich einst für sie empfunden hatte. Ich war bereit, ihr zu verzeihen und sie um Verzeihung für die Behandlung zu bitten, mich wieder in ihre Arme zu werfen, ohne andere Bedingung, ein besseres Leben zu führen.

Unter verschiedenen Verwänden schickte ich ihren Diener und das Kammermädchen zwei Meilen weit weg. Ich ging zu ihr, gab ihr ihre Diamanten, ihre Kleider, ihre Wäsche und Spitzen zurück, kurz, alles, womit sie sich schmücken konnte und wovon ich wusste, dass es ihr gefiel. Ich ließ sie sich wieder wie gewohnt ankleiden und führte sie in eine Wohnung meines Hauses, die ich hatte fertigstellen und ordentlich möblieren lassen. Ich verbot ihr, zu wem auch immer von der Behandlung zu sprechen, die ich ihr hatte angedeihen lassen, und im Gegenteil zu behaupten, sie komme von einer Reise zurück. Ich gab ihr das Mädchen und den Diener zurück, denen ich sagte, ihre Herrin sei wiedergekommen, und ließ ich nicht Wasser und Brot, sondern auftischen, was die Provinz hergab an bestem und schmackhaftem Geflügel und Wild. Nach dieser Veränderung sah ich sie eine ganze Weile lang nicht. Ich verstand selbst nicht, was mich daran hinderte. Ich ließ ihr ausrichten, sie könne zur Messe und spazieren gehen, wann sie wolle. Sie nützte das nicht aus; ich erfuhr zu meiner Freude, dass ihre Gesundheit und ihre Formen von Tag zu Tag wieder zunahmen.

Sie war wieder mehr als einen Monat in Freiheit, und ich hatte sie noch nicht besucht. Ich ließ sie fragen, ob sie mit mir speisen wolle. Sie ließ ausrichten, ich sei der Herr und könne bestimmen. Ich ging zu ihr. Ihre Niedergeschlagenheit, die Traurigkeit, die sie immer noch zeigte, ihre Verwirrung in meiner Gegenwart, die Augen, die sie nicht zu mir aufzuheben wagte, ließen sie mich liebenswerter denn je finden.

Ich ging aus ihrem Zimmer in unbeschreiblicher Verwirrung. Ich begriff die Gefahr, in der ich schwebte, und, ohne zu wissen, was ich tat, ging ich in einen Wald, der zu meinem Land gehörte. Ich prüfte mich selbst und verstand, dass ich unweigerlich wieder mit ihr zusammenleben würde, wenn ich sie länger bei mir behielte. Ich begriff, dass meine Liebe nicht kleiner geworden war, sogar stärker als zuvor, dass sie mir unter der Maske von Rache einen Streich gespielt hatte. Ich fürchte meine Schwäche, meine Neigung. Mit einem Wort, ich würde mich gänzlich mit Schande bedecken, noch mehr aber einen plötzlichen Wutanfall, der mir geschehen konnte wie schon einmal. Und dann wäre ihr Leben in Gefahr, das ich bisher geschont hatte. Es war ein Glück, dass die Diener da waren, die sie kannten; sie hatten durch ihre Gegenwart verhindert, dass ich meine Hände mit Silvies Blut besudelte und mich ganz der Grausamkeit der Verzweiflung und verratener Liebe hingab.

Ich erkannte, dass unsere Trennung unbedingt erforderlich war, wenn ich nicht abgrundtief infam werden oder ihren Busen durchbohren wollte. Mit diesen Gedanken ging ich in ihr Zimmer zurück, den Brief meiner Mutter in der Hand. Mit Tränen warf sie sich vor mir nieder. Sie war in einem weißen Satin-Négligé, eine Kleidung, die ich galanter und anziehender als alle anderen fand, wie ich ihr schon tausendfach gesagt hatte. Ich sah wohl, dass sie mich für sich zurückgewinnen wollte, und war in diesem Augenblick sogar geschmeichelt, aber einen Moment später betrachte ich dies als neuen Verrat.

Diese Demütigung ist nicht mehr nötig, Madame, sagte ich und ließ sie aufstehen. Meine Absicht ist es nicht, Sie zu verfolgen. Lesen Sie, fuhr ich fort und gab ihr den Brief meiner Mutter. Sie werden sehen, welchen Rat sie mir gibt, und ich habe beschlossen, ihm zu folgen, wenn Sie gestatten. Wenn nicht, haben Sie alle Freiheit; Sie können sich zurückziehen, wohin Sie wollen, Sie brauchen sich nur zu entscheiden. Ich bin bereit, Ihnen alles zurückzuerstatten, was ich von Ihnen habe; aber hoffen Sie auf kein Einverständnis zwischen uns. Sie haben mich zu unglücklich gemacht, und ich habe Sie zu sehr misshandelt, dass wir uns jemals miteinander versöhnen könnten.

Ich zwang sie zu lesen, sie kam kaum damit zu Ende, so sehr ließen die Tränen den Blick schwimmen. Unverzüglich wählte sie das Kloster. Das freute mich und ich suchte eines aus. Es dauerte nicht lange, es zu finden, es war schon schwieriger, über die Bedingungen zu verhandeln. Ich sagte, dass sie verheiratet sei und dass sie die Freiheit wünsche, jederzeit wieder zu gehen. Die Nonnen fürchteten, dass soviel Freizügigkeit ihrer Abgeschlossenheit schaden könnte, aber endlich entschlossen sie sich wegen der großen angebotenen Pension für Silvie und ihr Mädchen. Sie hat die Freiheit nie ausgenützt, seit dem Eintritt ins Kloster hat sie es nicht mehr verlassen. Ich gab ihr das Ergebnis der Verhandlung bekannt, ließ sie zugleich ihre Angelegenheiten ordnen und sich darauf vorbereiten, mir zu folgen, der sie ins Kloster bringen sollte. Sie ließ mich bitten, mit ihr noch einmal zu abend zu essen, aber ich hatte Angst vor mir selbst und schlug es ihr ab.

Am frühen Morgen trat ich in ihr Zimmer, da man mir gesagt hatte, sie sei reisefertig. Ich wollte sie nicht anders sehen; die Unordnung an ihr hätte Verwirrung bei mir auslösen können. Wie schön sie war! Wie gerührt war ich davon! Tränen traten mir in die Augen. Sie kannte mich zu gut, um nicht zu bemerken, in welche Verwirrung ihre Gegenwart mich stürzte. Sie wollte sie verdoppeln, vielleicht sogar über mich triumphieren. Sie sagte zu ihrem Kammermädchen, dass sie mich ohne Zeugen zu sprechen wünschte, sie solle einen Moment lang hinausgehen. Ich begriff sofort, welche Folgen ein solches Tête-à-tête haben könnte, wollte mich ihnen nicht aussetzen und rief das Mädchen zurück. Ich ging hinaus, sie folgte mir unter Tränen.

Ich hatte ihr eine Vollmacht gegeben, um die ganze Pachtsumme eines meiner Bauern mitzunehmen; der hatte schriftlich zugesagt, sie bis zur Höhe der Pacht zu unterstützen. Ich gab ihr auch Wechsel über beträchtliche Summen, in der Provinz oder in Paris bei Leuten einzulösen, bei denen ich fast das ganze Vermögen Silvies deponiert hatte. Ich gab ihr Bargeld und eine Erklärung über den Verbleib ihres Vermögens; ich zwang sie, das gegen ihren Willen anzunehmen. Ich ließ sie dann mit ihrem Mädchen, das sie nicht verlassen wollte, in ein Gefährt steigen und stieg mit dem Diener - er dient mir noch heute - zu Pferd; so kamen wir bei dem Kloster an, das ich für sie ausgesucht hatte.

Beim Eintritt sagte sie kein Wort, aber ihr Gang war unsicher, ihre Augen voll Tränen. Sie bat mich, ihr noch eine kurze Unterredung zu gewähren, bevor ich wegging. Weil es zwischen uns ein Gitter geben würde, weigerte ich mich nicht. Sie kam allein. Sie war so schwach, dass sie sich kaum aufrecht halten konnte. Sie setzte sich, weil ich nicht im Stehen mit ihr reden wollte.

Es ist also für immer, Monsieur, sagte sie tränenüberströmt, und ich bin ohne Hoffnung auf immer von Ihnen getrennt! - Sie haben es gewollt, Madame, sagte ich. Sie waren die Herrin unseres Schicksals und Sie haben so entschieden, dass wir beide unglücklich sind. Ich noch mehr als Sie. Ich halte Sie hier nicht gefangen, es hängt nur von Ihnen ab, ob Sie das Kloster verlassen. Es ist mir gleich, wo Sie sind, wenn wir nur nicht zusammen sind. Es hing nur von Ihnen ab, dass wir ein beneidenswertes Leben hatten, Ihre Untreue hat entschieden.

Ich kann die Vergangenheit nicht mehr ändern, sagte sie weinend. Ich bin mit allem einverstanden, was Ihre Abneigung Sie tun ließ, ich werde mein Verhalten nicht rechtfertigen können, das Verbrechen ist zu groß. Jetzt erscheint mir meine Verirrung wie ein Traum. Je mehr ich in mir forsche, desto deutlicher werden auch die Gefühle, die ich immer für sie hatte, und desto weniger kann ich meinen tiefen Fall begreifen. Ich mache mein Schicksal nicht dafür verantwortlich, nicht die Verzauberung meiner Sinne, aber ich wurde wohl doch von einer übernatürlichen Macht geführt. Ohne Widerspruch habe ich alle Ihre Strafen hingenommen, habe den Zwangsaufenthalt akzeptiert, aber ich hatte den Schrecken nicht vorhergesehen, von Ihnen getrennt zu sein. Obwohl ich eigentlich an Geist und Körper hier ruhiger sein müsste als in einem ersten Zimmer, das Sie mir angewiesen haben, wie schlimm es mir darin noch ergehen würde; hier werde ich nicht bleiben, weil ich zu fern von Ihnen bin. Sperren Sie mich ein, misshandeln Sie mich, aber gehen Sie nicht weg! Schließen Sie mich in ein Gefängnis bei Wasser und Brot, tun Sie mir alle Grausamkeiten an, die in Hass verwandelte Liebe Ihnen eingibt, wenn ich Sie nur nahe weiß! Meine Pein wird mich nicht so sehr in Verzweiflung stürzen wie Ihre Abwesenheit, ich werde weniger gestraft sein. Haben Sie in Ihrem Haus nicht Gitter, Riegel, Schlösser, um meiner sicherer zu sein als hier? Für den Rest meiner Tage will ich mich ihnen unterwerfen. Sie haben es versprochen: Bestrafen Sie mich, gehen Sie nicht weg! Ich werde die Hand küssen, die mich bestraft.

Die Zeit ist vorbei, sagte ich. Wenn ich nur auf die Liebe hörte, die ich für Sie empfunden habe, die vielleicht jetzt noch da ist, ich würde Ihnen nachgeben. Aber ich gehorche meiner Ehre. Wie könnten Sie mir treu sein, wie könnten Sie Ihren Peiniger lieben, da Sie doch meine Glut und Leidenschaft verraten haben? Sie können hier oder anderswo ein ruhiges Leben führen. Ich habe keine andere Ruhe zu erwarten als im Tod, den ich suchen werde. Aber er wird wohl nicht so bald kommen, wie Sie und ich es wünschen. Mein Leben wird ratlos sein, besudelt und verzweifelt. Adieu, Madame, ich...

Sie unterbrach mich. Genug! Sparen Sie den Rest, ich werde nichts mehr sagen, was Sie betrüben könnte. Nehmen Sie meinen Schmuck, wo ich ihn gelassen habe, unterm Stroh des Betts, in dem ich die Nacht verbrachte; es ist alles, was mir auf dieser Welt bleibt. Hier... Ihre Papiere, Ihr Geld, ich brauch es nicht. Ich habe Ihnen alles geschenkt, ich gebe es Ihnen noch einmal und bin sicher, es nicht zu bedauern. Ich blieb nur Ihretwegen in der Welt, und wenn ich Sie verliere, habe ich dort nichts mehr zu suchen. Nichts hält mich im Leben, es wird bald zu Ende sein, aber das wenige, was mir noch davon bleibt, wird ausreichen, damit Sie sagen müssen, ich hätte für ein Verbrechen gebüßt, das ich nicht willentlich beging. Sehen Sie nie mehr nach mir, bitte; helfen Sie mir, Sie zu vergessen; fragen Sie nicht mehr nach mir. Ich werde zu glauben versuchen, Sie seien tot. Das wird genügen, die Tage zu kürzen, die mir zur Last sind. Ich werde versuchen, in meinem Herzen die Sehnsucht zu ersticken, nicht nach der Welt, die ich ohne Bedauern hinter mir lasse, sondern nach Ihnen. Ich werde bald sterben als Opfer einer gerechten Liebe, eines wirklichen Verbrechens und meiner vollkommenen Unschuld. Die Tugend war immer mit mir, und doch bin ich eine Verbrecherin. Gott, fuhr sie weinend fort, was hat mich so verwandelt, dass diese Widersprüche in mir sind? Ach! An den Kindern strafen sich die Fehler der Eltern! Ich erdulde die Strafe für meine Geburt. Wenn Sie sich nach meinem Tod meiner erinnern, verzeihen Sie den Abscheu, den mein Leben Ihnen verursacht. Hassen Sie mich nicht über den Tod hinaus. Ich hatte Ihre Liebe verdient, Ihren Hass mir zugezogen, mein letztes Unglück soll Ihr Mitleid wecken. Adieu, denken Sie nicht mehr an mich; es wird besser sein. Ich bitte Gott, dass er Ihnen seine Gnade schenkt und mich zum Opfer annimmt. Dies ist mein einziger Wunsch, und mit ihm sage ich Lebewohl.

Sie zog sich tränenüberströmt zurück; dieses Schauspiel schmerzte mich und schmerzt mich noch immer. Gott!, rief ich, wie kann es sein, dass eine so zärtliche und leidenschaftliche Liebe ein so trauriger Ende hat! Ich hätte sie beinahe zurückgerufen und lange blieb ich regungslos im Sprechzimmer. Endlich kam ich wieder zu mir, zerrissen von Reue und Liebe. Man brachte mir Geld und Papiere zurück, die ich ihr gegeben hatte und die ich nicht zurücknehme wollte. So wartete man die Zeit ab, in der ich nicht zu Hause war und gab sie meinem Pächter in einer versiegelten Kiste; kein Brief war dabei. Ihren Schmuck hatte ich wiedergefunden, wo sie ihn gelassen hatte. Soviel Selbstlosigkeit rührte mich, änderte aber nicht meinen Entschluss.

Ich beschloss, Frankreich zu verlassen, um mich von den inneren Kämpfen zu befreien, denen ich ständig ausgesetzt war. Ich schrieb meiner Mutter, die meine Entscheidung begrüßte. Ich bat sie, meine Angelegenheiten zu führen. Dem Pächter gab ich Order, von Zeit zu Zeit in Silvies Kloster zu gehen und sich zu erkundigen, ob sie etwas benötige. Um ihn bei seinem eigenen Vorteil zu packen, versprach ich ihm schriftlich das Doppelte jeder Summe, die Silvie von ihm annähme. Diese Vorsichtsmaßnahme war überflüssig, den Silvie nahm nie einen Sou an, wollte ihn nicht einmal sehen und sprechen, nichts mit der Welt zu tun und mich ganz aus Augen und Sinn haben.

Was mich betrifft, so reiste ich ungefähr einen Monat später ab, ohne sie im Kloster zu besuchen, obwohl meine Neigung mich ununterbrochen dahin zog. Da es mir gleichgültig war, welchen Weg ich einschlug, nahm ich den nach Paris, um meiner Mutter Lebewohl zu sagen und mich vor der ganzen Welt zu verbergen. Ich kam bis kurz vor Paris und ritt nicht weiter. Ich malte mir alle Vorwürfe aus, die Mutter mir machen würde, und fand mich nicht in der Lage, sie zu ertragen. Wie hätte ich in der Tat den Mut aufbringen können, alles anzuhören, was sie mir sagen könnte? Ich schrieb ihr nur und berichtete unter anderem, dass Silvie der Aufhebung unserer Ehe nicht hatte zustimmen wollen, was den Tatsachen entsprach, und dass, wenn sie einverstanden gewesen wäre, ich mich nicht in der Lage sähe, die Zustimmung zu nützen. Ich sei von einem Kummer zernagt, der mir überall hin folge, dessen Ende ich suche wie das meines Lebens.

Ich reiste Richtung Italien ab, ohne auf die Antwort zu warten. Alles war mir leid, ich suchte nur den Tod. Solchem Schmerz widerstand ich nicht lange; Fieber ergriff mich, aber ich achtete nicht darauf, denn ich wollte sterben. Erst in Lyon streckte es mich nieder und meine Kräfte verließen mich. Trotzdem schonte ich mich nicht, wollte weiterreisen, aber nach Grenoble konnte ich mich nur noch tragen lassen. Am Tag meiner Ankunft stieg das Fieber so, dass ich nicht anderes als bleiben konnte. Im Gasthof kannte man mich und gab mir alle erdenkliche Hilfe. Mein Gehirn begann zu fantasieren. In einem Zwischenraum, den die Anfälle mir ließen, schickte ich nach dem guten Karmelitermönch, von dem ich Ihnen schon erzählt habe. Er kam, und da die Fieber- und Wahnanfälle mir nur wenige Ruhepausen ließen, nützte man sie, um mir zu sagen, dass ich an den Tod denken müsse und dass es für mich keine Überlebenshoffnung mehr gebe. Der Mönch übernahm diesen Gruß. Er hatte kaum den Mund geöffnet, da wusste ich schon, was er sagen würde. Ich kam ihm zuvor, und da er gestand, dass die Ärzte mich aufgegeben hätten, umarmte ich ihn und sagte, dass ich nie eine bessere Nachricht bekommen hätte. Ich ersparte ihm die Mühe, mich vorzubereiten, aber bat ihn, mich wie einen guten Christen zu behandeln und bei mir zu bleiben.

Während der Fieberanfälle hatte ich ständig die Namen Silvie und Galloüin auf den Lippen; die Beichte unterrichtete ihn über den Zustand meiner Seele und meines Herzens. Meine Erzählung beschleunigte den nächsten Anfall und verstärkte ihn. Ich glaubte, Silvie mit gegenseitigen Herzensergießungen und Zärtlichkeiten in den Armen zu halten. Es schien mir, dass Galloüin sie mir entreißen wolle, und da er sie nicht von mir lösen konnte, sie in meinen Armen erstach. Mein Wahnanfall wurde immer heftiger, und man war gezwungen, mich am Bett festzubinden. Nach einer Schwächeperiode kam ich wieder zu mir. Ich fragte, warum man mich gefesselt habe. Der Karmelitermönch, der mich nicht verlassen hatte, erzählte mir von den heftigen Bewegungen und Wahnideen. Ich war beschämt. Ich vollendete meine Beichte und bat um Absolution. Nichts Anrührenderes habe ich je gehört als die Ermahnungen dieses Mannes. Er verweigerte mir die Absolution, solange ich nicht meiner Frau und Galloüin verziehen hätte. Er gab mir zu verstehen, dass es meine Aufgabe gewesen sei, Versuchungen von ihr fernzuhalten. Dass ich eigentlich die Ursache ihres Falls sei, nicht nur wegen der viermonatigen Abwesenheit, sondern auch deshalb, weil ich sie gegen ihre Neigung gezwungen hätte, in Gesellschaft zu gehen. Er zeigte mir die Pflicht, seinen Feinden zu vergeben. Gottes Gebot ehelicher Keuschheit gelte für Mann und Frau. Die Stärke und Verderbheit der Männer führe dazu, dass man die Frauen verurteile, jene aber freispreche. Kurz, er drehte die Sache so hin und her, dass ich ihm alles versprach, was er wollte, und das ganz ehrlich. Ich bat ihn, an Silvie zu schreiben, dass ich alles vergessen hätte, und unterschrieb den Brief, aber da meine Schrift nicht auf dem Umschlag war, wollte sie ihn nicht annehmen oder lesen, da sie sich dazu verurteilt hatte, mit der Außenwelt gänzlich zu brechen.

Ich empfing alle Sakramente, denn man glaubte, ich würde sterben. Aber eine erneute Krise weckte wieder Hoffnung. Der Mönch, der mich nicht allein ließ, achtete darauf, dass ich meinen Entschluss nicht verwarf, mich mit Silvie zu versöhnen. Der ehrliche Vorsatz hatte auch meinen Geist beruhigt, und so besserte sich meine Gesundheit von Tag zu Tag. Nur eine allgemeine Schwäche - wegen des hohen Blutverlustes bei zahlreichen Aderlässen - zwang mich, noch in Grenoble zu bleiben. Mein erster Gang führte mich in die Kathedrale Notre Dame; ich warf einen Blick in das Geschäft eines Händlers, bei dem wir vorbeikamen, und ich erblickte da das Porträt Silvies, das gleiche, das Räuber mir weggenommen hatten, als ich die Alpen überquerte. Dieser Anblick brachte die ganze Liebe wieder zurück, und ich fiel kraftlos hin. Der Karmelitermönch, immer bei mir, glaubte, es sei der Rest meiner Krankheit. Mein Diener, der nur seinen Eingebungen folgte, legte die Hand auf das Bild und rief: Da ist das Porträt von Madame! Der Mönch verstand. Er spräch mit dem Händler, der ihm erklärte, er habe das Bild zufällig von unbekannter Hand bekommen. Ich riss es meinem Diener aus der Hand und küsste es unter Tränen. Der Händler wusste, dass man es mir geraubt hatte, und gab es mir für eine Summe, die ich bestimmte. Ich nahm es mit und habe es noch immer.

Das Bild bestärkte mich in dem Entschluss, zu Silvie zurückzukehren, ich war ungeduldig, wieder zu Pferd steigen zu können. Zwei Monate nach meiner Ankunft in Grenoble und vier nach Silvies Klostereintritt war es soweit. Ich bat den Mönch, mich zu begleiten; er stimmte zu, und wir machten die längsten Tagesreisen, die mein Gesundheitszustand erlaubte. Endlich kamen wir auf meinem Besitz an. Die erste Nachricht, die mein Pächter mir brachte, war, dass Silvie vor zwei Tagen gestorben war.

Diese unerwartete Nachricht warf mich darnieder. Ich dachte nicht mehr an ihre Untreue, und dachte nur noch an unsere Liebe. Das war der Augenblick, wo der Karmelitermönch alles gab, um mich zu trösten. Ich sage nichts von meiner Reue, nur dass ich mich an ihrem Tod schuldig fühlte. Man nahm mir den Degen weg, mit dem ich mich durchbohren wollte; sechs Wochen lang war ich unter Aufsicht wie ein Irrsinniger und endlich, ohne meinen Todewunsch aufzugeben, beschloss ich, mich nicht selber umzubringen. Ich muss sagen, der Karmelitermönch war der einzige, der mich aus meiner Verzweiflung gerissen hat.

Wir gingen gemeinsam zum Kloster, in dem sie gestorben war. An ihrem Grab brach mein Schmerz wieder auf. Ich ließ ihr ein Grabmal errichten und spendete, was mein Eifer mir eingab. Ihr Kammermädchen war noch da und beweinte sie immer noch; sie wusste alles, da ich ihr die Wahrheit zum Teil gesagt hatte und Silvie das Übrige. Sie behandelte mich als Barbaren und Tiger. Sie hatte recht. Der Mönch beruhigte sie etwas. Ich wollte, dass sie das Kloster verließ und Geld für das Leben in der Welt bekam; aber sie wollte bleiben und ihre Herrin beweinen. Die Mitgift, die ich ihr gab, hat sie zum Rang einer Gründerin erhoben. Ich sicherte mir eine Stätte neben dem Grab meiner geliebten Silvie, wenn es Gott gefällt, über mich zu entscheiden. Deshalb trage ich, wo immer ich seitdem war, mein Testament bei mir und genügend Geld, es zu vollstrecken.

Wir verließen endlich diesen traurigen Ort, an den ich zeit meines Lebens nicht mehr zurückwill. Ich führte den guten Mönch nach Grenoble, ließ ihn mit meiner Dankbarkeit zufrieden zurück, die er übertrieben nannte. Er bewog mich, eine Weile in seinem Kloster zu bleiben, um meinen Geist wieder aufzurichten. Wenn ich nur ein wenig Neigung für ein zurückgezogenes Leben hätte, wäre ich dort geblieben, aber die Eintönigkeit stieß mich ab. Ich reiste also weiter, ging nach Rom, wo Herrn de Querville antraf, der sich dorthin schon vor einiger Zeit geflüchtet hatte.

Monsieur de Lancy, Querville und ich gingen nach Ungarn. Meine Todessehnsucht ließ mich für einen entschlossenen Kämpfer halten; man gab mir übernatürlichen Mut für Handlungen, die nur aus Verzweiflung geschahen. Wir erlebten da die Niederlage der Türken an der Raab, und mir brachte sie viel Ruhm ein, für den ich zwar empfänglich war, aber da ich nichts als ums Leben kommen wollte, der Frieden zwischen dem Kaiser und den Osmanen geschlossen war, ging ich nach Portugal, das im Krieg mit Spanien war. Wenig danach kam der Frieden, und weil ich nicht zusammen mit Monsieur de Schomberg zurückwollte, schloss ich mit Monsieur de Jussy Bekanntschaft, der hier bei uns ist; er kennt, das traurige Dasein, das ich geführt habe.

Vor zwei Jahren erhielt ich die Nachrricht vom Tod meiner Mutter, der mich sehr betrübte. Ich hatte mein Vaterland für immer verlassen wollen und auf eine Rückkehr verzichtet. Ohne Monsieur de Jussy wäre ich weit weg von den Orten, die in mir tausend grausame Erinnerungen wecken. Trotzdem: ich habe sie gern wiedergesehen. Das Vaterland zieht einen immer an, und die Wohltaten, die mir zuteil wurden, lassen doch den Entschluss reifen, mich gänzlich hier niederzulassen. Trotzdem bin ich von Silvies Tod noch immer so schmerzlich betroffen: Sie ist gestorben wie eine Heilige und hat bis zum letzten Atemzug an mich gedacht. Ich trauere vielleicht mein Leben lang um sie, so untreu sie mir auch war.

Jeder unter den Zuhörern der Geschichte von Des Frans hatte Tränen in den Augen, und er fiel wieder in seine Apathie, so lebhaft war der Schmerz. Er kam wieder zu sich, empfing den Trost, den man spenden konnte, als er wieder etwas ruhiger war. Ich bewundere Ihre Zurückhaltung, sagte Monsieur de Contamine; aber ich kann sie nicht billigen, sie schmeckt mir nicht. Gott hat mich nicht gewalttätig gemacht, aber ich hätte Geliebte und Liebhaber gewiss erstochen. Sie hatten doch nichts zu befürchten, und damit das Geheimnis gewahrt bliebe, hätte ich die Morin mitgestraft: drei Morde ohne Folgen!

Das stimmt schon, sagte Des Frans, vielleicht hätte ich sie meiner ersten Wut opfern sollen; aber ich bedaure nicht, weniger grausam und menschlich gehandelt zu haben. Sie wären in Todsünde gestorben, und das hätte ich ewig bereut. So bin ich am Tod von Madame Morin unschuldig, und Silvie und Galloüin haben aufrichtig gebüßt.

Was Sie da sagen, ist eines Ehrenmanns und Christen würdig, sagte Des Ronais. Aber erlauben Sie mir zu sagen, dass ich nicht verstehe, wie Sie die Härte und Grausamkeit aufbringen konnten, Silvie nicht wieder zu sich zu nehmen, nach all dem Leid, das Sie selbst getrennt von ihr empfunden haben, vor allem, weil Sie sie nicht sofort getötet haben. Ich gestehe, die Abschiedsszene, selbst aus Ihrem Mund, hat mich so getroffen und so gerührt, dass ich ihr sofort verziehen, dass ich sie mitgenommen hätte, wenn ich an Ihrer Stelle gewesen wäre.

Das hätte ich auch getan, unterbrach Contamine; es ist sicher, dass meine Schande von niemand gekannt wird, dann hätte ich es auch nicht bedauert und in meiner Frau eine wahre Dienerin gehabt. Aber seien wir ehrlich: Die Behandlung, die sie ihr angedeihen ließen, war eine harte Strafe.

Nicht deshalb, fügte Jussy hinzu, der bisher noch nicht gesprochen hatte, hätte ich sie wieder aufgenommen, sondern aus Eigenliebe. Hier ist meine Frau, fuhr er fort. Ich befürchte nicht, dass sie mir je untreu werden könnte; wenigstens würde man mir kein Vergnügen machen, wenn man es mir sagte. Ich liebe sie mindestens so sehr, wie Sie Silvie geliebt haben, aber wenn ich sie auf frischer Tat ertappte und mich nicht sofort rächte, dann würde ich mich nur mit Verachtung rächen, solange meine Schande geheim ist, und mit Trennung, wenn sie bekannt wurde. Außer dem Aufsehen, das ich mir ersparte, würde ich mich hüten, mir Körper und Seele zu zerquälen wegen des Verbrechens einer anderen. Gleichzeitig ihr Gefängniswärter, Henker und Anbeter sein - ich verstehe nicht, wie das menschliche Herz so grausam sein kann.

Dazu muss man wissen, sagte Dupuis, dass ihre Schwäche an ihrer Sünde gar keinen Anteil hat; sie hat es geahnt, und ich bin sicher. Hier habe ich den Brief, den sie an Galloüin geschrieben hat, ungefähr sechs Monate, nachdem sie Paris verlassen hatte; soll ich ihn vorlesen? Alle baten darum, und der Brief lautete so:

Brief

Von Silvie, in einem Kloster, an Galloüin

Wenn ich nicht überzeugt wäre, dass Sie mich lieben, wie man nur lieben kann, würde ich Sie nicht aus der Unruhe befreien, die Sie empfinden müssen, weil Sie nicht wissen, was aus mir geworden ist. Unser Verkehr war ein zu großes Verbrechen, um zu dauern. Gott war darüber empörter, als Sie sich vorstellen können, denn ich hatte Ihnen die Verpflichtungen verschwiegen, die ich eingegangen war, und meine Schwüre, bevor ich Sie kennen lernte, und die ich brach, als ich Sie kannte. Dafür bin ich schon gestraft, so sehr es in dieser Welt möglich ist, an Körper und Geist. Ich habe gelitten, was man leiden kann, ohne zu sterben. Ich habe ernsthaft bereut, und bereue noch, eine Art Einwilligung gegeben zu haben zu dem, was zwischen uns geschehen ist. Dabei war es eine Einwilligung, an der mein Herz nicht beteiligt war. Ich empfinde Schmerz und Scham, die erst mit meinem Leben enden werden, das länger sein wird, als ich möchte, und kürzer als für die Buße nötig wäre. Ich nehme auf ewig Abschied von Ihnen, denken Sie nicht mehr an mich; ich darf und will nicht mehr an Sie denken. Wenn ich es trotzdem tue, indem ich an Sie schreibe, dann weniger Ihretwegen als für mich. Erinnern Sie sich an das Geheimnis, das Sie mir geschworen haben, brechen Sie es niemals, besser: vergessen Sie alles, sogar meinen Namen. Dies ist mein erster und letzter Brief an Sie, denken Sie nicht mehr an mich, Sie werden von mir nichts mehr hören. Ich habe immer unschuldig gelebt; mein Leben verlief in einschläfernder Ruhe. Tugend und Klugheit, die ich bewies, schienen eine glückliche Zukunft zu versprechen. Wie sehr habe ich mich getäuscht! Meine Schwachheit ist bekannt, ich bin gedemütigt! Die Mauern und Gitter eines Klosters werden mich künftig vor schicksalhaften Gelegenheiten beschützen. Wird meine Tugend nur deshalb bewahrt, weil es nun unmöglich ist, sie zu beschmutzen? Bilden Sie sich nichts darauf ein, über meine Schwäche gesiegt zu haben; Gott wollte es so, um mich zu demütigen. Sie waren das Werkzeug seiner Strafe, passen Sie auf, dass er Sie jetzt nicht als ihm unnütz behandelt. Glauben Sie nicht, meine Niederlage sei wegen Ihrer Verdienste oder Ihrer Überredungskünste geschehen; Sie würden sich selber täuschen. Sie war die Folge einer von Gott gesandten Verblendung. Er half mir nicht mehr, und mit einem anderen wäre ich genauso gefallen wie mit Ihnen. Was ich Ihnen sage, ist gewiss. Genauso, dass ich für Sie im Herzen nie etwas anderes als Gleichgültigkeit empfand. Dank Gott hat mein Fall nur einen Tag gedauert, aber um mich wieder vor ihm zu erheben, muss ich das ganze Leben den Fehltritt beweinen. Ich werde nicht mehr in die Öffentlichkeit gehen, ich sage ihr auf ewig Lebewohl, nichts hält mich in der Welt. Ich habe verraten, was mich in ihr festhalten sollte. An Sie denke ich nur mit Schmerz und Abscheu. Ich sage Ihnen nicht, in welchem Kloster ich bin, denn ich will Ihren Namen nie mehr hören, und Sie nie den meinen. Obwohl ich Sie des ganzen Unglücks beschuldigen könnte, Sie, mein Leben verwirrt zu haben, das ohne Sie friedlich und ruhig gewesen wäre, wünsche ich Ihnen nichts Böses. Gott, der mein Herz kennt, weiß, dass ich für Sie um Segen und Gnade bitte. Ach! Ich bin der Erhörung unwürdig! Ich wünsche, dass meine Strafe Ihnen nicht zuteil wird. Leben Sie glücklich in der Welt, wenn Sie können; aber denken Sie daran, dass Gott Ihnen grollt, weil Sie das Werkzeug waren, das meine Unschuld verdarb. Dies ist die einzige Reue, die ich Ihnen wünsche, denn sie wird Sie bekehren und fromm machen. Haben Sie sich nicht schon selbst einen so leichten Sieg vorgeworfen, und dass etwas Stärkeres als Sie für Sie kämpfte? Ein Mann, der mehr Verdienste hatte als Sie und den ich wirklich liebte, hat meine Tugend stärker angegriffen als Sie. Er hat sie erschüttert, aber, obwohl mein Herz auf seiner Seite war, er hat sie nicht besiegt. Dass ich dem Kampf gegen meine Sinne gewonnen habe, ließ mich die Versuchung nicht mehr fürchten. Welch blindes, falsches Selbstvertrauen! Ich glaubte immer, Herrin meiner selbst zu sein, über die vergeblichen Angriffe einer brutalen Liebe lachen zu können, die ich so häufig bestanden hatte! Ich zählte auf meine Standhaftigkeit und meine Tugend, von denen ich noch nie verraten wurde. Welches Entsetzen nach meiner feigen Niederlage! Ich wiederhole: Eine andere Macht als Sie hat gegen mich gekämpft. Fürchten Sie, nur das Werkzeug einer Demütigung gewesen zu sein. Diese Sorge kann ich mir nicht ausreden, sie betrifft nur Ihr Seelenheil. Das wünsche ich Ihnen. Leben Sie wohl; Sie haben mich in den Abgrund geworfen, ich büße dafür. Und es ist in Ihrem ewigen Interesse, mir zu folgen, nachdem Sie mich in eine Sintflut von Schmerz und Reue getaucht haben.

Ja, das ist der Stil von Silvie, sagte Des Frans, sie schreibt wie ein reuiges Mädchen. Sie sagt nicht, dass sie verheiratet ist, oder, was sie darüber sagt, ist so verschleiert, dass es nur einen leisen Verdacht nährt. - Ich bewundere, wie leicht sie sich ausdrückt, sagte Des Ronais. - Und ich noch mehr die Schläue der Frauen, sagte Contamine, ich weiß nicht, ob ich vor Des Frans sagen soll, was ich denke. - Sicher doch, erwiderte dieser, sprechen Sie offen und ohne Bedenklichkeit. - Mir scheint, sagte Contamine, dass Silvies Abschied von Galloüin sich weniger der Reue verdankt und einer wahren Rückkehr zu Gott als vielmehr dem Zorn, einen in der Welt zu lassen, der sich über den Verlust trösten konnte. Und ehrlich, ihre Buße war meiner Meinung nach nicht sehr aufrichtig und gleicht eher derjenigen der Verdammten, die wünschen, dass alle es wären. Weil sie im Kloster war, wollte sie, dass er ihr folgte. Es ist ihr gelungen; er ist ins Kloster gegangen, und sie war der Grund.

Ich kann nicht ertragen, sagte wütend Madame de Jussy, die bisher geschwiegen hatte, dass Silvies Tugend von einem unbegründeten Verdacht befleckt wird. Ihr Gedächtnis ist mir teuer. Ihr Leben sehe ich mit Bewunderung, ihre Schmerzen und Leiden lassen Des Frans in meinen Augen als Barbaren erscheinen, wenn nicht Schlimmeres. Ich bitte ihn um Verzeihung für meine Aufrichtigkeit, aber ich konnte mich nie verstellen, und Silvies Gang ins Kloster und ihr Tod bewegen mich. Wenn Silvie, fuhr die Dame fort und wandte sich an Monsieur de Contamine, ihrem Galloüin nachgetrauert hätte, warum hätte sie dann alles ihrem Peiniger gelassen? Warum sollte sie sich in einem Kloster lebendig begraben, wo doch die Pforten offen standen? Und wenn ihre Reue nicht echt gewesen wäre, warum hätte sie sie bis zum Ende durchgehalten? Ja, Silvie war unschuldig, und so erzwungen ihre Buße zu Beginn war, so ehrlich war sie später. Ihr Abschied von Des Frans und ihr Brief an Galloüin überzeugen mich. Sie zeugen von einem unverstellten Herzen - und in der ganzen Sache gibt es noch etwas, was wir nicht wissen.

Mein Cousin sagt nicht, was er davon hält, sagte die liebenswürdige Dupuis. - Es freut mich nicht, dass meine schöne Cousine mich zum Reden bringen will. - Entschuldigen Sie, Monsieur, sagte Madame de Londé, Mademoiselle hat recht. Es schien, als wollten Sie glauben machen, dass Galloüin, mein Bruder, sich eines gefährlichen Mittels gegen Silvie bedient hat, sogar eines magischen, wenn ich diesen Ausdruck benützen darf. - Sie sind beide tot, sagte Dupuis, und so, dass wir ihr Andenken ehren sollten, vergessen wir, was sie im Leben taten.

Monsieur Dupuis hat recht, meinte Madame de Contamine, um ein Gespräch abzubrechen, das hitzig zu werden drohte. Das ist das Beste. Und um die finsteren Gedanken zu verscheuchen, die die Erzählung von Des Frans vielleicht hinterlassen hat, denken wir ans Abendessen, es ist Zeit. Denken wir an unsere Unterhaltung. - Gehen wir, sagte Monsieur de Contamine und stand auf. Ich habe immer gehört, der erste Gedanke einer Frau sei der beste, folgen wir dem Rat meiner Frau. - Die ganze Gesellschaft erhob sich und machte einen Gang durch den Garten, um den Dienern Zeit zu geben, den Tisch zu decken. Zur Freude der Gesellschaft sang Madame de Contamine als erste, die anderen folgten. Das Konzert war nicht lang, man ging zu Tisch.

Während des Essens sprach man nur von Erfreulichem, um Des Frans aufzuheitern, bei dem man trotz aller Beherrschung eine unendliche Traurigkeit bemerkte. Man sprach kein Wort von Silvie, ihretwegen und wegen Madame de Londé, vor der man nicht ein Gespräch über ihren Bruder beginnen wollte. Die Gesellschaft trennte sich sehr spät und versprach, sich am nächsten Tag bei Des Ronais wieder einzufinden, der alle zum Essen einlud. Madame de Londé wusste, dass Dupuis, den sie heiraten würde, dort von seinen Abenteuern berichten würde, und wollte zuerst nicht hingehen; sie versuchte aus Diskretion, sich unter verschieden Vorwänden zu entschuldigen, aber man beruhigte sie, denn die schöne Dupuis, die genau wusste, dass Des Ronais ihr alles haarklein berichten würde, versprach, mit ihr den Saal zu verlassen, sobald Dupuis beginne; unter dieser Bedingung stimmte Madame der Londé zu. Madame de Mongey machte auch Schwierigkeiten, denn sie tat sich schwer damit, ein Haus zu betreten, in dem Des Frans wohnte. Aber Fräulein Dupuis, die ihren Gedanken erriet und den Grund nicht für ausschlaggebend befand, versprach, sie zu begleiten. Danach ging jeder nach Hause. Monsieur und Madame Contamine blieben da, Jussy und seine Frau gingen gemeinsam, Dupuis brachte Madame de Londé nach Haus, Des Frans und Des Ronais begleiteten Madame de Mongey und die schöne Dupuis zu dem Haus, in dem sie lebte, und zogen sich danach zurück.

Nun?, sagte Des Frans zu seinem Freund, sobald sie allein waren, Sie kennen jetzt meine Geschichte. Raten Sie mir immer noch, mich wieder zu verheiraten? - Ja, mehr denn je, antwortete Des Ronais. Sie müssen das tun, wenn Sie ruhig leben wollen. In den Armen von Madame de Mongey werden Sie all die finsteren Gedanken vergessen, die Ihnen von Silvie geblieben sind. Wir sprechen ein anderes Mal darüber; jetzt lassen Sie mich die Zeit für den Empfang der schönen Gesellschaft nützen, die morgen zu uns kommen wird. Sie denken sich sicher, fuhr er fort, dass ich wünsche, alles in bester Ordnung zu sehen, denn außer Contamine und Jussy mit ihren Frauen, werden auch Madame de Londé und unser Freund Dupuis dabei sein. - Vergessen Sie nicht Ihre liebenswürdige Freundin, sagte Des Frans lachend. - Und Sie nicht die Ihre, sagte Des Ronais und lachte auch. Dupuis wird Ihnen ein Teil der Gründe nennen, weswegen Sie Madame de Mongey heiraten sollten; da Madame de Londé nicht dabei sein wird, ist er nicht daran gehindert, alles zu sagen. Vielleicht wird er Ihnen erklären, warum die Untreue Silvies, die Sie zögern lässt, wieder zu heiraten, in Wirklichkeit unfreiwillig war. Und wenn sie Sie mit freiem Willen betrogen hätte, braucht Sie das nicht zu hindern, sich einer anderen Frau zuzuwenden, besonders wenn sie so tugendhaft ist. Bis morgen dann und gute Nacht! - Er ließ ihn in seinem Zimmer, zog sich in seines zurück, ließ die Diener hinaufkommen, um ihnen Anweisungen für morgen zu geben.

Am frühen Morgen bekam Des Frans Besuch von Dupuis; Des Ronais war anderweitig beschäftigt und musste wegen einer dringenden Angelegenheit sogar das Haus verlassen. Und so hatte Dupuis mit Des Frans ein langes Gespräch unter vier Augen, während dessen Des Frans zwanzigmal die Augen zum Himmel hob, große Ausrufe machte und seufzte. Das Gespräch endete in einem Strom von Tränen.
 
 

© für die Übersetzung: avw
Anmerkung: In der nächsten Erzählung erfährt der Leser, dass Galloüin sich in der Tat eines Zaubermittels (die Halskette, schon vergessen?) bedient hatte, um Silvie zu verführen. Eine für moderne Leser vielleicht, aber zu Unrecht, etwas enttäuschende Auflösung.

Wenn Sie der Auffassung sind, dass es schön wäre, den ganzen Text von Robert Chasles in deutscher Übersetzung zu haben, können Sie mir das signalisieren: Schreiben Sie. Vielleicht packt mich dann erneut die Lust an der Sprache.